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Es fällt leicht, Heilpraktiker nicht zu mögen.

Begonnen von Groucho, 20. Juli 2015, 17:05:54

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Scipio 2.0

Was genau bringt eigentlich die Leute dazu zu Heilpraktikern und Konsorten zu gehen?

Juliette

Meine Erfahrungen:

1) Die Leute halten Heilpraktiker für eine Art "kleine Ärzte" und ihre Ausbildung für feststehend und überwacht.
2) Die Leute haben schlechte Erfahrungen mit der menschenverachtenden Fließband-Abfertigung in recht vielen Arztpraxen gemacht.
3) Die Leute haben Beschwerden, die durch die normale Medizin nicht behoben werden konnten.
4) Die Leute hoffen auf eine sanfte Medizin ohne Nebenwirkungen, weil sie nie gelernt haben, dass es Wirkung ohne mögliche Nebenwirkung nicht gibt.
5) Die Leute misstrauen der Pharma-Industrie durch die vielen aufgedeckten Skandale und halten die "sanfte" (Nicht-)Alternative für menschlicher.

Die Heilpraktiker tun alles, damit diese Illusionen erhalten bleiben und das aktuelle Gesundheitssystem lässt eben sehr viele Wünsche offen. Und es ist bei Ärzt*innen genauso wie bei den Handwerker*innen: Wenn man einen/eine gute gefunden hat, kann man sich glücklich schätzen.

Peiresc

Ich halte insbesondere diesen Punkt für wesentlich (ohne dass ich Einwände zu den anderen hätte)
Zitat von: Juliette am 26. Mai 2021, 09:23:29
3) Die Leute haben Beschwerden, die durch die normale Medizin nicht behoben werden konnten.
und möchte noch einen ergänzen: wissenschaftliches Denken muss man erlernen, trainieren. Das kommt nicht von selber. Im Gegensatz zum Glauben, den gibt es umsonst. Jeder hat seine irrationalen Seiten, und in existentiell bedrohlichen Situationen werden sie virulenter.

ZitatThe default mode of the brain is not rational/critical thinking
https://sciencebasedmedicine.org/guiding-lights/

Sauropode

Zitat
Die Leute haben schlechte Erfahrungen mit der menschenverachtenden Fließband-Abfertigung in recht vielen Arztpraxen gemacht.

Naja, bei zwei Stunden Wartezeit für 5 Min Konsultation renne ich nicht gleich zu fragwürdigen Heilern, obwohl meine Geduld doch arg strapaziert wird. Aber verständlich ist es.

Juliette

Zitat von: Sauropode am 26. Mai 2021, 14:45:27
Naja, bei zwei Stunden Wartezeit für 5 Min Konsultation renne ich nicht gleich zu fragwürdigen Heilern, obwohl meine Geduld doch arg strapaziert wird. Aber verständlich ist es.

Nein, natürlich ich auch nicht. Aber ich habe leider in den letzten sechs Jahren schon viel schlimmere Fließbandsituationen erlebt als die von Dir angeführte. Ich glaube, das Schlimmste, was einem im Alter passieren kann, ist allein und abhängig zu sein und dem heutigen System hilflos ausgeliefert. Ich habe jetzt schon 2 Leute in den Tod begleitet und musste jedesmal kämpfen wie eine Löwin, um die schlimmsten Katastrophen zu vermeiden und nicht an einer Mauer aus Unfähigkeit, Desinteresse und Hochmut zu zerschellen. Und die beiden hatten wenigstens jemanden, der für sie gekämpft hat. Meistens merkt man als Laie ja erst zu spät, was in dem Augenblick völlig schief läuft. Trotzdem würde ich nie im Leben zu Pseudomedizinern gehen. Eher Gift nehmen, bevor es soweit ist - aber das schaffen ja auch nur die wenigsten. Und keine Sorge, ich bin unerschütterliche Optimistin und liebe das Leben.
;) :grins:

PeterPan

Zitat von: Juliette am 26. Mai 2021, 09:23:29
1) Die Leute halten Heilpraktiker für eine Art "kleine Ärzte" und ihre Ausbildung für feststehend und überwacht.

Ja, kann ich nur so unterstreichen. Und es wird auch so beworben im Kreise des Natürlichem und milder Heilendem.

Meine Eltern wussten nichts über Homöopathie und Phytotherapie, aber Meditonsin, Bachblüten und irgendwelche Kräuter haben meine Geschwister und Ich bei Erkältung und anderen Beschwerden erhalten. Durch Mundpropaganda und das die Mittel einfach in der Apotheke vorhanden sind gab es auch die Legitimierung das es etwas seriöses ist. Kein Hinterfragen, weil es doch der Heilpraktiker von der Nachbarin erzählt hat.


Heilpraktiker und Konsorten sind erfolgreich, weil Schwurbel allgegenwärtig ist. Und nicht nur das es wird ja regelmäßig versucht den Horizont/die Abzocke zu erweitern. Die müssen ja mit dem technologischen Fortschritt und den Buzzwords mithalten.

sailor

2) Die Leute haben schlechte Erfahrungen mit der menschenverachtenden Fließband-Abfertigung in recht vielen Arztpraxen gemacht.

Ich würde es so formulieren: Die Leute fühlen sich und ihre Google-Diagnosen bei akademischen Ärzten nicht ernstgenommen und sind sauer, weil sie für ne Erkältung keine Antibiotika und Pferdebetäubungsmittel gegen Migräne bekommen.

Deswegen gehen immer mehr Leute in die Notaufnahmen der Krankenhäuser, weil dort werden ja "Notfälle" behandelt und wenn man dort behandelt wird ist man ein "Notfall!!!!!1111111".  Oftmals reine Egotrips, sehr gern auch bei Rentnern^^

Sauropode

Diese Klientel neigt eher zu Ärztehopping. Zum Heiler gehen eher Leute mit höherer Bildung, die es exklusiv haben möchten und sich das auch leisten können und wollen.

Nogro

Die höhere Bildung würde ich mal streichen (meine Erfahrung)
Es genügt nicht, keine Ahnung zu haben. Man muss auch dagegen sein (Hermann Hinsch)

drpsy

Zitat von: Nogro am 28. Mai 2021, 16:23:05
Die höhere Bildung würde ich mal streichen (meine Erfahrung)
Denke Bildung alleine ist nicht hinreichend hier. Kenne studierte die zur Akupunktur oder zu Anthroposophie greifen und Yoga ist da sowieso extrem beliebt. Wobei auch ich glaube eher eine Korrelation zu geringer Bildung zu erkennen :angel: Finde es immer noch erschreckend, wie Jobs, der eine Krebsart hatte die gut heilbar gewesen wäre, für sein (Aber)glaube gestorben ist. Wie war das noch gleich bei Religion: https://en.wikipedia.org/wiki/Religiosity_and_intelligence