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Autor Thema: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik  (Gelesen 14974 mal)

F. A. Mesmer

  • Gast
Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« am: 10. Mai 2014, 16:52:54 »
Nachdem das Thema Antipsychiatrie/Psychiatriekritik hier schon öfters angesprochen wurde, zuletzt im Faden @Stimmviechs Thesen zur Sinnlosigkeit der Forensik. Der Faden wurde völlig zu unrecht in den SPAM geschoben, zumindest gemessen am Diskussionsverlauf, -niveau und angeblicher Widerholungen des Fadens im Vergleich zu anderen Themen, etwa denen zu Perpetuum-Mobile-Erfindern.
Der Fall Gustl Mollath wurde/wird hier (Neues zu Mollath), hier (Hofberichterstattung bei der Süddeutschen) und hier (causa "Mollath" - quam causa? ) angesprochen. In diesem Umfeld entstand auch der Faden Gabriele Wolff zum Korpsgeist der Psychiater.

Gert Postel wurde, soweit ich das hier überprüfen konnte, nur beiläufig diskutiert, gleichwohl ist wirft er ein fundamentales Schlaglicht auf Psychiatrie in D. Seine Kritik vermarktet er geschickt und nicht gerade wirkungsschwach, auch wenn mit viel Ignoranz versucht wird, sein Wirken verschallen zu lassen. Das Postel offensichtlich nicht für seine Gutachtertätigkeit oder ähnliches belangt werden konnte, also keine fachlichen Fehler nachweisbar waren, sondern lediglich relativ formale Verbrechen (Urkundenfälschung, Betrug und Titelmissbrauch) und auch diejenigen, denen er die Facharztprüfung abnahm, diese nicht wiederholen mussten, sind doch diskussionswürdige Details.

Schaut man sich an, wie hier bisher der generelle Tenor zum Thema Psychiatriekritik/Antipsychiatrie war, kann man gut von vornehmer Ignoranz einerseits und Lächerlichmachen (Psychiatrie umbenennen!) andererseits sprechen.
Da wird im wiki-Artikel auf Spinner wie Scientology verwiesen, deren Gründer-Spinner und die Esoterik-Ecke verwiesen. Schön und gut, diese Kritiker/Gegner gibt es auch. An anderer Stelle wird auf Verschwörungstheorie-Verwirrte wie die Antipsychiatrie bei NEXUS verwiesen, eben wieder Spinner, ebenso die Ritaln-Gegner:

Auch mal spannend:
Ritalinkritik und antipsychiatrisch motivierte Verschwörungstheorie in einem Forum der Piratenpartei

http://forum.piratenpartei.de/viewtopic.php?f=150&t=14753&start=30

Einer vertritt und verlinkt hier ganz munter zu Scio-Seiten.
Zitat
Hallo Detlef,

wir schleichen hier um den heißen Brei, der Psychiatrie heißt und den niemand beim Namen nennen will.

Die CDU und die SPD halten sich heraus. Die FDP sieht den Wirtschaftsfaktor, die Grünen und die Linken haben versprochen, "Die Geschlossene" abzuschaffen, dann aber ganz schnell ihr Versprechen "vergessen".

Scientology streitet ab, daß Psychiatry etwas mit Medizin oder Wissenschaft zu tun hat. Die LaRouche Bewegung (EAP, BÜSO) wird von der Psychiatrie gesponsort. Außer in diesem Punkt fällt es mir schwer die beiden Sekten auseinander zu halten. Die Opfer sehen gleich aus.

Die UNO hat "Die Geschlossene" verboten, unsere Obrigkeit hält sich eher wiederwillig und nur wenn wir uns anwaltlich absichern, daran.

Es gibt einen Verein der Psychiatrie Opfer

http://www.psychiatrieopfer.de/

http://www.bpe-online.de/

Aus Rechtsgründen hat Google 2 Ergebnis(se) von dieser Seite entfernt. Es lohn sich also in einer anderen Sprache als Deutsch zu googeln.
Heißt auch, dies ist ein so heißes Thema, daß es zensiert und unterdrückt wird.

Deutschlands einziger Lehrstuhl für Wahnsinn, an der Freien in Berlin, kämpft gegen Mobbing durch den Rest der Uni:

http://www.irrenoffensive.de/

Dort erfahren wir auch, wie wir uns vor der Zwangseinweisung schützen können.

Der Briefträger und Hobby-Hochstabler Gert Postell hat anschaulich gezeigt, daß die Psychiatrie von einer Bande von Hochstablern geleitet wird.

http://www.focus.de/wissen/wissenschaft ... 23648.html

http://www.gert-postel.de/

Ich empfehle sehr das Interview mit dem Hessischen Rundfunk und dann die anderen Interviews.

Wer sich die Links antut, oder selber mit Betroffen spricht, wird zum Schluß kommen, daß die Psychiatrie der verlängerte Arm der Obrigkeit ist, daß dort Folter praktiziert wird und der ganze Verein durch legalisierten Drogenhandel finanziert wird.

Verschwörungstheorie?

Aber warum gibt es uns Piraten denn? Ist der Scheubel auch nur Verschwörungstheorie?

Wer jetzt Rente kriegt, weil die PSAG ihm geholfen hat, ist in einer dummen Situation - nicht alles Schlechte ist und nicht alles Gute ist notwendigerweise schlecht.

Liebe Grüße von
Peter und Karin

Die Ansprache dieses Themas hier, und sei es auch nur unter historischer Perspektive (Psychiatriemissbrauch in der DDR), verläuft ausgesprochen unbefriedigend: Wenn bei spitzfindiger Diskussion über das Systematische von systematischem Psychiatriemissbrauch verhandelt wird, wo es sich doch offensichtlich um Einzelfälle handelt, könnte den sprachlich interessierte Leser aufmerken und nachdenken lassen.

In diesem Sinne:
Sie: Was haben wir den für ein Problem? Legen Sie schon ab. Der Herr Doktor kommt gleich zu Ihnen
Sie geht.
Er betritt den Raum.
Er: Was haben wir den für ein Problem?

pelacani

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #1 am: 10. Mai 2014, 19:02:03 »
Seine Kritik vermarktet er geschickt und nicht gerade wirkungsschwach,
Das muss ihm der blasse Neid zugestehen.

Zitat
Das Postel offensichtlich nicht für seine Gutachtertätigkeit oder ähnliches belangt werden konnte, also keine fachlichen Fehler nachweisbar waren, sondern lediglich relativ formale Verbrechen (Urkundenfälschung, Betrug und Titelmissbrauch) und auch diejenigen, denen er die Facharztprüfung abnahm, diese nicht wiederholen mussten, sind doch diskussionswürdige Details.
Das hat mich schon immer interessiert. Gibt es da verlässliche Belege?

Plausibel wäre es vielleicht, dass die sächsische Justiz und die sächsische Landesärztekammer kein gesteigertes Interesse haben, diese Peinlichkeiten nun auch noch langwierig und öffentlichkeitswirksam aufzubereiten. Aber ich hätte keine klare Vorstellung, was wohl dabei herauskommen würde. Wäre ich „postel-geprüfter“ Facharzt, würde ich selbstverständlich gegen eine Aberkennung meines Titels klagen – und schon läge der Ball wieder im Feld der Kammer. Außerdem wird Postel ja wohl kaum die Facharztprüfung allein abgenommen haben.

Zitat
Schaut man sich an, wie hier bisher der generelle Tenor zum Thema Psychiatriekritik/Antipsychiatrie war, kann man gut von vornehmer Ignoranz einerseits
Würdest Du mir bitte aus der Psiram-Satzung noch einmal den Passus vorlesen, in dem die Foristen verpflichtet werden, sich die Antipsychiatrie anzutun? Ich finde meine gerade nicht. 

Zitat
und Lächerlichmachen (Psychiatrie umbenennen!) andererseits sprechen.
Es war doch nun genügend Zeit für Dich, der Lächerlichkeit mit Deinen Einsichten in das knirschende Psychiatrie-Getriebe abzuhelfen.

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #2 am: 11. Mai 2014, 10:04:47 »
Zitat
Das hat mich schon immer interessiert. Gibt es da verlässliche Belege?
Die zwei Postel-Urteile mit detaillierter Beschreibung seiner gutachterlichen Tätigkeit:


http://www.wernerschell.de/Aktuelles/FalscherPsychiatrieoberarzt.pdf

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Terry Pratchett

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #3 am: 11. Mai 2014, 11:21:09 »
Eine gute Diskussionsgrundlage wäre zB:
http://www.die-bpe.de/stellungnahme_narr_ts.html#7
Zitat
Grund- und menschenrechtlich fundamental gelten die Integrität (Deutsch: Unversehrtheit) und Selbstbestimmung des Menschen. Sie konstituieren im Wesentlichen seine Würde. Diese ist nach Satz 1 des 1. Artikels des Grundgesetzes zu einem Tabu erklärt worden. "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Darum bildet die Frage, ob und - wenn überhaupt - inwieweit Zwangszu- und eingriffe in Unterbringung und Behandlung psychisch kranker Menschen mit der freiheitlichen Verfassung des Grundgesetzes übereinstimmten, ein zentrales und komplexes Problem zugleich.
Allerdings bin ich selbst diskussionsmüde zu diesem Thema - vllt ändert sich das ja mal wieder.
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Terry Pratchett

pelacani

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #4 am: 11. Mai 2014, 12:12:30 »
Zitat
Das hat mich schon immer interessiert. Gibt es da verlässliche Belege?
Die zwei Postel-Urteile mit detaillierter Beschreibung seiner gutachterlichen Tätigkeit:


http://www.wernerschell.de/Aktuelles/FalscherPsychiatrieoberarzt.pdf
Ich kenne den Text. Das ist sicher noch die brauchbarste Quelle. Allerdings ist sie ganz offensichtlich redigiert, und sie kann wohl nur mit Einverständnis - oder auf Betreiben - von Postel selbst ins Netz gelangt sein. Wahrscheinlich deshalb, weil sie zeigt, was er für ein toller Hecht war/ist. Jemandem, der in der Lage ist, Urkunden zu fälschen, wird man auch die eine oder andere Fingerübung zutrauen. Es wird aber auch deutlich, dass nicht immer alles glatt gegangen ist.

Meine eigentliche Frage nach dem Beleg für eine amtliche Reaktion oder Nicht-Reaktion bezgl. der Gutachten und der Facharztprüfungen (die hier nach meiner Erinnerung überhaupt nicht berührt sind, wie viele waren es eigentlich?) beantwortet diese Quelle natürlich nicht.

F. A. Mesmer

  • Gast
Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #5 am: 11. Mai 2014, 14:11:48 »
Zitat
Das hat mich schon immer interessiert. Gibt es da verlässliche Belege?
Die zwei Postel-Urteile mit detaillierter Beschreibung seiner gutachterlichen Tätigkeit:


http://www.wernerschell.de/Aktuelles/FalscherPsychiatrieoberarzt.pdf
Seite 93:
Zitat
In seiner Funktion als Oberarzt im Sächsischen Krankenhaus Zschadrass zeichnete er in insgesamt 17 Betreuungsverfahren zwischen dem 17.01.1996 und dem 06.06.1997 vom jeweiligen Gericht beim Sächsischen Krankenhaus Zschadrass in Auftrag gegebene Gutachten als "Dr. med. ...", in der Regel versehen mit dem Zusatz "Oberarzt" beziehungsweise "Oberarzt Abteilung Psychiatrie", gegen. Die Gutachten wurden jeweils nach Exploration der Betroffenen durch die zuständigen Assistenz- beziehungsweise Stationsärzte erstattet. Der Angeklagte unterzog die ihm vorgelegten Gutachten keiner Inhaltskontrolle.
Seite 96:
Zitat
2./3.
In den nachfolgend näher umschriebenen beiden Fällen erläuterte der Angeklagte, jeweils in der Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Leipzig, als über die strafrechtlichen Folgen einer wahrheitswidrigen Aussage zu seiner Person belehrter Sachverständige, bewusst wahrheitswidrig, er sei Arzt und führe den Doktortitel. Das glaubten ihm die jeweiligen Richter. In beiden Verfahren hatte er jeweils zuvor ein schriftliches forensisch psychiatrisches Gutachten erstellt, die er in der jeweiligen Hauptverhandlung näher wiedergab. Dabei handelte es sich um folgende Hauptverhandlungen:

ansonsten, falls wir einen Rechtsanwalt haben, ist ja ein öffentliches Verfahren:
Zitat
LG Leipzig 6. Strafkammer
Urteil vom 22. Januar 1999
Az: 6 KLs 100 Js 36182/97

pelacani

  • Gast
Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #6 am: 11. Mai 2014, 14:40:54 »
Das Postel offensichtlich nicht für seine Gutachtertätigkeit oder ähnliches belangt werden konnte, also keine fachlichen Fehler nachweisbar waren, sondern lediglich relativ formale Verbrechen (Urkundenfälschung, Betrug und Titelmissbrauch) und auch diejenigen, denen er die Facharztprüfung abnahm, diese nicht wiederholen mussten, sind doch diskussionswürdige Details.

Hierzu habe ich doch noch etwas gefunden
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7914416.html
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8541460.html

Zitat
Man war sich so einig. Immer wieder beteuerten Staatsanwalt, Verteidiger und sogar das Gericht, das Verfahren solle "entschlackt" werden, eine "weitere Belastung" sei zu vermeiden, es gehe um eine "Bereinigung der Anklage", um eine "Beseitigung von Nebenkriegsschauplätzen", um "Prozeßökonomie" und die "Beschleunigung des Verfahrens". Zur "Beschränkung auf das Wesentliche" wurde aufgerufen. Ein gewisser Tatbestand sauge ohnehin unzählige andere Tatbestände auf und so fort.

Gespräche zwischen den Verfahrensbeteiligten vor Beginn eines Strafprozesses sind sinnvoll. Die Verteidigung ist an solchen Gesprächen meist besonders interessiert, stößt jedoch häufig auf Widerstand. In Leipzig, im Strafverfahren gegen den Hochstapler Gert Postel, 40, konnte der Berliner Verteidiger Nicolas Becker jedoch schon zu Beginn des ersten Sitzungstages am vergangenen Mittwoch öffentlich mitteilen: "Es hat bereits eine Vorverständigung gegeben, das ist ja kein Geheimnis."

Und er fuhr fort: "Bei Vorbesprechungen über Verfahrensfragen sind wir mit der Staatsanwaltschaft und Teilen des Gerichts übereingekommen, daß das Verfahren hier nicht unnötig belastet wird." Die Verteidigung, zu der auch der Frankfurter Rechtsanwalt Jürgen Fischer gehörte, wünschte einen "Generalaufwasch" für ihren Mandanten. Und vor allem sollte das Strafmaß so niedrig wie möglich sein.

Zu den "Vorgesprächen" in Leipzig, dazu, daß man "übereingekommen" war, dürfte es nicht allein im Interesse der Verteidigung gekommen sein. Für die Justiz Sachsens ist der Oberarzt Dr. med. Postel nicht nur peinlich, er ist eine Katastrophe. Gerichte haben ihn, zum Teil aus nichtigen Gründen, als psychiatrischen Sachverständigen bestellt und honoriert. Sie haben nicht an ihm gezweifelt. Was wäre, hätte man sich nicht auf eine "Bereinigung der Anklage und der Beweismittel" und eine Beseitigung der "Nebenkriegsschauplätze" verständigt, alles zu hören gewesen.

Staatsanwalt Michael Dahms sprach einmal davon, als er sich gerade wieder um "Prozeßökonomie" bemühte, daß man andernfalls vielleicht sogar Justizpersonen vernehmen müßte, Richter also, oder, wenn denen die Erinnerung an den Sachverständigen Postel abhanden gekommen sein würde, gar Staatsanwälte und so weiter.

Die Anklage verzeichnete ursprünglich als Beweismittel 37 Zeugen, unter ihnen 17 Richter und Richterinnen, Staatsanwälte und Staatsanwältinnen und eine Rechtspflegerin. Sie mußten nicht vor die Öffentlichkeit treten und Rede und Antwort stehen. Das wollte man nicht. Zuletzt war in Leipzig von "Beweismittelbereinigung" die Rede.

Übrigens, ein nicht völlig unerheblicher Aspekt:
Zitat
Er platzt mit haarsträubenden Episoden nur so heraus: …Vom Colonialclub im Leipziger Paulaner, einem "ostfreien" Raum, in dem sich Westjuristen und ein paar Ärzte regelmäßig zu Schmähabenden treffen.
Nach dem Anschluss wurde die Ex-DDR von einem Haufen schwer vermittelbarer Ministerialbürokraten übernommen; wer mit Fachkenntnis reüssieren konnte, hatte es nicht nötig, in den Osten zu gehen. Ich sage nicht, dass es einfache Alternativen dazu gegeben hätte.

Es liegt mir nichts daran, Postel zu dämonisieren, aber er ist nicht schlicht im Umgang:
Zitat
… wie bitterböse der nette, offene Mann schon damals mit Frauen umging. Mit einer jungen Staatsanwältin etwa, die sich seiner Annäherung widersetzt hatte und die er deswegen bis zum Zusammenbruch jagte. Er attackierte sie mit Anrufen, beobachtete sie, er lancierte in der "Neuen Juristischen Wochenschrift" die Meldung, sie sei zur Generalstaatsanwältin befördert worden - und in einer Tageszeitung, daß sie zur Beauftragten für Fledermäuse ernannt wurde, und so fort.
Wenn Du den am Hacken hast, dann hast Du ein Problem. Untrennbar damit zusammenhängend, ist er bezaubernd:
Zitat
Im gleichen Atemzug sagt sie: "Noch nie, wirklich noch nie, hat sich ein Mann so um mich gekümmert, jawohl gekümmert. Er ist so sensibel, so intuitiv. Er spürt, wie ich mich fühle. Das mußte ich ihm nicht erst erklären." …

Stets hat er über jeden Zweifel erhabene Gefährtinnen zur Hand. Eine Zahnärztin, die ihm Rolex und Mercedes schenkt, eine Psychologin, die ihm Fachwissen vermittelt, eine Anwältin, die ihn Akten lesen läßt, die promovierte Berliner Journalistin, die er geheiratet haben soll - oder hat er nur Hochzeitsanzeigen verschickt? -, die Richterin, die ein Kind von ihm hat, die Staatsanwältin, die ihn vor dem Haftbefehl warnt, die Medizinprofessorin, von der er monatlich Geld bekam. Oder die Amtsrichterin, gerade geschieden, von Beruf und Mitwirkung im Juristenkabarett beansprucht, die nach nichts mehr verlangte als ein bißchen Zuwendung. Und, und, und.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7914416.html

Zu den Facharztprüfungen vorerst weiter niente.

Insgesamt: in so gut wie jedem Bereich, mit dem er zu tun hatte und hat, deckt er Defizite auf, indem er sie sich zunutze macht und hinterher die Spötter mittels Spott auf seine Seite zieht. Als menschenfreundlicher Eulenspiegel, der dafür Bewunderung verdient, ist er völlig verkannt – auch wenn er diese Bewunderung kriegt.

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #7 am: 11. Mai 2014, 14:58:59 »
Zitat
Zu den Facharztprüfungen vorerst weiter niente.
Man müsste bei Focus nachfragen, wie gut der Artikel recherchiert wurde:

http://www.focus.de/wissen/mensch/psychologie/tid-15095/falsche-aerzte-gert-postel-das-kann-auch-eine-dressierte-ziege_aid_423648.html
Dort heißt es:
Zitat
Postel war unter anderem Weiterbildungsbeauftragter der sächsischen Landesärztekammer im Bereich Psychiatrie, Vorsitzender eines Fachärzteausschusses und Leiter des Maßregelvollzugs. Niemals wurde er kritisiert. „Fragen gilt in diesen Kreisen als Inkompetenz“, erklärt Postel. Er habe sogar Krankheitsbegriffe erfunden, die es nicht gab, so etwa die bipolare Depression dritten Grades – die niemand jemals hinterfragte.
Wenn das stimmt, dann war er vermutlich nicht nur Protokollführer bei Facharztprüfungen ...
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Terry Pratchett

pelacani

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #8 am: 11. Mai 2014, 15:18:44 »

Wenn das stimmt, dann war er vermutlich nicht nur Protokollführer bei Facharztprüfungen ...
Nein, wieso. Macht die Sache für die Kammer nicht leichter.

Übrigens
Zitat
Er habe sogar Krankheitsbegriffe erfunden, die es nicht gab, so etwa die bipolare Depression dritten Grades – die niemand jemals hinterfragte.
Zitat
Furthermore, evidence is now compelling that hypomania in association with antidepressant treatments requires familial bipolar diathesis for bipolar disorder (bipolar III).
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18227781
Allerdings hätte mich Gerede von "dritten Grades" schon stutzig gemacht, denn es handelt sich nicht um Grade. Der eine oder andere Anwesende dürfte sich gedacht haben: "was für ein Spinner" - aber das in der Gruppensituation für sich behalten haben. Und wir dürfen nicht vergessen, dass wir nur Postels Version zur Verfügung haben.

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #9 am: 11. Mai 2014, 15:26:03 »
Ich amüsiere mich königlich über Postels Köpenickiaden.

Jetzt fällt man womöglich aus Übereifer auf der anderen Seite vom Pferd:
Nur weil dieser arme Mensch ausgetickt ist, müssen ja seine Gutachen nicht zwangsläufig falsch sein.


http://www.main-netz.de/nachrichten/politik/politik-kurz/kurzberichtet01/art20492,3035451
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pelacani

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #10 am: 11. Mai 2014, 16:28:55 »
Ich amüsiere mich königlich
Bei näherem Hinsehen finde ich ihn nicht ganz so lustig. Und die wichtigste Voraussetzung dafür, selbst hereingelegt zu werden, ist die Überzeugung: "das kann mir nicht passieren". Vgl. noch #6, die Volltexte der SPIEGEL-Artikel.

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #11 am: 11. Mai 2014, 18:01:04 »
Hier tummeln sich auch interessante Einschätzungen:
http://becker-conen.de/Data/taz25.01.99.html
Zitat
In einer Verhandlungspause sagt ein Beobachter im schönsten Sächsisch: "Der Junge hätte nur gefördert werden müssen." Es wird stimmen.
Zitat
Schließlich stellt sich heraus: Sachsens Gesundheitsminister hat die Vorlage, die Postel zum Chefarzt machen sollte, unterschrieben... Zynisch zeigt sich Rechtsanwalt Nicolas Becker im Plädoyer: "Im Ministerium wollte man offenbar lieber einen westdeutschen Hochstapler als einen qualifizierten Stasi-Zuträger."
Zitat
Nüchtern analysiert indes der Sachverständige: Postels Gutachten "enthalten keine klaren Diagnosen, ihnen fehlt jeder psychische Befund". Was heißt: Sie sind nichts wert - "zum Glück", raunzt eine Dame im Publikum. Hatte doch Postel über die Schuldfähigkeit von Angeklagten zu befinden, über Gefängnis oder Psychiatrie. Andererseits: Sind den Richtern die läppischen Gutachten nie aufgefallen? Kam es ihnen gelegen, ein belangloses Schriftstück zu haben, das sie nicht beachten brauchten?
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F. A. Mesmer

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #12 am: 11. Mai 2014, 18:11:52 »
Prozessökonomie:
ist schon richtig, solches Geschacher ist üblich, gleichwohl ist es nicht unbedingt der Weg zur Verwirklichung von Rechtsstaatlichkeit.

Im Zusammenhang mit dem Fall Postel bedeutet das aber:
Wenn also jemand aufgrund von so einem Hochstapler-Gutachten verurteilt oder freigesprochen wird, dann ist das nicht weiter der Erörterung wert. Ist ja Nebensache.  :facepalm

Meiner Meinung nach geht es darum, dass faktisch der Justiz- und Psychiatrieapparat Thüringens vorgeführt wurde und die eigene Verstrickung einer hinreichenden Wahrheitsfindung (darum geht es ja in der Justiz) im Wege stand - sprich eigentlich waren alle Beteiligten befangen. Aber es wäre wohl zu beschämend gewesen, das Verfahren in einem Nachbarbundesland durchführen zu lassen.

Infotainment:
Ich amüsiere mich königlich
Bei näherem Hinsehen finde ich ihn nicht ganz so lustig. Und die wichtigste Voraussetzung dafür, selbst hereingelegt zu werden, ist die Überzeugung: "das kann mir nicht passieren". Vgl. noch #6, die Volltexte der SPIEGEL-Artikel.
mich amüsiert Postel auch und ich halte ihn keinesfalls für einen Zeitgenossen, dessen Nähe oder Aufmerksamkeit ich zu schätzen wüsste. Seine Opfer, und du nennst ja den einen oder anderen Zusammenhang Pel, sind aber eben nicht Obdachlose oder Flaschensammler, sondern befinden sich am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums, teilen oft genug qua Beruf aus, können aber nicht einstecken.
Allen gemein ist neben Status und gesellschaftlicher Anerkennung mittels materieller Gratifikation ein gerüttelt Maß Rückgratlosigkeit (bleib mir weg mit Gruppendruck, Weicheier sind das), Ignoranz, Hybris und oft genug Gier. Und er blendet sie alle mit ihrer Statusgläubigkeit.
Tatsache ist, Postel hat ein Schema und wendet es an, strickt nach Handbuch, entsprechend ähnlich sind sich seine Opfer, die in die immer gleichen Fallen tappen.
So gesehen, es trifft schon die richtigen. Im Einzelschicksal sicherlich schade, andererseits, schade, dass es so viele einzelschicksalmäßige Arschlöcher gibt.

Ein salomonisches Vergnügen.

Robert

  • Gast
Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #13 am: 11. Mai 2014, 19:21:36 »
Postels Absicht war es nicht, irgendwelche Fehler aufzuzeigen, er wollte einfach den mit dem Arztsein verbundenen Status. Ihn trieb sein Narzissmus an. Und genau deswegen finde ich das, was er gemacht hat, weder amüsant noch ist er ein Eulenspiegel.

Allerdings habe ich auch kein Mitleid mit den Geprellten. Sie haben diesem Betrüger erst eine Bühne geschaffen.

F. A. Mesmer

  • Gast
Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #14 am: 11. Mai 2014, 19:58:47 »
 :prosit