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Von meinem Hang zum Aberglauben

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Begonnen von Daudieck, 06. Mai 2015, 00:01:20

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Daudieck

Meine Großeltern mütterlicherseits lebten in einem Deputatlohn-Verhältnis, in einem kleinen Haus auf einem herrschaftlichen Gut. Zum Deputat gehörten auch zwei Kühe – als eine davon eine Kolik bekam, schickte mich mein Opa zum Besprecher ins Dorf, der brabbelte leise über einem Stück Schwarzbrot herum und strich es mit blauer Kreide an, ich lief damit zurück, mein Opa presste der Kuh das Schwarzbrot ins Maul, sie wurde natürlich wieder gesund. Das muss so um 1960 gewesen sein, ich war ein kleiner Junge, ich wusste wo ich auf dem Weg zur Schule im Dorf nicht langgehen durfte, weil es dort gefährlich war – warum es dort gefährlich war, wollte mir meine Mutter aber nie verraten, sie schimpfte mich aus, wenn ich danach fragte. Von meinem Vater wusste ich, dass es im Dorf zwei Hexen gab, mit denen ich mich auf keinen Fall abgeben sollte, ich tat es trotzdem und lebe immer noch.

So war das damals. Ich wuchs noch mit einem ganz alltäglichen Aberglauben auf, und mit der Einführung von technischen Errungenschaften verbinde ich fast groteste Erinnerungen – so etwa mit meiner Uroma, die auf dem neuen Fernseher immer nur sonntags die Tagesschau guckte und dafür von meiner Oma extra umgezogen wurde, weil sie sich sonst vor dem Nachrichtensprecher schämte. Bevor wird den ersten Fernseher bekamen, saßen wir immer alle zusammen in der Stube, bis in die Dunkelheit hinein, geredet wurde wenig, und dann gingen alle zu Bett.

Sind solche Erinnerungen bloß nostalgisch, romantisierend oder gar die ersten Vorstufen von Altersschwachsinn? Hoffentlich nicht. Als ich erwachsen wurde, lachte ich über Hexen und Besprecher - erst viel später fiel mir auf, dass ich den Aberglauben nie richtig losgeworden bin, bis heute nicht. Vor komischen Zufällen erschrecke ich mich, ich glaube zum Beispiel, dass Vögel gern in meine Nähe kommen und mich seltsam anschauen, manche springen mir sogar auf den Unterarm. Mein Opa, nun aber der andere, sagte mir mehrfach anerkennend, dass ich das Wetter gut lesen könne, ein Lob, auf das ich immer noch ein bisschen stolz bin. Mein Verhältnis zur Natur ist von einem derben Mystizismus durchzogen, mein Verhältnis zu den Menschen erscheint mir unmodern, fast altbacken, ich betrachte die Menschen irgendwie schicksalhaft, ich verorte sie in einer anderen Realität, von der ich nicht weiß, wie sie beschaffen ist.

Bin ich vielleicht ein Esoteriker? Von Homöopathie oder Anthroposophie halte ich nichts, allerdings bin ich weit davon entfernt, sie zu verdammen, schon wegen der Kuh mit der Kolik. Einmal war ich auf einem Einführungsseminar in den Buddhismus ,,mit praktischen Übungen", wie es hieß -  nur ein Mal nahm ich daran teil, und ich ging auch schon vor dem Ende. Doch ich ging mit einem Gefühl von Neid. Da waren Leute, die sich über Rituale in eine religiöse Sphäre hinein versetzen konnten - ich konnte es nicht, ich wusste mit einem Schlag, dass mir das niemals gelingen würde. Was verpasse ich? Was habe ich verpasst? Möglicherweise verpasst die aufgeklärte Zivilisation etwas Entscheidendes.       

Maxi

Dass du zum Aberglauben neigst, war ja schon in deinem 9/11 Faden zu bestaunen. Weiter so. Du bist auf einem guten Weg. Blau angemaltes Brot ist allerdings keine Homöopathie. Musst du dich noch mal etwas einlesen.
Wenn es nicht Absicht ist, ist es doch System.
Dr. Ici Wenn selig

Truhe

Ich finde die kleinen abergläubischen Rituale im Alltag immer lustig, z.B. Hände nicht über kreuz schütteln. Solange es nicht zu bierernst genommen und zwanghaft wird, habe ich damit kein Problem. Ich staune eher wie weit verbreitet diese sind.

Ob Du beim praktisch geübten Buddhismus aber wirklich was verpasst hast?! Mir ginge es da wahrscheinlich wie Dir. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es noch viel mehr Leuten so geht, die sich aber nicht trauen, das laut zu sagen.
Und ist es nicht auch Zweck solcher Rituale, dass Du das Gefühl haben sollst, etwas zu verpassen?

Daudieck

In Deutschland bestimmt, weil fast alles vom Geld verdorben wird. Aber ich war vor langer Zeit in Indien und sah viele meditativ versunkene Menschen, sie waren arm. Das ist dort ein andere Kultur, die das Phänomen der Transzendenz mit dem Leben verbindet. Wir haben gewöhnlich keinen Zugang dazu. Ich denke, dass man als Europäer schon besondere Eigenschaften haben muss, um diesen Zugang nachträglich zu finden – die meisten, die es von sich behaupten, sind Spinner.

MrSpock

Zitat von: Daudieck am 06. Mai 2015, 01:09:10
In Deutschland bestimmt, weil fast alles vom Geld verdorben wird. Aber ich war vor langer Zeit in Indien und sah viele meditativ versunkene Menschen, sie waren arm. Das ist dort ein andere Kultur, die das Phänomen der Transzendenz mit dem Leben verbindet. Wir haben gewöhnlich keinen Zugang dazu. Ich denke, dass man als Europäer schon besondere Eigenschaften haben muss, um diesen Zugang nachträglich zu finden – die meisten, die es von sich behaupten, sind Spinner.

Welche Eigenschaften sind das Deiner Meinung nach?
(Fettung von mir)
Von allen Seelen, die mir begegnet sind auf meinen Reisen, war seine die menschlichste. (In Memoriam Groucho)

Zitat aus Star Trek II.

Sauropode


Conina

Oder es hat etwas mit Laktoseintoleranz und Problemen beim Alkoholabbau zu tun.

:prosit

Bloedmann

Es gibt so viele Dinge im Leben, die wichtiger sind als Geld... aber sie kosten so viel! Groucho Marx

71hAhmed

ZitatBin ich vielleicht ein Esoteriker?
Da wärest du hier nicht der einzige.

https://forum.psiram.com/index.php?topic=3604.msg41888#msg41888

Es gibt Facetten menschlicher Existenz, die nicht ohne weiteres rational/wissenschaftlich fassbar sind und manchmal
Zitat von: Daudieck am 06. Mai 2015, 01:09:10
In Deutschland bestimmt, weil fast alles vom Geld verdorben wird. Aber ich war vor langer Zeit in Indien und sah viele meditativ versunkene Menschen, sie waren arm. Das ist dort ein andere Kultur, die das Phänomen der Transzendenz mit dem Leben verbindet. Wir haben gewöhnlich keinen Zugang dazu. Ich denke, dass man als Europäer schon besondere Eigenschaften haben muss, um diesen Zugang nachträglich zu finden – die meisten, die es von sich behaupten, sind Spinner.
Auch wenn die Kultur eine andere ist, "meditative Versenkung" geht nicht von jetzt auf gleich, die Techniken muss man erst mal lernen. Besondere Eigenschaften sind nicht nötig. Daß dabei Erfahrungen und Erkenntnisse in einer uns ungewohnten symbolischen Sprache dargestellt werden und zusätzlich von einer dichten Hecke von Erklärungsversuchen aus verschiedenen Epochen und Traditionen auf Basis verschiedenster Weltmodelle überwuchert sind, macht die Sache nicht einfacher.

Entsprechende mystisch-meditative Traditionen gab und gibt es aber auch in unserem Kulturkreis, allerdings seit langem nicht mehr so im Alltagsleben integriert. Eigetlich müssten die hiesigen Pseudoerleuchteten und ihre Jünger gar nicht in fremden Traditionen plündern, die Zugänge existieren auch hier und "kulturkompatibel".

Ansonsten ist "Aberglauben" ein weites Feld, das vieles umfasst, von ehemals sinnvollen Verhaltensweisen über Erfahrungswissen, daß bestimmte Dinge (oft genug) funktionieren, auch ohne zu wissen, warum; Reste alter Versuche, sich die Phänomene der Welt zu erklären und die menschliche Fähigkeit, Muster zu erkennen, und notfalls welche zu Konstruieren, wenn keine da sind.
Rituale können das Leben leichter machen, den Ablauf der Zeit gliedern, dem Individuum und der Gesellschaft Halt geben.

MrSpock

Auch hier ist wohl keine Antwort mehr zu erwarten... :o
Von allen Seelen, die mir begegnet sind auf meinen Reisen, war seine die menschlichste. (In Memoriam Groucho)

Zitat aus Star Trek II.

mossmann

Offtopic:
Stichwort Indien:
Das Land ist schon ziemlich verrückt ...
Irgendwie schade, dass viele der kleinen, irgendwie zauberhaften Dinge durch die Globalisierung (Unwort!) fast verschwunden sind.
Natürlich darf auch Indien "westlich" (Unwort 2!) werden, aber vorher war es lustiger.
Beispiel Mumbai Airport: Der sah noch im Jahre 2000 aus wie ein verdreckter Provinzflughafen. Weiß gekachelte Neonhallen, 2-4 Andenken-Shops. Eigentlich verrückt für so eine Metropole.
An jeder Ecke konntest du Chai und Samosa von fliegenden Händlern kaufen.
Heute gibts da Starbucks & Co und eine Shopping-Mail mit Angeboten wie an jedem x-beliebigen Airport auf der Welt. Langweilig.
Ich fand es vorher schöner.
(sentimentalwerd)


Offizieller Sprecher des gemäßigten Flügels der Psiram-Jugend

MrSpock

Zitat von: mossmann am 07. Mai 2015, 11:42:20
Offtopic:
Stichwort Indien:
Das Land ist schon ziemlich verrückt ...
Irgendwie schade, dass viele der kleinen, irgendwie zauberhaften Dinge durch die Globalisierung (Unwort!) fast verschwunden sind.
Natürlich darf auch Indien "westlich" (Unwort 2!) werden, aber vorher war es lustiger.
Beispiel Mumbai Airport: Der sah noch im Jahre 2000 aus wie ein verdreckter Provinzflughafen. Weiß gekachelte Neonhallen, 2-4 Andenken-Shops. Eigentlich verrückt für so eine Metropole.
An jeder Ecke konntest du Chai und Samosa von fliegenden Händlern kaufen.
Heute gibts da Starbucks & Co und eine Shopping-Mail mit Angeboten wie an jedem x-beliebigen Airport auf der Welt. Langweilig.
Ich fand es vorher schöner.
(sentimentalwerd)

https://www.youtube.com/watch?v=0kNGnIKUdMI
Von allen Seelen, die mir begegnet sind auf meinen Reisen, war seine die menschlichste. (In Memoriam Groucho)

Zitat aus Star Trek II.

duester

Zitat von: mossmann am 07. Mai 2015, 11:42:20
... Samosa ...

*jetztsofortundunbedingtsamosasfürsglücksgefühlbrauchen*

Hildegard

Jaja, früher war alles besser. Sogar Indien.