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Autor Thema: Was ist Irrationalität?  (Gelesen 45098 mal)

bayle

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #15 am: 21. Juli 2013, 23:31:11 »
Nach so einer Aussage bezweifle ich ernsthaft, dass Du jemals mit einem Schizophrenen auf dem Höhepunkt eines psychotischen Schubes gesprochen hast.
Nach so einer Aussage bezweifle ich ernsthaft, dass Du an einer ernsthaften Diskussion interessiert bist.

sweeper

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #16 am: 21. Juli 2013, 23:32:39 »
@Doctor:
Zitat
Nach so einer Aussage bezweifle ich ernsthaft, dass Du jemals mit einem Schizophrenen auf dem Höhepunkt eines psychotischen Schubes gesprochen hast.

Willst du nicht zwischen Wahn und Schizophrenie unterscheiden?
M.M.n. ist diese (unangemessene) Gleichsetzung eins der Hauptprobleme in der öffentlichen Fehl-Einschätzung im Fall Mollath:

Zitat
http://de.wikipedia.org/wiki/Wahn

...

Wahn als eigenständiges Krankheitsbild

Im ICD-10 wird unter F22.0 auch eine isolierte Wahnstörung beschrieben (engl.: delusional disorder). Dabei handelt es sich um eine womöglich seltene, eher jedoch stark unterdiagnostizierte psychische Störung mit dem Leitsymptom des isolierten Wahns. Anders als im Falle der Schizophrenie, haben rein an Wahn Erkrankte eher nicht-bizarre Wahnthemen, keine Halluzinationen, weniger Störungen der Stimmungsbildung und kein Abflachen des Affekts.[5] Die Wahnvorstellungen im Rahmen einer isolierten Wahnstörung nach ICD-10 F22.0 habe Ähnlichkeit mit überwertigen Ideen, die sachlich stets einen Realitätsbezug haben und auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Jedoch sind die Gedankenstrukturen im Rahmen der wahnhaften Störung noch stärker emotional besetzt und ich-syntoner als überwertige Ideen.[6] Abgesehen von ihren Wahnthemen funktionieren Patienten mit wahnhafter Störung im Alltagsleben in der Regel gut, so lange keine weiteren Symptome (z.B. depressive oder zwanghafte Strukturen) hinzukommen. Allerdings können die Wahngedanken zu Konflikten in Partnerschaft, Freundeskreis und Sozialleben führen.[7] Eine Diagnose der wahnhaften Störung ist selten, da die Wahngedanken sachlich nicht bizarr erscheinen und daher erst aus dem Kontext als unangemessen und krankhaft erkannt werden können.[8][9]
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bayle

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #17 am: 22. Juli 2013, 00:13:26 »
Feldmann schildert eine typisch schizophrene Geschichte:
Zitat
Ein 38jähriger Landwirt berichtet, er habe beim Holzfahren plötzlich den "klaren und logischen Gedanken" gehabt, und zwar so sicher, wie 2 x 7 = 14 sei, daß er nach seinem Tode Gottes Nachfolger sein werde und dann als alleiniger Gott herrsche. Bei der Feldarbeit seien über dem nahen Wald Kraniche erschienen und hätten drei Ehrenrunden über ihm geflogen. Auch begleiteten ihn Haustiere in aufälliger Weise. Ein Hahn habe ihn bis an den Bus begleitet und sei dann grüßend stehengeblieben. Das sei Bestätigung seiner Bestimmung, Gottes Nachfolger zu werden. Innerlich empfange er Offenbarungen Gottes, daraus wisse er, daß seine Berufung schon vor 2000 Jahren beschlossen worden sei. - An unmittelbaren wahnbegründenden Erlebnissen finden wir hier neben Wahneinfällen und Wahnwahrnehmungen auch Gedankeneingebungen, die der Kranke als Offenbarung nimmt.
Feldmann H: Aspekte der Wahndynamik. Fortschr. Neurol. Psychiat. 57 (1988)14-21
Es ist offensichtlich, dass „Logik“ hier für den Patienten nicht den landläufigen Bedeutungsinhalt von „logisch“ hat, sondern den von „evident“ (im deutschen Wortsinn).

sweeper

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #18 am: 22. Juli 2013, 00:28:16 »
*Klugscheißmodus on* Wobei ich diese Geschichte - ohne weitere wichtige Symptome einer Schizophrenie - auch in diese Kategorie einordnen würde:

 
Zitat
  http://de.wikipedia.org/wiki/Wahn#Formen_von_Wahn

 Größenwahn (Megalomanie)

    Die betroffene Person hält sich für eine wichtige politische oder religiöse Persönlichkeit, die Reinkarnation großer Persönlichkeiten, für einen Gott, Propheten oder Ähnliches, wie zum Beispiel einen Superhelden. Ähnlich ist z. B. der sogenannte Sendungswahn („ich muss die Menschheit erlösen“).


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71hAhmed

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #19 am: 22. Juli 2013, 00:38:44 »
Es gibt so Begriffe, die wendet man, nach einiger Gewöhnung, einfach nur noch so an, ohne sich mehr ihrer begrenzten Definitionsmacht bewusst zu sein. Meist verwenden wir ihn, wenn es so scheint, dass sich jemand außerhalb eines logischen (rationalen) Rahmens verhält und denkt.
Die Gleichsetzung von "logisch" und "rational" halte ich für unzulässig. Logik ist ein Werkzeug, das es gestattet, von einer oder mehreren Prämissen ausgehend eine strukturierte und in sich stimmige Gedankenfolge zu entwickeln.
Über den Realitätsbezug der Prämisse(n) ist damit nichts ausgesagt und ein solcher ist für den logischer Aufbau auch nicht notwendig.
"Rational" ist wesentlich unschärfer. Rationales Denken und Handeln kann durchaus (z.B. bei nicht bekannter Ursache-Wirkungsbeziehung) unlogisch erscheinen/sein, jedoch trotzdem zu sinnvollen Ergebnissen führen. Zudem setzt die Frage nach Rationalität bereits einen Bezugsrahmen voraus, der Rational/Irrational definiert.
Wer in seinem Bezugssystem davon ausgeht, daß Krankheit eine Strafe Gottes/der Götter ist, könnte im Extremfall jegliche medizinische Hilfe als irrational betrachten, da gegen höheres Recht gerichtet. Rational wären Sühnerituale oder demütige Annahme des Urteils angebracht.

Vernunft und Unvernunft scheinen aber je nach Betrachtungsbene und Perspektive im fliegenden Wechsel tauschen zu können.
:teufel

Die Frage ist: Wo ist der Archimedes-Punkt, hier zu einer absoluten Einschätzung zu kommen? Welches Bezugssystem gibt es in welcher Hierarchie? Welchem geben wir warum den Vorrang?
Eine absolute Einschätzung kann es nicht geben, was rationales Verhalten/Denken angeht, da diese Einschätzung vom jeweiligen Bezugsrahmen abhängt. Was in einem System rational ist, kann in einem anderen Bezugssystem irrational sein.
Ein mögliches Kriterium für "Rationalität" könnte sein: funktioniert es überprüfbar und wiederholbar im Sinne der Zielsetzung?
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Zyniker,der: Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten. (Ambrose Bierce)

bayle

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #20 am: 22. Juli 2013, 00:47:50 »
Zitat
Größenwahn (Megalomanie)
Ja, in der Fallgeschichte oben, da sind schon Größenideen. Aber sie sind noch eigentümlich flüchtig, und gegenüber den Wahnwahrnehmungen treten sie noch zurück. Am nächsten Tag schon könnten sie sich gewandelt haben. Die eigentliche "Wahnarbeit" (Conrad) setzt gerade erst ein.

Unter Megalomanie/Größenwahn versteht man eher etwas, was länger durchgehalten wird, Wochen und Monate oder länger, und das kann dann gern auch systematischer sein. Die Verzahnungen mit der Realität, die der Kranke versucht, sind mitunter unfreiwillig komisch. Ich entsinne mich einer Patientin, die ein ganzes Gebäude solcher Geschichten errichtete. Sie wurde in der Klinik gefragt: "Sagen Sie mal, kommt Ihnen das nicht selber ein bisschen merkwürdig vor?" - Ja, meinte sie, aber hier sei sie ja in der Klapper. Draußen würde sie das für sich behalten, denn sonst würden die Leute noch denken, sie sei verrückt.

Groucho

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #21 am: 22. Juli 2013, 00:59:06 »
Ahmed, sehe das im Prinzip wie Du.

Eine absolute Einschätzung kann es nicht geben, was rationales Verhalten/Denken angeht, da diese Einschätzung vom jeweiligen Bezugsrahmen abhängt. Was in einem System rational ist, kann in einem anderen Bezugssystem irrational sein.
Ein mögliches Kriterium für "Rationalität" könnte sein: funktioniert es überprüfbar und wiederholbar im Sinne der Zielsetzung?

Überprüfbarkeit und Wiederholbarkeit ist hinreichend, aber nicht zwingend. Gibt genug Situationen, in denen das nicht möglich ist. Hm.
"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)

Belbo

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #22 am: 22. Juli 2013, 01:12:47 »
Der Glaube an eine absolute Rationalität hat was Irrationales.

Homeboy

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #23 am: 22. Juli 2013, 02:07:48 »
ich erkenne ein offensichtliches Problem:

Logik => logisches Handeln (Prämissen/Axiome evtl. Unbekannt)

Rationalität => rationales Handeln (im Sinne vom Homo oeconomicus? Grenznutzenmaximierung? kurzfristiger Gewinn vs. langfristiger Gewinn, materieller Gewinn vs. ideeller Gewinn vs. anderweitiger Gewinn wie Beziehungen usw.)

Irrationalität => irrationales Handeln (aus welcher Perspektive?)

Konstant ist das anfänglich bemängelte Fehlen des archimedischen Punktes.

Ich meine unterschiedliche Zielebenen zu erkennen, zwischen Logik, Rationalität wobei Logik griechischen und Ration römischen Ursprungs ist, beide mit einer sehr reichen Begriffsgeschichte gesegnet, ich versuche trotzdem radikal zu vereinfachen, vielleicht gelingts mit ja:

Cui bono, wem nutzt es?

Die Logik einer Psychose/Neurose/Wahn etc. nützt dem Betroffenen in sein Zustand um diesen (besser) auszuhalten, vielleicht auch möglich zu machen, sie ist damit eine innere Logik. Diese (innere) Logik (= Schlüssigkeit/Sinnhaftigkeit) einer Psychose/Neurose/Wahn etc. ist bestenfalls auf der Ebene der betroffenen Person zwingend wahr, für Außenstehende ist der Bruch zur eigenen Erlebniswelt vorhanden, und da wo er vorhanden ist, ist auch die Logik einer Person aus Sicht einer anderen Person gerne mal falsch. Selbst, wenn vielleicht beide aus Sicht einer dritten Person, richtig sein können.
Diese Logik setzt auf Nachvollziehbarkeit von Verhalten durch andere im Sinne von Berechenbarkeit/Vorwegnahme/Antizipierbarkeit von Verhalten, und wo diese fehlt, ist es unlogisch für den Betrachter, nicht für den Betrachteten.

Rationalität von Psychose/Neurose/Wahn etc. kann ich nicht erkennen. Wohl aber kann evtl. das Verhalten einer Person solchen Zustandes als rational erkannt oder verworfen werden. Und zwar unabhängig davon, ob es vom Betrachter als logisch bewertet wird. Hier geht es weniger um das empathische Antizipieren des Verhaltens, sondern um das Bewerten des Verhaltens auf Grundlage von Kriterien, von denen der Betrachter annimmt, dass er sie mit dem Betrachteten teilt. Ich vermute Rationalität als Kategorie zielt auf Nützlichkeit und der Irrationalismus untergräbt diese Nützlichkeit, indem er die (äussere) Nützlichkeit zugunsten einer inneren Logik verwirft.

(Ich bin jetzt zu müde, um das nochmal durchzugehen, wenns Geschwurbel ist, sagt bescheid. Einfacher konnte ich das leider nicht schreiben.)


 

71hAhmed

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #24 am: 22. Juli 2013, 02:11:15 »
Überprüfbarkeit und Wiederholbarkeit ist hinreichend, aber nicht zwingend.
Aber schon mal ein brauchbarer Ansatz, um die Sinnhaftigkeit einer Handlung im Bezug auf das gewünschte Ergebnis zu beurteilen.
Gibt genug Situationen, in denen das nicht möglich ist. Hm.
Ob es viele Situationen gibt, die Wiederholbarkeit und Überprüfung der Ergebnisse ausschliessen, wage ich zu bezweifeln, wenn man genügend Zeit und Fälle einkalkuliert.
Beim Versuch, Krankheiten nur durch Gebete zu heilen, wird man recht schnell Muster erkennen können; beim Versuch, einen größeren Asteroiden auf Kollisionskurs wegzubeten, hat man nicht viele Versuche.
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Zyniker,der: Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten. (Ambrose Bierce)

Groucho

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #25 am: 22. Juli 2013, 02:38:10 »
(Ich bin jetzt zu müde, um das nochmal durchzugehen, wenns Geschwurbel ist, sagt bescheid. Einfacher konnte ich das leider nicht schreiben.)

Ist doch ok, Homeboy, solche Kommentare wolle ich provizidkardieren, oder wie das heißt  :grins2:

(kann noch folgen, übrigens)
"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)

ajki

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #26 am: 22. Juli 2013, 11:10:25 »
(Das war die Frage zum Sonntag :angel:)

Da es in einem höchsten Maß gottungefällig ist, einen solchen heiligen Tag statt mit Andacht, Lobpreisung&innerer Einkehr dem Kampf um religionskritische Begriffe zu widmen, kann natürlich jedwede Diskussion ausschließlich werktäglich erfolgen (Samstag muß man selbstverständlich während der Liga-Saison immer für alles außer Fußball auslassen und außerhalb der Saison wird man auch immer besseres zu tun haben, z.B. grillen oder dgl.). Womit dann schon mal ein Gutteil begriffsgeschichtlicher Müll sowohl angesprochen als auch als hiermit entsorgt zu betrachten ist - nicht im Sinne von "erledigt" (leider, leider <seufz>), sondern im Sinne von "aus dem Auge, aus dem Sinn".

Da dieses Forum (wenn ich richtig lese) allgemein einig ist in der radikal irrationalen Furcht vor dem "Grünen" an sich, namentlich einer gewissen Frau Roth oder einem gewissen Herrn J. "Stalin" Trittin, und insofern grundsätzliche Irrationalität festgestellt werden darf, wird es am besten sein, wenn man statt über das Gezeigte eher über das Gewünschte verhandelt. ;-)

Der vermeintliche Gegenbegriff in der Umgangssprache wäre "Rationalität", wobei hier wie überall im folgenden nicht der ganze theoriebelastete Kram wie "kritische R.", "System-R." oder sonstige phil... nein, ich schreibe das böse Wort gar nicht erst aus, weil hier wiederum so eine typische irrationale Affektwirkung zu beobachten ist ;-) - also nicht "das", sondern nur die umgangssprachliche Nutzung gemeint ist.

Unter Sangesschwestern und -brüdern wird man sich wohl darauf einigen können, dass mit "rationalem" Verhalten / Handeln / Wünschen / Glauben etwas gemeint ist, was ganz fundamental auf das Vermögen / die Fähigkeit eines Jeden bezogen ist, Gründe entwickeln zu können, ihnen zu folgen und sie gegen Einrede verteidigen zu können. Ein "Grund" wiederum ist natürlich selbst ein auch umgangssprachlich unklarer Begriff - im Zusammenhang mit "rationalem" Vorbringen wäre ein "Grund" hier etwas, das über die (reine) Binnenperspektive einer Begründenden hinausreicht und andere daher veranlassen kann, dem Vorgebrachten (auch) folgen zu können (ein Grund von der Art "weil ich es schön finde" oder "weil es mir einen Vorteil verschafft" wäre zwar binnenpersonal ohne weiteres "rational", aber in der äußeren Beziehungslandschaft nicht als rationale Begründung verwendbar [mal von dem allgemein üblichen Täuschen abgesehen ;-)]). Diese Art der Verwendung von Gründen wird auch umgangssprachlich häufig mit "vernünftig" synonym umschrieben, wie überhaupt "rationales" Verhalten "vernünftigem" Verhalten synonym ist. Gemeint dabei ist wohl immer, dass "man" sich so verhält, so redet, so wünscht, dass "jede" Andere, die über dieselben Kenntnisse, Motive, Absichten und Optionen verfügen würde, zugestände, dass "man" sich "richtig" verhält ("jede" Andere würde zugestehen können, "dasselbe" tun zu können oder gar bei starken Gründen zu sollen oder zu müssen).

*Wenn* man sich grob auf diese Beschreibung von "Rationalität" einigen kann, dann fällt zunächst auf, dass mit "Irrationaliät" keineswegs zwangsläufig das Gegenteil gemeint ist (sein kann). Eine Begründung wie "weil ich das eben so glaube!" ist ja nicht "unvernünftig" (vor allem dann, wenn es stimmt, dass sie es "glaubt" und keine Selbsttäuschung, kein Irrtum oder keine Lüge vorliegt). Der "echte" Gegenbegriff zu "rational" wäre daher eher "arational" - hier im Sinne von "außerhalb der Begründbarkeit" zu verstehen und zwar derjenigen Begründungsmöglichkeit, die oben mit der verstehenden Anwendbarkeit durch Dritte verkoppelt wurde.

Insofern kann gesagt werden, dass "Irrationalität" eine Art von komplementärem System zur "Rationalität" darstellt - im besonderen in einer Welt, in der ihre Bewohner zu keinem Zeitpunkt erwarten können, auch nur näherungsweise Ursachen und Folgen überblicken zu können (der sogenannten "Realität" ;-) ). Das weite Feld der Mode ist zum Beispiel zwangsläufig "irrational", denn obwohl (rein beispielsweise!) jede Menge "rationale" Gründe vorgebracht werden könnten, etwa tolle Tatoos über die gesamte Epidermis zu verteilen ("Sieht geil aus!", "Hat jeder!", "Kriegt man die doofen Tussen mit rum!", "Die Buben steh'n drauf!"...), kann kein einziges Argument personale und überpersonale Geltung beanspruchen. Jede Menge anderer Felder funktionieren im Prinzip genauso - das "Rationale" und das "Irrationale" wirkt friedlich miteinander vereint gemeinsam am Handeln, Verhalten, Wünschen, Meinen, Glauben...  mit.

Es ist diese grundlegende "Komplementarität", die einen "archimedischen Punkt" zu finden möglicherweise wünschen läßt, die aber die Existenz des "Punktes" nicht wahrnimmt: es ist immer (nur) die Person, die sich in den verschiedensten Rahmen und Rollen jeweils zu entscheiden hat, welchem Muster sie folgt. Darin ist in aller Regel keine anspruchsvolle Tätigkeit zu sehen, sondern ein übliches, erlerntes, geübtes Agieren.

Der Wunsch bleibt natürlich derjenige, dass möglichst jeder Mensch jederzeit imstande sein möge, sich entsprechend den Erfordernissen und/oder dem Gebotenen aus dem Arsenal der ihm eigenen Vernunft, der Klugheit, dem Gefühl, dem moralischen Empfinden, der Lust&Laune oder sonstwas frei und ungezwungen zu bedienen. Schön wär's, wäre es so ;-)
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MrSpock

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #27 am: 22. Juli 2013, 11:14:34 »
Zitat
Logik ist der Anfang aller Weisheit, nicht das Ende

Mr. Spock zu Lt. Valeris in Star Trek VI - Das unentdeckte Land
Von allen Seelen, die mir begegnet sind auf meinen Reisen, war seine die menschlichste. (In Memoriam Groucho)

Zitat aus Star Trek II.

Homeboy

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #28 am: 22. Juli 2013, 11:36:36 »
(Das war die Frage zum Sonntag :angel:)

Da es in einem höchsten Maß gottungefällig ist, einen solchen heiligen Tag statt mit Andacht, Lobpreisung&innerer Einkehr dem Kampf um religionskritische Begriffe zu widmen, kann natürlich jedwede Diskussion ausschließlich werktäglich erfolgen (Samstag muß man selbstverständlich während der Liga-Saison immer für alles außer Fußball auslassen und außerhalb der Saison wird man auch immer besseres zu tun haben, z.B. grillen oder dgl.). Womit dann schon mal ein Gutteil begriffsgeschichtlicher Müll sowohl angesprochen als auch als hiermit entsorgt zu betrachten ist - nicht im Sinne von "erledigt" (leider, leider <seufz>), sondern im Sinne von "aus dem Auge, aus dem Sinn".

Da dieses Forum (wenn ich richtig lese) allgemein einig ist in der radikal irrationalen Furcht vor dem "Grünen" an sich, namentlich einer gewissen Frau Roth oder einem gewissen Herrn J. "Stalin" Trittin, und insofern grundsätzliche Irrationalität festgestellt werden darf, wird es am besten sein, wenn man statt über das Gezeigte eher über das Gewünschte verhandelt. ;-)

Der vermeintliche Gegenbegriff in der Umgangssprache wäre "Rationalität", wobei hier wie überall im folgenden nicht der ganze theoriebelastete Kram wie "kritische R.", "System-R." oder sonstige phil... nein, ich schreibe das böse Wort gar nicht erst aus, weil hier wiederum so eine typische irrationale Affektwirkung zu beobachten ist ;-) - also nicht "das", sondern nur die umgangssprachliche Nutzung gemeint ist.

Unter Sangesschwestern und -brüdern wird man sich wohl darauf einigen können, dass mit "rationalem" Verhalten / Handeln / Wünschen / Glauben etwas gemeint ist, was ganz fundamental auf das Vermögen / die Fähigkeit eines Jeden bezogen ist, Gründe entwickeln zu können, ihnen zu folgen und sie gegen Einrede verteidigen zu können. Ein "Grund" wiederum ist natürlich selbst ein auch umgangssprachlich unklarer Begriff - im Zusammenhang mit "rationalem" Vorbringen wäre ein "Grund" hier etwas, das über die (reine) Binnenperspektive einer Begründenden hinausreicht und andere daher veranlassen kann, dem Vorgebrachten (auch) folgen zu können (ein Grund von der Art "weil ich es schön finde" oder "weil es mir einen Vorteil verschafft" wäre zwar binnenpersonal ohne weiteres "rational", aber in der äußeren Beziehungslandschaft nicht als rationale Begründung verwendbar [mal von dem allgemein üblichen Täuschen abgesehen ;-)]). Diese Art der Verwendung von Gründen wird auch umgangssprachlich häufig mit "vernünftig" synonym umschrieben, wie überhaupt "rationales" Verhalten "vernünftigem" Verhalten synonym ist. Gemeint dabei ist wohl immer, dass "man" sich so verhält, so redet, so wünscht, dass "jede" Andere, die über dieselben Kenntnisse, Motive, Absichten und Optionen verfügen würde, zugestände, dass "man" sich "richtig" verhält ("jede" Andere würde zugestehen können, "dasselbe" tun zu können oder gar bei starken Gründen zu sollen oder zu müssen).

*Wenn* man sich grob auf diese Beschreibung von "Rationalität" einigen kann, dann fällt zunächst auf, dass mit "Irrationaliät" keineswegs zwangsläufig das Gegenteil gemeint ist (sein kann). Eine Begründung wie "weil ich das eben so glaube!" ist ja nicht "unvernünftig" (vor allem dann, wenn es stimmt, dass sie es "glaubt" und keine Selbsttäuschung, kein Irrtum oder keine Lüge vorliegt). Der "echte" Gegenbegriff zu "rational" wäre daher eher "arational" - hier im Sinne von "außerhalb der Begründbarkeit" zu verstehen und zwar derjenigen Begründungsmöglichkeit, die oben mit der verstehenden Anwendbarkeit durch Dritte verkoppelt wurde.

Insofern kann gesagt werden, dass "Irrationalität" eine Art von komplementärem System zur "Rationalität" darstellt - im besonderen in einer Welt, in der ihre Bewohner zu keinem Zeitpunkt erwarten können, auch nur näherungsweise Ursachen und Folgen überblicken zu können (der sogenannten "Realität" ;-) ). Das weite Feld der Mode ist zum Beispiel zwangsläufig "irrational", denn obwohl (rein beispielsweise!) jede Menge "rationale" Gründe vorgebracht werden könnten, etwa tolle Tatoos über die gesamte Epidermis zu verteilen ("Sieht geil aus!", "Hat jeder!", "Kriegt man die doofen Tussen mit rum!", "Die Buben steh'n drauf!"...), kann kein einziges Argument personale und überpersonale Geltung beanspruchen. Jede Menge anderer Felder funktionieren im Prinzip genauso - das "Rationale" und das "Irrationale" wirkt friedlich miteinander vereint gemeinsam am Handeln, Verhalten, Wünschen, Meinen, Glauben...  mit.

Es ist diese grundlegende "Komplementarität", die einen "archimedischen Punkt" zu finden möglicherweise wünschen läßt, die aber die Existenz des "Punktes" nicht wahrnimmt: es ist immer (nur) die Person, die sich in den verschiedensten Rahmen und Rollen jeweils zu entscheiden hat, welchem Muster sie folgt. Darin ist in aller Regel keine anspruchsvolle Tätigkeit zu sehen, sondern ein übliches, erlerntes, geübtes Agieren.

Der Wunsch bleibt natürlich derjenige, dass möglichst jeder Mensch jederzeit imstande sein möge, sich entsprechend den Erfordernissen und/oder dem Gebotenen aus dem Arsenal der ihm eigenen Vernunft, der Klugheit, dem Gefühl, dem moralischen Empfinden, der Lust&Laune oder sonstwas frei und ungezwungen zu bedienen. Schön wär's, wäre es so ;-)

parodierst du mich?
ansonsten:
Kannst du das auf das Weiterführende zur Sache kürzen und dabei Ironie und Rollenspiel weglassen?

sweeper

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Re: Was ist Irrationalität?
« Antwort #29 am: 22. Juli 2013, 11:46:29 »
@ajki:
Zitat
...Es ist diese grundlegende "Komplementarität", die einen "archimedischen Punkt" zu finden möglicherweise wünschen läßt, die aber die Existenz des "Punktes" nicht wahrnimmt: es ist immer (nur) die Person, die sich in den verschiedensten Rahmen und Rollen jeweils zu entscheiden hat, welchem Muster sie folgt. Darin ist in aller Regel keine anspruchsvolle Tätigkeit zu sehen, sondern ein übliches, erlerntes, geübtes Agieren...
Man könnte sogar in vielen Fällen - wenn auch nicht in allen - gleichsam von reflexhaftem , konditioniertem Verhalten sprechen.  :angel:

Überhaupt beanstande ich die leider sehr sparsame Verwendung des schönen Wortes "gleichsam" in deinem ansonsten ansprechenden Beitrag, ajki.
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