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Cannabis auf Rezept

Begonnen von Spielkind, 09. Mai 2017, 12:21:55

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Spielkind

Stell es mal hier rein, weil es auf dem Blog vermutlich zu weit führen würde und ich gar nicht so genau weiß, ob überhaupt Interesse besteht.
Wir haben jetzt eine Ärztin gefunden, die bereit ist, sich an der Verschreibung zu versuchen, alleine das war schon nicht so ganz einfach, was auch durchaus verstehen kann, die ganze Gesetzeslage ist dermaßen schwammig, da hätte ich sicher auch meine Bedenken. Zur Ausgangslage, mein Mann ist HIV+, muss dadurch seit Jahren Medikamente nehmen, die echt nicht unter die Gattung Lutschbonbons fallen. Klappt auch soweit ganz gut, wenn nicht die Übelkeit nach den Tabletten wäre. Das ist natürlich eine starke Einschränkung der Lebensqualität, man darf sich das wirklich so vorstellen, Aufstehen, Essen, Medis, danach zwei Stunden Übelkeit und Erbrechen, so stark, dass nichts mehr geht, außer liegen und beten, dass es aufhört. Jahrelang wurde mit allem herumexperimentiert, ich glaube, es gibt kein Antiemetikum, dass ich nicht schon zur Entsorgung zurück zur Apotheke gebracht habe.
Ein Bekannter brachte uns dann auf die Idee, es mit Cannabis zu versuchen, an dem Punkt waren wir schon auf dem Level "Sch...egal, darauf kommt's jetzt auch nicht mehr an.." und tatsächlich, es half! Lange Rede, kurzer Sinn, Ausnahmegenehmigung bekamen wir nicht, da die Diagnose HIV+ und nicht Aids lautete...
Also die letzten Jahre immer so am Rande der Legalität, aber gut...
Als das Gesetz dann jetzt durchgewunken wurde, haben wir uns sogleich auf die Suche nach einem Arzt gemacht, der das verschreiben würde, heute wurde der Antrag an die Krankenkasse geschickt, bin mal gespannt, was dabei rum kommt.
Sollte Interesse bestehen, wie es da weitergeht, bin ich gerne bereit, hier weiter Bericht zu erstatten, der auch gerne zum Updaten des Blogs genutzt werden darf.

iru

Ich melde mal Interesse an und bedanke mich schon mal fürs Berichten!

Peiresc

Wenn es eine halbwegs rechtfertigende Sachlage geben sollte, dann sind es sicherlich solche Berichte. Aber ich habe noch Nachfragen:
Zitat von: Spielkind am 09. Mai 2017, 12:21:55
ich glaube, es gibt kein Antiemetikum, dass ich nicht schon zur Entsorgung zurück zur Apotheke gebracht habe.
Ich erlebe es immer mal, dass Patienten mit jahrelanger Migräne zwar schon allerlei Erfahrungen mit Akupunktur, Massagen, Atlastherapie, Ausleitungen usw. haben, aber nicht mit leitliniengerechter Therapie. Hast Du das mal versucht zu checken? Ondansetron o. ä.?

Zitatund tatsächlich, es half!
Wie oft hat er es versucht? Wie lange hielt der Effekt an? Ich vermute mal, er hat gekifft und nicht vaporisiert. Muss man das täglich machen? Beeinträchtigt das die Leistungsfähigkeit, oder kann man sich das nur mal abends leisten?

PS: es ist doch bezeichnend, dass man die Antworten auf solche Fragen in Foren suchen muss.

Spielkind

Ja, es ist leider bezeichnend, dass man solche Antworten in Foren suchen muss, aber seit den letzten über 15 Jahren mit HIV an meiner Seite wundert mich nix mehr! Auch was hier Therapien und andere Dinge betrifft, habe ich häufiger in Foren als bei Ärzten Rat gefunden.
Also, ich kann nicht immer ganz zeitnah Antworten, verspreche aber, dass ich hier mindesten einmal am Tag reinschauen werde, habe noch ein reales Leben, dass mehr als genug Forderungen stellt...

Okay, zitieren kann ich zwar grad über meine Uralt Hardware nicht, aber ich hoffe, es wird trotzdem klar, zur Frage der Vortherapie:

Wir haben alles, wirklich alles, was die Leitlinientherapie hergab probiert, wenn du alle Medikamente, die probiert wurden wissen magst, schick mir ne Nachricht und ich such die Akten raus, nix hat geholfen. Da ich eine gesunde Abneigung gegen jede Form von Schwurbelei habe, gab es nix mit Akkupunktur und sonstigem, einiges an Phytotherapie, gemeinsam mit einer, gesund skeptischen, Internistin aus der Familie ausprobiert, einiges an Schulmedizinischen Versuchen im Off-Label Bereich. Hat alles nicht wirklich funktioniert.

Zur zweiten Frage,
Unmittelbar nach den ART Medikamenten einen halben Joint, keine Übelkeit, kein Erbrechen und nach einer gewissen Gewönungsphase (ca. Sechs Monate) auch kein echtes "High sein" mehr. Die Frage nach dem Autofahren stellt sich nicht, da ohnehin kein Führerschein vorhanden, würde er aber, auf gerade erfolgte Nachfrage, auch eher lassen. Diese Taktik funktioniert jetzt seit acht Jahren, es ist nie mehr als "Eigenbedarf" im Haus, ich kann jederzeit über Bluttest nachweisen, dass ich das Zeug noch nie im Leben angewendet habe, so what?
Die Leistungsfähigkeit ist nicht eingeschränkt, also nicht so, wie er es betreibt, eher im Gegenteil, seit es so läuft konnte er von der Frührente zurück in seinen erlernten, handwerklichen Beruf, was vorher aufgrund der Nebenwirkungen nicht möglich war. Ich würde also eher von einer Erhöhung der Leistungsfähigkeit sprechen.

Bitte seid mir nicht böse, wenn ich hier keine ganz genauen Dinge zur ART und den begleitenden Medikamentenplänen schreibe, ich habe über die Jahre zu viele, schlechte Erfahrungen gemacht! Sollten hier nicht HIVphobe Ärzte schreiben, die weiterführendes Interesse haben, schickt mir ne PN, ich werde mich bemühen, euch Einblick in die Akten zu ermöglichen. Auch für alle anderen Fragen, gerne auch im Bezug auf HIV und die Schwurbeldinge, die einem in diesem Bereich begegnen, und ja, da gibt's noch einiges, dass weder hier noch im Blog thematisiert wurde, bin ich jederzeit offen!
Liebe Grüße
Das Spielkind

Peiresc


Konrad Husten

Vielleicht etwas spät aber für jeden den das Thema interessiert kann ich die Seiten der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin empfehlen.

https://www.cannabis-med.org/

https://www.arbeitsgemeinschaft-cannabis-medizin.de/

Und für Patienten das Selbsthilfe Netzwerk Cannabis Medizin - SCM

https://selbsthilfenetzwerk-cannabis-medizin.de/
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Peiresc

Guten Tag,

Zitat von: Konrad Husten am 28. März 2021, 14:59:20
Vielleicht etwas spät aber für jeden den das Thema interessiert kann ich die Seiten der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin empfehlen.

https://www.cannabis-med.org/

https://www.arbeitsgemeinschaft-cannabis-medizin.de/

Ich hab' da mal quergelesen,
https://www.arbeitsgemeinschaft-cannabis-medizin.de/2021/03/24/acm-mitteilungen-vom-21-maerz-2021/#headline1

Das ist ein Schmarrn. Falls Interesse besteht, werde ich konkreter.

Konrad Husten

Zitat von: Peiresc am 28. März 2021, 15:19:21


Ich hab' da mal quergelesen,
https://www.arbeitsgemeinschaft-cannabis-medizin.de/2021/03/24/acm-mitteilungen-vom-21-maerz-2021/#headline1

Das ist ein Schmarrn. Falls Interesse besteht, werde ich konkreter.

Gern. Von meiner Seite immer. Nur kann ich nicht garantieren ob ich der Sache auch wirklich folgen kann.
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Peiresc

Okay. Um nicht den Verdacht des Cherry-Pickings aufkommen zu lassen, fang ich einfach oben an. Der Anlass des Textes wird so geschildert:
Zitat1. Unkenntnis der grundlegenden Voraussetzungen für eine Kostenübernahme nach § 31 Abs. 6 SGB V

Die BKK Mobil Oil zitiert Professor Christoph Maier [...] dass die bewilligten Anträge ,,also überwiegend für Indikationen, in denen eine Reihe von Studien gezeigt haben, dass THC-haltige Medikamente im Mittel keine relevante Schmerzlinderung erzeugt", entfallen.
Abgesehen davon, dass er hier vermutlich missverständlich zitiert wird (gemeint ist sicherlich ,,auf diese Indikationen entfallen"), wird Maier und der BKK entgegengehalten:

ZitatHerrn Professor Maier ist offenbar das Grundprinzip der Gesetzgebung aus dem Jahr 2017 nicht bekannt Es geht nicht darum, ob bei einer bestimmten Indikation Studien ergeben haben, ob THC-haltige Medikamente ,,im Mittel" Schmerzen oder andere Leiden lindern, sondern ob es ,,eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung" auf Symptome bzw. Erkrankungen gibt (§ 31 Abs. 6 SGB V).
usw. Aber was hat der Gesetzestext mit der von Maier referierten Studienlage zu tun? Richtig: nichts. Der hier zitierte Gesetzestext ist nichts als die Standardformel, mit der ungeprüfte und nicht zugelassene Therapien im Einzelfall von Gerichten als kassenfähig akzeptiert werden können. Der bittere Tonfall der Arbeitsgemeinschaft könnte fast darüber hinwegtäuschen, dass die Gesetzeslage inkonsistent ist und seit  Erlass des Gesetzes nicht konsistenter geworden ist.

Es gibt nicht den geringsten sachlichen Grund, Maier "Unkenntnis" zu unterstellen. Im weiteren Text wird das noch offensichtlicher.

Sauropode

Nun, THC steigert z.B. den Appetit. Das ist für Menschen, die in die Gefahr einer krankheitsbedingten Kachexie geraten, durchaus eine Hilfe.

Konrad Husten

Ja, kann ich nach vollziehen, das wirkt auch auf mich eher wie Vereinspolitik, als Sachlichkeit. Der Streit mit den Kassen und der Politik ist ziemlich unübersichtlich. So wie es jetzt ist, hilft es dem Patienten schon von dieser Problematik her nicht.
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Peiresc

Zitat von: Sauropode am 28. März 2021, 16:54:58
Nun, THC steigert z.B. den Appetit. Das ist für Menschen, die in die Gefahr einer krankheitsbedingten Kachexie geraten, durchaus eine Hilfe.

Steigert es auch den Appetit von Menschen, die z. B. an zuckerbedingten Nervenschmerzen und Neigung zur Körperfülle leiden?

Konrad Husten

Bei Langzeitnutzung, kann es den Appetit auch hemmen. Vor allem direkt nach der Nutzung. Über den Darm aufgenommen, könnte das aber auch wieder anders sein.
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Peiresc

Zitat von: Konrad Husten am 28. März 2021, 17:36:15
Bei Langzeitnutzung, kann es den Appetit auch hemmen. Vor allem direkt nach der Nutzung. Über den Darm aufgenommen, könnte das aber auch wieder anders sein.

Ist das gefühlt oder belegt? Gibt es Zahlen, was das "könnte" bedeutet? Und was heißt "lange"? Konterkariert das nicht eine der wenigen Indikationen, die, wenn sie schon nicht gesichert ist, dann wenigstens für plausibel gilt? Wenn der Patient dem Arzt sagt, naja, schlimmer sind meine Schmerzen jetzt nicht geworden, aber ich hab 6 kg zugenommen, soll der Arzt dann erwidern: "Durchhalten, das lässt nach?"


Konrad Husten

Fachliches kann ich dazu wohl nicht beitragen. Quellen hab ich jetzt grade keine auf der Hand. Ich weiß auch gar nicht wonach ich suchen müsste. Es gibt immer wieder Berichte über Appetitlosigkeit, Unwohlsein, Darmschmerzen etc. bei Langzeitnutzern. Dazu gab es dann auch fachliche Auseinandersetzung.

Cannabis ist auch nicht wirklich ein Schmerzmittel. Es verändert viel mehr die Wahrnehmung. Zumindestens hilft es mir den Fokus zu verändern. Schmerzen treten dann in den Hintergrund.

Es gibt noch viel wiedersprüchliches. Eben auch über die verschiedenen Aufnahmeformen. Geraucht mit Tabak, ohne Tabak, verdampft oder als einzel Wirstoff, in Kapseln oder Tropfen...

In der Volltextsuchmaske kann man aber nach belieben Stichworte probieren. Die Qualität der Untersuchungen ist wahrscheinlich ziemlich durchwachsen.

http://www.cannabis-med.org/german/bulletin/iacm.php
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