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Autor Thema: Aufklärung und Neoliberalismus  (Gelesen 5200 mal)

pelacani

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Aufklärung und Neoliberalismus
« am: 31. Mai 2014, 00:20:45 »
Dr. Gerhard Engel (Hildesheim) überlegt sich, was wohl heutzutage mit dem Begriff „Aufklärung“ gemeint sein könnte.

Was ist Aufklärung? Gedanken zu einem unvollendbaren Projekt
http://gkpn.de/Engel_AuK1-2014_Aufklaerung.pdf

Ein sehr lesbarer und kenntnisreicher, grundsätzlicher Text, meine ich. Ich greife mal einen Nebenaspekt heraus:
Zitat
Seit Marx ist der ›Kapitalismus‹ übel beleumundet. Gewiss – Marx selbst bewunderte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dieser Wirtschaftsverfassung und auch die Dynamik, mit der sie überkommene Denkweisen und Strukturen im Laufe der Geschichte aufgebrochen habe. Aber Ausdrücke wie ›Profit‹,31 ›Ausbeutung‹ oder ›Verelendung‹ signalisieren, dass moralische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit für Marx nicht nur nicht übereinstimmen, sondern auch nicht übereinstimmen können, weil die moralischen Mängel der kapitalistischen Produktionsweise inhärent sind. So sah es Karl Marx, und so sieht es auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende entsprechender Experimente immer noch ein beachtlicher Teil der Öffentlichkeit. Bücher, in denen die ›Diktatur des Profits‹ beklagt oder der doch noch unmittelbar bevorstehende Zusammenbruch ›des Kapitalismus‹ beschworen (oder gepredigt) wird, sind Legion

Was jeden Menschen eigentlich misstrauisch machen müsste, ist dies: Menschen wollen offenbar in genau jenen Ländern leben, in denen ›der Kapitalismus‹ die vorherrschende Wirtschaftsverfassung ist. Genauer: Sie wollen dort leben, wo ihre Eigentumsrechte (auch die an Produktionsmitteln) geschützt sind und man nicht immer die Obrigkeit fragen muss, wenn man etwas ›unternehmen‹ möchte. Und sie lassen sich durch Mauern, Zäune und Patrouillenboote offensichtlich nur mühsam davon abhalten, dorthin zu gelangen, wo sie solche Verhältnisse vorfinden. Daher besteht gegen die gängige Kapitalismuskritik zumindest ein Anfangsverdacht: Könnte es nicht sein, dass das, was man außerhalb der ernst zu nehmenden Fachpublikationen über ›den Kapitalismus‹ liest, lediglich Ausdruck von (mit Kant gesprochen) intellektueller Faulheit und Bequemlichkeit ist?

Auch die Tatsache, dass Smith neben seinem Werk über den »Wohlstand der Nationen « auch eine »Theorie der moralischen Gefühle« geschrieben hat, bringt offenbar nur wenige Menschen zum Nachdenken darüber, ob die seit Marx eingeschliffenen moralischen Reaktionsgewohnheiten gegenüber dem› Liberalismus‹ oder gar dem ›Neoliberalismus‹ einer näheren Prüfung standhalten würden. Sie tun es nicht. Und das können wir einfach dadurch feststellen, dass wir einen Blick in die relevante Fachliteratur riskieren.36 Aber da könnte man sich ja aufklären ...

Ist das treffend, oder ist das unzulässig verkürzt? Ist das Apologetik, oder ist das Aufklärung?
 :teufel

Groucho

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #1 am: 31. Mai 2014, 00:50:40 »
Ich finde es fast schon bisschen langatmig  8)
"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)

Abe81

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #2 am: 31. Mai 2014, 00:52:37 »
Ich werde den Text mal lesen, danke für den Hinweis. Aber den von dir zitierten Abschnitt finde ich bereits ziemlich wirr.

1. Flüchtlinge wollen nicht in jene Länder, in denen der Kapitalismus die "vorherrschende Wirtschaftsverfassung" ist, sondern der ist bekanntermaßen global. Sie wollen auch nicht dort leben, wo ihre Eigentumsrechte geschützt werden, sondern wo sie überhaupt eine Chance auf Überleben haben. Ich glaube kaum, dass auch nur ein Flüchtling, ob nun Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtling, eine Sekunde einen Gedanken an seine 'Eigentumsrechte' verschwendet. An seine Eigentumsrechte an Produktionsmitteln können sie gar nicht denken, weil sie keine Produktionsmittel besitzen.

2. Marx selbst wurde nicht müde, gegen moralistische Kapitalismuskritik zu argumentieren und hatte für die Moral nichts als Spott über. Woher der Autor nun die Erkenntnis hat, dass "Marx selbst" behauptet hätte, "moralische Mängel" seien der Produktionsweise "inhärent", bleibt sein Geheimnis. Marx jedenfalls betrieb Ideologiekritik als immanente Kritik. Vielleicht meinte er ja Groucho Marx... das ist auf jeden Fall plausibler, als sich dafür auf Karl zu berufen.


Conina

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #3 am: 31. Mai 2014, 00:57:20 »
Und warum hat dann die DDR die Grenze dichtgemacht?

Abe81

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #4 am: 31. Mai 2014, 01:09:51 »
Ging die Frage an mich? Ich vermute es, verstehe sie aber nicht ganz.

Der Autor des oben verlinkten Textes macht ja die feinsinnige Unterscheidung (ich würde mit den Worten desselben Autors sagen: die intellektuell faule Unterscheidung) zwischen Ländern in denen 'Kapitalismus' vorherrschend ist und anderen Ländern, in denen er es anscheinend nicht ist. Im selben Dokument zeiht er jedoch jene dumm, die von 'dem Kapitalismus' schreiben - hätte er nur seinen eigenen Maßstab an sich selbst angelegt. Es ist ja nicht so, dass das alles Länder sind, die voluntaristisch entscheiden "Ach, wir haben mal nicht so ganz vorherrschend Kapitalismus, nur so ein bisschen...", das ist in eine globale Ökonomie eingebunden.

Ridcully

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #5 am: 31. Mai 2014, 01:18:51 »
Und warum hat dann die DDR die Grenze dichtgemacht?

Weil die BRD ihre Grenzen aufgemacht hat. Normalerweise übernimmt es der reichere Staat, die Wirtschaftmigranten an der Grenze zurückzuschicken.

Ist das treffend, oder ist das unzulässig verkürzt? Ist das Apologetik, oder ist das Aufklärung? :teufel

Das ist einfach nur dämliche Polemik ohne irgendein Argument - dafür verweist er auf die Fachliteratur. Das hat schon wieder eine gewisse Komik, wo er doch gerade eben denen die ihre Meinung aus anderen Büchern beziehen ein Mangel an kritischen Denken vorgeworfen hat.

Abe81

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #6 am: 31. Mai 2014, 01:23:26 »
Ich habe just den Text gelesen. Alle Achtung, das ist mal eine ziemlich elaborierte Form des Dunning-Kruger-Effekts.

-----------

Conina, glaubst du denn, dass Menschen aus der DDR fliehen wollten, lag daran, dass sie sich dachten "Ich muss unbedingt irgendwo hin, wo meine Eigentumsrechte geschützt werden"?

pelacani

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #7 am: 31. Mai 2014, 11:29:22 »
2. Marx selbst wurde nicht müde, gegen moralistische Kapitalismuskritik zu argumentieren und hatte für die Moral nichts als Spott über. Woher der Autor nun die Erkenntnis hat, dass "Marx selbst" behauptet hätte, "moralische Mängel" seien der Produktionsweise "inhärent", bleibt sein Geheimnis.

Da fragen wir doch Karl Marx gleich mal direkt:
Zitat
"Wenn das Geld, nach [Marie] Augier, "mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt" so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend. - Karl Marx, Das Kapital, Band 1. Siebenter Abschnitt: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation. MEW 23, S. 788, 1867
http://de.wikiquote.org/wiki/Kapital
Hat das keine moralische Qualität?


Ich habe just den Text gelesen. Alle Achtung, das ist mal eine ziemlich elaborierte Form des Dunning-Kruger-Effekts.

Zitat
Gerhard Engel ist

    Lehrkraft für besondere Aufgaben am Seminar für Philosophie der TU Braunschweig
    Präsident der Humanistischen Akademie Bayern
    Lehrbeauftragter für Wirtschaftsethik an der Fachhochschule Nordhausen
[etc. pp.]
http://www.philosophie.tu-bs.de/profile/engel.html

Conina, glaubst du denn, dass Menschen aus der DDR fliehen wollten, lag daran, dass sie sich dachten "Ich muss unbedingt irgendwo hin, wo meine Eigentumsrechte geschützt werden"?
Mindestens einige, da kann man sicher sein.

Das ist einfach nur dämliche Polemik ohne irgendein Argument
Das scheint mir in gewisser Weise typisch für Dich zu sein. Erst mal schäumende Emotion, die sachliche Auseinandersetzung folgt später. Oder auch nicht.

Ridcully

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #8 am: 31. Mai 2014, 12:34:09 »
Tschuldigung aber mit welchem Inhalt soll ich mich da bitte auseinandersetzen? Wie gesagt ich sehe da kein einziges Argument.

Der restliche Text ist übrigens auch gedanklich sehr bescheiden.

Abe81

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #9 am: 31. Mai 2014, 13:29:01 »
Da fragen wir doch Karl Marx gleich mal direkt:
Zitat
"Wenn das Geld, nach [Marie] Augier, "mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt" so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend. - Karl Marx, Das Kapital, Band 1. Siebenter Abschnitt: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation. MEW 23, S. 788, 1867
http://de.wikiquote.org/wiki/Kapital
Hat das keine moralische Qualität?

Ähm, nein. Es gibt einen Unterschied zwischen Beschreiben und  Vorschreiben. Hast du den Abschnitt mal gelesen, den du da zitierst? Die Argumentation ist eine historische, du könntest sie nicht widerlegen, sagtest du: Nein, das war nicht böse, das war gut. Ich glaube aber kaum, dass du die Ereignisse, die dort geschildert werden, tatsächlich als 'gut' bezeichnen würdest. Du müsstest also argumentieren, warum Marx in dieser Argumentation historisch unrecht hatte.  Btw: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral - K. Marx In: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 4, S. 331 - 359

Was Marx dort skizziert, scheint mir auch auf den von dir verlinkten Autor zuzutreffen:
Zitat
...pathetisch und gemein in komischster Verstrickung; nur um die Sache bekümmert, stets an der Sache vorbeistreifend; dem Volksverstand kleinbürgerliche, gelehrte Halbbildung, der Wissenschaft sogenannten "gesunden Menschenverstand" mit gleichem Dünkel entgegenhaltend; inhaltlose Breite mit einer gewissen selbstgefälligen Leichtigkeit sich ergießend; plebejische Form für spießbürgerlichen Inhalt...über dem Ganzen das ehrliche Bewußtsein des selbstzufriednen Biedermanns als Atmosphäre schwebend ...
---------
Zitat
Gerhard Engel ist

    Lehrkraft für besondere Aufgaben am Seminar für Philosophie der TU Braunschweig
    Präsident der Humanistischen Akademie Bayern
    Lehrbeauftragter für Wirtschaftsethik an der Fachhochschule Nordhausen
[etc. pp.]

Oh, das ändert natürlich Alles! Eine hohe Autorität...  Warum zitierst du etwas, was auch unter dem Text selbst steht (wie bereits geschrieben: Ich habe ihn gelesen)? Ich habe ja auch bereits gesagt, dass das eine besonders elaborierte Form dieses Effekts sei. Man könnte das auch als 'verdummte Intelligenz' bezeichnen: Über alles Bescheidwissen, aber nichts verstehen wollen.

In dem Text wird nämlich ganz synkretistisch alles miteinander verrührt, was seiner Argumentation zupass kommt, ohne auf Kohärenz der Argumentation wert zu legen. Irgendwo hier im Forum hat Groucho mal einen sehr ausgefeilten Bullshit-Artikel-Generator verlinkt mit der Bemerkung, dass das nur schwer zu dechiffrieren sei, wenn man sich nicht mit der Materie auskenne. Der oben verlinkte Text scheint mir von diesem Generator erstellt worden zu sein.

Wenn ich dir nun zehn Leute aufzähle, die auch 'Lehrkräfte' und zugleich 'Präsidenten' sind? Und wenn die sogar an richtigen Universitäten lehren? Trumpft das dann deinen Autor? Spielen wir hier Quartett oder argumentieren wir?

Sorry für die harschen Worte, aber einfach so im Vorbeigehen zu sagen: Das hier ist ein kluger Text und sein Autor von höchsten Honoratioren, scheint mir das keine gute Grundlage für eine Diskussion zu sein.

Zudem: Wer allen Ernstes 'Wirtschaftsethik' lehrt, ist der nicht der Moralist?

pelacani

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #10 am: 31. Mai 2014, 14:26:58 »
Es gibt einen Unterschied zwischen Beschreiben und Vorschreiben.
Einverstanden. Ich halte die Marxsche Beschreibung nicht für falsch. Was ich für falsch halte, ist etwas anderes: die nebulösen Schlussfolgerungen, die man heute daraus zieht, z. B. die „Gier der Banker“ für die Finanzkrise verantwortlich zu machen. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir bis zu diesem Punkt einer Meinung sind. Aber mir ist ein bisschen unklar, wie Du Dir den Marxismus heute (ohne das Proletariat und seine Selbstbefreiung) vorstellst. Nach meinem unsystematischen Eindruck ist er inzwischen über weite Strecken ein bloßer Lieferant von griffigen Schlagworten.

Es gibt Oh, das ändert natürlich Alles! Eine hohe Autorität...
Das bezog sich auf den „Dunning-Kruger“. Wenn Du auch noch die Publikationsliste zur Kenntnis genommen hättest, dann hättest Du möglicherweise erkannt, dass dieser Vorwurf einfach nur daneben ist. Konsequent marxistisch wäre es statt dessen gewesen, Du hättest auf den beschränkten bürgerlichen Erkenntnishorizont verwiesen, der es dem Autor unmöglich gemacht hat, die Entwicklung vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus objektiv

In dem Text wird nämlich ganz synkretistisch alles miteinander verrührt, was seiner Argumentation zupass kommt, ohne auf Kohärenz der Argumentation wert zu legen.
Nenne mir irgendeinen Text auf diesem Abstraktionsniveau, gegen den sich dieser Vorwurf nicht erheben ließe. Adorno?

Ridcully

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #11 am: 31. Mai 2014, 14:57:41 »
Wenn seine restlichen Publikationen ebenfalls auf diesem intellektuellen Niveau sind dann gute Nacht. Die Tatsache dass er sich z.B. nicht entblödet bei EIKEs Klimaspinnerseite über "linksökologischen UN-Eliten" auszulassen lässt Schlimmes befürchten.

Über moralinsaure Wirtschaftskritik kann man sich genausogut unterhalten wie über den geistigen Restwert des Marxismus. Nur ist dieser Artikel als Ausgangspunkt dafür eher nutzlos.


Abe81

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #12 am: 31. Mai 2014, 15:16:10 »
Einverstanden. Ich halte die Marxsche Beschreibung nicht für falsch. Was ich für falsch halte, ist etwas anderes: die nebulösen Schlussfolgerungen, die man heute daraus zieht, z. B. die „Gier der Banker“ für die Finanzkrise verantwortlich zu machen. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir bis zu diesem Punkt einer Meinung sind. Aber mir ist ein bisschen unklar, wie Du Dir den Marxismus heute (ohne das Proletariat und seine Selbstbefreiung) vorstellst. Nach meinem unsystematischen Eindruck ist er inzwischen über weite Strecken ein bloßer Lieferant von griffigen Schlagworten.

Jupp, da sind wir wieder ganz beeinander. Um das abzuschließen, damit man dann über das eigentliche Thema des Textes, Aufklärung diskutieren könnte (gesetzt, es gibt einen Diskussionsanstoss): (Wo du ihn schon selbst erwähnst, nehme ich das zum Anlass:) ich stelle mir das als "Flaschenpost" (Adorno & Horkheimer) vor.

Es gibt Oh, das ändert natürlich Alles! Eine hohe Autorität...
Das bezog sich auf den „Dunning-Kruger“. Wenn Du auch noch die Publikationsliste zur Kenntnis genommen hättest, dann hättest Du möglicherweise erkannt, dass dieser Vorwurf einfach nur daneben ist. Konsequent marxistisch wäre es statt dessen gewesen, Du hättest auf den beschränkten bürgerlichen Erkenntnishorizont verwiesen, der es dem Autor unmöglich gemacht hat, die Entwicklung vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus objektiv

Ich bezog mich auch auf Dunning-Kruger. Das habe ich ja auch nochmal betont: eine besonders elaborierte Form dieses Effekts, verdummte Intelligenz.

Konsequent marxistisch bin ich nicht, da ich kein Marxist bin. Aber recht hast du sicherlich mit der Vermutung, warum der Erkenntnishorizont des Autors borniert ist... 'Wirtschaftsethik': Das beinhaltet ja bereits im Titel eine Apologie (wenn man bedenkt, wo er diesen Lehrstuhl inne hat und was er so publiziert).

Nenne mir irgendeinen Text auf diesem Abstraktionsniveau, gegen den sich dieser Vorwurf nicht erheben ließe. Adorno?

Z.B. in dem oben verlinkten Zeitungsartikel von Marx, der hat ja eine ähnliche Publikationsform: Ähnlich lang, ähnlich essayistisch, ähnlich abstraktes Thema... Ich könnte dir eine Myriade Texte nennen, da ich den eingangs verlinkten für genau dies halte:  "nur um die Sache bekümmert, stets an der Sache vorbeistreifend; [...] inhaltlose Breite mit einer gewissen selbstgefälligen Leichtigkeit sich ergießend". Das ist m.E. nicht dem Thema bzw. seiner Abstraktion geschuldet, sondern eine interessierte Abstraktion, die den Standpunkt des Interesses nicht ausweist, sondern ihn als objektiv aufspreizt... also Ideologie.

Ansonsten stimme ich - bei aller Freud an Diskussion und Streit - Ridcully zu: Der Artikel ist als Ausgangspunkt nutzlos. Aber vielleicht möchtest du ihn ja inhaltlich verteidigen? Du hast ihn ja schließlich gelobt.

pelacani

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #13 am: 31. Mai 2014, 16:27:09 »
Ich bezog mich auch auf Dunning-Kruger. Das habe ich ja auch nochmal betont: eine besonders elaborierte Form dieses Effekts, verdummte Intelligenz.
Das ist eines unserer Probleme. Du verstehst unter „Dunning-Kruger“ etwas, das mit des Wortes eigentlicher Bedeutung nichts zu tun hat. Seines Inhalts beraubt, wird der Terminus zur reinen Fliegenklatsche. Wie stellst Du Dir da eine „inhaltliche Verteidigung“ vor?

Das einzige Argument, das bisher bei Dir aufgetaucht ist, war, dass auch in den Herkunftsländern der „Wirtschaftsflüchtlinge“ (dieser Begriff kommt bei Engel nicht vor) kapitalistische Wirtschaftsformen herrschen. Das ist in vielen Fällen nicht falsch, aber doch in einigen. Insofern ist die Ausgangslage in der Tat etwas komplexer, als es die wenigen Zeilen zu diesem Thema andeuten. Die Begriffe „Liberalismus“, „Demokratie [westlicher Prägung]“ und „Kapitalismus“ sind keineswegs deckungsgleich. Zu welchem Zweck erwähnt der Autor das Beispiel?
Zitat
… ob die seit Marx eingeschliffenen moralischen Reaktionsgewohnheiten gegenüber dem›Liberalismus‹ oder gar dem ›Neoliberalismus‹ einer näheren Prüfung standhalten würden. Sie tun es nicht. Und das können wir einfach dadurch feststellen, dass wir einen Blick in die relevante Fachliteratur riskieren.36 Aber da könnte man sich ja aufklären ...
Ich bin ein wenig verwundert. Ist der „Liberalismus“, die westliche Demokratie, etwa nicht die gesellschaftliche Ordnung derjenigen Staaten, die Einwanderungsziel sind? Besteht die heutige "Kritik" an den jeweils herrschenden Umständen nicht zu einem Gutteil aus marxistisch klingenden Worthülsen?

Der Einwand von Ridcully, dem Du zustimmst, beantwortet nicht die Frage, warum die Wirtschaftsflüchtlinge nicht aus der Bundesrepublik in die DDR geströmt sind.

Im Übrigen ist das nur ein Nebenstrang, den ich aus dem Artikel herausgegriffen habe, weil er am ehesten kontrovers ist :teufel. Die übrigen Anteile, die grundsätzliche These, dass der konkrete Inhalt dessen, was unter Aufklärung verstanden werden kann, immer zeit- und kontextabhängig war und ist, halte ich weiter für kenntnisreich begründet. Die Marxsche Diktion, die ihre berauschenden Seiten hat, wird von Dir missbraucht.

Abe81

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Re: Aufklärung und Neoliberalismus
« Antwort #14 am: 31. Mai 2014, 17:04:47 »
Ich bezog mich auch auf Dunning-Kruger. Das habe ich ja auch nochmal betont: eine besonders elaborierte Form dieses Effekts, verdummte Intelligenz.
Das ist eines unserer Probleme. Du verstehst unter „Dunning-Kruger“ etwas, das mit des Wortes eigentlicher Bedeutung nichts zu tun hat. Seines Inhalts beraubt, wird der Terminus zur reinen Fliegenklatsche. Wie stellst Du Dir da eine „inhaltliche Verteidigung“ vor?

Natürlich benutze ich das als Fliegelklatsche, ich polemisiere ja schließlich auch. Aber ich verstehe nicht, wie dieser wissenschaftlich unterbestimmte Begriff je anders benutzt wurde. Was ist denn sein 'eigentlicher' Inhalt? Der Autor überschätzt seine eigene Kompetenz maßlos, er legt ein recht starres Erkenntnisraster an, nach dem er einfach nur abwatscht, was nicht seiner bornierten Auffassung von Aufklärung entspricht und verfälscht damit die der Kritik unterzogenen Autoren. Anstatt diese nämlich immanent der Kritik zu unterziehen - d.h. auch den Inhalt des Kritisierten an dessen eigenen Maßstäben zu messen, innere Widersprüche aufzuzeigen, mangelnde begriffliche Fassung der Realität usw. - ergeht er sich in Vorurteilen, die so bekannt wie langweilig sind. Diese Vorurteile kommen aber mit den Weihen des Katheders ("Lehrstuhlinhaber und Präsident"), das nenne ich elaboriert daran.

Das einzige Argument, das bisher bei Dir aufgetaucht ist, war, dass auch in den Herkunftsländern der „Wirtschaftsflüchtlinge“ (dieser Begriff kommt bei Engel nicht vor) kapitalistische Wirtschaftsformen herrschen. Das ist in vielen Fällen nicht falsch, aber doch in einigen.

So richtig habe ich ja gar nicht argumentiert, weil das m.E. unter dem Niveau der Kritik ist. Ich habe ja nur die gröbsten Dummheiten im von dir zitierten Ausschnitt benannt:

-  Kapitalismus als 'Wirtschaftsform eines Landes' zu fassen, anstatt als polit-ökonomisch globales Verhältnis.
- Die Motivation von Flüchtlingen gleich in seine begrifflich verquaste Terminologie zu pressen. Deswegen auch meine Nachfrage, ob das ein Flüchtling je so ausdrücken würde: "Ich flüchte, weil meine Eigentumsrechte nicht gesichert werden". D.h. die begriffliche Fassung als 'Flucht weil kein Eigentumsrecht' ist bereits eine, die dem Flüchtling in den Mund gelegt wird, aber eigentlich eine verschwiegene, nicht ausgewiesene Interpretation darstellt.
- Marx sei Moralist.

Bist du nicht der Ansicht, dass, wenn der Autor von Flüchtlingen schreibt, die ihre Eigentumsrechte gesichert sehen wollen, das mit 'Wirtschaftsflüchtling' adäquat übersetzt ist? Woher kommt auf einmal dieser Zweifel? Ich schrieb das weiter oben ja auch 'ausweitend',  nicht 'einengend': egal ob Wirtschafts- oder eine andere Form von Flüchtling...

Zitat
Die Marxsche Diktion, die ihre berauschenden Seiten hat, wird von Dir missbraucht.

Ich halte das weder für eine 'Diktion', noch für einen Mißbrauch. Was mißbrauche ich denn da?

Zitat
Der Einwand von Ridcully, dem Du zustimmst, beantwortet nicht die Frage, warum die Wirtschaftsflüchtlinge nicht aus der Bundesrepublik in die DDR geströmt sind.

Dem einzigen Einwand von Ridcully, dem ich bisher zugestimmt habe, ist der, dass mir der Artikel aus Ausgangspunkt einer Diskussion sinnlos erscheint - es sei denn, es wird argumentiert, warum man ihn doch brauchbar für eine Diskussion nutzen kann. Da sehe ich aber dich in der Bringschuld, du hast ihn ja schließlich zur Diskussion vorgeschlagen; deswegen habe ich auch noch keine wirklichen 'Argumente' benutzt.

Und: Natürlich beantwortet das nicht die Frage, die auch keiner gestellt hat. Allein Conina hat die Frage gestellt, warum die DDR ihre Grenzen dichtgemacht hat.