Neuigkeiten:

Wiki * German blog * Problems? Please contact info at psiram dot com

Main Menu

Die psychologische Dynamik von Verschwörungstheorien

Postings reflect the private opinion of posters and are not official positions of Psiram - Foreneinträge sind private Meinungen der Forenmitglieder und entsprechen nicht unbedingt der Auffassung von Psiram

Begonnen von Harry Wijnvoord, 13. September 2010, 18:55:06

« vorheriges - nächstes »

Harry Wijnvoord

Mich würd echt mal interessieren, warum in der Esoszene der ganze Verschwörungskram so in Mode ist. Mich interessiert also weniger ein Abriss dieser Theorien und Luftschlösser sonder eher eine Sammlung psych. Erklärungansätze darüber, warum Menschen überhaupt auf sowas abfahren. Meist wird ja nur dagegen "gebashed". Gibt es aber ernstzunehmendes Material darüber, warum Menschen anfällig dafür sind und sich geradezu damit schmücken? Ich kenn z.B. kaum Esos, die nur an EINE höchst fragwürdige Theorie glauben. Die meisten packen gleich alles ein, was der Esobasar zu bieten hat: Chemtrails, 9/11, Impfangst, Manipulation durch Trinkwasser und all so'n Kram. Ein Artikel darüber würde mich sehr interessieren.



Conni

Das interessiert mich auch, aber ich habe dazu zu wenig Ahnung von Psychologie. Einerseits wird es wohl der simple, einleuchtende Erklärungsansatz sein und das in sich geschlossene Weltbild. Andererseits das Gefühl etwas "Besonderes" zu wissen.

T-M

Ja, das ist ein interessantes Thema, über dass ich mir auch gerade Gedanken mache, auch wenn ich ebenfalls nicht viel Ahnung von Psychologie habe.

Ich vermute aber, es liegt unter anderem daran, dass eine "gute" VT Erklärungen für so ziemlich alles liefert (und damit die Unsicherheiten beseitigt, denen man ständig ausgesetzt ist), insbesondere auch auf die Frage, warum es so viel Böses auf der Welt gibt: Die Verschwörung ist schuld daran. Somit hat man ein ganz einfaches Weltbild: Gut (wir) gegen Böse (die Verschwörung).

Ich denke, ein weiterer wichtiger Punkt für das "Fortbestehen" einer VT ist aber auch, dass die Leute, wenn sie einmal drin sind, kaum wieder raus kommen: Entsprechend der Logik der VT ist jedes Gegenargument nur ein Beweis für die Verschwörung, weil die Verschöwung es absichtlich konstruiert hat, um sich zu tarnen; und jeder, der eine andere Meinung hat wurde entweder von der Verschwörung beeinflusst oder gehört sogar selbst dazu. Ab einem gewissen Punkt wird vermutlich alles, was irgendwie passend erscheint, als "Beweis" für die Richtigkeit der VT interpretiert. Ich schätze, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, so zu denken, kommt man kaum wieder raus, erst recht nicht von selbst.

Ich habe es sogar an mir selbst gemerkt: Ich war die letzten Tage beschäftigt, zum "Spaß an der Freude" einmal auszuprobieren, mir selbst eine (möglichst absurde) VT auszudenken.(Komische Idee, ich weiß.) Außerdem lese ich gerade "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco (passt gut zu diesem Thema, ich weiß, 71hAhmed hatte mir das mal empfohlen). Jedenfalls bin ich im Kapitel 78 über folgenden Satz gestolpert: "Der Dobermann einer reichen Dame mit butterweichem Herzen [...]" Für einen Moment bekam ich tatsächlich einen kleinen Schreck, weil ich dachte, es sei eine Anspielung auf meine ganz eigene VT. Natürlich wurde mir sofort klar, wie absurd das ist; aber ich denke, einem Anhänger einer richtigen VT würde das eben nicht auffallen, und schon hätte er eine zufällige Assoziation zu einem "Beweis" uminterpretiert. ::)

71hAhmed

Ich habe zwar auch nicht viel Ahnung von Psychologie, aber ich weiss aus eigener Erfahrung und aus verschiedener Lektüre, dass unser Gehirn dazu neigt, Muster in der Umwelt zu erkennen (auch wenn keine da sind). Wenn man ein bestimmtes Muster kennenlernt, fällt einem automatisch immer mehr auf, was dazu passt, selbst wenn man nicht bewusst danach sucht. Wenn man dann wirklich bewusst auf seine Muster achtet und Belege sucht, fällt einem noch mehr auf und bestätigt das Muster.
Deswegen "funktioniert" ja auch Homöopathie,Astrologie,Magie oder Religion in den Augen der Gläubigen so gut, weil alles, was ins Muster passt, als Beweis gewertet wird, auch wenn kein ursächlicher Zusammenhang besteht.
VTs entstehen ja nicht im leeren Raum, es gibt immer Anknüpfungspunkte, die erst mal auch für skeptischen Menschen als sinnvoller Denkansatz erscheinen.

@T-M:
Und wie schnell das gehen kann, merkst du ja gerade selber ;D

Warze

Elitedenken. Der Glaube, sich durch besonderer Erleuchtung aus der Masse herauszuheben.
"One thing's sure: Inspector Clay is dead- murdered- and somebody's responsible!"

Adromir

Zitat von: Warze am 13. September 2010, 22:20:57
Elitedenken. Der Glaube, sich durch besonderer Erleuchtung aus der Masse herauszuheben.

Frei nach dem Motto: Es ist geiler der Gandalf in Herr der Ringe zu sein, als der Gärtner bei Rosamunde Pilcher ;)

pünktchen

Zitat von: T-M am 13. September 2010, 20:22:58Ich vermute aber, es liegt unter anderem daran, dass eine "gute" VT Erklärungen für so ziemlich alles liefert (und damit die Unsicherheiten beseitigt, denen man ständig ausgesetzt ist), insbesondere auch auf die Frage, warum es so viel Böses auf der Welt gibt: Die Verschwörung ist schuld daran. Somit hat man ein ganz einfaches Weltbild: Gut (wir) gegen Böse (die Verschwörung).

das scheint mir eigentlich immer der kern zu sein: die frage danach, wer schuld an der ganzen verdammt komplizierten scheisse ist. irgendwer muss doch dahinterstecken, das dauernd alles schiefläuft, sich alle gegen einen verschworen haben und einen alle auslachen. verschwörungstheorien sind ganz banales sündenbockdenken und aufgrund dieser psychischen funktion sind die gläubigen nicht mit irgendwelchen argumenten davon abzubringen: wenn es die verschwörer nicht gäbe, hätten sie es vielleicht doch wieder selbst verbockt.


71hAhmed

Zitat von: pünktchen am 13. September 2010, 23:50:10
Zitat von: T-M am 13. September 2010, 20:22:58Ich vermute aber, es liegt unter anderem daran, dass eine "gute" VT Erklärungen für so ziemlich alles liefert (und damit die Unsicherheiten beseitigt, denen man ständig ausgesetzt ist), insbesondere auch auf die Frage, warum es so viel Böses auf der Welt gibt: Die Verschwörung ist schuld daran. Somit hat man ein ganz einfaches Weltbild: Gut (wir) gegen Böse (die Verschwörung).

das scheint mir eigentlich immer der kern zu sein: die frage danach, wer schuld an der ganzen verdammt komplizierten scheisse ist. irgendwer muss doch dahinterstecken, das dauernd alles schiefläuft, sich alle gegen einen verschworen haben und einen alle auslachen. verschwörungstheorien sind ganz banales sündenbockdenken und aufgrund dieser psychischen funktion sind die gläubigen nicht mit irgendwelchen argumenten davon abzubringen: wenn es die verschwörer nicht gäbe, hätten sie es vielleicht doch wieder selbst verbockt.


Stimmt. Man muss sich nicht der Frage stellen, inwieweit man selber (mit)verantwortlich ist, weil SIE ja an allem schuld sind.

Harry Wijnvoord

Zitat von: T-M am 13. September 2010, 20:22:58
Ja, das ist ein interessantes Thema, über dass ich mir auch gerade Gedanken mache, auch wenn ich ebenfalls nicht viel Ahnung von Psychologie habe.

Ich vermute aber, es liegt unter anderem daran, dass eine "gute" VT Erklärungen für so ziemlich alles liefert (und damit die Unsicherheiten beseitigt, denen man ständig ausgesetzt ist), insbesondere auch auf die Frage, warum es so viel Böses auf der Welt gibt: Die Verschwörung ist schuld daran. Somit hat man ein ganz einfaches Weltbild: Gut (wir) gegen Böse (die Verschwörung).

Ich denke, ein weiterer wichtiger Punkt für das "Fortbestehen" einer VT ist aber auch, dass die Leute, wenn sie einmal drin sind, kaum wieder raus kommen: Entsprechend der Logik der VT ist jedes Gegenargument nur ein Beweis für die Verschwörung, weil die Verschöwung es absichtlich konstruiert hat, um sich zu tarnen; und jeder, der eine andere Meinung hat wurde entweder von der Verschwörung beeinflusst oder gehört sogar selbst dazu. Ab einem gewissen Punkt wird vermutlich alles, was irgendwie passend erscheint, als "Beweis" für die Richtigkeit der VT interpretiert. Ich schätze, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, so zu denken, kommt man kaum wieder raus, erst recht nicht von selbst.

Ich habe es sogar an mir selbst gemerkt: Ich war die letzten Tage beschäftigt, zum "Spaß an der Freude" einmal auszuprobieren, mir selbst eine (möglichst absurde) VT auszudenken.(Komische Idee, ich weiß.) Außerdem lese ich gerade "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco (passt gut zu diesem Thema, ich weiß, 71hAhmed hatte mir das mal empfohlen). Jedenfalls bin ich im Kapitel 78 über folgenden Satz gestolpert: "Der Dobermann einer reichen Dame mit butterweichem Herzen [...]" Für einen Moment bekam ich tatsächlich einen kleinen Schreck, weil ich dachte, es sei eine Anspielung auf meine ganz eigene VT. Natürlich wurde mir sofort klar, wie absurd das ist; aber ich denke, einem Anhänger einer richtigen VT würde das eben nicht auffallen, und schon hätte er eine zufällige Assoziation zu einem "Beweis" uminterpretiert. ::)

Hi T-M, viele gute Punkte, die ich so unterschreiben kann: Die Einfachheit der Erklärung für so ziemlich ALLES, die Selbstbestätigung durch so ziemlich ALLES, die Abgrenzung zu anderen usw. Ich glaub eine VT festigt den Glauben anderer VTs ungemein, das hab ich selbst so erfahren. Eine einzelne VT ist noch ziemlich angreifbar und labil. Aber ganz viele zusammen und Du hast ne Erklärung für sämtliches Geschehen. In meiner Phase, in der ich mich mit VTs beschäftigt hab (bin nicht als Skeptiker auf die Welt gekommen ;D), hab ich unglaublich viel Sinn gespürt. Das war so wie an Wiedergeburt zu glauben: Es entspannt total. Alles war total sinnbehaftet. Gleichzeitig nährt es aber auch Angst und Misstrauen: Jeder, der anders denkt könnte mit der Verschwörung zu tun haben.
Hab mal den schönen Satz gelesen, dass sämtliche Kultur der menschl. Versuch ist, den Tod zu überwinden. Vielleicht ist das mit den VTs ähnlich. Sie helfen dabei, die eigene recht nichtssagende Existenz aufzubauschen und dem ganzen Kram einen Sinn zu geben.

KathaKombe

Zitat von: Adromir am 13. September 2010, 23:08:43Frei nach dem Motto: Es ist geiler der Gandalf in Herr der Ringe zu sein, als der Gärtner bei Rosamunde Pilcher ;)


;D :D ;D ;D :D ;) genau, es ist schwer ein "kleines Licht" zu sein und trotzdem zu leuchten  :D

HagbardC

Da bin ich wieder!  ::)

Viele dieser Verschwörungstheoretiker sind offensichtlich auf der Suche nach Aufmerksamkeit und versuchen ihrem tristen Dasein einen neuen Sinn zu geben.
Die heutigen Möglichkeiten, selbst den krudesten Unsinn innerhalb von Minuten weltweit zu verbreiten spielen diesen Leuten dabei in die Karten.
Ich hatte erst kürzlich mit einem sogenannten "Opfer des Gangstalking" zu tun und hier wird dieser Zusammenhang ziemlich deutlich. Der verbreitete seine Theorie in sämtlichen Foren, die ihm angebracht erschienen, aber selbst im Falle einer hieb und stichfesten Widerlegung seiner Argumente blieb er Wahrnehmungsresistent und begann im Gegenteil, die ihm widersprechenden als "Täter" zu beschimpfen.
Je mehr man von ihm las, umso deutlicher wurde, was für ein armes Würstchen er ohne seine Geschichte wäre.

Traurig nur, daß er aufgrund seiner Gangstalking-Spinnerei eine derartige Paranoia entwickelt hat, daß er selbst ein Gähnen in einem vorbeifahrenden Auto als gegen sich gerichtet und bedrohlich empfindet.

HagbardC

Kombe

ich bin mir sicher, dass das Internet nicht ganz unschuldig an jedweder Verbreitung von Unsinn ist.
"Der Unsinn" taucht immer wieder und wieder und wieder auf.
Mir begegnen ganz oft VT zur Pharmaindustrie, wobei ich mir sicher bin, dass dort auch viel Geld in die Hand genommen wird, um nicht ganz koscheres zu tun.
Wie überall, wo viel Geld im Umlauf ist.
Aber Verschwörung? Nein.

Ebenso wie mir immer wieder VT zu 9/11 aufgetischt werden. Das ist noch unwahrscheinlicher.

Oh, by the Way,
Ich hatte gestern eine wohl tuende Unterhaltung mit Kollegen (nur Akademikern) zum Thema Impfen und war angenehm überrascht, einem ganzen Haufen zu begegnen, welcher nicht der hysterischen Impfgegnerschaft verfallen ist. Also diese These, dass eher die gut ausgebildeten Menschen zu den Esoterikern gehören, habe ich so nicht erfahren. Es sind eher die mittelbegabten, ohne Studium, die handwerklichen bis kaufmännischen Berufen nachgehen, gerne grün, die so darauf abfahren. Eben die Mittelmäßigen. Wie ich. Die es nicht aushalten, nur mittelmäßig zu sein. Das war jetzt böse, egal. ;) :D

71hAhmed

Zitat von: Kombe am 16. September 2010, 08:16:13
ich bin mir sicher, dass das Internet nicht ganz unschuldig an jedweder Verbreitung von Unsinn ist.
"Der Unsinn" taucht immer wieder und wieder und wieder auf.

Das Internet macht die Verbreitung des ganzen Unsinns nur leichter und die Menschen stolpern leichter drüber, aber vieles von dem, was da rumschwappt, ist nicht wirklich neu. Früher musste der Autor sich viel mehr Mühe geben, seine Ideen an die Öffentlichkeit zu bringen, heute reicht eine Webseite. Und Interssenten hatten es auch schwieriger, Gleichgesinnte zu finden, heute reicht Google.

Zitat
Mir begegnen ganz oft VT zur Pharmaindustrie, wobei ich mir sicher bin, dass dort auch viel Geld in die Hand genommen wird, um nicht ganz koscheres zu tun.
Wie überall, wo viel Geld im Umlauf ist.
Aber Verschwörung? Nein.

Ebenso wie mir immer wieder VT zu 9/11 aufgetischt werden. Das ist noch unwahrscheinlicher.

Eigentlich nichts neues, nur neue Anlässe, seit Nero Rom angezündet haben soll ;).

Zitat
Oh, by the Way,
Ich hatte gestern eine wohl tuende Unterhaltung mit Kollegen (nur Akademikern) zum Thema Impfen und war angenehm überrascht, einem ganzen Haufen zu begegnen, welcher nicht der hysterischen Impfgegnerschaft verfallen ist. Also diese These, dass eher die gut ausgebildeten Menschen zu den Esoterikern gehören, habe ich so nicht erfahren. Es sind eher die mittelbegabten, ohne Studium, die handwerklichen bis kaufmännischen Berufen nachgehen, gerne grün, die so darauf abfahren. Eben die Mittelmäßigen. Wie ich. Die es nicht aushalten, nur mittelmäßig zu sein. Das war jetzt böse, egal. ;) :D

Ich denke eher, dass der Anteil der "Anfälligen" in allen Bevölkerungsgruppen ungefähr gleich ist. Mir (kein Studium, Handwerker und auch eher Mittelmässig ;D) begegnen die  verqueren Ansichten häufiger bei denen mit eher guter Ausbildung (nebenbei, die meisten Handwerksausbildungen sind heute auch nicht mehr so ohne, einfach mal Ausbildungsordnungen nachsehen) wie Ärzten, Lehrern und anderen Akademikern, weniger bei den Kollegen auf dem Bau.

Aber ob es da verlässliche Statistiken gibt, wage ich zu bezweifeln.