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Die Vitaminlüge wird 70

Begonnen von cohen, 30. August 2009, 13:16:33

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cohen

Krass:
Zitat
Vitamin C – vom Ladenhüter zum Milliardengeschäft
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 21.08.2009


1933 war synthetisches Vitamin C ein Produkt ohne Markt. Heute ist es ein Milliardengeschäft. Dahinter steckt ein Basler Pharmakonzern, der eifrig Zwecke zum Mittel suchte.
Unterricht in Volksgesundheit: Modell der Vitamin-C-Fabrikation an der Landi 1939.

Unterricht in Volksgesundheit: Modell der Vitamin-C-Fabrikation an der Landi 1939.
Als Vitamine «kriegswichtig» wurdem: US-Kampagne im Zweiten Weltkrieg.

Als Vitamine «kriegswichtig» wurdem: US-Kampagne im Zweiten Weltkrieg.

Das Übel kommt schleichend, es dauert Monate, bis das Zahnfleisch zu bluten beginnt. Bleierne Müdigkeit befällt die Knochen, die ohnehin schmerzen, weil es zu Blutungen auch unter der Knochenhaut kommt und sich die Gelenke entzünden. An Füssen und Unterschenkeln wachsen Geschwüre, die Kranken verlieren ihre Haare und Zähne, Arme und Beine verfaulen, es folgen Halluzinationen, Blindheit und Tod.

Skorbut war die Geissel der Seefahrer, die sich über Monate allein von Pökelfleisch und Zwieback ernährten. Im 18. Jahrhundert bewies dann ein britischer Schiffsarzt namens James Lind, dass Zitronensaft das Übel fernhält. Damit war der Skorbut besiegt, auch wenn man den genauen Grund erst viel später fand: Vitamin C. Eine einigermassen vernünftige Ernährung deckt den ganzen Bedarf; alles zusätzliche Vitamin C scheidet der Körper ungenutzt aus.

Ein Patent auf Vorrat

Skorbut ist also kein Thema, und an natürlichem Vitamin C ist kein Mangel, als 1933 bei Roche in Basel Thadeus Reichstein anklopft, Privatdozent für Chemie an der ETH Zürich. Zusammen mit seinem Geschäftsfreund Gottlieb Lüscher, dem Direktor der Haco in Gümligen, will Reichstein eine Erfindung verkaufen: ein Verfahren, das Vitamin C vollkommen künstlich gewinnt.

Bei Roche sieht man dafür schlicht keinen Bedarf. Medizinisch sei künstliche Ascorbinsäure, wie Vitamin C chemisch heisst, irrelevant. Vorläufig könne es höchstens darum gehen, «die Substanz für physiologische und biochemische Untersuchungen zugänglich zu machen. Sollte sich später eine therapeutische Indikation herausstellen, umso besser.»

Etwas muss dann passiert sein. Denn heute ist die Reichstein-Synthese die Basis einer Industrie, die jährlich weltweit 100000 Tonnen Vitamin C produziert. Und die verteilen sich über den ganzen Alltag: Ascorbinsäure steckt in Brausetabletten und Katzenfutter, in Shampoos und Cremes, vor allem aber als Konservierungsstoff in Lebensmitteln, wo sie als E 300 firmiert.

«Hokuspokus»

Eine neue «therapeutische Indikation» wurde allerdings nie gefunden. Und trotzdem ist Vitamin C zum universalen Ingrediens des modernen Lebens geworden. Diesem «Trotzdem» geht der Historiker Beat Bächi in seiner Doktorarbeit nach, die jetzt als Buch herausgekommen ist.

Andere Forscher haben den Erfolg der Ascorbinsäure pauschal mit dem «Vitaminwahn» erklärt, dem populären Glauben an die Allmacht der Vitamine, der seit den Zwanzigerjahren grassiert. Doch die Medizin war damals nicht weniger skeptisch als die Industrie: Tonangebende Ärzte hatten für den Vitaminkult vor allem Kritik übrig. Darum dreht Bächi die Frage um und zeigt, wie der Bedarf nach Vitamin C geschaffen wurde.

Roche hat Reichsteins Patent ja gekauft: Die Weltwirtschaftskrise zwang das Unternehmen zur Suche nach neuen Produkten. Und wo es ein neues Produkt gibt, aber keinen Markt, muss man ihn schaffen. Für Arzneimittel heisst das: «Hokuspokus» machen und den Patienten «eine neue Krankheit andichten». So sprach man damals firmenintern.

Im Zeichen des «Volkswohls»

Zunächst setzt Roche auf die Leistungsförderung. Sportler sollen die Wirkung beweisen, und so wird Ascorbinsäure an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin getestet. Beweisen lässt sich zwar nichts, die Strategie bleibt aber klar: die Umdeutung von Vitamin C vom Arznei- zum «Funktionsmittel».

Roche bemüht dafür das Krankheitsbild der «C-Hypovitaminose», einer relativen Unterversorgung, die keine drastischen Folgen wie den Skorbut hat, dafür allerlei andere, die auch die Gesunden treffen können. Alle, denen «Leistungsfähigkeit» abverlangt werde, müssten auf «optimale Vitamin-C-Zufuhr» achten, so eine Reklame: «Dadurch wird die Stimmung gefördert, die Arbeitsfreude erhöht und manche Enttäuschung verhindert.»

Das Unternehmen stützt sich dabei – und das ist gesellschaftlich brisant – auf einen ganz bestimmten Begriff von Gesundheit: Gesund ist nicht, wer nicht krank ist, sondern wer leistungsfähig bleibt. Es geht um Prävention und die «Volksgesundheit», und Roche gelingt es, Vitamin C mit dem öffentlichen Interesse an einem leistungsfähigen «Volkskörper» zu verknüpfen. Und genau darin sieht Bächi das Entscheidende in der Karriere dieses Stoffs.

Schon an der Landi 1939 in Zürich bringt Roche der Nation die «gesellschaftliche Notwendigkeit» (Bächi) der Ascorbinsäure bei. «Der Vitamingehalt unserer Nahrungsmittel wird oft durch industrielle Verarbeitung sowie durch die Zubereitung im Haushalt zerstört», heisst es im Roche-Pavillon: «Vitaminmangel kann auch bei scheinbar abwechslungsreicher Ernährung auftreten.»

Im Krieg etabliert

Im Zweiten Weltkrieg schafft Vitamin C den Durchbruch. Jetzt wird die Gesundheit erst recht zum Politikum und die Leistungsfähigkeit zur Bürgerpflicht. Zudem kümmern sich die Staaten, nach der Mangelernährung im Ersten Weltkrieg, nun aufmerksamer um die Vitaminversorgung ihrer Bürger und Soldaten. Roche bearbeitet die Schweizer Militärärzte, kommt mit der deutschen Wehrmacht ins Geschäft und kann so viel verkaufen, dass die Fabrikation ausgebaut werden muss.

Die Vitamine machen Roche zum Grosskonzern. In Basel schläft man zwar unruhig beim Gedanken an zivile Zeiten, doch im Krieg hat sich Vitamin C etabliert. Und es passt auch bestens in die Leistungsgesellschaft der Nachkriegszeit. Zudem eröffnet die Ära des Massenkonsums ganz neue Anwendungsfelder: Ascorbinsäure erobert Kosmetik und Tiermedizin, und zu einem der grössten Märkte wird die Verwendung als Konservierungsmittel.

«Die Angst vor Skorbut wich der Hoffnung auf ein besseres Leben», so Bächis Bilanz. Wobei jenes Leben noch besser geworden wäre, wenn die Versuche mit «vitaminisierten Nylonstrümpfen» in den Fünfzigerjahren Erfolg gehabt hätten. Oder jene mit Ascorbinsäure in Zigaretten. Nach über einem Jahrzehnt stellte Roche 1990 ein weiteres Forschungsprojekt ein. Unter dem Titel «Golden Powder» hatte man eine weitere Verwendung erforscht: Vitamin C als Schiesspulver und Sprengstoff.

Beat Bächi: Vitamin C für alle! Pharmazeutische Produktion, Vermarktung und Gesundheitspolitik 1933–1953. Chronos, Zürich 2009. (Der Bund)

Erstellt: 21.08.2009, 08:48 Uhr
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http://bazonline.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Vitamin-C--vom-Ladenhueter-zum-Milliardengeschaeft/story/16631011
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Der dämliche Allgemeinplatz mit der Nahrung, die durch industrielle Verarbeitung immer schlechter wird, ist eine Werbebotschaft der chemischen Industrie von 1939!