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Autor Thema: Psychiatriemissbrauch in der DDR  (Gelesen 5078 mal)

pelacani

  • Gast
Psychiatriemissbrauch in der DDR
« am: 01. Mai 2014, 13:30:42 »
Psychiatriemissbrauch in der DDR

Übrigens:
Zitat
Anfang der 90er-Jahre waren die Meldungen über die Missstände in der  Psychiatrie in Ostdeutschland ein Dauerthema. Erinnert sei an Berichte über zweckentfremdete Anstalten, Stasi-Opfer, Verwahrung von politischen Gegnern und eine „brutale“ Psychiatrie. Inzwischen haben Untersuchungskommissionen in den neuen Bundesländern herausgefunden, dass es einen systematischen Missbrauch der Psychiatrie wie in der Sowjetunion nicht gab.
http://www.aerzteblatt.de/archiv/25940/Missbrauch-in-der-DDR?s=psychiatriemissbrauch

@Pelacani:
1. Wer ist Eva Richter?
2. Wo sind ihre Quellen?
3.
Zitat
Zwangseinweisungen waren in den meisten Fällen nicht rechtswidrig. Fazit der Kommissionen: Da bei den Gesetzesverstößen keine politische Motivation zu erkennen ist, sind sie nicht als politischer Missbrauch zu bezeichnen
Was heißt das schon?
Sorry, aber wenn der Kern deiner Aussage war, es habe keinen Psychiatriemissbrauch in der DDR gegeben, und dann kommt als Beleg nur so eine quellenlose Apologie von Unbekannt, dann ist das für die Tonne.

Vergleichbar substanzlose Meldungen setzen manchmal auch Hans-Reinhard Schmidt oder andere Trolle ins Ärzteblatt.

Weil ich den Ursprungs-Thread nicht zerfasern wollte, bin ich darauf nicht weiter eingegangen. Ich finde das Thema aber interessant. Halten wir den Zwischenstand fest: die These, in der DDR habe es keinen systematischen [dieses Adjektiv ist wichtig, es kann nicht einfach weggelassen werden] Missbrauch der Psychiatrie gegeben, sei „substanzlos“ – die anderslautende Meldung im redaktionellen Teil der ärztlichen Standes-Presse (mit wissenschaftlichem Anspruch) ist von einem quasi-anonymen Troll; "Eva Richter" ist sicher nur ein Deckname.

Da gehen wir doch gleichmal zum seriösesten Vertreter der Investigation der Vorgänge in der DDR-Psychiatrie über, den es gibt: Dr. Friedrich Weinberger, Vorsitzender der Walter-von-Baeyer-Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie e. V.,
http://www.psychiatrie-und-ethik.de/aktuelles/Weinberger-Psychiatrie.pdf
Im ersten Absatz referiert er kurz einige der Versuche, das Problem zu erfassen, mit deren Ergebnissen er offenbar nicht einverstanden ist. So heißt es beispielsweise:
Zitat
Für die Gauck-Behörde konnte die Psychiaterin Sonja Süß, zur Wende-Zeit im Demokratischen Aufbruch als Vertreterin seines linken Flügels aktiv, die einschlägigen Stasi-Akten auswerten. Sie brachte in der Folge ein dickes Buch2 heraus, in dem sie entsprechende Vorwürfe anhand von ausgewählten Fällen näher diskutierte, aber zu dem Ergebnis kam, mit ihnen ließe sich kein systematischer Mißbrauch des Faches wie in der Sowjetunion nachweisen. Damit hatte sie die DDR-Psychiatrie freigesprochen …

Was soll denn das gewesen sein, der „linke Flügel des DA“? Die Funktion dieses Terminus ist offensichtlich. Er ist nur ein kümmerlicher Ersatz für die IM-Tätigkeit oder wenigstens die SED-Mitgliedschaft, die man Frau Süß leider nicht hat anhängen können.

Resümee dieses Abschnitts:
Zitat
Ähnlich verbreitete sich das Deutsche Ärzteblatt, 3 Organ der Bundesärztekammer (BÄK) und Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Ähnlich verlautete es 1999 auch im Weltverband für Psychiatrie. Und ähnlich wurde die allgemeine Öffentlichkeit hierzulande und international beschwichtigt.
Da liegt doch der Verdacht nahe, dass alle irgendwie unter einer Decke stecken.

Was führt er nun als Gegenargument an? Die entscheidende Passage ist wohl diese:
Zitat
Was ist systematischer Psychiatriemißbrauch?

Dabei war und ist politischer Psychiatriemißbrauch immer und grundsätzlich systematischer Mißbrauch. 16 Es kann von systematischem Mißbrauch gesprochen werden, wenn dieser, erstens, von Machthabern im Rahmen vorherrschender Ideologie und Machtverhältnisse veranlaßt wird, wenn er, zweitens, … drittens, … und, viertens, wenn die Maßnahmen und Repressionen häufiger in ähnlicher Weise gegen Mißliebige zum Einsatz kommen, wobei nicht alle diese Bedingungen, insbesondere letztere, jeweils in gleicher Weise erfüllt sein müssen. [Hervorhebung durch mich - P.]

Ja dann … Mit dieser eleganten Umdefinierung des Begriffs „systematisch“ kann man den „systematischen Psychiatrie-Missbrauch“ in jedem Land der Erde konstatieren; die Bundesrepublik erfüllt diese Definition z. B. mit den 4 hessischen Steuerfahndern.

Wenn man den Weinberger-Text aufmerksam liest, sich von der Rhetorik nicht einfangen lässt und einmal nüchtern rekapituliert, was er eigentlich an harten Fakten darlegt, dann stellt man verblüfft fest: er belegt eigentlich, dass es keinen systematischen Missbrauch der Psychiatrie in der DDR gegeben hat.

sweeper, Du bist dran.

sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #1 am: 01. Mai 2014, 13:36:27 »
Gern - aber nicht jetzt.
Ich bleib erst mal in dem anderen Thread.

Für dein Thema - ich finde es wichtig - müsste man tatsächlich mehr authentisches Material haben.
Interessant an der mageren Ärzteblattmeldung fand ich, dass es eine psychiatrische Klinik (Waldheim) gab, die ganz in Stasi-Hand war. Warum wohl? Und es gab nach dieser Meldung ärztliche IMs, was ja nicht wirklich erstaunt.
Vielleicht kannst du ja noch ein bisschen sammeln.
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pelacani

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #2 am: 01. Mai 2014, 14:37:16 »
Vielleicht kannst du ja noch ein bisschen sammeln.
Na, ich denke, jetzt wärst Du erstmal dran mit sammeln. Deine Anmutungen kenne ich nun.

pelacani

  • Gast
Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #3 am: 01. Mai 2014, 15:39:46 »
Der Tummelplatz der Trolls war sich auch 2009 nicht zu schade, der Vertreterin des linksradikalen DA-Flügels eine Plattform zu bieten:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/66093
http://www.aerzteblatt.de/down.asp?id=4392

Zitat
Kein Missbrauch à la Sowjetunion
Dr. med. Sonja Süß zur Rolle der DDR-Staatssicherheit in der Psychiatrie

[Frage] In Ihrem Buch „Politisch missbraucht?“, einem Standardwerk zu dem Thema, kamen Sie 1998 zu dem Schluss, es habe in der DDR keinen systematischen politischen Missbrauch der Psychiatrie gegeben, wohl aber Übergriffe in Einzelfällen. Trifft  diese Einschätzung nach wie vor zu?

Süß: Ja. Es gibt keine neuen Erkenntnisse, die einen anderen Schluss nahelegen. Vielleicht würde ich heute einige Sätze anders formulieren, nachdem ich die Reaktionen kenne. Aber im Ergebnis fühle ich mich bestätigt.

sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #4 am: 01. Mai 2014, 17:03:42 »
Das habe ich über die Suchworte Süß und Weinberger gefunden - aber noch keinen längeren Blick hinein geworfen:

http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=3585528&pg=1

Es gab wohl mal einen Bundestagsausschuss zum Thema. Protokoll müsste zu finden sein.
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sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #5 am: 01. Mai 2014, 20:22:11 »
Da immer wieder auf die Haftanstalt und die Psychiatrie Waldheim Bezug genommen wird - hier noch mal ein paar historische Fakten ( der Link wurde oben schon mal erwähnt):

http://m.aerzteblatt.de/print/66093.htm
Zitat
... Hinter den Mauern der Strafanstalt Waldheim war die Stasi ständig präsent. Sie hatte ein Büro im Haus und „natürlich auch ihre Zuträger“, auch hatte sie „jederzeit Zutrittsrecht“, weiß ein Kenner der Verhältnisse. Aber nicht im Krankenhaus, versichert der frühere Gefängnisarzt Dr. med. Siegfried Hillmann, „hier mussten sie sich vorher anmelden“. Gemeint ist das Haftkrankenhaus, nicht zu verwechseln mit Wischers Heilanstalt oder Poppes Nervenklinik. Das Haftkrankenhaus knüpfte an eine ältere Tradition an, denn schon 1876 wurde die „Irrenanstalt bei der Strafanstalt Waldheim“ gegründet. Anfang der 60er-Jahre baute Dr. med. Manfred Ochernal eine psychiatrische Beobachtungsabteilung in Waldheim auf. Hier kam es ganz offiziell zu Einweisungen durch das MfS, denn das MfS war nach DDR-Recht ein staatliches Untersuchungsorgan und vergab somit auch Gutachtenaufträge an Ärzte, so auch an die Waldheimer Psychiatrie im Strafvollzug. Ochernal wechselte später als Professor für Forensische Psychiatrie an die Berliner Humboldt-Universität und gab jährlich 30 bis 40 Gutachten über politische Häftlinge im Haftkrankenhaus des MfS in Berlin-Hohenschönhausen ab. 1991 wurde er interviewt, wiederum von Uta König im „Stern“. Sie warf ihm vor, mit seinen Gutachten politisch unbequeme Bürger, die nicht geisteskrank gewesen seien, in die Psychiatrie gebracht zu haben. Ochernal, dem die harten Interview-Usancen offenbar nicht bekannt waren, beging den Fehler, den Vorwurf nicht sofort kategorisch zurückzuweisen. Und so blieb etwas hängen, wenn auch Ochernal selbst der Überzeugung war, korrekt begutachtet und differenziert geurteilt zu haben. ...
Fettung von mir

Das ist die Einrichtung, die in folgendem Erfahrungsbericht erwähnt wird:
Zitat
http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=3585528&pg=1
.."In ihrem jüngsten Rundbrief 2/08 berichtete die GEP erneut über den Fall von Dietrich Koch. Dieser hatte sich 1968 an einem öffentlichen Protest gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli beteiligt. (Fn.: Beim III. Internationalen Bachwettbewerb in Leipzig am 20. Juni 1968 entrollte sich vor dem Publikum ein Plakat mit den Umrissen der gotischen Kirche und der Aufschrift „Wir fordern Wiederaufbau“. Den automatischen Selbstauslöser hatte Koch gebaut.) Die Stasi vermutete es, konnte es nur nicht beweisen. Das Urteil von 1972 legte Koch wegen „konkreter Gesellschaftsgefährlichkeit“ zweieinhalb Jahre Haft auf, bestimmte dann aber weiter: „Um dem Wiederholen derartigen Verhaltens vorzubeugen und damit die Gesellschaft vor staatsfeindlichen Angriffen zu schützen [...] ist des weiteren nach Verbüßung der Freiheitsstrafe [...] die Einweisung des Angeklagten in eine psychiatrische Einrichtung [...] erforderlich.“ Unbefristete Internierung hätte es bedeuten können. Koch saß ein halbes Jahr im damaligen Psychiatrischen Haftkrankenhaus Waldheim, bevor er 1972 von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Im Westen lange schon rehabilitiert und an der Universität Essen lehrend, bekam er noch im Frühjahr 2008 in einer Rundfunksendung angehängt, er sei in der Zeit seines Widerstands psychisch krank gewesen. [Anm. DK: Diese falsche Behauptung stellte Stefan Welzk im Deutschlandfunk auf.]“
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Terry Pratchett

pelacani

  • Gast
Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #6 am: 01. Mai 2014, 20:24:19 »
Da immer wieder auf die Haftanstalt und die Psychiatrie Waldheim Bezug genommen wird - hier noch mal ein paar historische Fakten ( der Link wurde oben schon mal erwähnt):

http://m.aerzteblatt.de/print/66093.htm
Also besondere Mühe gibst Du Dir ja nicht. Den Artikel habe ich schon in #3 verlinkt.

sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #7 am: 01. Mai 2014, 20:50:26 »
Da immer wieder auf die Haftanstalt und die Psychiatrie Waldheim Bezug genommen wird - hier noch mal ein paar historische Fakten ( der Link wurde oben schon mal erwähnt):

http://m.aerzteblatt.de/print/66093.htm
Also besondere Mühe gibst Du Dir ja nicht. Den Artikel habe ich schon in #3 verlinkt.
Na ja, ich schreibe die Kommentare mit dem Smartphone, da muss ich sie etwas stückeln.
Kannst ja sicherheitshalber warten, bis ich fertig bin, damit dir das Wichtige nicht entgeht. :)
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sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #8 am: 02. Mai 2014, 00:01:00 »
Der Dr. Dietrich Koch, der in Waldheim psychiatrisiert wurde, ist dieser hier - ein Physiker:

http://de.m.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Koch
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TasmanDevil

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #9 am: 07. Mai 2014, 10:02:47 »
Der mir persönlich bekannte Schriftsteller Jürgen K. Hultenreich

de.m.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_K._Hultenreich

wurde nach gescheiterter Republikflucht in den sechziger Jahren in Erfurt von einer Richterin in die Psychiatrie Pfafferode eingewiesen. Seinen Aufenthalt dort verarbeitete er in dem preisgekrönten Buch " Die Schillergruft".

www.Schillerstiftung.de/preistraeger/preistraeger-einzelansicht/artikel/juergen-k-hultenreich.html

Sehr lesenswert und informativ.
Und allen, die einen systematischen Missbrauch der Psychiatrie in der DDR bestreiten, gehört ordentlich auf die Pfoten gehauen!

sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #10 am: 07. Mai 2014, 10:11:13 »
@TasmanDevil:
Hallo und herzlich willkommen von mir in der streitbaren Runde!  ;)

Danke für den wichtigen Hinweis und den Lesetip.

Ich erlaube mir mal auf eine Rezension bei AchGut hinzuweisen:

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/von_der_schillergruft_zum_schillerpreis
Zitat
...Die „Schillergruft“, die in diesem Jahr in einer erweiterten Fassung neu aufgelegt wurde (Edition A.B.Fischer), ist einer der eindrücklichsten Romane über die untergegangene DDR. Georg Hull, der Held der Geschichte, wird als 18-jähriger wegen versuchter „Republikflucht“ verhaftet und vor Gericht gestellt. Weil er auf die Frage der Staatsanwältin, was er denn lese, vier mal antwortet: „Schiller“, beantragt die, ihn in eine Psychiatrische Klinik zu überwiesen.

Dort wird Hull auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht. Vor allem prüft sein Arzt sehr ausführlich, ob Hull beliebige Schillerzitate ergänzen kann. Er kann. Nicht nur das. Hultenreich schildert die Erlebnisse seines Helden in der Klapsmühle mit so viel Humor und philosophischer Reflexion, dass man bald merkt: nicht Hull ist krank, sondern die Gesellschaft, in der er zu leben gezwungen ist und mit ihr alle, die ihr aus Überzeugung oder Opportunismus dienen...
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Terry Pratchett

sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #11 am: 07. Mai 2014, 10:47:26 »
Ergänzung:

http://www.deutschlandradiokultur.de/als-hull-in-der-totenkammer-aufwacht.1270.de.mhtml?dram:article_id=250034
Zitat
Die Psychiatrie wird in unfreien Staaten oft zur schlimmstmöglichen Variante des Wegsperrens, grausamer noch als das Gefängnis. Der 1948 in Erfurt geborene Schriftsteller Jürgen K. Hultenreich hat diese Erfahrung in der DDR gemacht und – viele Jahre später – zu einem Roman verarbeitet.
In seiner ersten Fassung erschien "Die Schillergruft" bereits im Jahr 2001. Kritiker sprachen von einem "literarischen Glücksfall", von einem Roman, bei dem man "übergangslos vom Lachen zum Weinen wechselt". Ein anderes Zitat: "So abschreckend die Verhältnisse in der geschlossenen Anstalt DDR waren, so faszinierend sind die Gestalten, die in diesem grandiosen Panoptikum agieren".

Dabei ist die Geschichte des Haupthelden Georg Hull weitgehend autobiografisch...
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pelacani

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #12 am: 07. Mai 2014, 18:36:27 »
Es wird vielleicht zwei dutzend Fälle geben, bei denen ein politischer Missbrauch der Psychiatrie ernsthaft zu diskutieren ist.
Aber sie sind das Kondensat einer 40jährigen DDR-Geschichte, das wäre weniger als ein Fall im Jahr. Die Indizien deuten darauf hin, dass es eben keinen systematischen Missbrauch in der DDR gegeben hat. Indizien könnten z. B. die Schaffung von anfälligen Diagnosekategorien sein (ich erwähnte es, #87). Der Verband der sowjetischen Psychiater ist 1983 aus dem Weltverband für Psychiatrie ausgetreten, um einem Ausschluss zuvorzukommen, vgl. auch hier
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2800147/
Dies muss nicht automatisch bedeuten, dass die SED und die ostdeutschen Psychiater moralisch höher standen oder zivilisierter waren als ihre osteuropäischen Kollegen. Die Bedingungen in der DDR waren einfach anders; die bedrohliche Nähe der westdeutschen Öffentlichkeit hatte sicher einen regulierenden Charakter. Man konnte sich in der DDR auf dieser Strecke schlicht weniger leisten. Allemal besser, die politischen Rahmenbedingungen für die Ausweitung des Swing nicht zu belasten - und statt dessen Häftlinge zu verkaufen und auf diese Weise den dissidentischen Druck zu mindern.

Die Einzelschicksale sind bedrückend, empörend, und Anlass für systematische Untersuchungen. Nur mit einer solchen (Einbeziehung der Krankenblätter, Berücksichtigung der Organisationsstrukturen, Vergleich mit „apolitischer“ Standardbehandlung etc.) lässt sich ein systematischer Missbrauch nachweisen – oder ausschließen.
Zitat
In the period from the 1960s up to 1986, abuse of psychiatry for political purposes was reported to be systematic in the Soviet Union, and occasional in other Eastern European countries such as Romania, Hungary, Czechoslovakia, and Yugoslavia.[8]:66
http://en.wikipedia.org/wiki/Political_abuse_of_psychiatry
Die DDR kommt hier nicht vor, wohl aber die USA, Norwegen, Kanada, Indien. Haben die Stasi-Uboote einen Edit War in der Wikipedia gewonnen?

Und allen, die einen systematischen Missbrauch der Psychiatrie in der DDR bestreiten, gehört ordentlich auf die Pfoten gehauen!
Pass auf, dass Du Dir nicht die Finger einklemmst, bei Deinem Herumfuchteln.

sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #13 am: 07. Mai 2014, 18:50:54 »
@Pelacani:
Die Tatsache, dass es dieses Stasi-Waldheim-"Krankenhaus"
(oder wie immer man es euphemistisch nennt) gab, ist an sich doch schon ausreichend um zu behaupten, "das System" habe eben auch dieses Mittel benutzt.

Auf der oben verlinkten Forenseite verweist der Physiker Koch, selbst Opfer, auf die Tätigkeit von Psychologen, die gezielt Zersetzungsarbeit geleistet haben, was zu massiven seelischen Verunsicherungen geführt haben muss, aber eben nicht quantifizierbar ist.

Völlig ungeklärt bleibt wohl auch, wie viele Menschen im Laufe ihrer "Behandlung" mürbe geworden sind und IMs wurden. Ich kann das übrigens gut verstehen, vor allem, wenn Familienangehörige zu Erpressungszwecken herangezogen wurden.
Das alles dürfte aber von Seiten der Betroffenen mit Tabus belegt sein.

Es erscheint mir leichtfertig (und macht mich hellhörig), wenn trotz bekannt gewordener krasser Fälle solche nivellierenden Artikel ohne Quellenangabe ins Ärzteblatt gesetzt werden - dies war ja der Anlass dieses Threads.
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Terry Pratchett

sumo

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #14 am: 07. Mai 2014, 18:56:01 »
daß es Mißbrauch der Psychiatrie in der DDR gab, ist unzweifelhaft. Es bleibt eine (spitzfindig werdende) Diskussion darüber, ob das systematisch erfolgte.