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Autor Thema: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik  (Gelesen 52442 mal)

sweeper

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@Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« am: 16. Januar 2014, 16:41:06 »
... möchte ich hier gern zur Diskussion stellen - weil sie einen ungewohnten Blickwinkel eines Insiders eröffnen.
Vielleicht meldet er sich selbst als Gesprächspartner hier an?

@Stimmviech saß selbst wg eines Tötungsdelikts an einem Familienangehörigen in der Forensik ein (dazu steht er offen bei Twitter, deshalb schreibe ich es hier)
Zitat
Unerreichtes ‏@Unerreichtes:

@stimmviech Dann war Ihr Vater wohl gewalttätig gegen die Familie, und Sie konnten daher die Tat nicht wirklich bereuen? Tragisch.

Zitat
Werner Schneider ‏@stimmviech:

@Unerreichtes Diese Sicht der Dinge wäre aber nicht die Sicht der Therapeuten.
und vertritt als Quintessenz seiner Erfahrungen die Position, auch als psychisch krank diagnostizierte Straftäter gehören (um potentiellen Schaden von der Bevölkerung abzuwenden) in den Knast und nicht in die forensische Psychiatrie.
Die Debatte um Wissenschaftlichkeit und Validität psychiatrischer Gutachten und Gefährlichkeitsprognosen sei eine Scheindebatte, da nach seiner Einschätzung intelligente und kreative Täter ihre Therapeuten und Gutachter an der Nase herum führen.

http://twitlonger.com/show/n_1rvl755
Zitat
Wie/warum Kriminelle sich aus der Forensik herauslügen #mollath

1) Antipsychiatrie von Szasz beste Beschreibung von Psychiatrie und seiner Funktion. Es geht um
-Religionsersatz
-mit Opfern(Patienten), die unter Umständen errettet(geheilt) werden können durch Teilnahme an Ritualen(Therapien)
-das alles zum Zweck der Lebenshilfe(religiöse/"wissenschaftliche") Welterklärung und zwecks Konformismusmotivation(Opfer/Patient und sein ritualgemachtes Leid als aversive Konfitionierung für die nicht psychiatrisierten Normalos)
2) Schlußfolgerungen
-Nur die,die an sich sinnlose Rituale überzeugend schauspielernd mitmachen,haben eine Chance zur Errettung/Entlassung.
-Damit das religiös-psychiatrische System überlebt,müssen die Lügenhürden hoch sein.
-Die Basis des erfolgreichen Lügens als Patient ist die Verinnerlichung der antipsychiatrischen Psychiatriephilsophie,denn so gibt das völlig unsinnige Handeln des Psychiatriepersonals Sinn und der Lügner wird nicht durch psychiatrisches Handeln irritiert.
- Durch Verinnerlichung der antipsychiatrischen Philosophie läßt der Lügner sich nicht dazu hinreissen,aus dem Lügenmodus auszusteigen,beispielsweise bei vordergründig nettem Therapeuten.
3)Zur Technik des Lügens
- zentral: das Weltbild des Therapeuten und seiner Kollegen,auch im Zusammenspiel analysieren
-hilfreich:Vertrautheit mit schulische Textanalysen als Grundlage für geistiges Arbeiten und Charakterbeschreibungen
-auch hilfreich(ansonsten Quatsch) NLP-Konzepte zur Sprachanalyse(Meta-modell) und zur Persönlichkeitsanalyse( sorting styles,values)
-Über jeden Therapeuten/Pfleger eine Akte anlegen mit
Values/sorting styles/beliefs Das meiste erzählen die freiwillig,sonst Fragetechniken NLP
-Diagramm der Machtverhältnisse in der Klinik
- Therapieprotokolle
-aus all dem zeitbezogene Handlungspläne (=Lügenpläne)entwickeln( für nächste Therapiestunde/für 3Monat/ fürs Jahr und alles immer aktualisieren
-Selbstanalyse(warum bin ich wirklich da),sozusagen Gegenstück zur antipsychiatrischen Systemanalyse

4) Gesellschaftliche Auswirkungen: können dem Kriminellen egal sein. Rückfallmorde als Preis für psychiatrische Religion.

und

http://twitlonger.com/show/l7cang
Zitat
Wie sich clevere Kriminelle in der #Mollath Situation verhalten:
Lügen und Schauspielern.
Dabei paßt man durch sich-Äußern und sich/Verhalten daran an,was die Therapeuten hören und sehen wollen. Das ist
1) Bekenntnis zur Tat.Tatleugner bleiben für immer drin.
2)Demonstration von Emotions-und Empathiefähigkeit also
2a)Erzählen und Vorspielen negativer Gefühle, Ängste aus der frühen Kindheit, Weinen. Natürlich alles auf Kommando in der Therapiestunde
2b) trauern um das Straftatsopfer,Reuebekundungen unter Tränen, emotionsreiches Nachspielen des Opfererlebens, sogenannte Opferperspektive
3) Demonstrieren fröhlicher Gefühle im Stationsleben. Kindermörder x feiert Geburtstag, Mittanzen und Lachen bei der Polonaise.Fähigkeit 3) muß im engen zeitlichen Zusammenspiel mit Fähigkeit 2) gezeigt werden können, oft nur Sekunden Zeitdifferenz. Da muß man schon brillianter Lügner und Schauspieler sein.
4) Ideologisch positive Unterstützung der Therapeuten, argumentieren ihrer Meinungen gegenüber den #mollath Typen auf Station. Pro-Therapie Auftritte beim Tag der offenen Tür. Völlige innere Schmerzbefreitheit noch beim Belobigen der unsinnigsten Therapiemethode:Beispiel: Hauptschulabschluß für Abiturienten, Ausgang für Stationsschläger zwecks Demonstration der Liebe der Bevölkerung für ihn.
5) Kritiklose Einhaltung der formellen Regularien. Schon diese einfache Forderung Nr.5 schafft #Mollath nicht, siehe Ablehnung der Alkoholkontrolle und Kritik an schlafentziehenden Nachtkontrollen.
Sie sehen: das Forensiksystem siebt ungewöhnlich begabte Lügner und Schauspieler als Entlaßkandidaten heraus.


Ich finde diese Thesen - gerade weil sie von einem Betroffenen stammen - diskussionswürdig, wenn ich sie auch nicht teile,  denn sie verdeutlichen, dass es sich bei der öffentlichen Debatte um die Causa Mollath (insbesondere wie sie  - reduziert auf Gutachterschelte - in einem sattsam bekannten Juristenblog geführt wird) zumindest teilweise um eine Scheindebatte handeln könnte:

kein psychiatrischer Gutachter und kein Therapeut kann nämlich garantieren, dass ein als "geheilt" entlassener Straftäter mit psychischen Auffälligkeiten nie wieder rückfällig wird.

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Typee

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #1 am: 16. Januar 2014, 16:56:43 »
Soll es allen Ernstes nur den Knast geben? Und welche Auswirkung hätte das auf die Strafzumessung? Wie lange müsste man  Straftäter mit ungünstiger Rückfallprognose einsperren? Gäbe es dann Sicherungsverwahrung von der ersten Tat an? Wie verträgt sich das mit dem Verfassungsrang, den der Grundsatz nulla poena sine culpa nach ständiger Rechtsprechung hat? Ich fürchte, Stimmviech überschaut die Konsequenzen noch nicht ganz.
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sweeper

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #2 am: 16. Januar 2014, 17:01:41 »
@Typee:

Mir fallen dazu die (lt Studien) über 30% undiagnostizierten und unbehandelten ADHSler ein, die im Strafvollzug sitzen, weil sie ihre Impulsivität nicht mit eigenen Mitteln unter Kontrolle kriegen - und die bei frühzeitiger Diagnostik und multimodaler Therapie dort vermutlich gar nicht gelandet wären.  :(

http://www.adhs-in-krefeld.de/downloads/adhs-und-jugendkriminalitaet-.pdf
Zitat
„Der deutliche Zusammenhang zwischen ADHS, sozialem Misserfolg, Randständigkeit und Kriminalität erfordert dringend effektive vorbeugende Maßnahmen.“ (Rösler, 2001)

http://www.psycontent.com/content/25mn837320512333/
Zitat
... Straftäter mit ADHS beginnen in jüngerem Alter mit delinquenten Verhaltensstilen und sind häufiger Rezidivtäter als Täter ohne ADHS. Die Prävalenz von ADHS ist nicht in allen Tätergruppen gleichmäßig erhöht. Bei Betrügern ist die ADHS Prävalenz normal. Signifikant mehr ADHS findet man bei Sexualstraftätern (ca. 30 %) und bei Personen, die reaktive Gewalttaten verübt haben. Bei proaktiver Gewalttätigkeit ist die Prävalenz für ADHS eher niedrig. Auch unter den BTM Delinquenten findet man eine relativ hohe ADHS Prävalenz...
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sweeper

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #3 am: 16. Januar 2014, 19:13:11 »
@Typee:

Anlass für die generelle Skepsis von @Stimmviech gegenüber der Sinnhaftigkeit forensischer Psychiatrie und der Verlässlichkeit von Prognosegutachten dürften spektakuläre Fälle wie dieser hier sein:

http://www.sueddeutsche.de/bayern/mutmasslicher-serienvergewaltiger-der-irrtum-dreier-gutachter-1.1014180
Zitat
...Schneeberger wurde zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt, für die Zeit danach ordneten die Richter seine Unterbringung in einer Psychiatrie an. Seither war er eingesperrt. Bis zum Oktober 2009, bis drei Gutachter - einer aus der Erlanger Klinik für Forensische Psychiatrie und zwei externe Sachverständige - den 48-Jährigen als inzwischen ungefährlich einstuften. Der Mann durfte die Klinik verlassen.

Er habe Schneebergers "Form des Sadismus" im Jahr 2001 für "möglicherweise therapierbar" gehalten, sagt Michael Wörthmüller, der als Gutachter in dem Prozess gegen Schneeberger bestellt war. Weil Wörthmüller dem damals 39-Jährigen eine krankhafte Störung attestiert hatte, kam Schneeberger nach seiner Haftentlassung in den Maßregelvollzug, wurde also in der Psychiatrie überwacht. Vor einem Jahr schließlich, Wörthmüller war inzwischen Chefarzt der Klinik in Erlangen, hielten Psychiater des Klinikums den 48-Jährigen für stark genug, nicht mehr rückfällig zu werden. Diese Entscheidung, sagt Wörthmüller und holt tief Luft dabei, "war falsch - das darf uns natürlich nicht passieren"...
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Typee

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #4 am: 16. Januar 2014, 19:31:59 »
@ sweeper:

Ja, das denke ich auch. Aber über spektakulären Einzelfällen gerät eines leicht aus dem Blick: die Systematik von (echten) Kriminalstrafen und Maßregeln im deutschen Strafrecht seit der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts ist eine Erfolgsgeschichte, an der sich nur noch die Entwicklung der Straßenverkehrssicherheit messen kann. Übers Ganze betrachtet, schneidet sie erstaunlich gut ab.
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sweeper

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #5 am: 16. Januar 2014, 19:48:09 »
@ Typee:

Wenn diese o.g. - zugegeben extremen - Überlegungen nicht die Innenperspektive und Überzeugung eines ehemaligen Gewalttäters darstellten, hätte ich einfach abgewinkt.

Ob man echten antisozialen Psychopathen so etwas wie Empathie und/oder Opferperspektive "antrainieren" kann, wage ich zu bezweifeln. Allerdings ist mir derzeit nicht geläufig, wieviele Täter mit einer "echten" antisozialen Persönlichkeitsstörung überhaupt in der Forensik landen - auf diese kalt-berechnenden Täter bezieht sich @Stimmviech ja.

Menschen mit einer primären Impulskontrollstörung (zu der etwa auch ADHS zählt), sind m.A. nach gar nicht in der Lage zu einem derart langfristig angelegten planvollen Vorgehen.

Das beschriebene Sich Verstellen (sich zusammenreißen, um Vorteile zu erschleichen) kann ja auch als eine Art geglückte Anpassungsleistung (und damit indirektes Resultat der therapeutischen Interventionen) interpretiert werden - vorausgesetzt, der Betreffende hat seine Impulse auch künftig in Freiheit im Griff, um ein sozial verträgliches Leben zu führen.
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Terry Pratchett

Homeboy

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #6 am: 16. Januar 2014, 21:26:22 »
ich versuche die position von stimmviech in meinen worten zusammenzufassen:

wenn ein patient eine soziologische analyse (akteure, netzwerke, machtverhältnisse, erwartetes verhalten, tolerierte bzw. gewünschte normabweichung, etc.) hinbekommt, gewinnt dieser das spiel.

Erving Gofman (zugegeben ein soziologischer kritiker der psychiatrie) hat das für die Mitte des 20. jh für eine psychiatrie schön herausgearbeitet (Titel: "Asyle"), allerdings hat er das verfahren, die interation, save face-praktiken, sozial erfolgreiches rollenspiel, lügen usw. auch anderen büchern ausführlich herausgearbeitet.

geht man davon aus, dass es genügt, wenn jemand glaubt, dass etwas real ist, um sich entsprechend zu verhalten (Thomas-Theorem), dann genügt es eben, wenn der psychiater glaubt, der patient wäre geheilt, auch wenn dieser nichteinmal versucht geheilt zu werden, sonden nur so tut als ob.

amüsant finde ich den gedanken aus 2 gründen:
1. offensichtlich neigen leute dazu sich aufgrund von status, ausbildung, machtposition zu überschätzen, wenn z.B. psychiater in der forensik glauben, sie könnten nicht von ihren patienten über den tisch gezogen werden, wo diese doch so unterlegen sind: sprachlich, intellektuel, formale bildungsabschlüsse, patienten, usw.
2. man ist überrascht, wenn betrüger betrügen. oder etwas detailreicher: man ist überrascht, dass leute, die gelernt haben sich unter widrigsten umständen (als schwächere) durchzuschlagen genau das tun.

soziologisch halte ich das phänomen für plausibel. insofern halte ich es für eine fehleinschätzung, wenn man personen mit schwerwiegenden problemlagen unterstellt, sie könnten diese nicht unter besonderen umständen zurückstellen um ebendiese zu überwinden.

die schlussfolgerung von stimmviech, wie wegen dieser umstände zu verfahren sei, beruht hingegen auf seinem menschenbild und hat ersteinmal nichts mit dem phänomen selbst zu tun. ich würde jedenfalls versuchen mit schlussfolgerungen zu warten, bis man das ganze verstanden hat.

Belbo

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #7 am: 16. Januar 2014, 22:30:54 »
Na wir schliessen ja auch nicht alle Kreissäle nur weil mal eine Frau eine Scheinschwangerschsft hatte.

Homeboy

  • Gast
Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #8 am: 16. Januar 2014, 22:49:14 »
Na wir schliessen ja auch nicht alle Kreissäle nur weil mal eine Frau eine Scheinschwangerschsft hatte.

ebend.

trotzdem wäre es halt gut, wenn betroffene professionen diese möglichkeit in betracht zögen, ab und an.

sweeper

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #9 am: 16. Januar 2014, 22:57:09 »
@Homeboy:
Danke für deine differenzierte Antwort!
Ich habe mich nun doch mal auf die Suche nach Daten zu Diagnosehäufigkeiten und Prognose-Indikatoren gemacht und bin auf diese hoch interessante Arbeit gestoßen:

https://www.uni-due.de/imperia/md/content/rke-forensik/projekte/projektberichtgeringeentlassungsaussichten2003.pdf

Nach diesen zwei beschriebenen Stichproben haben - im Gegensatz zu @Stimmviechs Befürchtungen - gerade Täter mit einer diagnostizierten dissozialen Persönlichkeitsstörung ohne Minderbegabung eine vergleichsweise ungünstige Entlassungsprognose (auf die Diagnose bezogen).

S. 37:

Die Häufigkeit der Diagnose Dissoziale Persönlichkeitsstörung ohne Minderbegabung beträgt in der Stichprobe "Entlassene Patienten" 15,5%  (im Vergleich: Schizophrenie mit 44,7%)

Dem gegenüber die (halb so große) Stichprobe "nicht entlassbare Patienten" (Kriterien definiert) mit 27,6% (Schizophrenie: 25,4%)

Damit sind die "Dissozialen" (entspricht der von @Stimmviech beschriebenen Typologie) die mit der ungünstigsten Entlassungsprognose - erschwerend kommt ein Anteil von ca 37% komorbide Süchte hinzu...

Ganz so suggestibel und manipulierbar scheinen die Therapeuten also - zumindest nach diesen Daten - nicht zu sein.

Die Arbeit lohnt das Lesen, da sie Einblick in viele alltagspraktische Fragen der forensischen Psychiatrie gibt.

Und - nota bene - (S.68)
Zitat
...Wer daraus schließt, dass sich im Strafvollzug ganz überwiegend psychisch gesunde Straftäter befinden, muss eines Besseren belehrt werden. Der Anteil psychisch kranker und gestörter Menschen im Strafvollzug ist erheblich (vgl. Konrad 2000). Besonders häufig finden sich unter Strafgefangenen Persönlichkeitsstörungen, und durchaus nicht nur vom dissozialen Typus (Fädrich & Pfäfflin 2000). Letztlich finden sich weitaus mehr Täter mit schweren Persönlichkeitsstörungen im Strafvollzug als im Maßregelvollzug.
Sicherlich gibt es eine Kerngruppe kranker Täter, bei denen nach einem schweren Delikt die Unterbringung gem. § 63 StGB sehr wahrscheinlich ist, aber bei anderen Gruppen sind die Ermessensspielräume groß, und es hängt durchaus von Zufälligkeiten des Verfahrens ab, ob auf verminderte Schuldfähigkeit erkannt wird und eine Unterbringung erfolgt.

Im Hinblick darauf ist es eigentlich ein Unding, dass derzeit im Urteil einer Strafkammer eine irreversible Zuordnung zu Straf- oder Maßregelvollzug erfolgt und dass die therapeutische Ansprechbarkeit („the ability to benefit from treatment”, Cohen & Eastman 2000) für die Frage der Unterbringung keine Bedeutung hat. Dies heißt ja in der Konsequenz, dass die einen mit hohem Aufwand – ggf. über Jahrzehnte – behandelt werden, auch dann, wenn diese Behandlung sie nicht erreichen bzw. stabilisieren kann, und dass die anderen weitgehend verwahrt werden, auch wenn therapeutische Zuwendung bei ihnen sehr fruchtbar wäre. Die Forderung einer stärkeren Durchlässigkeit der Systeme Straf- und Maßregelvollzug drängt sich geradezu auf...
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Terry Pratchett

Homeboy

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #10 am: 16. Januar 2014, 23:24:57 »
@sweeper: gern

studie mal angeklickt. bereits im vorwort schreibt der autor (hervorhebungen von mir):

Zitat
Es sei schon an dieser Stelle erwähnt, dass viele der erhobenen Merkmale nur mit begrenzter Zuverlässigkeit erfasst wurden. Bei etlichen Parametern spielt subjektives Ermessen eine bedeutende Rolle. Dies gilt zum Beispiel für psychiatrische Diagnosen, insbesondere aber für die Hierarchie oder Reihenfolge von Mehrfachdiagnosen, für die Einschätzung klinischer Entwicklungen und auch für mehrere anamnestisch-biographische Parameter (etwa „gewalttätiges Familienmilieu“, „konflikthafte Partnerschaften“ usw.). Selbst bei ziemlich objektiven Aspekten (Schulabschluss, Heimaufenthalte ...) muss von Fehlervarianz ausgegangen werden. Insbesondere auch die Zusammenführung zweier mit unterschiedlichem Hintergrund und von verschiedenen Personen erarbeiteten Datenpools ist fehleranfällig. Die einzelnen Angaben zu Ausprägung bzw. Häufigkeit von Merkmalen stellen daher eher Schätzungen dar, als das man sie bis auf die Stelle hinter dem Komma interpretieren sollte. Trotzdem liefern die Daten so prägnante Ergebnisse, dass substantielle Aussagen mit empirischer Absicherung möglich sind.

die hervorhebungen wären bespielbar, wie weit, von wem und wem gegenüber steht auf einem anderen blatt.
jedenfalls scheint es stark von der interaktion zwischen system/systemagenten (Forensik, Psychiater, Wärter, Sozialarbeiter usw.) und patient abzuhängen bzw. genauer: von der einschätzung der interaktion durch systemagenten.

jedenfalls habe ich schon erlebt, wie leute auf stoff "drogenzentrum"-sozialarbeiter überzeugen konnten, sie hätten nichts genommen.
ich würde sogar sagen, erfahrenes personal geht öfters auf dem leim als neue, die noch sich die welt noch nicht schönlügen müssen / noch frustrationsreserven haben.
gehören immer zwei zur lüge. ein schöner film zur lüge wäre der hier: Die Hochstapler (DE 2006) - Deutscher Trailer

Belbo

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #11 am: 16. Januar 2014, 23:34:13 »
Na wir schliessen ja auch nicht alle Kreissäle nur weil mal eine Frau eine Scheinschwangerschsft hatte.

ebend.

trotzdem wäre es halt gut, wenn betroffene professionen diese möglichkeit in betracht zögen, ab und an.

....das sie dies  nicht tun ist ja erstmal eine Behauptung.

Hildegard

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #12 am: 16. Januar 2014, 23:38:08 »
Ich habe mich nun doch mal auf die Suche nach Daten zu Diagnosehäufigkeiten und Prognose-Indikatoren gemacht und bin auf diese hoch interessante Arbeit gestoßen:
https://www.uni-due.de/imperia/md/content/rke-forensik/projekte/projektberichtgeringeentlassungsaussichten2003.pdf

Nach diesen zwei beschriebenen Stichproben haben - im Gegensatz zu @Stimmviechs Befürchtungen - gerade Täter mit einer diagnostizierten dissozialen Persönlichkeitsstörung ohne Minderbegabung eine vergleichsweise ungünstige Entlassungsprognose (auf die Diagnose bezogen).

S. 37:
Die Häufigkeit der Diagnose Dissoziale Persönlichkeitsstörung ohne Minderbegabung beträgt in der Stichprobe "Entlassene Patienten" 15,5%  (im Vergleich: Schizophrenie mit 44,7%)
Dem gegenüber die (halb so große) Stichprobe "nicht entlassbare Patienten" (Kriterien definiert) mit 27,6% (Schizophrenie: 25,4%)
Damit sind die "Dissozialen" (entspricht der von @Stimmviech beschriebenen Typologie) die mit der ungünstigsten Entlassungsprognose - erschwerend kommt ein Anteil von ca 37% komorbide Süchte hinzu...

Ganz so suggestibel und manipulierbar scheinen die Therapeuten also - zumindest nach diesen Daten - nicht zu sein.
Wenn ich es richtig verstehe, wurde in der Studie die Eingangsdiagnose der Klinik erfragt und nicht die Diagnose des Gutachters  im Prozess herangezogen. Da stellt sich doch automatisch die Frage: Was, wenn ein gewisser Prozentsatz der  Dissoziativen sich von Anfang an in der Klinik verstellte? Damit wäre die Statistik wertlos.

sweeper

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #13 am: 16. Januar 2014, 23:54:08 »
@Hildegard:

Mit den Eingangsdiagnosen verhält sich das vermutlich so ähnlich wie mit den Zuweisungsdiagnosen in der Rehaklinik... die Vorbefunde und Diagnosen werden in Bezug gesetzt zu den Befunden der Aufnahmeuntersuchung und ggfs die ICD-Verschlüsselung angepasst bzw erweitert. Natürlich kann man sich nicht ohne sorgfältige Begründung gegen den Befund des Gutachters aussprechen oder sich darüber einfach hinwegsetzen.

Es ist in der Tat manchmal schwierig (und für die Praxis bzw Therapie ja oft von untergeordneter Bedeutung), bei einem Gemisch von Komorbiditäten und Verhaltensauffälligkeiten korrekt und Untersucher-unabhängig zu verschlüsseln:
die Persönlichkeit und das Geschick des Untersuchers/Therapeuten wird immer auch unterschiedliche Facetten beim Probanden zum Klingen bringen.
- Siehe dazu Homeboys Anmerkung und auch S. 38:
Zitat
Persönlichkeitsstörung und Dissozialität als besondere Entlassungserschwernis?

Im Rahmen der beiden Erhebungen wurden die spezifischen Typen von Persönlichkeitsstörungen gesondert – das heißt zusätzlich zu den Hauptdiagnosen - kodiert. Die folgende Tabelle beschreibt die Häufigkeiten von Persönlichkeitsstörungen bei Entlassenen und nicht Entlassbaren – ob als Haupt- oder Nebendiagnose. Es ist erkennbar, dass der Anteil der Persönlichkeitsstörungen unter den Entlassenen generell kleiner ist als unter den nicht Entlassbaren. Dies gilt tendenziell auch für die dissoziale Persönlichkeitsstörung. Doch ist die Gruppe der als „dissozial“ diagnostizierten Patienten insgesamt relativ klein. Dissozialität stellt sich nicht als das dominierende Entlassungshindernis dar. Dabei fällt auf, dass sich etliche Urteiler bei ihren Diagnosen scheinbar nicht recht festlegen wollen.


Ich halte es jedoch für schwer vorstellbar, dass ein Patient auf Dauer ein ganzes therapeutisches Team täuscht, denn die unterschiedlichen Interaktionen und Wahrnehmungen sind ja gerade Gegenstand der regelmäßigen, idealer Weise sogar täglichen Teambesprechung.
Allerdings kommen solche, die sich charmant "lieb Kind" machen können, mit Sicherheit in der Beurteilung unbewusst besser weg - wie überall im Leben. Dafür braucht es dann den "Kommunikation und Konflikt"-Spezialisten, dessen Profil es ist, die "Lieben" mal zum Platzen zu bringen.  8)
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Terry Pratchett

Homeboy

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Re: @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik
« Antwort #14 am: 16. Januar 2014, 23:56:51 »
Na wir schliessen ja auch nicht alle Kreissäle nur weil mal eine Frau eine Scheinschwangerschsft hatte.

ebend.

trotzdem wäre es halt gut, wenn betroffene professionen diese möglichkeit in betracht zögen, ab und an.

....das sie dies  nicht tun ist ja erstmal eine Behauptung.
ehrliche antwort: stimmt
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