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Russland: Wirtschaft

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Begonnen von Peiresc, 16. Mai 2022, 19:48:57

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sailor

Den Bias führe ich auf Unkenntnis der Materie zurück. Dabei geht es darum, dass es kaum noch militärisch gebildete Journalisten gibt. Die wissen einfach nicht, wie sie das bewerten sollen, was sie da sehen. Dazu kommt, dass die Ukraine ihre Öffentlichkeitsarbeit massiv im Griff hat und man von den Russen billige Schlagzeilen bekomm. Ausserdem ist Katastrophismus ja eine beliebte Krankheit in den Medien: Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten!

Den Rubelkurs als Indiz zu nehmen ist reichlich dumm, da er nicht frei gehandelt wird. Nach dieser Sichtweise müsste China die letzten Jahre ein "underperformer" gewesen sein, weil die Währung künstlich billig gehalten wurde. Der Rubelkurs zeigt vor allem die Exportlastigkeit; Rubel werden von jenen nachgefragt, die Öl/Gas aus Russland wollen... aber Russland kann die Rubel nicht gegen Warenimport eintauschen (was den Wert und die Handelsbilanz ausgleichen würde). Damit ist der Rubelkurs ein Zeichen, dass die Sanktionen wirken, Russland kann nicht mehr kaufen. Im Grunde sind Rubelkurs und Finanzsanktionen jetzt eine gute Liquiditätssenke gegen die Inflation. Die bei Russland gegen Rubel getauschten Fremdwährungsbeträge sind aus dem normalen Geldumlauf weg, die Geldmenge im freien Markt wird reduziert. :)

Putins Schattenvermögen: Schwer einzuschätzen, zum einen bzgl. des Umfanges, zum anderen hinsichtlich Herkunft und Zweck. In NK sind die Kims die Oberherren über Goodies für das Gefolge, in Russland gibts genug Reiche. Ich gehe eher davon aus, dass das alles "Geschenke" von jenen sind, die von Putins Entscheidungen persönlich profitiert haben... also "Dankeschöns"/Kickback. Er wird selbst nix gestohlen haben, so rum ist es deutlich leichter... und ich gehe auch nicht davon aus, dass er es aktiv eingefordert hat, sondern dass es "selbstverständliche" Praxis war/ist. Anders kann ich mir bspw. nicht erklären, dass selbst die dreistesten Diebe NICHT exemplarisch bestraft wurden... da gibts einfach durch die Riege kein Unrechtsbewusstsein. Wer die Macht hat hat anspruch auf die Gewinne. Die Praxis sieht man doch in Russland überall, auch im Militär.

Peiresc

Zitat von: sailor am 24. Juni 2022, 10:56:23Unkenntnis der Materie
Das halte ich für unwahrscheinlich, soweit es die NYT betrifft. Sie wissen schon genau, was sie schreiben wollen. Im Amerika-Faden haben wir mehrere Beispiele dafür.

sailor

Sicher? Warum WILL man denn dann die Lage im Osten ggü. den Erfolgen im Süden pushen? Die Unwissenheit beziehe ich jetzt explizit auf militärische Themen.

Peiresc

Zitat von: sailor am 24. Juni 2022, 17:40:20Sicher?
Okay, denke nicht an Bosheit, wenn Blödheit als Erklärung reicht, aber wenn ich als Hobby-Zeitungsleser in der Lage bin, die ökonomische "Meldung" als Unsinn zu erkennen (schließlich hat unser Faden so begonnen), dann bleibt nicht viel was anderes. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich die Journalisten einer der führenden Zeitungen der Welt keinen Sachverstand organisieren können, wenn sie selber keinen haben. Von Militär versteh ich nix, aber dass die keine Drähte zum Pentagon oder wenigstens sonstigen Kennern der Materie haben ...  :gruebel 

PeterPan

Es gibt vorläufige Daten zum Export nach Russland. Auch die Länder ohne Sanktionen gegenüber Russland haben die Exporte reduziert. Russland war nie der Markt und mit der Rezession geht auch der Handel zurück. Auch werden  Firmen eher die großen Handelspartner EU/USA bevorzugen  und versuchen das Politische zu ignorieren.




Peiresc

Microsoft und Cisco verlassen Russland. Besser, Dein Router geht nicht kaputt:
ZitatAuf den ersten Blick gibt es in Russland einheimische Hersteller von Geräten für Kommunikationsnetze. Beispielsweise werden Switches und Router, wenn auch von niedrigerer Klasse, von Polygon Research and Production Enterprise JSC (Ufa) und ELTEX Enterprise LLC (Novosibirsk) hergestellt. Ihre Produkte haben den Status von Telekommunikationsgeräten heimischen Ursprungs (TORP), der vom Ministerium für Industrie und Handel vergeben wird. Aber das Problem ist, dass das ,,Herz" dieser Geräte – Mikroprozessoren – allesamt in Amerika hergestellt werden. So verwenden ELTEX-Router Broadcom-Prozessoren und Switches verwenden Marvell Technology Group-Prozessoren. NPP Polygon verwendet Freescale Semiconductor-Prozessoren (ebenfalls aus den USA) in Routern. Ein anderer russischer Anbieter, LLC T8, der Datenübertragungsgeräte für Glasfaser-Kommunikationsnetze herstellt, installiert Intel-Prozessoren darin.

Es ist unmöglich, sofort mit der Produktion solcher Prozessoren in Russland zu beginnen: Dies erfordert eine Halbleiterproduktion mit einem technologischen Prozess von 45 Nanometern (nm), 28 nm oder weniger. Die besten Fabriken in der Russischen Föderation sind in der Lage, Chips mit Designstandards von 180 nm und 90 nm herzustellen. Der Übergang zu 45-nm- oder weniger Technologien erfordert mehrere zehn Milliarden Dollar sowie den Zugang zu Spezialausrüstung und Know-how, die normalerweise in westlichen Ländern vorhanden sind. Von der russischen Regierung legalisierte Parallelimporte werden bei der Produktion von Prozessoren kaum helfen: Hightech-Chips werden nicht in großen Mengen auf den Märkten verkauft, und jeder Anbieter wird zuerst eine Frage nach dem endgültigen Adressaten stellen.

Vielleicht ist der einzige Ausweg unter den gegenwärtigen Bedingungen der Import gebrauchter Cisco- und Juniper-Geräte nach Russland, da der Markt für solche gebrauchten Geräte groß ist. Allerdings ist der Import eines solchen ,,Eisens" nur die halbe Miete: Ohne spezielle Software bleibt es ein Eisenhaufen. Wenn Sie versuchen, importierte Geräte in Russland zu aktivieren, blockiert die Software diese Aktion möglicherweise. Daher müssen Lieferanten entweder Geräte in Nachbarländern (z. B. in Kasachstan) aktivieren oder sich an Software-Hacking beteiligen.
https://iz.ru/1354693/leonid-konik/chip-pochem
Ich muss mal suchen, vielleicht finde ich ein noch ein altes 300-Baud-Modem, das nicht unter die Sanktionen fällt, das könnte ich anonym spenden.
Was Microsoft angeht: alles nicht so wild. Der Privatmann kann ja auf OpenOffice umsteigen. Zum Betriebssystem hält sich der Artikel eher bedeckt.

RPGNo1

Zitat von: Peiresc am 27. Juni 2022, 16:32:39Ich muss mal suchen, vielleicht finde ich ein noch ein altes 300-Baud-Modem, das nicht unter die Sanktionen fällt, das könnte ich anonym spenden.
Was Microsoft angeht: alles nicht so wild. Der Privatmann kann ja auf OpenOffice umsteigen. Zum Betriebssystem hält sich der Artikel eher bedeckt.

Na, dann greifen die Bewohner Russlands einfach wieder auf das gute alte analoge Wählscheibentelefon zurück, wenn es mit Router und Internet nichts mehr wird.

Bachblüte

Zitat von: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ukraine-russland-konflikt-blog-100.html21:59 Uhr
Rubel erklimmt trotz russischen Zahlungsausfalls Sieben-Jahres-Hoch

Unbeeindruckt vom russischen Zahlungsausfall Anfang der Woche hat die Landeswährung Rubel ein neues Hoch gegenüber den Leitwährungen Dollar und Euro erklommen. "Der Dollar kostet das erste Mal seit dem 28. Mai 2015 weniger als 52 Rubel. Der Euro kostet erstmals seit dem 26. Mai 2015 weniger als 55 Rubel", teilt die Nachrichtenagentur Interfax nach Schließung der Moskauer Börse mit. Als Grund für die Rubelstärke führen die Währungsexperten der Agentur die bevorstehenden Steuerzahlungen in Russland und den hohen Ölpreis an.

Nachdem der Rubel kurz nach Beginn des von Kremlchef Wladimir Putin befohlenen Angriffskriegs noch deutlich einbrach, ist er nun seit Monaten auf Erholungskurs und hat inzwischen den doppelten Wert seines Tiefstands erreicht.

Peiresc

Zitat von: Bachblüte am 28. Juni 2022, 21:50:50
ZitatDer Euro kostet erstmals seit dem 26. Mai 2015 weniger als 55 Rubel", teilt die Nachrichtenagentur Interfax nach Schließung der Moskauer Börse mit. Als Grund für die Rubelstärke führen die Währungsexperten der Agentur die bevorstehenden Steuerzahlungen in Russland und den hohen Ölpreis an.

Aber die Russen selber scheinen nicht so begeistert zu sein. Meldung von heute auf Iswestija:
ZitatAm 20. Juni kündigte der erste stellvertretende russische Ministerpräsident Andrey Belousov an, dass Russland daran arbeite, den Rubel wieder auf ein optimales Niveau von 70-80 Rubel pro Dollar zu bringen. Seiner Meinung nach sollte dies so schnell wie möglich geschehen, aber dies werde durch "Einschränkungen durch die Inflation und Einschränkungen durch die Kanäle der steigenden Binnennachfrage" behindert.
https://iz.ru/1356668/2022-06-28/kurs-evro-na-mosbirzhe-opustilsia-nizhe-55-rublei-vpervye-s-maia-2015-goda
Was er genau meint mit den Schwierigkeiten, ist mir nicht so klar, aber sie scheinen weniger in shock and awe zu sein als die deutschen Schournalisten.

Peiresc

Zitat von: Peiresc am 19. Juni 2022, 21:56:01über den Zeitrahmen hat er nichts gesagt

... eine übertriebene Eile mit der Neuerfindung des Airbags ist auch nicht vonnöten:
ZitatAutomobile manufacturing in Russia (thousands)
Dec 2021: 126,0
Jan 2022: 95,1
Feb 2022: 108,0
Mar 2022: 40,9
Apr 2022: 19,9
May 2022: 3,7
Out of 24 plants operational before February 24, only two left.

Natürlich wurde gefragt, "Quelle?",

Zitat1/ New statistics out on Russian economy!
Just when you want to turn off your computer.
https://rosstat.gov.ru/compendium/document/50801

2/ Some data points: May 22 vs May 21
Cars: -96.7% (3,700 cars)
Trucks: -39.3%
ICE motors: -57%
Pass. train wagons: -59.8%
Freight wagons: -51.8%
Fiberglass cables: -80.8%
Fridges: -58.1%
Washing machines: -59.2%
AC electric motors: -49.9%
Elevators: -34.7%
Excavators: -60%
https://twitter.com/jakluge/status/1542220135305564160
Es kommen noch zahlreiche Diagramme.

ZitatAntwort an @jakluge:
Elevators aren't really a useful data point here as you would expect them to go up and down
:D

Janis Kluge weist darauf hin, dass nicht die gesamte Industrie im Niedergang ist. Er hat noch ein PS:
ZitatPS: Yes, I selected negative data on purpose, but these are important categories. On the bright side:
Tractors: +35.1%
Russland ist lernfähig. Die Rüstungsindustrie brummt  8)

Bratmaxe

Was ist von diesem Arikel zu halten? Stimmen seine Kernaussagen?

ZitatRussland gewinnt den Wirtschaftskrieg
...
In den ersten vier Monaten dieses Jahres konnte Putin einen Leistungsbilanzüberschuss von 96 Milliarden Dollar (90,7 Milliarden Euro) verbuchen – mehr als das Dreifache im gleichen Zeitraum 2021.
...
Derweil hat Russland keine Schwierigkeiten, alternative Märkte für seine Energie zu finden. Die Öl- und Gas-Exporte nach China im April etwa erhöhen sich jährlich um mehr als 50 Prozent.
...
Von Anfang spielte der russische Präsident auf lange Hand und wartete darauf, dass sich die internationale Koalition gegen ihn aufspaltet. Der Kreml ist überzeugt, dass Russlands wirtschaftliche Schmerzgrenze höher liegt als die des Westens. Und wahrscheinlich ist das richtig.
https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/sanktionen-russland-gewinnt-den-wirtschaftskrieg?fbclid=IwAR0VJ2yXODK11LD8PIvJ1MaMnTL_IGIbe5Vk2IK1PLnh0xJmPXC2CrNoPX0

Peiresc

Zitat von: Max P am 01. Juli 2022, 20:10:55Was ist von diesem Arikel zu halten? Stimmen seine Kernaussagen?

ZitatIn den ersten vier Monaten dieses Jahres konnte Putin einen Leistungsbilanzüberschuss von 96 Milliarden Dollar (90,7 Milliarden Euro) verbuchen

Ich sag mal so, so als Nichtökonom: wenn ich vor einem Jahr ins Koma gefallen wäre und gerade aufgewacht, dann wäre ich von dieser Zeile schwer verwundert. Als allererstes würde ich denken: was Verrücktes ist denn da passiert, und wieso sollte das was Tolles gewesen sein? Das Ziel jeder Volkswirtschaft ist die ausgeglichene Leistungsbilanz.

Bachblüte

Zitat von: Peiresc am 01. Juli 2022, 20:49:58Das Ziel jeder Volkswirtschaft ist die ausgeglichene Leistungsbilanz.

Da steht aber, "konnte Putin einen Leistungsbilanzüberschuss verbuchen". Ich befürchte, der hat andere Ziele.

Möge er an seinem Geld ersticken.

sailor

Eine derart positive Leistungsbilanz hätte für jedes "normal an der Weltwirtschaft teilnehmende Land" erhebliche Folgen und Risiken. Man muss nur mal den "Exportweltmeister" Deutschland betrachten oder Japan... man kann damit sein Land aus dem "Dreck" ziehen, aber dabei kommt es auf die Reinvestition des Leistungsüberschusses an. russland weist seit Jahren Überschüsse aus, hat aber nicht richtig reinvestiert, womit es ohne den Export von Öl und Gas und anderen Rohstoffen einerseits abhängig von der Nachfrage ist und andererseits auf den Import von Industrieprodukten zur Aufrechterhaltung der Rohstoffförderung angewiesen ist.

Ich hab mal nachgeschaut, der Ölimport nach Schwedt aus russland betrug bis zu 22 mio t jährlich (ich nehme das als Maximalkapazität an). Das sind 160,6 mio Barrel p.a. und damit 440.000 Barrel täglich! Zwar kann ein ultra large crude carrier (Ultratanker) 2 mio Barrels transportieren, aber es wäre alle 4 Tage so ein Tanker nötig, um diese Menge zu bringen. Die Pipeline aus russland vereinfacht damit ein ansonsten extremes Transportproblem. Nun hat russland seine Lieferungen/Lieferzusagen an Indien auf fast 1 mio Barrel pro Tag gesteigert, kann aber gleichzeitig auf weniger Charterkapazitäten bei den Tankern zurückgreifen. Ich hab mal geschaut und bin auf Sovcomflot gestoßen, eine russische Reederei, welche 2008 auf Platz 19 der größten Tankerbetreiber war. Die haben nach eigenen Angaben 120 Tanker... schaut man genauer hin findet man bspw. den Großtanker SCF Shanghai NICHT mehr unter diesem Namen, heisst jetzt Twin Pollux und hat die letzten 2 Jahre keine russischen Häfen angelaufen... Auch heißt es bei wiki:

ZitatOn March 24, 2022, the United Kingdom imposed sanctions on Sovcomflot in response to the 2022 Russian invasion of Ukraine. Sovcomflot has also been sanctioned by Canada and the United States has prohibited Sovcomflot from raising funds on American capital markets.[7] The American sanctions made it very difficult for Sovcomflot to get insurance for its vessels and cargoes. This has led many Asian customers to cancel orders for Sokol, one of three main export-grade crude oils sold by Russia.[8]

On May 5, 2022, Lloyds List reported that Sovcomflot intended to sell up to a third of its fleet in order to generate cash to pay off creditors. Sovcomflot called the report "exaggerated" and "rumours", and said it was merely selling off old facilities and vessels.

Ich glaube nicht, dass die Lieferverträge von Russland eingehalten werden können, zumindest nicht ohne massive Transportkosten.


RPGNo1

@Max P

Dass Putin in den letzten Monaten viel Geld eingenommen hat, ist nun nicht Neues. Sein Problem: Er kann es nicht im Westen ausgeben. Und aus dem Westen stammt fast die gesammte Technologie, die seine Industrie am Laufen hält. Es gibt praktisch keine "alternativen Bezugsquellen", wie Elliot behauptet.

Noch eines: Wenn es für Putins Wirtschaft so gut läuft, warum kommen in den letzten Wochen immer schrillere Töne aus dem Kreml, die eine Aufhebung der Sanktionen fordern? Da beißt sich doch die Katze in den Schwanz.

ZitatIm Gegenteil: Die Sanktionen zielen darauf ab, Russlands Wirtschaft langfristig einzuschränken und vom Weltmarkt zu isolieren. Russische Firmen sind komplett von der westlichen Welt ausgeschlossen, auch die Geldflüsse zwischen dem Westen und Russland sind zum größten Teil versiegt.

https://www.t-online.de/finanzen/unternehmen-verbraucher/id_92345322/trotz-sanktionen-russlands-rubel-ist-stark-die-wirtschaft-nicht.html