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Deutsch => Allgemeine Diskussionen => Politik und Gesellschaft => Thema gestartet von: Peiresc am 28. Juni 2017, 06:54:02

Titel: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Peiresc am 28. Juni 2017, 06:54:02
[editiert]

https://www.aerzteblatt.de/archiv/191848/Medizinalcannabis-Die-Zahl-der-Antraege-nimmt-zu
Die Krankenkassen tun sich schwer, die bisherigen Sondergenehmigungsinhaber für medizinisches Cannabis weiter zu übernehmen:
ZitatIn Einzelfällen haben sich selbst Patienten mit Ausnahmeerlaubnis nach §3 Abs. 2 BtMG an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gewandt, da die Kostenübernahme der Medizinalcannabisblüten abgelehnt wurde, heißt es in einer Kleinen Anfrage der Linken (BT-Drs. 18/12393). Auch die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. med. Eva Milz aus Berlin, bei der etwa 70 Patienten mit Ausnahmegenehmigung in Behandlung sind, berichtet, dass ,,nur sehr wenige dieser Patienten bisher eine Kostenübernahme erhalten hätten – etwa fünf."
Es gibt nur etwa 1000 Patienten mit dieser Ausnahmegenehmigung bundesweit. Es wäre durchaus interessant zu erfahren, auf wieviele Ärzte die sich aufteilen. Ich will gar nicht darauf hinaus, was das für das Spannungsfeld zwischen persönlicher Präferenz und abgesicherter Indikation bedeuten mag.

Zitat,,Es kann nicht sein, dass Patienten, denen das BfArM bereits eine Ausnahmegenehmigung erteilt hatte, nach der gesetzlichen Änderung sogar schlechtergestellt sind", kritisiert auch der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, Prof. Dr. med. Martin Schmelz.
Ich stelle mich mal ganz dumm: Doch, natürlich. Warum nicht? Ist die Cannabis-Indikation ein Besitzstand, einer Anpassung nicht zugänglich? Wenn jemand ein Medikament nicht mehr braucht, warum soll er den dann rekreationalen Gebrauch finanziert bekommen?

ZitatFrank Tempel, drogenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke ergänzt: ,,Durch die gestiegene Preisbildung für Cannabisblüten dürfte sich die Versorgung für diese Menschen zudem verschlechtert haben."
Gut möglich. Die Erwartung eines gesicherten Absatzes lässt die Preise steigen.

ZitatDie Prüfung könne seiner Meinung nach nicht allein den Krankenkassen überlassen bleiben. Auch Milz ist der Ansicht, dass der Einsatz von Cannabis eine Entscheidung zwischen Arzt und Patient sein sollte. ,,Die Entscheidungsmacht der Krankenkassen untergräbt die gesetzlich geschaffene Option der Therapiehoheit des Arztes."
Das ist die Argumentation, mit der die Lobbyisten früher für die Paramedizin gekämpft haben. Der Unterschied ist nur: hier geht es um höhere Beträge.

ZitatIn der Berliner Fachpraxis für Schmerztherapie des Klinikkonzerns Vivantes beobachtet die Medizinerin Dr. med. Corinna Schilling einen Ansturm von Patienten, die gerne Cannabis auf Rezept verordnet haben möchten. Die Menschen gäben an, sie litten unter chronischen Schmerzen und hofften auf eine Cannabis-Verordnung.
Nein, das ist aber eine Überraschung. Das konnte ja keiner ahnen. Was sorgfältig vermieden wird, ist auch nur die Andeutung des Gedankens (Achtung, Zynismuswarnung), der eine oder andere der Nachsuchenden könnte an die Aufbesserung seines Taschengeldes denken.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: lanzelot am 28. Juni 2017, 17:49:14
[editiert: Rechtschreibfehler, Formulierungen]
Wie es weiter geht... gute Frage.
Wir hatten die Tage ein Weiterbildungsseminar mit lokalen Sozialarbeitern, da war dies auch ein Thema.
Auch die werden in der Beratung und Betreuung damit konfrontiert und gebeten Hilfestellung zu leisten und sie merken, dass dies sich nicht von anderen Lebensthemen separieren lässt. 

Beim Thema Cannabis findet sich nur schwer eine neutrale Position, oft geht es zwischen totaler Ablehnung und absoluter Toleranz.
Und daraus folgert die Frage der Ebene auf welcher diskutiert wird.
Die rein medizinische, welche sich auf evidente Datenlage, bestehender Notwendigkeit, Implikationen und Folgen beschränkt, wäre, Stand aktueller Infos und Lage recht schnell erledigt.

Aber da dies bei der Formulierung der aktuellsten Regelungen offensichtlich eher eine untergeordnet Rolle spielt, wird dieses Thema eine ganze Zeit reichlich Schlagzeilen bestimmen.
Mit welchem Sinn oder Unsinn die Debatte dann geführt wird, hängt dann davon ab, wer sich mit welcher Absicht einmischt. In den bisherigen Beiträgen, auch in den Blogartikeln spiegelt sich die ganze Bandbreite wieder.
Dominiert wird sie in der Regel von Befürwortern, welche politisch und ideologisch argumentieren und ihre eigenen Ziele verfolgen. Die Bedürfnisse und Anforderungen schwerkranker Menschen sind oft nur Mittel zum Zweck.   

Auch der Aspekt der Teilhabe am Straßenverkehr wurde im Blog schon angerissen. Dort hat Cannabis nichts zu suchen, ebenso wenig wie Alkohol oder jedwede andere psychotrop wirkende und die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigende Substanz.
Dazu bedarf es gar nicht der Auflistung möglicher Ordnungswidrigkeiten oder Straftatbestände unter Cannabiseinfluss und deren Ahndung, denn entsprechenden Paragrafen können sich schnell ändern. Auch die spezifischen Auswirkungen im Vergleich zu Alkohol sind nicht relevant.

Charakteristisch wie bedenklich ist bei vielen die enorm niedrige Hemmschwelle, bekifft oder anderweitig zugedröhnt Auto zu fahren. Ein Unrechtsbewusstsein dafür lassen Drogen konsumierende Verkehrsteilnehmer in aller Regel vermissen. Botschaften und Appelle zur Übernahme von Verantwortung kommen bei ihnen nur begrenzt an, weshalb der größte Risikoträger bei bekifften Autofahrern die absolute Bagatellisierung ihres Verhaltens ist.

Sie geht einher mit Formen von Größenwahn sowie der totalen Ignoranz jeglicher Risikopotenziale und Konsequenzen. Die gilt oft auch für betrunkene Fahrer, allerdings ist nach meiner Erfahrung die Mystifizierung bei Cannabis-Konsumenten noch größer und die Einsichtsfähigkeit als ein Zeichen angemessener psychischer Reife fehlen vollständig, was dazu führt, dass sie bei jeder Testung versagen.
Aus der Richtung weht auch ein Wind der flüstert, dass sie nicht bereit sind auf den Konsum zu verzichten, sondern dass einfach die Gesetzeslage geändert werden muss. Und es handelt sich bei den meisten Fällen nicht um zufällige Drogenfahrten, sondern um wissentliches und willentliches Tun, einer Art Räuber-und-Gendarm-Spiel.

Zweifelsohne  ist Cannabis die am besten erforschte illegale Droge überhaupt. Eine kaum zu überblickende Fülle von Studien versucht, Anbau, Konsumenten- und Konsumraten, die Wirkungen, Risiken und Langzeitfolgen von Haschisch und Marihuana zu erfassen.
Alle Untersuchungen warten mit Informationen und Datenmengen unterschiedlicher Qualität und Aussagekraft auf.
Wer darüber hinaus auch noch Einblick hat, auf welch qualitativ fragwürdige Weise manche Erhebung zustande kommt, muss die mit der gleichen Vorsicht genießen wie den Stoff, um den es geht.

Das hat zur Folge, dass bis heute kaum belastbaren Arbeiten zu finden sind, aus welchen sich Indikationen für medizinische Anwendungen ableiten lassen, welche nicht auch schon vorher gegeben waren.
Aus gutem Grund hat man bei der Verabschiedung der derzeitigen Gesetzeslage vermieden konkret zu definieren und verbindlich zu benennen. Genauso wie die sich daraus ergebende Implikationen der praktischen Anwendungen. Damit wurde gegen jede bis dato gängige Praxis verstoßen und Willkür, Unsicherheit und Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Meine skeptische und distanzierte Haltung generiert sich auch aus der Erkenntnis im täglichen Umgang und Austausch, wo es mich immer wieder aufs Neue überrascht, dass für viele Menschen, die Umgang mit Cannabis pflegen oder befürworten, es kaum vorstellbar scheint, dass Konsumenten überhaupt in Schwierigkeiten geraten können.
Manche Vertreter eines liberalen Umgangs mit der Droge, Mitglieder diverser Hanfinitiativen sowie zahlreiche regelmäßige Cannabisnutzer können sich überhaupt nicht oder nur mit Mühe in die Rolle derjenigen hineinversetzen, die auf vielerlei Arten an den Folgen des Cannabiskonsums zu leiden haben.

In ihrer selektiven Wahrnehmung, welche viele Auswirkungen und Implikationen ausblenden zeigen sie sich im Gespräch häufig skeptisch bis überrascht, dass es doch immer mehr Haschisch-und Marihuanakonsumenten gibt, welche von sich aus Ärzte und Drogenberatungsstellen aufsuchen, weil sie nach einer gewissen Zeit und Qualität des Konsums, mit dem Stoff in keiner Weise mehr klarkommen.
Cannabiskonsumenten, die in ihrem Leben nicht mehr zurecht kommen, scheinen für sie nicht existierende Wesen zu sein und sind dann eine Erfindung der Gegner der Substanz.

Sie machen sich nicht oder selten die Mühe, den Alltag von Drogen-und Suchthilfeeinrichtungen kennenzulernen, um die Konsequenzen und auch die zweifelsfrei vorhandenen Schattenseiten der Substanz ihrer Wahl zur Kenntnis zu nehmen.
Perspektivisch und vergleichend betrachtet bedeutet der Gebrauch von Haschisch und Marihuana nicht mehr den Einstieg in eine folgende Suchtkarriere, als mit Alkohol und Zigaretten.
Ein wesentlicher Unterschied besteht aber im Selbstbild und der Mystifizierung von Konsum und Konsumenten und dem Ausblenden der Folgen. 
Viele Jugendliche und junge Erwachsene sehen in Cannabis etwas völlig anderes als in sonstigen Suchtmitteln. In Verkennung der Realität betrachten sie Haschisch und Marihuana häufig genug nicht einmal als Drogen.

Besonders zu beachten bei der gewünschtem Verwendung von Cannabis als Heilmittel ist die Tatsache, dass nahezu alle erwünschten Wirkungen der Pflanze an ihre berauschenden psychoaktiven Wirkstoffe gebunden sind. Und das der Rauscheffekt ausdrücklich medizinisch unerwünschten Nebenwirkung ist. 
Dies zu handhaben ist/wäre eine große Herausforderung, welche die aktuell verabschiedete Regelung auch nicht bedient.

Wer wegen positiv empfundener Effekte z.B. den Einsatz als Antidepressiva-Mittel vorschlägt, handelt in Abwesenheit neurobiologischer Grundlagen und Wirkungsansätze, welche bei affektiven Störungen relevant sind und auch vom Zustandekommen und Verlauf derselben.
Inwieweit diese beeinflusst werden können und welche Auswirkungen Substanzen wie Cannabis haben könnten, wenn der Rauscheffekt mal vorbei ist in keinste Weise evident erforscht...Marihuana-Rausch mag von unmittelbarem seelischem und körperlichem Leidensdruck befreien, beseitigt aber nicht den grundsätzlich vorhandenen Mangel an Neurotransmittern und auch nicht die sozialen und psychologischen Rahmenbedingungen.

Im Gegenteil, aufgrund der massiven, kurzfristigen Eingriffe in die Dopaminregulation treten spontane Psychosen dann eher auf.
Prädispositionelle Faktoren werden nicht bedacht oder sind nicht bekannt, bzw. es gibt keine Schwellenwerte die zur Einschätzung dienlich sind.
Und ist eine Cannabispsychose erst einmal ausgelöst, liegt das Kind im Brunnen. Denn für den Betroffenen ist die Welt nie wieder, wie sie vorher war, selbst wenn die Symptome sich zurückbilden.

Interessant wären dann auch Zahlen, welche transparent machen, wie oft die folgenden Anforderungen individuell umgedeutet werden:
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Groucho am 28. Juni 2017, 18:29:29
Zitat von: lanzelot am 28. Juni 2017, 17:49:14
Wie es weiter geht... gute Frage.

Fände ich jetzt, so, wie es ist, blogwürdig.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Alu-Verkleidung am 28. Juni 2017, 18:52:32
Zitat von: lanzelot am 28. Juni 2017, 17:49:14

Auch der Aspekt der Teilhabe am Straßenverkehr wurde im Blog schon angerissen. Dort hat Cannabis nichts zu suchen, ebenso wenig wie Alkohol oder jedwede andere psychotrop wirkende und die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigende Substanz.
Dazu bedarf es gar nicht einer Auflistung möglicher Ordnungswidrigkeiten oder Straftatbestände unter Cannabiseinfluss und deren Ahndung, denn entsprechenden Paragrafen können sich schnell ändern. Auch die spezifischen Auswirkungen im Vergleich zu Alkohol sind nicht relevant.

Charakteristisch wie bedenklich ist bei vielen die enorm niedrige Hemmschwelle, bekifft oder anderweitig zugedröhnt Auto zu fahren. Ein Unrechtsbewusstsein dafür lassen Drogenfahrer in aller Regel vermissen. Botschaften und Appelle zur Verantwortungsübernahme kommen bei ihnen nur begrenzt an, weshalb der größte Risikoträger bei bekifften Autofahrern die absolute Bagatellisierung ihres Verhaltens ist.


Bei Cannabis gibt es keine "Promillegrenze", deswegen ist eine objektive Betrachtung hinsichtlich der Benommenheit überhaupt nicht möglich.
Wer z.B vor 2 Wochen einen durchgezogen hat und bei dem einen Blutprobe angeordnet wurde, gilt bei dem Zeitpunkt, wegen der Rückstände, als Fahrer unter Drogeneinfluss, obwohl die betäubende Wirkung selbstredend nicht mehr vorhanden ist - deswegen ist es relevant.

Der zweite Absatz hört sich für mich eher nach Bauchgefühl an, als nach empirischen Daten.
Inwieweit unterscheidet sich ein Autofahrer mit 2,5 Promille gegenüber einem völlig zugekifften Fahrer charakterlich moralischer oder unmoralischer, respektive (un)verantwortlicher? Beides sind Strafbestände.


Generell handelt es sich, VORALLEM aufgrund der Legalisierung von Alkohol, um eine sozio-kulturelle Frage, die eher etwas mit Ideologien, als mit Logik zu tun hat.
In anderen Kulturkreisen ist Alkohol verboten und Cannabis gesellschaftlich akzeptiert. Beide Sachverhalte/ Umstände enthalten für mich keinen logischen (juristischen) Gradmesser.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: lanzelot am 28. Juni 2017, 22:33:27
Zitat von: Alu-Verkleidung am 28. Juni 2017, 18:52:32
Bei Cannabis gibt es keine "Promillegrenze", deswegen ist eine objektive Betrachtung hinsichtlich der Benommenheit überhaupt nicht möglich.
Wer z.B vor 2 Wochen einen durchgezogen hat und bei dem einen Blutprobe angeordnet wurde, gilt bei dem Zeitpunkt, wegen der Rückstände, als Fahrer unter Drogeneinfluss, obwohl die betäubende Wirkung selbstredend nicht mehr vorhanden ist
Das ist nicht ganz korrekt.
Das BVG hat in einer Entscheidung aus 2004 darauf verwiesen, dass ein bestimmter Wirkstoffnachweis erforderlich ist, um als Fahrer unter einer Wirkung des Betäubungsmittels zu stehen und so Verkehrsordnungswidrigkeiten begehen zu können.
Dessen Nachweisbarkeit orientiert sich an den Werten, welche die Grenzwertkommission für Wirkstoffnachweise von einzelnen Substanzen aufgestellt hat.
Danach soll THC ab 1 ng/ml im Blut eine sanktionierbare Wirkung entfalten.

Auch für Alkohol können rückwirkend Werte ausgerechnet werden, welche Rückschlüsse auf Fahrtüchtigkeit zu einem länger zurückliegenden Zeitpunkt zulassen.
Und auch für andere Substanzen können Benommenheit und Fahrtüchtigkeit festgestellt werden. Solange der Konsum aber grundlegend strafbewehrt ist, bestand bis dato kein Anlass extra Tabellen im Promille-Format festzulegen.

ZitatInwieweit unterscheidet sich ein Autofahrer mit 2,5 Promille gegenüber einem völlig zugekifften Fahrer charakterlich moralischer oder unmoralischer, respektive (un)verantwortlicher?
Das steht da so nicht. Und was sich unterscheidet ist beschrieben.

ZitatGenerell handelt es sich, VORALLEM aufgrund der Legalisierung von Alkohol, um eine sozio-kulturelle Frage, die eher etwas mit Ideologien, als mit Logik zu tun hat.
In anderen Kulturkreisen ist Alkohol verboten und Cannabis gesellschaftlich akzeptiert. Beide Sachverhalte/ Umstände enthalten für mich keinen logischen (juristischen) Gradmesser.
Auf der Ebene wird die Diskussion losgetreten und geführt, ja.
Die Beschlüsse, die gefasst wurden berühren aber eben rechtliche, finanzielle und medizinische Aspekte ohne erforderliche Datengrundlage.
Und dies zu fassen und zu umzingeln war auch Thema des Blogs.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: sumo am 28. Juni 2017, 23:06:25
wie ist denn in dem Zusammenhang mit dem Abbau der Substanz im Blut umzugehen? Bei Alkohol gibt es recht genau bekannte Zeiten, in denen eine bestimmte Blutalkoholkonzentration abgebaut wird und der Autofahrer wieder sanktionsfrei fahren kann. Gibt es solche Erfahrungen oder Untersuchungen auch zu Cannabis und dessen Abbauzeiten?
Gerüchteweise hört man immer wieder, daß es bei einmaligem Gebrauch von Cannabis sogar Tage später noch zu Beeinträchtigungen kommen kann, aber ist das rechtlich definiert?
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: lanzelot am 29. Juni 2017, 11:16:58
Zitat von: sumo am 28. Juni 2017, 23:06:25
wie ist denn in dem Zusammenhang mit dem Abbau der Substanz im Blut umzugehen? Bei Alkohol gibt es recht genau bekannte Zeiten, in denen eine bestimmte Blutalkoholkonzentration abgebaut wird und der Autofahrer wieder sanktionsfrei fahren kann. Gibt es solche Erfahrungen oder Untersuchungen auch zu Cannabis und dessen Abbauzeiten?
Gerüchteweise hört man immer wieder, daß es bei einmaligem Gebrauch von Cannabis sogar Tage später noch zu Beeinträchtigungen kommen kann, aber ist das rechtlich definiert?
Die Werte und Zeiträume sind auch bei THC bekannt.
Nachweis im Urin:
aktiver Wert des THC: 12 - 36 Stunden
passiver Wert (THC COOH, gemessen werden Abbauprodukte=Metaboliten):  3 bis 5 Tage (bei gelegentlichem Konsum) und bis zu  4 Wochen bei regelmäßigem Konsum

Im Blut:
aktiver Werte THC: 5 - 24 Stunden
passiver Werte: 24 bis 36 Stunden (einmaliger Konsum), 5 bis 20 Tage (gelegentlicher Konsum) und 8 bis 12 Wochen (Dauerkonsum)

In den Haaren ist der Konsum zeitlich fast unbegrenzt nachweisbar. Auch das Färbe von Haaren, ondulieren oder was auch immer veranstaltet wird, um die Struktur  der Haare zu beeinflussen, ändert daran nichts.
Die Substanz lagert sich in der Wurzel ein und wächst wieder nach. Zudem können auch Haare an den Beinen, Schamhaare oder Achselhöhle genutzt werden.   

Die juristischen Auswirkungen sind unterschiedlich. Die Vorgehensweisen von Führerscheinstellen und die Rechtsprechung werden in den Bundesländern nicht einheitlich gehandhabt.
Bei Verdacht auf Cannabis im Straßenverkehr, wird  ein Konsummuster festgestellt.
Dazu werden ärztliche Gutachten angeordnet mit mehreren Drogenscreenings und/oder eine MPU veranlasst.
Bei THC unter 1,0 ng/ml wird nicht von einer berauschten Fahrt ausgegangen und Maßnahmen erfolgen nach den festgestellten Werten.
Hier ist ein großes Gefälle in der Auslegung zu erkennen.

Über 1.0 ng/ml wird es ernst. Dann wird eine berauschte Fahrt impliziert und dies geht einher mit Fahrverbot und Bußgeldern. Wurden bei der Kontrolle Ausfallerscheinungen festgestellt erhöht dies das Strafmaß.
Die Feststellung des Konsummuster dient vor allem dazu, das Konsumverhalten zu belegen und den regelmäßigen Gebrauch zu erkennen, dazu wurde als Hausnummer und Messwert auch die Grenze von über 75ng/ml beim passiven Wert (THC COOH) als Maßstab für belegten gelegentlichen Konsum festgelegt.

Bei einem Wert von über 150ng/ml bei einer Kontrolle oder 75ng/ml beim ärztlichen Screening gilt regelmäßiger Konsum als belegt.
Dies hat erheblichen Einfluss auf die dann folgenden Sanktionen. Fahrverbote, Bußgelder, MPU und Abstinenznachweise sind dann obligat. Dauer und Höhe von den Werten abhängig.
Und es spielt eine Rolle bei Gericht ob Vorsatz nachgewiesen werden kann. Dann wird aus einer Ordnungswidrigkeit eine Straftat.   
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: sumo am 29. Juni 2017, 20:40:43
danke für diese Informationen. Kannst Du mir dafür eine allgemein zugängliche Quelle nennen, ein Buch oder eine andere Publikation? Es geht mir darum, Deine genannten Zahlen in Diskussionen zu verwenden und das nötigenfalls zu belegen.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: RächerDerVerderbten am 25. Juli 2017, 14:33:18
Die einzige Studie, die wirklich zählen wird in gewöhnlich schlecht informierten Kreisen. ;D

ZitatCannabis kehrt Alterungsprozesse im Gehirn um

https://www.uni-bonn.de/neues/128-2017

Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Peiresc am 25. Juli 2017, 14:44:32
Und was behauptet der Berichterstatter noch, so ganz nebenbei?
ZitatCannabisprodukte sind bereits als Medikamente zugelassen, zum Beispiel für die Schmerzbekämpfung.
Falsch.

Zitat von: RächerDerVerderbten am 25. Juli 2017, 14:33:18
Die einzige Studie, die wirklich zählen wird in gewöhnlich schlecht informierten Kreisen. ;D
Definitiv.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: lanzelot am 25. Juli 2017, 17:35:19
ZitatCannabisprodukte sind bereits als Medikamente zugelassen, zum Beispiel für die Schmerzbekämpfung.
ZitatFalsch
Aber sowas von falsch.
ZitatAlte Tiere konnten durch eine längere niedrig dosierte Behandlung mit einem Cannabis-Wirkstoff in den Zustand von zwei Monate jungen Mäusen zurückversetzt werden.
Die verwechseln da was, wenn Lebewesen sich unter Drogen wie kleine Kinder oder Pubertierende aufführen hat das nichts mit einem dauerhaften Umkehrprozess des Alterns zu tun. 8)
Und das geht mit jeder Substanz.

Ansonsten:
ZitatEs sah so aus, als hätte die THC-Behandlung die molekulare Uhr wieder zurückgesetzt",
ZitatWenn die Aktivität des Cannabinoidsystems abnimmt, dann finden wir ein rasches Altern des Gehirn
Isoliert konstruierte Zusammenhänge, Vermutungen und unwissenschaftliche Spekulationen.

ZitatDie nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Svenja Schulze zeigte sich von der Studie begeistert:
Rot-Grün war schon begeistert. Endlich eine Rechtfertigung für den Konsum.
Wenn man keine Ahnung hat, ist man schnell begeistert. Wenn keine Kompetenz im Wege steht...

Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: eLender am 03. September 2017, 22:18:24
Scheint ein Erfolgsmodell zu sein, das Zeugs wird schon knapp.
ZitatDas AOK-Lager zählt demnach 3600 Anträge, bei den Ersatzkassen waren es Ende Juni 2000, bei den befragten Betriebskrankenkassen sind es mindestens 650. Nach Kassenangaben wurden 50 bis 60 Prozent der Anträge bewilligt. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/bundesregierung-raeumt-cannabis-lieferengpaesse-ein-a-1165670.html
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: ZKLP am 01. November 2017, 14:25:27
Es wächst zusammen, was zusammen gehört. Demnächst gibt es bestimmt auch mexikanisches Bier auf Rezept.  :prosit

Zitat von: https://hightimes.com/news/corona-invests-marijuana-green-rush/For the first time ever, a major player in the wine, beer and spirits industry is set to link up with the rapidly expanding cannabis market, as the company that brews the popular Mexican brand beer Corona has just claimed its own stake in the marijuana green rush.

Constellation Brands, which also distills Svedka vodka, just invested a whopping $191 million in the Canadian-based cannabis company Canopy Growth Corporation.

Zitat von: https://en.wikipedia.org/wiki/Canopy_Growth_CorporationCanopy Growth Corporation (CGC), formerly Tweed Marijuana Inc., is a medical marijuana company based in Smiths Falls, Ontario. It is the first federally regulated, publicly traded cannabis producer in North America, traded on the Toronto Stock Exchange as WEED. Since marijuana is currently legal in Canada only for medical purposes, growers such as CGC are licensed by Health Canada under the Access to Cannabis for Medical Purposes Regulations (ACMPR).[1] A multi-licensed, geographically diverse marijuana producer, the company was described as "one of the world's — and Canada's first — premier exporters of marijuana" by the Financial Post news organization in December 2016.[2]

CGC originally operated as Tweed Marijuana Inc. but rebranded to Canopy Growth Corp. in September 2015 with two established brands.[3] Specifically, CGC is the parent company of licensed cannabis producers Tweed Inc., Tweed Farms Inc., Bedrocan Canada Inc., as well as newly acquired Mettrum Health Corp, giving CGC a combined growing platform of over 665,000 sq. ft. of production space.[4][5] The company has also acquired part or full ownership of other cannabis producers and distributors.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Nogro am 01. November 2017, 15:27:49
Zitat von: ZKLP am 01. November 2017, 14:25:27
Demnächst gibt es bestimmt auch mexikanisches Bier auf Rezept.  :prosit
Immer noch besser (und gesünder) als Globuli auf Rezept, auch :prosit
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Peiresc am 05. Januar 2018, 18:11:12
Unter einem Justizminister Sessions hätte der Bundestag nichts zu lachen:
Zitathis Department of Justice is rescinding the non-interference cannabis policies from the Obama Administration, the 2013 Cole Memorandum.
http://thehill.com/opinion/healthcare/367597-medical-cannabis-community-must-join-together-and-resist-any-action-taken
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: sebklim am 19. Februar 2018, 08:37:17
ZitatBesonders zu beachten bei der gewünschtem Verwendung von Cannabis als Heilmittel ist die Tatsache, dass nahezu alle erwünschten Wirkungen der Pflanze an ihre berauschenden psychoaktiven Wirkstoffe gebunden sind. Und das der Rauscheffekt ausdrücklich medizinisch unerwünschten Nebenwirkung ist.

Halte ich in dieser Formulierung für sehr fragwürdig. Studien beschäftigen sich vor allem mit CBD als Arzneiwirkstoff. Dieses Cannabinoid ist eben nicht psychoaktiv (darüber kann man streiten, es erzeugt zumindest in den wirksamen Dosierungen keinen Rauschzustand und ist deshalb in den meisten Ländern völlig legal erhältlich) und hat deshalb kein bzw. kaum Missbrauchspotenzial (zumindest nicht in der Wirkweise, die Konsumenten vom bekannteren Cannabinoid THC kennen und erzielen möchten).

Die medizinische Wirksamkeit wurde zum Beispiel von GW Pharma untersucht und erzielt positive Ergebnisse.

https://www.gwpharm.com/about-us/news/gw-announces-new-epidiolex®-cbd-positive-phase-3-data-dravet-syndrome-and-lennox (https://www.gwpharm.com/about-us/news/gw-announces-new-epidiolex%C2%AE-cbd-positive-phase-3-data-dravet-syndrome-and-lennox)
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Peiresc am 19. Februar 2018, 09:44:20
Zitat von: sebklim am 19. Februar 2018, 08:37:17
ZitatBesonders zu beachten bei der gewünschtem Verwendung von Cannabis als Heilmittel ist die Tatsache, dass nahezu alle erwünschten Wirkungen der Pflanze an ihre berauschenden psychoaktiven Wirkstoffe gebunden sind. Und das der Rauscheffekt ausdrücklich medizinisch unerwünschten Nebenwirkung ist.

Halte ich in dieser Formulierung für sehr fragwürdig. Studien beschäftigen sich vor allem mit CBD als Arzneiwirkstoff. Dieses Cannabinoid ist eben nicht psychoaktiv (darüber kann man streiten, es erzeugt zumindest in den wirksamen Dosierungen keinen Rauschzustand und ist deshalb in den meisten Ländern völlig legal erhältlich) und hat deshalb kein bzw. kaum Missbrauchspotenzial (zumindest nicht in der Wirkweise, die Konsumenten vom bekannteren Cannabinoid THC kennen und erzielen möchten).

Die medizinische Wirksamkeit wurde zum Beispiel von GW Pharma untersucht und erzielt positive Ergebnisse.

https://www.gwpharm.com/about-us/news/gw-announces-new-epidiolex®-cbd-positive-phase-3-data-dravet-syndrome-and-lennox (https://www.gwpharm.com/about-us/news/gw-announces-new-epidiolex%C2%AE-cbd-positive-phase-3-data-dravet-syndrome-and-lennox)

Das ist mir ein bisschen unklar. Dann müssten doch alle Bemühungen darauf gerichtet sein, diesen Wirkstoff zu isolieren und eben nicht das Stoffgemisch der Pflanze einzusetzen. Das Hanfgesetz der Bundesrepublik widerspricht dieser Intention.
Die Wirkung von CBD bei Lennox-Gastaut-Syndrom und Dravet-Syndrom, wenn sie sich bestätigt, wäre erfreulich, kann aber nichts zur Debatte beitragen.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: sebklim am 20. Februar 2018, 05:56:04
ZitatDas ist mir ein bisschen unklar. Dann müssten doch alle Bemühungen darauf gerichtet sein, diesen Wirkstoff zu isolieren und eben nicht das Stoffgemisch der Pflanze einzusetzen. Das Hanfgesetz der Bundesrepublik widerspricht dieser Intention.

Auch THC hat einen medizinischen Nutzen, nur die Einsatzgebiete sind verschiedene. Die Konzentration der beiden Hauptwirkstoffe THC und CBD ist bereits in nahezu allen erdenklichen Kombinationen in Hanfblüten und -extrakten erhältlich. Das Gesetzt schreibt meines Wissens nach nicht vor, welche davon genutzt werden dürfen. Im Einzelfall muss natürlich von Ärzten entschieden werden, welche Cannabinoide zur Medikation eines bestimmtes Krankheitsbildes sinnvoll sind.
Dass jemand, dem CBD allein eine Besserung der Beschwerden verschafft, das in seinem Fall ,,unnötige" High des THC eventuell als Nebenwirkung empfindet ist klar und andersherum.
Ich bin deshalb der Meinung, dass es sehr wichtig ist das Potential nicht nur auf die Pflanze und ihre natürlich vorkommenden Wirkstoffkombinationen zu beschränken. Technisch ist es möglich, diese auch in den Pflanzen so zu verändern, dass die Medikation dem Bedarf des Patienten angepasst ist.
Mir war in erster Linie wichtig, aufzuzeigen, dass nicht jede Cannabisnutzung zwingend mit einem ,,High" verbunden ist. Dies steckt mMn noch in zu vielen Köpfen fest.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Peiresc am 20. Februar 2018, 08:00:16
Zitat von: sebklim am 20. Februar 2018, 05:56:04
Auch THC hat einen medizinischen Nutzen
Das ist nicht hinreichend bewiesen.

Zitatin nahezu allen erdenklichen Kombinationen in Hanfblüten und -extrakten erhältlich
Es ist widersinnig, Wirkstoffe in verunreinigter Form einzusetzen.

ZitatTechnisch ist es möglich, diese auch in den Pflanzen so zu verändern
gentechnisch?  :teufel
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: sebklim am 20. Februar 2018, 09:28:08
Zitat
ZitatAuch THC hat einen medizinischen Nutzen
Das ist nicht hinreichend bewiesen.
Diese (https://www.nap.edu/catalog/24625/the-health-effects-of-cannabis-and-cannabinoids-the-current-state) Studie zeigt ausführlich den vorhandenen Nutzen, auch von THC.

Zitat
Zitatin nahezu allen erdenklichen Kombinationen in Hanfblüten und -extrakten erhältlich
Es ist widersinnig, Wirkstoffe in verunreinigter Form einzusetzen
Hier gebe ich dir (teilweise :P)Recht, die Zukunft liegt in synthetischen Substanzen, die auf das Cannabinoid-System wirken. Bis diese Stoffe allerdings hergestellt werden können und einsatzfähig sind empfehlen die Autoren des o.g. Berichts mangels alternativer Einnahmemöglichkeiten das Rauchen. Dazu ist zu sagen, dass die gesundheitlichen Aspekte dieser Darreichungsform besser erforscht werden müssen. 

Zitat
ZitatTechnisch ist es möglich, diese auch in den Pflanzen so zu verändern
gentechnisch? :teufel
Hier appelliere ich an deinen gesunden Menschenverstand.  ;)
Selbstverständlich nicht durch Gentechnik verändertes Cannabis.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Peiresc am 20. Februar 2018, 11:24:38
Zitat von: sebklim am 20. Februar 2018, 09:28:08
Zitat
ZitatAuch THC hat einen medizinischen Nutzen
Das ist nicht hinreichend bewiesen.
Diese (https://www.nap.edu/catalog/24625/the-health-effects-of-cannabis-and-cannabinoids-the-current-state) Studie zeigt ausführlich den vorhandenen Nutzen, auch von THC.
Das täuscht. Der Nutzen ist nicht hinreichend belegt. Ich bin gerne bereit, mir Dir durch den Text zu gehen.

Zitat von: sebklim am 20. Februar 2018, 09:28:08empfehlen die Autoren des o.g. Berichts mangels alternativer Einnahmemöglichkeiten das Rauchen
Bitte mal die Stelle genauer angeben.

Zitat von: sebklim am 20. Februar 2018, 09:28:08Hier appelliere ich an deinen gesunden Menschenverstand.
Darauf sollte man bei Cannabis nicht setzen.   :grins

Und warum eigentlich "selbstverständlich nicht"?
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: ajki am 09. März 2018, 18:41:21
Es jährt sich nun die Änderung des Gesetzesrahmens vom März 2017 (https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27I_2017_11_inhaltsverz%27%5D__1520614535767) [Link zum Inhaltsverzeichnis des BGBl 11/2017, dort Nr 7 für die pdf]. Deshalb erscheinen in den Medien diverse Produkte, die sich mit den Auswirkungen der Gesetzesänderungen beschäftigen. Beispiele: Spiegel (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/cannabis-auf-rezept-nachfrage-nach-medizinischem-marihuana-steigt-a-1197095.html) (wahrscheinlich paywalled, daher aus der Headline und dem Vorspann:
Zitat von: SpiegelEin Jahr Hanf auf Rezept: Ein Jahr nach der Freigabe in Deutschland verschreiben Ärzte immer häufiger medizinisches Cannabis. Allein im vergangenen Jahr haben Apotheken 44.000 Einheiten an Cannabis-Blüten auf Kosten der Krankenkassen ausgegeben, wie der Apothekenbranchenverband ABDA mitteilt. ...
),  Die Welt (regional: Norden) (https://www.welt.de/regionales/hamburg/article174363124/Hunderte-Patienten-im-Norden-erhalten-Cannabis-als-Medizin.html), Stuttgarter Zeitung (https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.marihuana-in-deutschland-nachfrage-nach-cannabis-auf-rezept-gestiegen.33874c90-4368-44f0-b39b-d27c7a850dd3.html) und so weiter und so weiter....

Die Öffentlichkeit interessiert sich also sehr für Auswirkungen, genauso wie dieser thread. Ein Jahr ist natürlich andererseits viel zu wenig, um irgendwelche Trends oder Folgen tatsächlich überreissen zu können. Irgendwo ist z.B. ein News-Produkt mit der ungefähren Dachzeile zu finden, "Ein Jahr danach: Ärzte kritisieren fehlende Vorgaben" - und das können sie wahrscheinlich auch noch in drei Jahren unverändert nachdrucken.

Ein Interview-Artikel in jetzt.de (dem online-Produktchen für die stürmische Jugend bei der Süddeutschen) (https://www.jetzt.de/gesundheit/interview-expertin-ueber-die-verschreibung-von-medizinischem-cannabis) befragt zu den diversen Thematiken Frau Prof. Dr. Astrid Zobel, eine leitende Ärztin beim Medizinschen Dienst der Krankenversicherung (http://www.mdk.de/) (hier: Abteilung "Bayern"). Das kann man sich meiner Meinung nach genauer anschauen, weil aufgrund der jugendlichen Ausrichtung des online-Produkts die Netz-Zugänglichkeit wohl dauerhaft gegeben ist (anstatt paywalling und weg-Kuratierung) und die befragende Journalistin nur als Stichwortgeberin auftritt - die Aussagen sind also "ärztliche":

Zitat von: Prof Dr. Zobel, MDK BayernWir werden von den Krankenkassen beauftragt, Anträge und Verordnungen von Cannabis zu prüfen. Das tun wir auf Grundlage von Befunden, die von den behandelnden Ärzten angefordert werden. ... Aber die Krankenkassen müssen uns nicht in jedem Fall beauftragen, sie können das auch selbständig entscheiden. ... Die Antragsteller sind häufig Schmerzpatienten. Aber es kommen auch Anträge, die Menschen mit anderen Krankheiten betreffen; Menschen, die zum Beispiel an Spastiken leiden oder psychische Probleme haben. Cannabis-Präparate werden auch Patienten mit Krebserkrankungen, zum Beispiel bei Nebenwirkungen unter einer Chemotherapie verordnet oder ihm Rahmen einer palliativen Versorgung. Im letzteren Fall werden die Anträge auf jeden Fall befürwortet. ... Es werden uns natürlich nicht alle Anträge vorgelegt, aber wir sehen einen sprunghaften Anstieg der Begutachtungsaufträge durch die Krankenkassen seit Mitte des letzten Jahres. Seither bekommen wir pro Monat zwischen 500 und 700 Begutachtungsaufträge. [nur für Bayern, nur Teilmenge der Anträge, zwischen 6.000 und 8.500 im ersten Jahr nach Änderung] ... Über die Zahlen der Krankenkassen haben wir keine Informationen, weil wir nur die Anträge sehen, die uns zur Begutachtung vorgelegt werden. Unsere Zahlen zeigen, dass die Gutachter des MDK Bayern in ungefähr der Hälfte der Anträge die sozialmedizinischen Voraussetzungen als erfüllt ansehen und den Kassen empfehlen, den Antrag zu genehmigen. In 23 Prozent der vorgelegten Fälle sind die Voraussetzungen aus unserer Sicht nicht erfüllt. ... [Ablehnung eines Antrags] Wenn die Verordnung von Cannabis keine Aussicht auf Erfolg verspricht oder negative Auswirkungen auf den Patienten zu befürchten sind. Nach dem Gesetz soll ja gewährleistet werden, dass bei dem Krankheitsbild durch den Einsatz von Cannabis-Präparaten eine ,,nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbar positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome" besteht. Die Anforderungen an die wissenschaftliche Evidenz sind bei Cannabis  zwar niedriger als bei anderen Medikamenten, aber es sollte zumindest einen Hinweis geben, dass der Einsatz Erfolg versprechend und damit gerechtfertigt ist. Und dann ist natürlich auch immer eine Schaden-Nutzen-Abwägung im Einzelfall notwendig. ... Aber auf Grund der Risiken und Nebenwirkungen von Cannabis-Präparaten ist sorgfältig zu klären, warum leitliniengerechte Therapien nicht angewandt werden können. ... [Anekdote zu einer Schmerzpatientin, die enorme Schwierigkeiten hat, Cannabis-Verschreibung statt opioider Produkte zu erlangen; haben Ärzte "Angst" vor der neuen Verschreibungsmöglichkeit?] Angst würde ich das nicht nennen, aber viele Ärzte haben wohl noch keine ausreichende Erfahrung mit der Verordnung von Cannabis-Präparaten, die ja in dieser Form erst seit einem Jahr möglich ist. Und als verordnender Arzt muss man sehr genau abwägen, ob die Behandlung dem Patienten wirklich mehr nützt als schadet. Medizinisch verwendete Cannabis-Präparate sind keine Wellness-Produkte, obwohl es manchmal so dargestellt wird. Sie können gravierende Nebenwirkungen haben und möglicherweise auch Langzeitschäden hervorrufen. Und man darf nicht vergessen, dass Cannabis-Präparate auch ein Suchtpotential haben und eine Abhängigkeit hervorrufen können. Man kann also nicht pauschal sagen, dass Opioide in jedem Fall mehr negative Auswirkungen hätten als Cannabis. ... Gerade von einigen auf Schmerztherapie spezialisierten Ärzten kommen sehr viele Vorbehalte gegenüber Cannabis. Leider ist das gesicherte Wissen zur Anwendung von Cannabis-Präparaten noch sehr dünn. Es gibt zwar Hinweise auf die Wirksamkeit von Cannabis-Arzneimitteln bei bestimmten Erkrankungen oder Beschwerden, aber die wenigen Studien sind oft qualitativ nicht ausreichend - übrigens auch nicht im englischsprachigen Raum, wo es schon mehr Erfahrung mit dem Thema gibt. ... Grundsätzlich ist das Suchtpotential einer Substanz immer ein Thema. Da muss man als Arzt sehr genau abwägen, ob die potentiellen Nutzen den möglichen Schaden beim einzelnen Patienten überwiegen. Und immer wieder machen Kollegen die Erfahrung, dass ihre Patienten nicht besonders von der Verschreibung von Cannabis-Arzneimitteln profitiert haben. Schmerzspezialisten sind auch nicht grundsätzlich gegen die Verordnung von Cannabis-Präparaten, aber sie sind kritisch gegenüber der dünnen und zum Teil bisher auch widersprüchlichen Studienlage. Jeder Arzt muss entscheiden, auf welcher Wissensbasis er Cannabis im Einzelfall verordnen will, das heißt unter welchen Voraussetzungen er zu der Überzeugung gelangt, dass nach den Regeln der medizinischen Wissenschaft die Anwendung geboten ist. Letztlich bleibt es immer ein individueller Therapieversuch, bei dem Chancen und Risiken im Einzelfall besonders kritisch abgewogen werden müssen. ... Normalerweise muss ein Medikament eine Zulassung erhalten, bevor es verkehrsfähig, also auf dem Markt zugänglich ist. Und dafür ist es nötig, dass in wissenschaftlichen Studien an vielen Patienten seine Wirksamkeit und Verträglichkeit sowie die Sicherheit der Anwendung belegt wird. Von diesem Prinzip ist man aus verschiedenen Gründen bei der Gesetzgebung zur medizinischen Anwendung von Cannabis abgewichen. Hier reichen Hinweise auf einen positive Wirkung im Einzelfall. Das können auch Fallberichte über einzelne andere Patienten mit ähnlichen Beschwerden sein, die positive Erfahrungen mit Cannabis gemacht haben. Eine gesicherte Erkenntnis über die Wirksamkeit bei bestimmten Erkrankungen fehlt meist. Deshalb gibt es für die meisten Cannabis-Präparate bis auf wenige Ausnahmen auch keine zugelassenen Indikationen. ... [Kiffer-Support] Grundsätzlich sind solche Fälle niemals völlig auszuschließen. Ein solches Verhalten von Ärzten würde aber gegen das Berufsrecht verstoßen und Konsequenzen nach sich ziehen. Wir haben bisher allerdings keine konkrete Kenntnis davon, dass sich solche Praxen bilden würden. Aber sehen schon Einzelfälle, wo man die Indikationsstellung hinterfragen muss und den Verdacht auf "Gefälligkeitsverordnungen" hat. ...
(Hervorhebungen hinzugefügt, Anmerkungen in Italics hinzugefügt)

Da ist doch zumindest etliches von dem angesprochen, was bislang hier im thread eher im wolkig-luftleeren Bereich weste.
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Abrax am 09. März 2018, 19:04:47
Zitat von: ajki am 09. März 2018, 18:41:21
Da ist doch zumindest etliches von dem angesprochen, was bislang hier im thread eher im wolkig-luftleeren Bereich weste.
https://blog.psiram.com/2016/07/haschisch-fuer-alle/
https://blog.psiram.com/2017/07/cannabis-medizinsuchtmythenanekdoten-was-uns-bewegt/
https://blog.psiram.com/2017/04/cannabis-hinweise-fuer-aerzte/
https://blog.psiram.com/2018/01/cannabis-und-strassenverkehr/
Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: ajki am 17. Mai 2018, 11:29:58
Hype um den Hanf (http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/medizinisches-cannabis-hype-um-den-hanf-15594649.html) [faz.net]

Cannabis-Report 2018 (https://www.tk.de/tk/themen/arzneimittelversorgung/cannabis-report-2018/982398) [Techniker-KK, tk.de]

Report (https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/982396/Datei/87998/TK-Studienband-Cannabis-Report-2018.pdf) [pdf, tk.de]

Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Peiresc am 17. Mai 2018, 12:19:57
Der Studienband-Report
Zitat von: ajki am 17. Mai 2018, 11:29:58
Report (https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/982396/Datei/87998/TK-Studienband-Cannabis-Report-2018.pdf) [pdf, tk.de]
ist knapp 100 Seiten lang; ich habe mal den Abschnitt 4, "Zur Evidenz von Cannabis als Medizin" überflogen. Er ist, sagen wir mal, subeuphorisch:
ZitatDennoch darf Cannabis unabhängig von der verfügbaren Evidenz schwerkranken Patienten verordnet werden. Ob allerdings der Nutzen von Cannabisblüten in diesem Zusammenhang als besonders überzeugend gewertet werden kann, ist sicherlich diskussionsbedürftig. Viele Experten sehen in dieser Anwendung einen Rückfall in eine längst überlebt geglaubte Kräutermedizin. Das sonst übliche Verfahren gemäß Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) zur vergleichenden Prüfung des Zusatz- und Patientennutzens, das im Rahmen des Cannabisgesetzes gar nicht erst bemüht wurde, wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Basis der derzeitigen Studienlage negativ ausgegangen.
[...]
Die Autoren einer aktuellen Übersichtsarbeit, die wiederum elf systematische Übersichtsarbeiten zu Cannabinoiden in der Schmerztherapie untersuchte, betonten, dass die Kriterien der Europäischen Arzneimittel-Agentur (European Medicines Agency, EMA) für die Zulassung von Arzneimitteln bei chronischen Schmerzen nicht erfüllt waren. Laut dieser Kriterien müssen wenigstens zwei kontrollierte und ausreichend gepowerte Studien über einen Zeitraum von mindestens 12 Wochen vorliegen – dies konnte in keiner der untersuchten Studien erfüllt werden (Häuser et al., 2017).


Titel: Re: Cannabis - wie gehts weiter
Beitrag von: Sauropode am 13. September 2018, 19:58:22
https://www.uni-bonn.de/neues/128-2017

ZitatCannabis kehrt Alterungsprozesse im Gehirn um

Ninja, zunächst bei Mäusen. Man denkt aber weiter:

ZitatDie Forscher wollen im nächsten Schritt in einer klinischen Studie untersuchen, ob THC auch beim Menschen Alterungsprozesse des Gehirns umkehren und die kognitive Leistungsfähigkeit wieder steigern kann.