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Autor Thema: Montessori-Schulen  (Gelesen 9769 mal)

Schwuppdiwupp

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #15 am: 08. Juli 2018, 12:19:45 »
Mittlerweile brauchen immer mehr Schüler - auch die, die nicht aus den klassischen bildungsfernen Bevölkerungsschichten stammen - mehr Struktur. ::)
Ach, was weiß denn ich ...

Sauropode

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #16 am: 08. Juli 2018, 12:27:20 »
Mittlerweile brauchen immer mehr Schüler - auch die, die nicht aus den klassischen bildungsfernen Bevölkerungsschichten stammen - mehr Struktur. ::)

Hm, aber warum ist das so?
Die schlimmste Idee ist die einer besseren Welt.

Groucho, Du fehlst!

Schwuppdiwupp

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #17 am: 08. Juli 2018, 12:59:06 »
Das ist eine Frage, zu deren vollständiger Beantwortung so viele Aspekte berücksichtigt werden müssten, dass es den Rahmen nicht nur dieses Threads sprengen würde.

Nach meiner Beobachtung könnten folgende Gründe eine Hauptrolle spielen:

- Mangelnde Grunderziehung durch das Elternhaus

- Schule = Dienstleister ("Hier haben sie mein Kind. Bitte mit Abitur in 12(13) Jahren zurück.)

- Auswirkungen des Spätkapitalismus ("Ich gehe nur zu Schule, weil ich muss, um später viel Geld zu verdienen.")

- Realitätsverlust durch die Neuen Medien ("Ich muss nix tun und werde ein Star.")


... to be continued.
Ach, was weiß denn ich ...

biomango

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #18 am: 08. Juli 2018, 15:28:47 »
Hallo typee,
 ich komme um eine Richtigstellung nicht herum :
Ein Montessori Kindergarten oder Grundschule verschlingen keine unglaublichen Summen, denn das Material ist sehr robust und haltbar. Womöglich sind die Beiträge etwas höher, aber auch ein normaler Kindergarten heute hat nicht nur Eimer und Schäufelchen. Ich schätze den Mehraufwand auf ca 20- 30 %. In unseren Fall haben wir durch Elternaktivität (Stadtteilfeste, Flohmarkt etc) einige tsd  DM im Jahr generiert die streng zweckgebunden für Materialien eigesetzt wurden.
Die Elternschaft stammt natürlich  vorwiegend aus dem Bildungsmillieu,  aber gerade diese Eltern  haben sich,  nachdem sie sich auch mit dem anthroposophischen Ansatz beschäftigt hatten, ganz bewusst für das esoterikfreie und konfessionlose (!) Modell Montessori entschieden .
Dass gerade in der weitergehenden Selbstbestimmung der Kinder ein Einfallstor für Esoterik sein soll, erschliesst sich mir nicht.
Der Kindergarten /Grundschule sind ja nur ein Teilbereich des Lebens, das lauern ganz andere (grüne ) Gefahren. Mir kam die ganze Gestaltung im nachhinein sogar etwas zu materialistisch vor, etwas zu wenig Raum für Märchen und Sagen.  Das unfassliche Phantastische gehört zum ganzen Bild, wie Kafka oder Poe unersetzlich für die Literatur sind. Aber das ist nicht nur ein Montessori- Problem. Der ungebrochene Fantasy- Boom, von Tolkien   bis Martin heute, zeigt dass Erwachsene sich das holen was in der Kindheit womöglich zu kurz kam.

kosh

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #19 am: 08. Juli 2018, 20:56:25 »
Montessori und Waldorf in einem Atemzug zu nennen ist mM sehr fragwürdig.

Weder hatte Frau Montessori einen esoterischen Hintergrund, der Steiner vergleichbar wäre, noch steht dahinter eine der Anthroposophie vergleichbare .. sagen wir .. "Bewegung".


Zitat
Hm, aber warum ist das so?

Nach meiner Beobachtung sind das schlimmste an der Schule die Eltern. Kinder haben für viele Eltern einen Stellenwert der unrealistisch ist, vielleicht weil die Eltern nur 1-2 Kids haben. Wenn Du > 4 kids hast, relativiert sich das wahrscheinlich, aber dein EINZIGES Kind- klar: Abitur, dann Studium, danach Nobelpreis. Alles, was dem im Weg steht, muss weg: Kind zur Sicherheit per SUV vor die Schultür, bei schlechten Noten Anwalt, etc. etc.

Eine Bekannte (Deutschlehrerin) erhielt bei Antritt ihrer neuen Stelle den Rat, sich nicht zu wundern, wenn Sie in Ihrem neuen Kurs viel mit Anwälten zu tun habe- das wäre "normal".

Das Phänomen ist so neu nicht: In der Parzival-Sage wird Parzival (als einziges Kind) von seiner Mutter Herzeleide fernab der Welt alleine aufgezogen, nachdem sein Ritter-Vater vor seiner Geburt im Kampf gefallen ist. Eltern schwanken schon immer zwischen Extrem-Glucken und Vernachlässigung.

Das ironische ist ja, dass das "Extrem-Glucken" oft mit dem oben beschriebenen endet. Denn um den SUV etc zu bezahlen, haben Papa und Mama ne 50 h Woche ...  Das schlechte Gewissen deswegen muss ja auch kompensiert werden....

Kapuzino

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #20 am: 23. November 2018, 12:56:51 »
Dass man Kindern anschauliche und mit möglichst vielen Sinnen erfassbare Materialien zur Verfügung stellt, ist ja nicht das Spezifische am, oder sagen wir, der Kern des Montessori-Konzept(s). Das Experiment, bei dem was knallt oder riecht, der eingespielte Film, der geladene Gast, die Exkursion zu Natur und Kultur, alles, was den Schulalltag anreichert und belebt, ist halt die Show, die Schule bieten müsste.

Das Veranschaulichen braucht aber etwas zu Veranschaulichendes. Der Gegenstand muss in seiner Eigenart gedanklich erfasst werden. Man braucht den Begriff der Sache und die Theorie der Sache. Die nun erschließt sich leider garantiert nicht aus der bloßen Anschauung. Das wiederum ist ganz gewiss nicht erst seit heute klar.

Zitat
Gefördert wird auch die Selbstständigkeit ; die  Kinder können in der Regel weitgehend  selbst entscheiden womit sie sich beschäftigen  möchten.
Das fördert leider nicht Selbständigkeit, sondern Willkür gegenüber der Erkenntnis.
Zitat
Das erfordert in der Grundschule ein hohes Engagement der Lehrer damit alle am Ende auf dem gleichen Niveau ankommen.
Was bedeutet, dass die Lehrer sich nicht offen vor die Kinder stellen und sagen: hey, ich erzähl euch, wie die Welt geht, sondern gaukeln den Kindern einen Freiheitsgrad vor, die nicht existiert, um dann hintenrum doch alles nach Plan den Kindern beizubringen. Das ist nicht ehrlich und verhindert die subjekthafte Gegenüberstellung. Subjekt werdenn, heißt eben nicht Eigenmächtigkeit, sondern Interagieren lernen.

Dass man Kindern überlässt, womit sie sich beschäftigen, lässt sie eben nicht die Welt verstehen. Die muss der, der sie verstanden hat, in den nötigen Schritten und der passenden Reihenfolge dem Kind nahebringen. Nur der hat den Überblick, weiß, was da alles wie zu verstehen ist. Das Kind kann es nicht wissen. Man enthält ihm Wissen vor.
Ein Freund von mir hatte einst seinen Sohn nach einem halben Jahr aus ner Montessorischule rausgenommen, weil außer Baumhaus-Bauen und dort Szenarien spielen, so gut wie nichts geschehen war.

Nun könnte man das als rein pädagogisches und erkenntnistheoretisches Defizit im Konzept ansehen. Zugleich fungieren aber Reformschulen als distinktive Fluchtorte, weniger wegen des Standardschulkonzeptes denn wegen des desolaten sozialen Gefüges an der Kiezschule. Sind das also gesellschaftsprägende Elitefabriken, in denen die alte romantisch-lebensreformerische Ideologie postmodernen Neoidealismus trifft? Die irrationalen Momente je darin sind nun leider nicht mit der Schablone Esoterik erfasst. Da gilt es, den strukturellen Kern des Gedankenaufbaus als das Gemeinsame zu suchen. Denn dass sich ausgrerechnet im Bildungsbürgerlichen Millieu Impfgegner sammeln, ist ein Widersinn, der einer Aufklärung bedarf.




Typee

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #21 am: 23. November 2018, 16:43:57 »
Was bedeutet, dass die Lehrer sich nicht offen vor die Kinder stellen und sagen: hey, ich erzähl euch, wie die Welt geht, sondern gaukeln den Kindern einen Freiheitsgrad vor, die nicht existiert, um dann hintenrum doch alles nach Plan den Kindern beizubringen. Das ist nicht ehrlich und verhindert die subjekthafte Gegenüberstellung. Subjekt werdenn, heißt eben nicht Eigenmächtigkeit, sondern Interagieren lernen.

Das ist nicht nur nicht ehrlich, sondern in der Praxis auch gar nicht der Fall. Tatsächlich sieht es so aus, dass die ersten sechs Jahre etwas, nun ja, Orchideenhaftes haben, aber dann tauchen am Horizont ganz langsam die Abschlussprüfungen auf, und ab da wird gebimst, mindestens wie anderswo auch.

Was mir dort an zentraler Stelle widerstrebt, ist der Widerspruch zur Lebenserfahrung: die besten Ergebnisse kommen meistens nicht heraus, wenn ein freies Thema so lange bearbeitet wird, wie die Inspiration reicht, sondern dann, wenn es gilt, sich an einer Sache abzuarbeiten, die sich widersetzt.
Damals starben die Menschen früher, aber gesünder.

biomango

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #22 am: 23. November 2018, 18:07:34 »
Herr Kapuzino  Sie machen die  Fehler der Pauschalierung :
Z. B. Bildungsbürger  Das ist zu pauschal. Die Impfgegner darunter  finden sie in der Fraktion der naturwissenschaftlich ungebildeten Bildungsbürger, die in ihrer Schulzeit nie  mehr als 2 Wochenstunden Biologie oder Chemie hatten und letztere nie verstanden. Es ist  gleichzeitig ein offenes Einfallstor für Demagogie und Esoterik.  Daran lässt durchaus einen Unterschied der Konzepte festmachen, wie  zahlreichen Masernausbrüche an Walddorf- Schulen  zeigen.
 Ein weterer Unterschied liegt in der Präsentation der "Show" in der Schule
In der Normalschule und in den Waldorfschulen bleibt das im Rahmen des Frontalunterrichts dem Lehrer vorbehalten, in Montessori Variante wird die Aktivität des einzelnen Schülers gefördert. Womit "der Erkenntnis der Eigenart"  eines Gegenstands sicher mehr gedient wird.
Theoretisch, pauschal  (und falsch )ist die Annahme  dass die Materialien nur  der Veranschaulichung dienen würden  Die Erkenntnisse sind  dem Verständnis des entsprechenden  Alters angepasst. Es ist ja auch nicht so dass das Kind mit seiner gewählten Beschäftigung völlig alleingelassen wird, es gibt ja auch Interaktionen mit andern  Kindern und Erziehern.

Sie überschätzen auch die freien Wahlmöglichkeiten der Schüler in den Montessori - Schulen. Es gibt sie in größerem Umfang  im Kindergarten , in der Schule gibt es klare Lernziele die am Ende des Schuljahres erfüllt werden müssen. Den Schülern wird damit auch ein Stück Selbstverantwortung gegeben.

Das Montessori- Konzept reicht nur bis zum Grundschulalter, da bleibt danach noch jede Zeit für eine  Erkenntnisfördernde Willkür der Lehrer.

Dass Wissen nur in Stufen vermittelt werden kann ist ganz normale Didaktik und weder Lehrerwillkür noch Betrug am Schüler . Wenn sich ein Kind mit dem Hebel beschäftigt braucht es  keinen Begriff vom  Drehmoment. bzw.  in Chemie startet man mit sehr einfachen begrenzten Modellen  und nicht mit Quantenmechanik.
Ihre philosophische Betrachtungsweise ist ja in sich schlüssig aber hat nur eine kleine Schnittmenge mit der Realität.


Typee

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #23 am: 23. November 2018, 20:44:22 »
Das Montessori- Konzept reicht nur bis zum Grundschulalter, da bleibt danach noch jede Zeit für eine  Erkenntnisfördernde Willkür der Lehrer.

Was für ein Satz.

Na klar, das Montessori-Konzept kann vom Ansatz her nicht weiter reichen. Es entstand ja auch historisch am untersten Rand des pädagogischen Wirkens. Die Gründerin war angetreten, Kinder buchstäblich von der Straße aufzulesen, die sonst erst gar nicht in den Genuss auch nur einer rudimentären Beschulung gekommen wären. Aus diesem Rahmen stammen die pädagogischen Ansätze, einschließlich der Veranschaulichung und handgreiflichen Fasslichkeit der Aufgaben mit den notorischen "Materialien". Wenn irgend etwas als zweifelhafte Verallgemeinerung gelten darf, dann ist das die Extrapolation solcher Methoden auf die Gesamtheit einer Schülerpopulation, ungeachtet des bereits höchst unterschiedlich entwickelten Abstraktionsvermögens.

Nicht dass ich falsch verstanden werde: es gibt eine nicht ganz kleine Zahl von Kindern, denen die Montessori-Methoden persönlich entgegenkommen und die davon profitieren. Aber selbst sie tun das aus ganz unterschiedlichen Gründen: die einen, weil sie die größeren Freiräume persönlich produktiv nutzen können (eine kleinere Gruppe, die unter anderen Parametern auf andere Weise fachlich reüssieren würden); die anderen weil sie nicht so leicht Gefahr laufen, zu früh überhaupt abgehängt zu werden (genau dies entspricht der ursprünglichen Montessori-Population). Aber es ist eine Lebenslüge, die Montessori-Pädagogik als generell überlegen zu betrachten. In ihrem Rahmen hängt sie mindestens so viele Talente unnötig ab wie jede andere Schulform.
Damals starben die Menschen früher, aber gesünder.

Typee

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #24 am: 24. November 2018, 23:06:37 »
Zum eigentlichen Thema: nein, ich denke nicht, dass Montessori-Schulen artikelwürdig sind. Sicher entspringt der pädagogische Grundgedanke einem überzogen-idealistischen Motiv, aber wenn wir jedem Neoplatonisten nachspüren wollten, wäre Psiram überfordert. In der Schulpraxis macht sich eigentlich auch keine esoterische Indoktrination durch die Institution selbst bemerkbar. In Regelschulen findet im Übrigen durchaus auch die eine oder andere ähnlich motivierte pädagogische Torheit statt. Das Problem hier liegt ganz entschieden woanders: in der Einbeziehung der Eltern. Hier spielen sich manchmal grausliche Dinge ab. Was Wunder bei einer Elternpopulation, die weder eine vertretbare Impfquote hinbekommt, noch  - im Hinblick auf die sonst anfallenden "Ausleitungs"-Prozeduren eine nachhaltige Läusebekämpfung?
Damals starben die Menschen früher, aber gesünder.

MFB

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #25 am: 22. Januar 2019, 00:58:23 »
Montessori und Waldorf in einem Atemzug zu nennen ist mM sehr fragwürdig.

Weder hatte Frau Montessori einen esoterischen Hintergrund, der Steiner vergleichbar wäre, noch steht dahinter eine der Anthroposophie vergleichbare .. sagen wir .. "Bewegung".

Liebe/r kosh, hier möchte ich deutlich widersprechen. Mein Vortrag bei der SkepKon in Frankfurt wurde ja auf der vorangegangenen Seite schon einmal genannt, etwas später habe ich dann meine Dissertation fertiggestellt, in der sich ein Kapitel um Montessori dreht. Ich habe leider momentan nicht die Zeit, hier alles noch einmal wiederzugeben und möchte daher auf meine Diss verweisen, die via Open Access zugänglich ist: https://edoc.hu-berlin.de/handle/18452/18088 (Kap. 4). Ansonsten wäre ich auch gerne bereit, an einem Psiram-Artikel über Montessori mitzuarbeiten, sobald ich wieder über etwas Freizeit verfüge (obgleich es selbstverständlich sehr viel versiertere Kolleginnen und Kollegen gibt).

Nur kurz zu ihrem Einwurf: Montessori wurde relativ früh, d.h. 1907 (also noch bevor Steiner die Abspaltung der deutschen TG vornahm), nach dem Beiwohnen eines Vortrags von Annie Besant in London Theosophin und lebt von 1939 bis 1946 in Adyar, der damaligen Welthauptstadt der Theosophie. Dort entstehen auch einige ihrer Schlüsselwerke, mit deutlich lesbarem theosophischen Einschlag. Viele theosophische Denkformen finden sich etwa in Montessoris Menschenbild (entelechische Entwicklungsvorstellung, innerer Bauplan, Bildekräfte, Kosmos) wieder. Auch verweist Montessori, die so bekannte Naturwissenschaftlerin, auf die verschiedenen Temperamente und unveränderliche Eigenschaften der Blutgefäße von Cholerikern und Sanguinikern (Böhm 2010: Maria Montessori. Einführung mit zentralen Texten, S. 82). So viel zum Thema esoterischer Hintergrund. Das Böhm-Buch kann ich übrigens sehr zur Lektüre empfehlen. Winfried Böhm, selbst lange Jahre Vorsitzender der deutschen Montessori-Gesellschaft, ist zu einem der schärferen Kritiker der letzten Jahre geworden und hat in diesem Buch einen bisher nicht übersetzten Text Montessoris veröffentlicht, in dem sie nach dem 2. Weltkrieg(!) ein Ministerium für die menschliche Rasse fordert, um ähnliche Erfolge wie in der pflanzlichen Erbzucht zu erzielen. Das nennt man gemeinhin Eugenik und war in reformpädagogischen Konzepten der 1920er-Jahre nicht selten (vgl. Ellen Key). Und damit ist das dunkle Kapitel Montessoris im italienischen Faschismus (Lektüreempfehlung dazu: Hélène Leenders: Der Fall Montessori) noch nicht einmal berührt. Bei Leenders wird dann auch deutlich, dass es sich durchaus um eine Bewegung handelt, anders gelagert als bei Steiner (profitorientiert, weniger auf Riten denn auf Verschleierung esoterischen Denkens  bezogen), aber immerhin.

Zum Theorie-Praxis-Problem oder ihrer Differenz: hier verhält es sich m.E. wie bei Steiner: eine Montessori-Pädagogik ist ohne Montessori nicht denkbar, weil sich die Erziehungsmethoden und -mittel eben aus der "hellseherischen" Position Montessoris ergeben und eben gerade nicht aus naturwissenschaftlichen oder pädagogischen Grundsätzen abgeleitet werden. Mit anderen Worten: Die Montessori-Pädagogik gibt es nur im Gesamtpaket und das heißt, dass man die Legitimierung des Entwicklungsmaterials vor dem Hintergrund dreier unsichtbarer Bildekräfte (Hormé, Nebula, Mneme) akzeptieren muss. In meiner Dissertation habe ich das an einigen Beispiel ausgeführt. Wie auch bei Steiner lässt sich nun nicht einfach sagen: "ja, ich akzeptiere deren höhere Einsicht in die Hinterwelt oder den Kosmos (übrigens auch sehr ähnlich zwischen den beiden), aber bei einer Sache (etwa Rassismus, Eugenik), da waren die Propheten vielleicht doch nicht unfehlbar..."
Als Pädagoge und Erziehungswissenschaftler kann ich so eine Fundierung pädagogischer Praxis nur in aller Deutlichkeit ablehnen.

Ich bleibe nach meiner bisherigen Forschung zu dem Thema dabei: Montessori und Steiner in einem Atemzug zu nennen ist durchaus geboten und es ist fast unfair gegenüber Steiner (aber auch nur fast), dass er mit der Esoteriker-Szene in Verbindung gebracht wird, die Dotoressa aber (bisher) nicht.

Einen schönen Abend, viele Grüße
Marc Fabian Buck

kosh

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #26 am: 23. Januar 2019, 12:18:37 »
Danke für deine Antwort.
Ich lese mir das am We durch und äussere mich dann dazu.

Mitarbeit am Wiki ist immer gern gesehen denke ich.

kosh

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #27 am: 28. Januar 2019, 23:36:29 »
Seufz. Wieder eine Illusion ärmer .. aber an Erkenntnis gewonnen
Ich schrub:

Zitat
Weder hatte Frau Montessori einen esoterischen Hintergrund, der Steiner vergleichbar wäre, noch steht dahinter eine der Anthroposophie vergleichbare .. sagen wir .. "Bewegung".

Tatsächlich war mir der theosophische Hintergrund der Dame völlig unbekannt. Da Steiner sich von dort abgespalten hat, ist der erste Teil meiner Aussage also klar widerlegt- die beiden haben die gleiche Wurzel.
Ich denke, das hat System: Ich habe den Wikipedia -Artikel der Dame überflogen, dort findet sich nur:

Zitat
Zeit in Indien
Im Jahre 1939 reiste Maria Montessori auf Einladung der Theosophischen Gesellschaft nach Indien, um Vorträge und Ausbildungskurse zu halten. Dabei wurde sie von ihrem Sohn Mario begleitet, der ihre Vorträge ins Englische übersetzte. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden die Montessoris als feindliche Ausländer von den Briten interniert.[5] Während dieser Zeit hielt Maria Montessori eine Reihe von Ausbildungskursen ab. Sie verließ Indien zum ersten Mal 1946 und kehrte erst 1949 endgültig nach Europa zurück.[6]

Während dieser Zeit entwickelte sie insbesondere das Prinzip der „Kosmischen Erziehung“ und den „Erdkinderplan“.

Das ist mehr als nichts, aber bei weitem keine kritische Würdigung.

Da muss ich noch dran bleiben ...

MrSpock

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #28 am: 29. Januar 2019, 12:51:55 »
Danke für die gut recherchierten Informationen! Ich habe gerade nachgeschaut, wann ich diesen Thread eröffnet habe - um so lobenswerter finde ich, dass das Thema nicht sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden ist. Manchmal brauchts eben ein Snickers, aber das Ergebnis ist top! Wenn jetzt ein entsprechender Wiki-Eintrag folgt, dann zeigt sich, dass Psiram einfach unentbehrlich ist.

Von allen Seelen, die mir begegnet sind auf meinen Reisen, war seine die menschlichste. (In Memoriam Groucho)

Zitat aus Star Trek II.

gutgegenalles

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Re: Montessori-Schulen
« Antwort #29 am: 25. Juni 2019, 18:38:59 »
also ich finde ja, (darf ich überhaupt auf son alten thread antworten?), dass das bisschen unwissenschaftliche blabla in montessoris theorie nun wirklich absolut kein vergleich ist mit steiner-irrsinn und dessen umsetzung heutzutage.

wenn ich es richtig verstehe, gibt es nur Hormé, Nebula, Mneme, welche alle drei irgendwie was psychologisches bedeuten (unterbewusstes des kindes, wille des kindes). dass sie es so nennt, nicht cool. damals gabs wohl auch schon fundierte psychologische theorien, die sie hätte benutzen können. aber so what. sie ist vielleicht nicht 100 prozent koscher, aber ich glaube auch nicht, dass über montessori-schulen irgendwie son sektennetzwerk entsteht wie bei den anthros. gar kein vergleich.