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Verzweiflung und Niedergeschlagenheit wegen Unmengen Irrer und Vollidioten?

Begonnen von Dolph, 31. Oktober 2012, 23:07:14

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P.Stibbons

Das Beispiel Depression wurde gewählt, weil  einem diese meist "näher" ist als eine Psychose.
Allerdings kann es bei der Depression auch zu kognitiven Fehleinschätzungen ("Ich bin an...schuld!" - "Das wird nie mehr was..." etc) kommen, und zu einer guten Therapie gehört es, solche fehlerhaften Grundannahmen aufzudecken und durch geeignetere Deutungsmuster zu ersetzen.
Insofern passt das Beispiel schon in den Kontext des am "Irresein" der Umgebung Leidenden...

Die wahnhaften Verschiebungen, die du anschaulich beschreibst ("Sonnenuntergang"), werden von demjenigen, der dieser Sinnestäuschung bzw Verarbeitungsstörung erliegt, ja nicht als wahnhaft wahr genommen, sondern er hält sie für eine realistische Einschätzung - das macht die Sache so tragisch.

uther

Wenn man psiram ernsthaft betreibt, kämpft man eigentlich gegen die Dummheit. Das ist völlig aussichtslos- man wird NIE fertig. Es muss aber trotzdem getan werden. Das geht nur, wenn man seinen Humor nicht verliert. Tipp: Wenn es einem zu Nahe geht, einfach Pause. Die Welt dreht sich trotzdem weiter. Das wissen auch die Mayas.

Dolph

Zitat von: P.Stibbons am 01. November 2012, 12:27:28
Die wahnhaften Verschiebungen, die du anschaulich beschreibst ("Sonnenuntergang"), werden von demjenigen, der dieser Sinnestäuschung bzw Verarbeitungsstörung erliegt, ja nicht als wahnhaft wahr genommen, sondern er hält sie für eine realistische Einschätzung - das macht die Sache so tragisch.

Jau, der Begriff "Tragik" fasst gut zusammen was ich an sich sagen wollte. In Folge meines dezent cholerischen Naturells klingt es dann zuweilen auch mal boshaft bis zynisch. Man steht davor und kann nichts machen.

Dr. Ici Wenn

Dolph: Noch eine Buchempfehlung, fiel mir gerade ein:

"Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Anleitung zum subversiven Denken"
http://www.amazon.de/Fundamentalisten-diskutiert-verlieren-Anleitung-subversiven/dp/3406511244/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1351773921&sr=1-1

Was noch ein wichtiger Gesichtspunkt ist, den man sich stets sehr klar machen muss: Spricht man mit entsprechenden Menschen über diese Themen, entsteht gerne eine Art kommunikativer Cargo-Cult
http://de.wikipedia.org/wiki/Cargo-Kult, die Illusion einer Kommunikation. Wenn einem dieses nicht klar ist, wird man irre.

P.Stibbons

@Dolph:
ZitatJau, der Begriff "Tragik" fasst gut zusammen was ich an sich sagen wollte. In Folge meines dezent cholerischen Naturells klingt es dann zuweilen auch mal boshaft bis zynisch. Man steht davor und kann nichts machen.

Die besondere Spezies Mensch, die ihre Trauer hauptsächlich mit den Stilmitteln des Zorns und der hilflosen Wut äußern kann, scheint weiter verbreitet als ich dachte  ;)

Auch wieder tragisch, denn wer Trauer zulassen und zeigen kann, macht sich verletzlich, darf aber immerhin auf Mitgefühl und Trost hoffen.
Wer (wie ich auch) Zynismus als Ausdrucksmittel der Trauer und Enttäuschung "gelernt" hat, schützt sich zwar, bleibt aber letztlich isoliert, weil die lieben Mitmenschen "respektvoll" Abstand halten. :(

Neulich habe ich eine Woody-Allen-Komödie gesehen, die das ganz treffend und mit einem Augenzwinkern auf den Punkt bringt. Da hätten wir die von uther empfohlene heilsame humoristische Komponente.

Allerdings bin ich selbst zwiespältig, wie ich diesen Film finde...manches kommt mir doch etwas zu plakativ rüber.

edit:

So wie es wenig Sinn macht, dem Wahnkranken die Wahnhaftigkeit seines Denkens zu erläutern, bewirken (bei nahe stehenden Menschen) Diskussionen und Analysen meist eine Verhärtung der esoterisch/irrationalen Position.

Es kann aber helfen, ein Gefühl der grundsätzlichen Annahme und damit Sicherheit zu schaffen - wenn einem die Beziehung etwas wert ist (etwa Eltern). Vielleicht kommt später, z.B. ausgelöst durch eine gesundheitliche Krise, ein Moment des Umdenkens.


Dolph

Zitat von: P.Stibbons am 01. November 2012, 14:18:54
Auch wieder tragisch, denn wer Trauer zulassen und zeigen kann, macht sich verletzlich, darf aber immerhin auf Mitgefühl und Trost hoffen.
Wer (wie ich auch) Zynismus als Ausdrucksmittel der Trauer und Enttäuschung "gelernt" hat, schützt sich zwar, bleibt aber letztlich isoliert, weil die lieben Mitmenschen "respektvoll" Abstand halten. :(

Stimmt, wobei das nichts desto trotz den Vorteil hat, dass man immerhin von wohlmeinenden Zeitgenossen keine Rescue-Tropfen angeboten bekommt...  ;)

P.Stibbons

Ja, das ist dann das Dilemma:

Was ist momentan hilfreicher - keine Rescue-Tropfen oder die Nähe eines nicht wie gewünscht intelligenten, dafür aber liebevollen Wesens...  ??  ;D

edit:
ich sollte ein Psiram-Beratungs-Board eröffnen!


edit 2 :
Du willst wohl meine Toleranz auf die Probe stellen mit deinem dämlichen Avatar!!  :wut

Bloedmann

Es gibt so viele Dinge im Leben, die wichtiger sind als Geld... aber sie kosten so viel! Groucho Marx

Dolph

Zitat von: P.Stibbons am 01. November 2012, 14:38:42
edit 2 :
Du willst wohl meine Toleranz auf die Probe stellen mit deinem dämlichen Avatar!!  :wut


Ohne Frage ist genau dies mein dringendes Anliegen!  :angel:

Dolph

 OK OK, ich schaue mal, ob ich nicht noch was anderes passendes finde.  :laugh:

P.Stibbons


Dolph

Ja, der gute Herr Moniz ist ja auch ein ganz gutes Beispiel für einen Wanderer zwischen den Welten. Wahnsinn zu "kurieren", in dem man einfach mal ein paar Stücke aus dem Gehirn rausschneidet ist für sich genommen schon eine vergleichsweise grenzwertige Idee. Dafür einen Nobelpreis abzustauben ist hingegen schon irgendwie unwirklich. Ich vermute ja, dass er die  Mitglieder des Komitees allesamt eigenhändig lobotomiert hat. Hmmm, das wäre eine ganz nette VT, oder?

P.Stibbons

ZitatIch vermute ja, dass er die  Mitglieder des Komitees allesamt eigenhändig lobotomiert hat. Hmmm, das wäre eine ganz nette VT, oder?
Dazu gibt es eine Diss. aus 2004:

http://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/volltexte/2004/951/pdf/Dissertation_vom_07.07.04.pdf

Moniz wurde wohl nicht zuletzt auch wegen seiner Errungenschaften hinsichtlich der zerebralen Angiographie ausgezeichnet:
ZitatMoniz selbst erhielt den Nobelpreis - nach Meinung einiger Biographen - wohl nicht
nur für seinen Beitrag auf dem Gebiet der Psychochirurgie, sondern auch aufgrund der
Entwicklung der Technik der zerebralen Angiographie. So äußerte sich z. B. Gorelick
1991 retrospektiv folgendermaßen: ,,Although not specifically emphasized at the time, it
is clear that the committee took into account Moniz' other achievments in science,
notably the methodologically impeccable development of angiography."576
Antunes schließlich kommentierte die Frage nach dem Nobelpreis knapp: ,,Whether
Moniz deserved a Nobel Prize for angiography or wheather he received it for the wrong
reason will always be the source of stimulating debates."577
Ausführliche Diskussion der ethischen Fragen zur Lobotomie ab S. 131
ZitatWahnsinn zu "kurieren", in dem man einfach mal ein paar Stücke aus dem Gehirn rausschneidet ist für sich genommen schon eine vergleichsweise grenzwertige Idee. Dafür einen Nobelpreis abzustauben ist hingegen schon irgendwie unwirklich.
Damals wurde das offenbar als fortschrittlich empfunden (S. 120/121)
ZitatDie Nachricht des Nobelpreises ging um die Welt: Am 28. Oktober 1949 verkündete der
,,Herald Tribune" in seiner europäischen Ausgabe: ,,Dr. Egas Moniz developed a
surgical operation on the brain [...] with brilliant results against such mental illnesses as
schizophrenia and paranois."553 Die ,,New York Times" berichtete am selben Tag auf
Seite eins über Moniz: ,,Although his hands are deformed from the effects of radioactivity
to which he has been exposed in his experiments, he has developed a revolutionary
brain operation for the treatment of certain mental diseases."554 Zwei Tage später
schrieb die gleiche Zeitung: ,,Surgeons now think no more of operations on the brain
than they do of removing an appendix. [...] It is just a big organ, with very difficult and
complicated functions to perform and no more sacred than the liver."555
Die Zeitschrift ,,Nature" äußerte sich anläßlich der Nobelpreisvergabe am 3. Dezember
1949 folgendermaßen: ,,[...] the lesson which he [=Moniz] has taught will not quickly
be forgotten, for, with the neurosurgeons who have followed him, he has played a large
part in reviving in psychiatry a tradition of courageous and energetic treatment, and has
demonstrated that skilful intervention may yield a degree of success even in the most
serious and advanced cases of psychiosis."556
Das ist natürlich ein ganz dunkles Kapitel der Psychiatrie - auch in damaliger Ermangelung eines differenzierten Krankheitsverständnisses bzw wirkungsvoller Medikamente und/oder anderer Therapien.

Vergleichbar etwa mit Amputationen ohne Narkose und ohne die Möglichkeit einer antibiotischen Therapie bei Wundinfektionen...

Dolph

Zitat von: P.Stibbons am 01. November 2012, 15:35:40
Moniz wurde wohl nicht zuletzt auch wegen seiner Errungenschaften hinsichtlich der zerebralen Angiographie ausgezeichnet:
ZitatMoniz selbst erhielt den Nobelpreis - nach Meinung einiger Biographen - wohl nicht
nur für seinen Beitrag auf dem Gebiet der Psychochirurgie, sondern auch aufgrund der
Entwicklung der Technik der zerebralen Angiographie. So äußerte sich z. B. Gorelick
1991 retrospektiv folgendermaßen: ,,Although not specifically emphasized at the time, it
is clear that the committee took into account Moniz' other achievments in science,
notably the methodologically impeccable development of angiography."576
Antunes schließlich kommentierte die Frage nach dem Nobelpreis knapp: ,,Whether
Moniz deserved a Nobel Prize for angiography or wheather he received it for the wrong
reason will always be the source of stimulating debates."577

Na ja, das ist wohl eine etwas fruchtlose Diskussion nach so langer Zeit, war mir aber jetzt nichts desto trotz neu.

Zitat von: P.Stibbons am 01. November 2012, 15:35:40
Damals wurde das offenbar als fortschrittlich empfunden (S. 120/121)

Was man ja in sofern noch nachvollziehen kann, wenn man sonst keinerlei therapeutische Optionen zur Hand hat. Verzweifelte Versuche drängen sich da auf. Aus damaliger Perspektive erschienen die Ergebnisse die Moniz erzielte vielleicht sogar vielversprechend, gar nicht so einfach sich da hineinzuversetzen.

Richtig düster wurde es mit Freemans (Sic!) transorbitaler OP-Methode, die er ja sehr gerne auch bei "übermäßig schreienden" und daher eindeutig an "Schizophrenie" leidenden Kleinkindern oder auch mal ambulant auf der Veranda durchführte. Vor allem die Tatsache, dass das sogar noch gemacht wurde, als Neuroleptika bereits zur Verfügung standen, verschlägt einem die Sprache.

P.Stibbons

ZitatVor allem die Tatsache, dass das sogar noch gemacht wurde, als Neuroleptika bereits zur Verfügung standen, verschlägt einem die Sprache.
Ja.
Vor diesem Hintergrund ist damals die Antipsychiatrie-Bewegung entstanden.

Eine relativ umfangreiche kritische Übersicht findet man hier:

http://www.sgipt.org/medppp/antips1.htm

Unser Wiki hat dazu auch einen kurzen Artikel:
Zitat
http://psiram.com/ge/index.php/Antipsychiatrie
... Daneben dient die dramatische Darstellung überholter und nicht mehr angewandter Therapien, wie z.B. die Lobotomie und die alten Formen der Elektrokrampftherapie, dazu, die Psychiatrie als grausam, unmenschlich und überflüssig darzustellen...