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Autor Thema: Psychiatriemissbrauch in der DDR  (Gelesen 5118 mal)

pelacani

  • Gast
Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #15 am: 07. Mai 2014, 19:38:26 »
solche nivellierenden Artikel ohne Quellenangabe
Würdest Du nun bitte endlich auf die differenzierenden systematischen Untersuchungen verweisen, die der Meldung im Ärzteblatt (es ist kein Artikel, sondern nur eine Meldung) widersprechen?

daß es Mißbrauch der Psychiatrie in der DDR gab, ist unzweifelhaft. Es bleibt eine (spitzfindig werdende) Diskussion darüber, ob das systematisch erfolgte.
Dass es Missbrauch der Psychiatrie auf der ganzen Welt gab und gibt, ist genauso unzweifelhaft. Vgl. #12. Wenn wir uns nicht um klare Begriffsbestimmungen bemühen, dann brauchen wir nicht zu diskutieren. Das wäre dann nivellierend.

sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #16 am: 07. Mai 2014, 19:45:26 »
Zitat
Würdest Du nun bitte endlich auf die differenzierenden systematischen Untersuchungen verweisen, die der Meldung im Ärzteblatt (es ist kein Artikel, sondern nur eine Meldung) widersprechen?
Es gab da mal eine Regel zu Behauptungen und Belegen im wissenschaftlichen Kontext.
Wenn die Autorin im Ärzteblatt eine wirkliche nachprüfbare Info hätte weitergeben wollen, dann hätte sie eine Quelle angegeben. Oder ist der Kommissionsbericht nicht öffentlich? Allein das würde mich auch schon ins Grübeln bringen.

Kein Mensch würde sich doch damit zufrieden geben, wenn es z.B. über den Mollath-Untersuchungsausschuss nur eine solche Meldung ohne Verweis auf Protokolle bzw Texte gegeben hätte.
Nicht ich habe hier primär Vermutungen angestellt.
Vielmehr habe ich mich gewundert, warum du (im Stimmviech-Faden) einen zusätzlichen Nebenschauplatz mit einer nichts sagenden Quelle eröffnet hast.

Jetzt klarer?
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Robert

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #17 am: 07. Mai 2014, 20:27:07 »
http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Publikationen/Publikationen/band-14_politisch-missbraucht.html

Zitat
Hat es auch in der DDR einen politischen Mißbrauch der Psychiatrie gegeben? Sonja Süß hat in jahrelanger Kleinarbeit Hunderte Akten des MfS ausgewertet und kommt in ihrer Monographie zu überraschenden Ergebnissen: Tatsächlich hat ein Teil der Ärzte, die als inoffizielle Mitarbeiter des MfS tätig waren, Patientengeheimnisse verraten. Auch wurden psychisch Kranke anläßlich von Staatsfeiertagen als potentielle Störer vorübergehend in psychiatrische Krankenhäuser eingewiesen. Außerdem waren mehrere Fälle von Psychiatriemißbrauch zur Disziplinierung unbequemer Menschen durch die politischen Machthaber nachzuweisen. Doch anders als in der Sowjetunion oder Rumänien wurde die Psychiatrie in der DDR nicht systematisch als staatssicherheitsdienstliches Instrument zur Verfolgung politischer Gegner mißbraucht. Sonja Süß macht das Geschehen im psychiatrischen Fachgebiet durch eine ausführliche Schilderung des zeitgeschichtlichen Kontextes in bezug auf das gesamte Gesundheitswesen der DDR verständlich und zeichnet das Zusammenspiel von KGB und MfS im Weltverband für Psychiatrie nach – ein Geschehen, über das bisher nur vage Vermutungen existierten.

sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #18 am: 07. Mai 2014, 20:42:34 »
@Robert:
Vielen Dank für die Original-Publikation!

Die werde ich mir dann wohl bestellen.
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pelacani

  • Gast
Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #19 am: 07. Mai 2014, 20:48:02 »
Zitat
Würdest Du nun bitte endlich auf die differenzierenden systematischen Untersuchungen verweisen, die der Meldung im Ärzteblatt (es ist kein Artikel, sondern nur eine Meldung) widersprechen?
Es gab da mal eine Regel zu Behauptungen und Belegen im wissenschaftlichen Kontext.
Wenn die Autorin im Ärzteblatt eine wirkliche nachprüfbare Info hätte weitergeben wollen, dann hätte sie eine Quelle angegeben. Oder ist der Kommissionsbericht nicht öffentlich? Allein das würde mich auch schon ins Grübeln bringen.
Wie Du richtig anmerkst, war das ein Nebenaspekt; ich war auch dieser Ansicht und habe deshalb keine intensive Recherche angestellt. Die Meldung entsprach meinem Kenntnisstand, und Deinem, wie sich herausstellt, offenbar auch. Hattest Du wirklich das Gefühl, diese Kommissionsergebnisse seien erfunden gewesen? Inzwischen habe ich mich ja nun intensiver zu diesem Thema verbreitet. Bitte geruhe, meine weiteren Argumente auch zur Kenntnis zu nehmen.

Hier noch eine Rezension des Süß-Berichts aus einer Zeitung, der man ganz gewiss keine DDR-Apologetik unterstellen wird:
Zitat
"Die zentrale Aussage der Monographie, die insbesondere auf der Analyse Hunderter Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) basiert, entkräftigt ein Vorurteil: Anders als in der Sowjetunion oder in Rumänien ist die Psychiatrie in der DDR nicht systematisch als staatssicherheitsdienstliches Instrument zur Verfolgung politischer Gegner mißbraucht worden.

Damit wird kein "Persil-Schein" ausgestellt; es hat politischen Mißbrauch gegeben, aber in Einzelfällen, die sehr differenziert dargestellt werden. Häufige Rechtsverletzungen mit systematischem Charakter sind bei den polizeirechtlichen Psychiatrieeinweisungen zu verzeichnen. Unter Verstoß gegen das Einweisungsgesetz der DDR wurden psychisch Kranke oder Alkoholabhängige, die als potentielle "Störer" betrachtet wurden, bei "gesellschaftlichen Höhepunkten" wie Sportfesten und Parteitagen widerrechtlich festgehalten."
http://www.gbv.de/dms/faz-rez/FR11999031151465.pdf

Ansonsten noch zum Thema:
http://www.aerzteblatt.de/archiv/6568/Brandenburgische-Untersuchungskommission-Kein-schwerwiegender-Missbrauch-der-Psychiatrie
http://www.tagesspiegel.de/berlin/brandenburg/missbrauch-nur-in-einzelfaellen/5740.html
http://www.worldcat.org/title/abschlubericht-kommission-zur-untersuchung-von-mibrauch-der-psychiatrie-im-sachsischen-gebiet-der-ehemaligen-ddr/oclc/258179731?referer=di&ht=edition

sweeper

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Re: Psychiatriemissbrauch in der DDR
« Antwort #20 am: 07. Mai 2014, 20:57:25 »
@Pelacani:
Zitat
Wie Du richtig anmerkst, war das ein Nebenaspekt; ich war auch dieser Ansicht und habe deshalb keine intensive Recherche angestellt. Die Meldung entsprach meinem Kenntnisstand, und Deinem, wie sich herausstellt, offenbar auch. Hattest Du wirklich das Gefühl, diese Kommissionsergebnisse seien erfunden gewesen? Inzwischen habe ich mich ja nun intensiver zu diesem Thema verbreitet. Bitte geruhe, meine weiteren Argumente auch zur Kenntnis zu nehmen.
Mir ging es lediglich um Genauigkeit.
Wir fordern zu Recht eigentlich immer Quellenbelege. Schließlich will jeder denkende Mensch Behauptungen überprüfen können - dies ist ein wesentliches Prinzip von Psiram.
Daher erscheint es angebracht, bei einem so emotional besetzten Thema ebensolche Sorgfalt walten zu lassen.
Keineswegs "hatte ich das Gefühl", die Kommissionsergebnisse seien erfunden.
Damit die Angelegenheit nicht auf "Gefühle" reduziert wird, habe ich bemängelt, dass es keine Quelle gab. Nun habe ich ja eine und kann mir selbst ein Bild machen - zB kann ich danach vielleicht besser einschätzen, ob die oben verlinkte Kritik von Koch und Weinberger gegenstandslos ist.
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