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Autor Thema: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert  (Gelesen 6610 mal)

Daudieck

  • Gast
Diesem Wahlspruch folgend leiste ich mir bei Psiram noch ein paar renitente Schlussbemerkungen:

Es gibt Probleme, die nicht wirklich Probleme sind, sondern normale Erscheinungen, wie etwa der biologische Lebensbogen – es gibt Probleme, die sich nicht ändern lassen, wie etwa die Tatsache, dass es hier im Winter kalt wird – es gibt Probleme, die nur nicht gelöst werden, weil der Mensch sie ignoriert, wie etwa die Vervierfachung der Weltbevölkerung in den letzten 100 Jahren und die Gefährdung der Natur – es gibt Probleme, die den Menschen fälschlich als lösbar vermittelt werden, wie etwa die Volksgesundheit – es gibt Probleme, die systematisch verschwiegen werden, wie etwa der natürliche Anspruch des Menschen auf Erfüllung seiner wahren Bedürfnisse.

Viele Probleme erwachsen in ihrer Formulierung als Gegenreaktionen auf anfänglich konsensuale Sachverhalte. Zum Beispiel war noch vor 50 Jahren der Klimawandel praktisch unbekannt, er ist ein „sehr junges“ Problem, doch mit seiner Ausbreitung im Massenbewusstsein kam es schnell zu einer Lagerbildung in Bejaher und Ablehner. Das überrascht nicht, weil Denken gleichzeitig dualistisch und antagonistisch angelegt ist. In Rede und Gegenrede formt sich die kollektive Meinungsbildung vermeintlich ideal. Individuell macht das Prinzip die meisten Menschen zu Trivialdialektikern, was allerdings leicht in einen pauschalen Hang zur Infragestellung von allem Möglichen ausarten kann. Die Tendenz, ein Problem sofort zu polarisieren anstatt sich in ihm zu orientieren, führt oft zu dem Fehlschluss, es so am effektivsten einer Lösung näher zu bringen. Wenn aber das „Lass uns darüber reden“ zum „Lass uns alles zerreden“ wird, dann ist nichts gewonnen, und die Menschen werden erst recht konfus.

Wer versteht die Klimaproblematik umfassend? 200 Professoren? - dazu 2.000 Studenten? - weltweit vielleicht 20.000 Fachleute? Vermutlich sind es eher weniger. Der Rest der Menschheit kann bei dem Problem nicht seriös mitreden, oder nur unter der Voraussetzung, dass es allgemein verständlich aufbereitet wurde. Doch schon die Aufbereitung birgt neue Konflikte in sich, die Wissenschaftler fangen an zu streiten und sprechen sich gegenseitig die Kompetenz ab, es kommt zu einem Tohuwabohu, und am Ende steht der schlichte Zeitgenosse ohne blassen Schimmer da.

Wie war das noch genau mit dem Euro?... ich meine, mit diesen Rettungsschirmen, mit dem ESM, mit der EFSF, mit der Transferunion, mit der EZB, mit dem IWF, mit den Haircuts und neuerdings mit den Sixpacks? Wie gut, dass Sie über alles Bescheid wissen, auch über die verschiedenen Geldmengen, über die volkswirtschaftlichen Bilanzen und so weiter - ich muss da passen, obwohl mir das Börsenparkett von früher noch vertraut ist. Wer mit Derivaten handelt, ist deshalb noch kein menschliches Derivat, und ein freundlicher Vermögensberater der norddeutschen Fensterbank bleibt ein ehrbarer Bürger, selbst wenn er einem Normalverdiener eine Viertelmillion Kredit aufschwatzt, für ein Eigenheim, für das er schließlich eine halbe Million bezahlen muss.

Wenn die Menschen nicht mehr mithalten können, dann muss das was sie immer schneller und weiter überholt langsamer werden oder im Extremfall sogar anhalten, es muss sich ihnen jedenfalls auf eine geeignete Weise anpassen – die Priorität ist eindeutig, denn wem käme sonst das Überholen zugute? Die Naturwissenschaften bleiben fraglos faszinierend, doch man darf über ihre folgenreiche Zwiespältigkeit nicht hinweg sehen: Sie sind nicht nur ein Raum der Wissenserweiterung, nicht nur ein Motor des Fortschritts, sie sind auch eine Maschinerie zur Entwertung des Menschen, die umso bedenkenloser zum Einsatz kommt, je mehr Menschen existieren.

Die Menschheitsbeglücker und Weltordnungsverwurster kennen ihre Feinde, allerdings meist nur vom Hörensagen – da wäre zunächst der Kapitalismus, der kaum ein fassbares Feindbild abgeben kann, weil er ein kompliziertes System von Rahmenbedingungen darstellt, vor allem ökonomische, aber auch allgemein gesellschaftliche und historische. Gleich hinter der Struktur des Kapitalismus rangieren seine große Eigendynamik und sein außerordentliches Beharrungsvermögen, von dem auch perspektivisch auszugehen ist. Den Kapitalismus kann man nur nachhaltig modifizieren - ihn zu eliminieren, entspricht einem Wunschtraum, der bereits bei dem Versuch seiner Verwirklichung in einem Albtraum enden würde. Viele, besonders die jungen Kapitalismuskritiker wissen nicht um den apersonalen Charakter des Kapitalismus, sie erahnen ihn jedoch, sie fürchten sich geradezu davor und nehmen deshalb Zuflucht zu geheimen Zirkeln, in denen sich die Verantwortlichen für das kapitalistische System angeblich verbergen – natürlich sind da die Rothschilds, die Rockefellers und wie sie alle heißen, natürlich spuken die Illuminaten, die Freimaurer und Endzeitversessene herum, natürlich gibt es geschäftstüchtige Juden, so wie es geschäftstüchtige Deutsche, Russen, Araber, Argentinier und Chinesen gibt... aber sie alle sind Profiteure des Systems, und nicht seine Konstrukteure oder gar seine okkulten Bewahrer. Auch die berüchtigte Federal Reserve Bank allein ist weit davon entfernt, eine Art Garant des Kapitalismus zu sein, selbst der Dollar kann diese Garantie als Leitwährung nicht leisten, nicht einmal im Ansatz, das wäre eine naive Illusion. Man muss also mit dem Kapitalismus leben – wie, das ist eine andere Frage.

Doch Kapitalismus muss nicht zwangsweise Imperialismus und globale ökonomische Quasi-Anarchie bedeuten – das was die Angloamerikaner zusammen mit den folgsamen Europäern da gegenwärtig betreiben zeichnet sich hauptsächlich durch Planlosigkeit und durch Aggressivität aus. So schafft man weder ein bessere Welt noch löst man Probleme. Diese Erkenntnis führt – leider – direkt zu 9/11: Verschwörungstheorien hin oder her, egal ob Truther oder Debunker: Die Anschläge sind ein Pfahl im Fleische der USA. Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass der internationale Ruf der Vereinigten Staaten heute so schlecht ist wie noch nie zuvor – und der zentrale Ausgangspunkt dieses fatalen Imageverfalls war der 11. September 2001. Von diesem Tag an ging es steil bergab. Da Amerikaner müssen sich besinnen, um wieder Anerkennung zurück zu gewinnen, sie brauchen dafür eine Zäsur in ihrem Denken, Drohnen helfen überhaupt nicht weiter. 

                 

pelacani

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #1 am: 08. Mai 2015, 00:00:43 »
Was denn, bist Du schon fertig? Das kann doch nur die Präambel gewesen sein.

ly_schwatzmaul

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #2 am: 08. Mai 2015, 00:00:49 »
Wie wahr (also jetzt der Titel des Freds). Schönes Schlusswort und jetzt mach bitte Deine Ankündigung wahr und drück den Löschbutton.

Sauropode

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #3 am: 08. Mai 2015, 00:03:52 »
Zitat
Da Amerikaner müssen sich besinnen, um wieder Anerkennung zurück zu gewinnen, sie brauchen dafür eine Zäsur in ihrem Denken, Drohnen helfen überhaupt nicht weiter. 

Am besten, Du sagst das mal dem Obama. Der wird total betroffen sein. Und Dich fragen, was er machen soll.
Die schlimmste Idee ist die einer besseren Welt.

Groucho, Du fehlst!

Lotophage

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #4 am: 08. Mai 2015, 00:15:08 »
Amen.
____________________________

How can we win when fools can be kings

eLender

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #5 am: 08. Mai 2015, 00:31:17 »
Zitat
Es gibt Probleme, die nicht wirklich Probleme sind...

Stimmt. Etwa das Dilemma, dass 9/11 ein Inside-Job gewesen sein soll. Da wird dann ein Verschwörungswahn konstruiert, an dem man sich abarbeiten kann und sich nicht mit den echten Problemen der Menschheit aufhalten muss. Dann müsste man sich ja dummerweise auch mal an die eigene Nase fassen. Das kann der Truther nicht. Böse sind immer nur die anderen. Gut, bei Putin kann man ja mal eine Ausnahme machen.
Wollte ich nur mal gesagt haben!

Truhe

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  • Die Vielfüßige
Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #6 am: 08. Mai 2015, 00:54:40 »
Nach dem dritten Strohmann: tl;dnr

Maxi

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #7 am: 08. Mai 2015, 01:25:47 »
Die Rothschilds und Rockefellers sind bestimmt nicht Schuld daran, dass du nicht klarkommst. Aber schön für dich, dass du es dir so fein zurechtlügen kannst. Ist gut für die Psyche.
Wenn es nicht Absicht ist, ist es doch System.
Dr. Ici Wenn selig

MrSpock

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #8 am: 08. Mai 2015, 10:55:51 »
Es gibt ein paar gute psychiatrische Einrichtungen, die können sich Deiner ungelösten Probleme bestimmt annehmen.
Von allen Seelen, die mir begegnet sind auf meinen Reisen, war seine die menschlichste. (In Memoriam Groucho)

Zitat aus Star Trek II.

Omikronn

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #9 am: 08. Mai 2015, 13:47:33 »
@Daudiek: :taetschel: Schön hast du das geschrieben, wir sind alle gerührt.
Don't try to argue with idiots, first they tear you down to their level, then they beat you with their experience.

piccolino

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #10 am: 08. Mai 2015, 14:22:06 »
Im Winter wird es kalt, hm, ja stimmt, und das ist kein Problem.  Vielleicht doch, also jetzt nicht für Dich oder mich oder andere Menschen mit Zentralheizung in der Bude. Für Obdachlose möglicherweise schon, oder für manche Tiere könnte das auch ein Problem sein. Es kommt irgendwie auf den Standpunkt an, also, wenn wir das so angehen, dann bitte auch richtig.

Aber bald wirds im Winter vielleicht mit mehr kalt, dank globaler Erderwärmung., DAS widerum wäre dann vielleicht auch wieder ein Problem, oder auch nicht, wer weiß das schon. Aber da hab ich jetzt als Hobby-Meteorologin vermutlich auch gar nicht die nötige Kompetenz um überhaupt seriös mitreden zu können.

Fragen über Fragen auf die "die Menschen" alle keine Antwort haben. Es ist schon echt übel wenn man unter Grübelzwang leidet, man denkt, und fragt und grübelt und kommt doch nie zu Potte.

Ein guter Psychiater könnte hier vielleicht helfen, allerdings hat man eine sehr lange Wartezeit, wegen des Psychiatermangels, bis man da einen Termin bekommt.

Möglicherweise könnte es ja schon mal helfen, wenn man sich ein nettes Hobby (am besten eines bei dem man so weit weg vom Internet ist wie nur möglich) zulegt, z.b. Briefmarken sammeln, Fotografieren, Seidenmalerei , Ausdruckstanz, oder besonders spirituell, Origami falten.

MrSpock

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #11 am: 08. Mai 2015, 14:56:10 »
Ich empfehle ein freies Improvisations-Tanztheater als Hobby.
Von allen Seelen, die mir begegnet sind auf meinen Reisen, war seine die menschlichste. (In Memoriam Groucho)

Zitat aus Star Trek II.

Daudieck

  • Gast
Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #12 am: 08. Mai 2015, 16:30:17 »
Zitat Omikronn: „Schön hast du das geschrieben, wir sind alle gerührt.“

Nicht nur ihr, auch ich. Lob macht mich immer ganz verlegen, ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll, ich lass es lieber... oder doch nicht - zur Belohnung widme ich dir, Omikronn, eines meiner spontanen Text-Meisterwerke und gebe dir damit einen exklusiven Einblick in meine Innenwelt: Ich lebe in einem idiotenroten Adergelass, füttere den Lokuspokus mit vorgekautem Prominentenfutter und steck Minutenschmalz in den Türschlitz, dass die Zeit nicht reinzieht. Der hab ich in die Uhrplautze getreten, auf dem Hausflur mit drei Buchstaben winselt sie um ihre Stunden und reihert Sekunden in den Stuhlfahrschacht. Da, über Schleimspuren aus Weggeticktem fallen die ersten Fälle in die lausigen Yachtpfründe, lüpfen ihre Nachthemden zu Knallschirmen und plumpsen in Mariannes Ahnengraben. Dunkelheit soweit gescheit ist leichenkäseweiß geschneit, doch ich locke den Spion aus der Türfüllung, trete ihm die Optik aus, du fiese Lauermaus, schrei ich wär der dritte Mann, mach trüfflig Marianne an, schrei sie anner: „Morituri Tee an der Wand!“ Sie ulkt mich platt wie ein Abziehbild, förderbändelt mich hingeblättert in ihr verdärmtes Gekröse, in ihr verhärmtes Gedöse, wie grüner Dönerschimmel hoppelt ihr Mundgeroch in mein Nusenloch, und ich schreie: „Brrh, brrh!“

Belbo

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  • Owl
Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #13 am: 08. Mai 2015, 16:38:36 »
...ist mir zu lang ist aber bestimmt wieder total originell.
What Skyway promises is not realizable, what Skyway can realize is not saleable.

Typee

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Re: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert
« Antwort #14 am: 08. Mai 2015, 16:39:09 »
Können wir das in die Galerie der sinnbefreitesten Posts aufnehmen?
Damals starben die Menschen früher, aber gesünder.