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Autor Thema: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik  (Gelesen 15526 mal)

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #30 am: 16. Mai 2014, 00:17:57 »
Er setzt auf die schiere Masse, fürchte ich.
Bei Twitter hat er immerhin ca 500 Follower und ca 4500 Tweets, in denen er seine Blogartikel anpreist. Er tut sehr gscheit, und weil Leute schon in Andachtsstarre verfallen, wenn jemand englische Buchtitel erwähnt, benötigt er keine weitere Legitimation, um Gehör zu finden.
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pelacani

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #31 am: 16. Mai 2014, 00:28:01 »
es scheint doch sinnig zu überlegen, wie soetwas begegnet werden kann.

Wenn Leute entschlossen sind, an solchen Quark zu glauben, dann wirst Du es ihnen nicht ausreden können.
weiß ich. reicht mir aber nicht.
Ich hoffe, Du kannst trotzdem abends einschlafen.
bestens. ich bin nur aufmerksamer. ist bei den vielen autos und so ohnehin eine sinnige eigenschaft, da schadet es nicht, auch mal zu gucken, wer so drumherum steht oder geht. manchmal gibts auch was zu sehen.  ;)

Die Psychiatrie-Enquete war für die Bekämpfung des wirklichen Elends unendlich viel wichtiger als alle Goffmans und Foucaults zusammen.

Ihr Zustandekommen ging folgendermaßen: Der Sohn eines Politikers wurde psychotisch. So bekam der Vater mit, was in der Psychiatrie so möglich war. Das war ein vergessenes Fach, mit vergessenen Patienten (der Schizophrene ist im Regelfall sozial isoliert) und Psychiater wurde, wer sich das richtige Arzt-Sein nicht zutraute oder aus anderen Fächern wegen Unfähigkeit rausgeekelt wurde. Der Politiker setzte die richtigen Hebel in Bewegung.

Ich kenne keine guten Zahlen, aber ich bin überzeugt, dass auch heute die Mehrzahl der Psychiater von der Persönlichkeit her eher unsicher-zweifelnd ist. Wer machtbewusst und durchsetzungswillig ist, wird Chirurg.

F. A. Mesmer

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #32 am: 16. Mai 2014, 01:01:28 »
es scheint doch sinnig zu überlegen, wie soetwas begegnet werden kann.

Wenn Leute entschlossen sind, an solchen Quark zu glauben, dann wirst Du es ihnen nicht ausreden können.
weiß ich. reicht mir aber nicht.
Ich hoffe, Du kannst trotzdem abends einschlafen.
bestens. ich bin nur aufmerksamer. ist bei den vielen autos und so ohnehin eine sinnige eigenschaft, da schadet es nicht, auch mal zu gucken, wer so drumherum steht oder geht. manchmal gibts auch was zu sehen.  ;)

Die Psychiatrie-Enquete war für die Bekämpfung des wirklichen Elends unendlich viel wichtiger als alle Goffmans und Foucaults zusammen.
glaube ich sofort. genannte herren wareb eben theoretiker. praktische details lagen ihnen nicht so.  ;) solcher kleinkram ist eher was für kleine leute...  :facepalm

Ihr Zustandekommen ging folgendermaßen: Der Sohn eines Politikers wurde psychotisch. So bekam der Vater mit, was in der Psychiatrie so möglich war. Das war ein vergessenes Fach, mit vergessenen Patienten (der Schizophrene ist im Regelfall sozial isoliert) 
wie so oft. eliten werden eben nur tätig, wenn es sie betrifft.

und Psychiater wurde, wer sich das richtige Arzt-Sein nicht zutraute oder aus anderen Fächern wegen Unfähigkeit rausgeekelt wurde. Der Politiker setzte die richtigen Hebel in Bewegung.

Ich kenne keine guten Zahlen, aber ich bin überzeugt, dass auch heute die Mehrzahl der Psychiater von der Persönlichkeit her eher unsicher-zweifelnd ist. Wer machtbewusst und durchsetzungswillig ist, wird Chirurg.
das hatte ich so nicht auf dem schirm, klingt plausibel.

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #33 am: 16. Mai 2014, 07:08:56 »
Er setzt auf die schiere Masse, fürchte ich.
Bei Twitter hat er immerhin ca 500 Follower und ca 4500 Tweets, in denen er seine Blogartikel anpreist. Er tut sehr gscheit, und weil Leute schon in Andachtsstarre verfallen, wenn jemand englische Buchtitel erwähnt, benötigt er keine weitere Legitimation, um Gehör zu finden.

Bei näherem Hinschauen ergibt sich zu Hans-Ulrich Gresch/ Pflasterritzenflora folgendes Bild:

Er ist ein eingefleischter Behaviourist, der nach "Beweisen" für seinen überholten Standpunkt sucht.
Letzterer lässt sich in etwa so zusammenfassen:
"es gibt keine psychischen Krankheiten, nur schlechte Angewohnheiten".

Zum Zwecke der Beweisführung liest und referenziert HUGresch vorwiegend den Behavioristen William R. Uttal.

http://www.amazon.com/Psychomythics-Artifacts-Misconceptions-Scientific-Psychology/dp/0805845844/ref=la_B001HOEDHY_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1400199399&sr=1-5

Dabei ist es Gresch offenbar nicht möglich, dessen tendenziöse Argumentation zu durchschauen.
Er verlässt sich völlig unkritisch auf dessen "Beweisführung" und kann sie nicht vor dem Hintergrund eigener Expertise würdigen. Auch versäumt er es, sich wenigstens im Blick auf andere Expertenmeinungen zu Uttals Sichtweise umzuschauen.

Hier gäbe es eine wohlwollende und dennoch kritische Rezension:

http://cogsci-online.ucsd.edu/1/1-3.pdf

Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese kritische Würdigung eines Buches von Uttal ("The new Phrenology") aus dem Jahr 2001 stammt.
Inzwischen sind die Erkenntnisse der Neutowissenschaften exponentiell angewachsen.
Entsprechend viele weitere Bücher musste Uttal schreiben - vermutlich immer im gleichen Duktus, wenn man von den Titeln auf den Inhalt schließen will.

http://metapsychology.mentalhelp.net/poc/view_doc.php?type=book&id=6638

http://www.podcast.de/episode/60788150/BSP%2B83%253A%2BWilliam%2BUttal/

Wer soll so viele Irrtümer und Fehlschlüsse widerlegen?

Eine weitere kritische Würdigung:

http://www.psych.unito.it/csc/cogsci05/frame/poster/1/f399-sohrabi.pdf

Und

http://www.colinklein.org/papers/Uttal%20Review





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pelacani

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #34 am: 17. Mai 2014, 00:16:32 »
Es ist ja nicht so, dass ich keine Kritik an der Psychiatrie hätte. Vor nicht langer Zeit ist ein Aufsatz einer Größe der deutschen Psychiatrie erschienen:

Zitat
Ist Deutsch als Sprache der Psychiatrie noch up to date?

Ah, dachte ich, endlich legt mal einer den Finger auf eine Wunde. Man kann von Glück sprechen, wenn einem in der Notaufnahme ein Psychiater begegnet, der Deutsch kann. Und mit Deutschkenntnissen allein ist es nicht einmal getan: wichtig ist auch noch der kulturelle Hintergrund. Ich habe mal folgende Geschichte gehört: in der Kinder- und Jugendpsychiatrie war eine afrikanische [die Herkunftsbezeichnung ist hier austauschbar] Kollegin tätig , die auf die Konfliktschilderung eines Jugendlichen entsetzt reagierte: „Aber man darf doch seinen Eltern nicht widersprechen!“. Einst wurde ich zu einer Untersuchung eines Psychiatrie-Patienten gerufen, der erkennbar an mehreren schwerwiegenden chronischen Erkrankungen litt. Ich befragte  den Stationsarzt ausländischer Herkunft, was denn über diese Krankheiten bekannt sei, und er antwortete „Wozu wollen Sie das wissen, Sie sollen sein Bein untersuchen“. Als ich dem Chefarzt auf dem Hof begegnete und ihm mein Unverständnis signalisierte, meinte er verbrüdernd: „Ja, nicht wahr, der hat keine Ahnung von Medizin“. Überflüssig zu erwähnen, dass schließlich er selbst diesen Kollegen eingestellt hatte.

Aber die Größe der deutschen Psychiatrie meinte etwas ganz anderes: es wird beklagt, dass nunmehr Englisch die Sprache der wissenschaftlichen Kommunikation auch in der Psychiatrie sei, statt Deutsch, der Sprache von Kraepelin, Jaspers und Bleuler.

Und hier schließt sich der Kreis:
Zitat
(2) G.P. [Gert Postel - P.]: .Also die Stelle des leitenden Oberarztes war durch das [unverständlich; Anm. S.V.] ausgeschrieben, da habe ich mich beworben, da haben sich 39 oder 40 Ärzte beworben, acht waren in der engeren Wahl, die mussten vor der Auswahlkommission des Sozialministeriums nen Vortrag halten. Ich auch. [...] wenn man Leute beeindrucken will, dann muss man immer so ein bisschen über deren Köpfe hinweg reden. Wenn die alles verstehen, sind sie der Meinung, dass man dumm sei. Und wenn sie gar nichts verstehen, frustriert man sie."
http://www.gert-postel.de/Diplomarbeit.pdf , S. 64
Zitat
"Ein Schmarren", hält sein einstiger Chef dagegen. "Die Geschichten werden ja immer doller", sagt der frühere Chefarzt der Klinik in Zschadraß, Horst Krömker. … Nicht etwa acht Mitbewerber habe Postel bei seiner Einstellung übertrumpft, wie er behaupte, sondern nur einen einzigen ­ und das sei ein Ungar gewesen, der die deutsche Sprache kaum beherrscht habe. "Es gab einfach keine Alternative", sagt Krömker
http://www.gert-postel.de/artikel.htm

BasementBoi

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #35 am: 12. Juni 2014, 00:21:43 »
Er setzt auf die schiere Masse, fürchte ich.
Bei Twitter hat er immerhin ca 500 Follower und ca 4500 Tweets, in denen er seine Blogartikel anpreist. Er tut sehr gscheit, und weil Leute schon in Andachtsstarre verfallen, wenn jemand englische Buchtitel erwähnt, benötigt er keine weitere Legitimation, um Gehör zu finden.

Bei näherem Hinschauen ergibt sich zu Hans-Ulrich Gresch/ Pflasterritzenflora folgendes Bild:

Er ist ein eingefleischter Behaviourist, der nach "Beweisen" für seinen überholten Standpunkt sucht.
Letzterer lässt sich in etwa so zusammenfassen:
"es gibt keine psychischen Krankheiten, nur schlechte Angewohnheiten".

Da würde mich doch einmal interessieren warum der Behaviorismus überholt sein soll? Zumal es auch neuere Entwicklungen wie die 'Relational Frame Theory' (Bezugsrahmentheorie) gibt.

Zur Kritik der kognitiven Wende läßt sich bei C. Bördlein interessantes nachlesen:

http://www.verhalten.org/grundlagen/kogwende.html

Zur dürftigen Bilanz der Neurowissenschaften sei dieser Artikel empfohlen:

http://www.zeit.de/2014/09/hirnforschung-memorandum-reflexible-neurowissenschaft

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #36 am: 12. Juni 2014, 01:03:49 »
Am besten Du stellst deine Fragen dem Herrn Boerdlein selbst:

http://verhalten.wordpress.com/about/

Dann sagt er dir vielleicht auch, was er von Psychiatrie und/oder Antipsychiatrie hält.
Kannst du ja dann berichten.
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Terry Pratchett

BasementBoi

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #37 am: 12. Juni 2014, 01:06:24 »
Am besten Du stellst deine Fragen dem Herrn Boerdlein selbst:

http://verhalten.wordpress.com/about/

Dann sagt er dir vielleicht auch, was er von Psychiatrie und/oder Antipsychiatrie hält.
Kannst du ja dann berichten.

Nein ich frage DICH, da Du ja behauptest der Behaviorismus (welcher eigentlich?) ist überholt.

Belbo

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #38 am: 12. Juni 2014, 01:17:22 »
Wieviele Beiträge magst Du denn jetzt noch kapern?

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #39 am: 12. Juni 2014, 01:34:48 »
Am besten Du stellst deine Fragen dem Herrn Boerdlein selbst:

http://verhalten.wordpress.com/about/

Dann sagt er dir vielleicht auch, was er von Psychiatrie und/oder Antipsychiatrie hält.
Kannst du ja dann berichten.

Nein ich frage DICH, da Du ja behauptest der Behaviorismus (welcher eigentlich?) ist überholt.
Sag mal, muss man dir alles mit der Schnabeltasse einflößen?
Der Link zu Boerdleins Blog zeigt dir doch genau die wenigen verbleibenden Anwendungsgebiete des Behaviorismus. Damit kannst du dir die Frage selbst beantworten.
Erster Schritt zur intrinsischen Lernmotivation.
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Terry Pratchett

BasementBoi

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #40 am: 12. Juni 2014, 01:42:29 »
Am besten Du stellst deine Fragen dem Herrn Boerdlein selbst:

http://verhalten.wordpress.com/about/

Dann sagt er dir vielleicht auch, was er von Psychiatrie und/oder Antipsychiatrie hält.
Kannst du ja dann berichten.

Nein ich frage DICH, da Du ja behauptest der Behaviorismus (welcher eigentlich?) ist überholt.
Sag mal, muss man dir alles mit der Schnabeltasse einflößen?
Der Link zu Boerdleins Blog zeigt dir doch genau die wenigen verbleibenden Anwendungsgebiete des Behaviorismus. Damit kannst du dir die Frage selbst beantworten.
Erster Schritt zur intrinsischen Lernmotivation.

Wie ich sehe, kannst Du meine Frage nicht mal ansatzweise beantworten. Inwiefern das Dich dann qualifiziert, die 'behavioristische Kritik' an der Psychiatrie bzw. dem dieser Disziplin zugrundeliegende Krankheitsmodell zu beurteilen, erschließt sich mir nicht.
Also lassen wirs gut sein.

sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #41 am: 12. Juni 2014, 01:52:02 »
Sperr die Äuglein auf und lies. Es geht dort vorwiegend um Verhaltensanalyse. Diese hat (diagnostisch) durchaus ihren Platz in einem psychotherapeutischen Gesamtkonzept - als ein Baustein unter vielen.
Für Verhaltensanalysen benötigt man primär kein Störungsbild-Konzept. Solange man voraussetzt, dass alle Menschen prinzipiell gleichartig "neurotypisch" reagieren. Tun sie aber eben nicht.
Die bei Boerdlein erwähnte Autismus-"Therapie" wird hier beschrieben:

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/03/autismus-kinder-verhalten/seite-2
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sweeper

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #42 am: 26. Juni 2014, 00:45:03 »
Obwohl es noch einen anderen passenden Faden gäbe, pack ich es mal hier rein, denn es geht um Chr. Boerdlein:

http://verhalten.wordpress.com/2014/06/25/psychische-krankheiten-kritik-und-differenzierte-betrachtung/

Kommt mir ein bisschen so vor wie der Mann, dessen einziges Werkzeug ein Hammer ist.
Und ausgerechnet eine Professorin für Soziale Arbeit als Kronzeugin gegen die biologische Psychiatrie aufzurufen, ist schon recht kühn.. !
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pelacani

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #43 am: 26. Juni 2014, 12:52:51 »
Zitat
Schon Szasz (1990) hat das Gleichsetzen von seelischer und physischer Krankheit als irreführend bezeichnet.
http://verhalten.wordpress.com/2014/06/25/psychische-krankheiten-kritik-und-differenzierte-betrachtung/

Der Streit zwischen „Psychikern“ und „Organikern“ ist so alt wie die wissenschaftliche Psychiatrie selbst. Sie begann Mitte des 19. Jhd. (z. B. Heinroth, Ideler), die eine romantische Psychiatrie vertraten. Die Griesinger-These „Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten“ war demgegenüber ein Fortschritt. Ihren großen Erfolg feierte sie mit der Aufklärung der Progressiven Paralyse (prominenter Patient z. B. Nietzsche) als Manifestation der Syphilis. Im frühen 20. Jhd. wurde aber zunehmend klarer, dass der Optimismus, das Substrat „der“ Geisteskrankheiten aufdecken zu können, nicht so einfach einzulösen ist. Selbst Jaspers, einer der Begründer der klassischen deutschen Psychiatrie, hatte sich in seiner psychopathologischen Spätphase von der Vorstellung psychiatrischer Krankheitsentitäten verabschiedet.

Langfristig hat es immer Wellen gegeben, in denen mehr die eine, mehr die andere Vorstellung in der Psychiatrie die Vorhand hatte. Niemals aber hat es später Phasen gegeben, in denen einer der prinzipiellen Ansätze Ausschließlichkeit hätte beanspruchen können. Auch in der klassischen deutschen Psychiatrie war anerkannt, dass nicht jede psychische Auffälligkeit eine Krankheit ist; die Systematik (das triadische System) beruhte geradezu auf dieser Erkenntnis. Für K. Schneider handelte es sich bei den abnormen Erlebnisreaktionen (später: Neurosen, heute: Anpassungsstörungen) und bei den Psychopathien (heute: Persönlichkeitsstörungen) um „abnorme Spielarten menschlichen Wesens“. Um diese kümmerten sich die Psychiater höchstens gezwungenermaßen. Psychoanalyse und Psychotherapie spielten deshalb nur eine höchst untergeordnete Rolle. Das „Gleichsetzen von seelischer und physischer Krankheit“ ist also ein Popanz; eine solche Psychiatrie hat es nie gegeben.

Wenn es eine Erkenntnis in der Psychiatrie gibt, die dem Laien a priori, mangels eigener Kenntnis und Erfahrung, verschlossen ist, dann ist es diese: die Symptomatik des Kernbereichs der Psychosen ist nicht aus dem Erleben des Kranken ableitbar. (Zu den Laien müssen hier die Sozialpsychologen und Behavioristen hinzugezählt werden, die es entweder nicht mit Kranken zu tun haben oder die die Psychiatrie nicht kennen). Der anklagende Verweis auf die „fehlenden Biomarker“ ist ein bloßes Geschwätz, er taugt nicht zur Definition oder zum Ausschluss von Krankheit.

Allerdings brachte das Fehlen eines Außenkriteriums für psychische Krankheiten es unausweichlich mit sich, dass die psychiatrische Diagnostik bis in die 80er Jahre stark schulenabhängig war, m. a. W. es gab nur eine geringe Interrater-Reliabilität. Unter der Vielzahl von Gründen, die zur Einführung des Kriterienkatalogs des DSM-III geführt haben, war dies ein wesentlicher. Die aktuelle Kritik am DSM 5 scheint mir zu einem Großteil Folklore zu sein.

Zitat
Wie fragwürdig das Konzept der „psychischen Krankheit“ überhaupt ist, erkennt man beim Blick in die Vergangenheit. Nicht nur homosexuelles Verhalten…
Der Friedhof der abgelegten Krankheitskonzepte in der Psychiatrie ist nicht größer als derjenige in der somatischen Medizin. Nur wo es keine Entwicklung, keinen Fortschritt gibt, können alte Konzepte komplett tradiert werden.

Zitat
Nach Virchow ist eine Krankheit durch folgende Merkmale gekennzeichnet: Es gibt eine spezifische Ursache, diese Ursache führt immer zu der Erkrankung und die Erkrankung wird schlimmer, wenn sie nicht behandelt wird.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass Virchow je einen solchen Unsinn gesagt hat: natürlich gibt es Krankheiten mit guter Spontanprognose.





F. A. Mesmer

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Re: Antipsychiatrie/Psychiatriekritik
« Antwort #44 am: 26. Juni 2014, 14:03:39 »
Wenn es eine Erkenntnis in der Psychiatrie gibt, die dem Laien a priori, mangels eigener Kenntnis und Erfahrung, verschlossen ist, dann ist es diese: die Symptomatik des Kernbereichs der Psychosen ist nicht aus dem Erleben des Kranken ableitbar. (Zu den Laien müssen hier die Sozialpsychologen und Behavioristen hinzugezählt werden, die es entweder nicht mit Kranken zu tun haben oder die die Psychiatrie nicht kennen).
danke.

Zitat
Wie fragwürdig das Konzept der „psychischen Krankheit“ überhaupt ist, erkennt man beim Blick in die Vergangenheit. Nicht nur homosexuelles Verhalten…
Der Friedhof der abgelegten Krankheitskonzepte in der Psychiatrie ist nicht größer als derjenige in der somatischen Medizin. Nur wo es keine Entwicklung, keinen Fortschritt gibt, können alte Konzepte komplett tradiert werden.
Skandal!