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Wie man ein spannendes Thema verschenkt

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Begonnen von Typee, 19. August 2013, 15:12:42

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Typee

Selten ein so uninspiriertes Interview gelesen:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/peter-sawicki-pharmakritiker-fordert-transparenz-a-916893.html#js-article-comments-box-pager

Als hätte es keine interessanteren Ansätze gegeben, als den Versuch, Herrn Sawicki persönliches Beleidigtsein zu suggerieren.
The universe is under NO obligation to make sense to us
(Neil deGrasse Tyson)

bayle

Herr Sawicki hatte mit dem, was so aus seinem Institut kam, nicht immer eine glückliche Hand. Ich entsinne mich einer Kontroverse mit Einhäupl um Clopidogrel, 2007. Kann jedem mal passieren. Dieses Interview aber hat aus meiner Sicht eine Flughöhe knapp über Stammtisch-Niveau.

ZitatSawicki: Wenn man zum Beispiel aufgrund mehrerer guter Studien bewiesen hätte, dass etwa regelmäßige Massagen die Depressivität alter Menschen besser reduzieren als irgendwelche Pillen, müssten ja eigentlich die Kosten für die Massagen durch die Kassen erstattet werden. Dann wären auf einer Seite Kostensteigerungen zu verzeichnen, für die pharmazeutische Industrie hingegen ein Umsatzeinbruch. Das will scheinbar kein Politiker riskieren. Also macht man lieber diesen Vergleich erst gar nicht.
Häh?
Tatsache ist, dass es in den letzten 10-15 Jahren bei den Psychopharmaka keinen wesentlichen Fortschritt mehr gegeben hat. Eine forschende Pharma-Firma entwickelt derzeit deshalb eine professionelle internet-basierte Verhaltenstherapie für Depression (die richtig Geld kostet), und die sie dann anstelle von Medikamenten erstattungspflichtig vermarkten will. Namen habe ich im Moment nicht parat. Intelligenter Ansatz.

ZitatSelbst wenn ganz klar ist, dass ein Arzneimittel wirkungslos ist, werden die Zulassungsbehörden es nicht immer vom Markt nehmen. Wie im Fall von Edronax. Das Antidepressivum befindet sich immer noch in der Anwendung, obwohl zwei Studien unabhängig voneinander ergeben haben, dass das Mittel nicht anders wirkt als ein Placebo.
Edronax ist längst weg vom Fenster. Es ist seit dem 01.04.2011 (!) nicht mehr erstattungsfähig. Ich habe an der Stelle erstmal geguckt, von wann dieses Interview ist, aber es ist wirklich von heute.

ZitatSPIEGEL ONLINE: Aber jetzt gibt es doch das Arzneimittelneuordnungsgesetz.
Sawicki. Das ist doch Augenwischerei. Das AMNOG ist ein ungeeignetes Instrument zur Nutzenbewertung und ein schlechtes Instrument, um Kosten zu sparen. Zu so einem frühen Zeitpunkt einer Prüfung liegen noch gar keine gesicherten Angaben darüber vor, wie sich das Mittel im Alltag auswirkt. Aktuell kann es also durchaus sein, dass in der frühen Nutzenbewertung echte Innovationen nicht durchkommen, schädliche aber doch akzeptiert werden.
Das AMNOG ist mit Sicherheit noch nicht optimal justiert, aber der Ansatz ist interessant. Gemessen an der Reaktion der Industrie ist es keine Augenauswischerei. Das könnte man aber auch so sagen. Es entsteht der Verdacht, dass die Idee mit dem AMNOG nicht auf ihn zurückgeht.

Zitat von: Typee am 19. August 2013, 15:12:42
Als hätte es keine interessanteren Ansätze gegeben, als den Versuch, Herrn Sawicki persönliches Beleidigtsein zu suggerieren.
Ich habe das Gefühl, das musste ihm nicht suggeriert werden. Er ist es.

Robert

ZitatEine forschende Pharma-Firma entwickelt derzeit deshalb eine professionelle internet-basierte Verhaltenstherapie für Depression

Inernetbasiert? Wie geht das?

bayle

Ich hab's:

https://www.deprexis.de/de/

Wenn's läuft und vernünftig evaluiert ist, dann will MERZ damit auch richtig Geld verdienen. Es gibt wohl erste, vielversprechende Pilot-Ergebnisse über Adhärenz u. ä.

sweeper

Diese internetgestützten Therapien liegen im Trend und erscheinen mir vom Ansatz her sinnvoll.
Allerdings möchte man schon wissen, welche Fachleute da im Hintergrund mitwirken:
Zitat
Das deprexis®-Programm ist ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt. Es unterstützt die Therapie von Depressionen und depressiver Verstimmung.

Entwickelt wurde das Programm von dem Hamburger Unternehmen GAIA in Zusammenarbeit mit internationalen Depressions- und Psychotherapie-Experten.

Als nicht eingeloggter, nur interessierter Mensch kann ich das wohl nicht rauskriegen, oder?
With magic, you start with a frog and end up with a prince.
With science, you start with a frog, get a PhD and are still left with the frog you started with...


Terry Pratchett

bayle

Zitat von: sweeper am 19. August 2013, 16:36:44
Diese internetgestützten Therapien liegen im Trend und erscheinen mir vom Ansatz her sinnvoll.
Allerdings möchte man schon wissen, welche Fachleute da im Hintergrund mitwirken:
Zitat
Das deprexis®-Programm ist ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt. Es unterstützt die Therapie von Depressionen und depressiver Verstimmung.

Entwickelt wurde das Programm von dem Hamburger Unternehmen GAIA in Zusammenarbeit mit internationalen Depressions- und Psychotherapie-Experten.
Als nicht eingeloggter, nur interessierter Mensch kann ich das wohl nicht rauskriegen, oder?
Ich habe mich noch nicht ernsthaft damit befasst, sondern mich nur berieseln lassen. Ist noch ziemlich neu. Ich hatte ein Gespräch darüber und glaube mich zu erinnern, dass es irgendwelche bekannten Namen waren, die da mitmachen. Leider habe ich es momentan nicht genauer.

sweeper

Ah, hier gibt es mehr Infos:

http://online-studie-depression.de/

http://www.deprexis.com/de/BMG

http://online-studie-depression.de/ber-das-programm/

http://static.squarespace.com/static/5017e7f624ac5986559dd372/t/51a4b9e7e4b040633932d7f2/1369749991069/PDF_f%C3%BCr_website_STUDIEN-INFO.pdf

Und hier die beteiligten Wissenschaftler:
Zitat
Das Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP gGmbH) ist eine Tochtergesellschaft des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) und betreibt Behandlungszentren an den Standorten Kiel und Lübeck. Neben der Forschergruppe der ZIP sind an der Studie Wissenschaftler der Charité Berlin (Priv.-Doz. Dr. Matthias Rose), Universität Bern (Priv.-Doz. Dr. Thomas Berger), Universität Bielefeld (Prof. Dr. Wolfgang Greiner), Universität Hamburg (Prof. Dr. Steffen Moritz, Prof. Dr. Bernd Löwe), GAIA AG Hamburg (Dr. Björn Meyer), Universität Tübingen (Prof. Dr. Martin Hautzinger) und Universität Trier (Prof. Dr. Wolfgang Lutz) beteiligt.
http://www.uni-luebeck.de/aktuelles/pressemitteilung/artikel/bundesweite-studie-per-internet-depressionen-behandeln.html

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Terry Pratchett

gesine2

bayle: 'nicht mehr erstattungsfähig' ist nicht das Gegenteil von 'immer noch in der Anwendung'.
_____________________
ne schöne jrooß, gesine2

bayle

Zitat von: gesine2 am 19. August 2013, 20:55:13
bayle: 'nicht mehr erstattungsfähig' ist nicht das Gegenteil von 'immer noch in der Anwendung'.
Na gut; ist nicht 100% exakt, aber fast. In einem Schreiben des Herstellers vom 5. Januar 2011 heißt es:

Zitat... wir möchten Sie darüber informieren, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beschlossen hat, die Anlage III (Verordnungseinschränkungen und -ausschlüsse) der Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL) um Reboxetin zu ergänzen und Reboxetin-haltige Arzneimittel künftig von der Verordnung zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auszuschließen. Der Beschluss wurde am 24.11.2010 durch das Bundesministerium für Gesundheit genehmigt und im Bundesanzeiger Nr. 185 vom 07.12.2010 bekannt gemacht. Er tritt mit dem ersten Tag des Monats im übernächsten Quartal nach der Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft. Somit ist Solvex® bis zum 31.03.2011 wie bisher zu Lasten der GKV verordnungs- und erstattungsfähig, ab dem 01.04.2011 gilt der Leistungsausschluss.

Nur im gut begründeten Ausnahmefall besteht die Möglichkeit, Solvex® auch nach dem 01.04.2011 zu Lasten gesetzlicher Krankenkassen auf Kassenrezept (Muster 16) zu verordnen. Denn gemäß den tragenden Gründen zum Beschlüsse bleiben § 31 Abs. 1 Satz 4 SGB V und § 16 Abs. 5 AM-RL von dem Verordnungsausschluss des G-BA unberührt. Danach können die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt die durch eine Regelung in der Arzneimittel-Richtlinie von der Versorgung nach § 31 Abs. 1 SGB V ausgeschlossenen Arzneimittel ,,ausnahmsweise in medizinisch begründeten Einzelfällen mit Begründung verordnen".

Die Zulassung von Solvex® durch das BfArM auf Basis der in pivotalen Studien nachgewiesenen pharmazeutischen Qualität, therapeutischen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bleibt durch die Änderung der Anlage III der Arzneimittelrichtlinie unangetastet. Eine Verordnung auf Privatrezept ist daher wie bisher möglich.
Damit ist es faktisch vom Markt verschwunden.

Typee

Super, liebe Foristen, das wäre prima Stoff gewesen für ein substanzielles Interview.
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(Neil deGrasse Tyson)