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Autor Thema: Frontal 21  (Gelesen 4964 mal)

Conni

  • Gast
Frontal 21
« am: 11. Dezember 2008, 21:36:17 »
Angesichts des neuen Hobbys vieler, Pharma-Bashing zu betreiben und im speziellen sich dabei über ADHS auszulassen, sowie der üblen Rolle der Medien dabei, stelle ich mit xxxxxs Erlaubnis ihren Beitrag nochmal hier rein:

Zitat
Zu diesem Thread http://forum.psiram.com/index.php?topic=533.msg4527#msg4527

Habe ich folgende Mail heute Mittag an die Redaktion geschickt:

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Redaktion der Frontal 21 Sendung,

schon im Vorfeld der heutigen Sendung über Strattera möchte ich Ihnen gegenüber meine Kritik und meine Bedenken äußern.

ADHS rückt immer mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft. Das ist gut und wichtig. Aufklärung tut Not, Betroffene sind oft genug noch stigmatisiert und müssen sich unangemessen für eine adäquate und notwendige Behandlung mit Medikamenten rechtfertigen.

Leider habe ich die Befürchtung aufgrund der Berichterstattung im Vorfeld, dass ihre Sendung dazu beiträgt, Irrtümer und Vorurteile zu verfestigen. Ihre Recherche erscheint mir bei Durchsicht lückenhaft und unzureichend.

ADHS wird als quasi inexistent dargestellt:

Zitat: „Strattera wird eingesetzt im Prinzip bei gesunden Kindern. Die sind nur zappelig, unruhig, können sich schlecht konzentrieren. Das hat aber oft keinen Krankheitswert, ist nur nervig für die Umwelt. Es ist sehr fragwürdig, Kinder mit solch stark wirksamen Medikamenten und solch schwerwiegenden Nebenwirkungen zu behandeln. Das
steht in keinem Verhältnis zum äußerst zweifelhaften Nutzen dieses Medikaments.“

Wie mir scheint spricht Herr Schaaber über etwas, wovon er keine Ahnung hat. Ein einmaliges googeln im Internet hätte ihn schon eines besseren belehrt!

Nach neuesten Erkenntnissen geht man bei einem ADHS von einer genetischen Disposition aus. Untersuchungen im SPECT haben ergeben, dass ADHSler über eine höhere Anzahl Dopaminrezeptoren verfügen, wodurch das Dopamin zu rasch aus dem synaptischen Spalt entfernt wird.

Literatur:

www.hyperaktiv.de/forschung/neurobiologie.pdf
http://web4health.info/de/answers/adhd-dopa-spect.htm
http://www.dr-gumpert.de/html/adhs_ursachen.html

Der Leidensdruck für die Betroffenen selbst ist oft groß. Ihre Pressemitteilung wird dem nicht gerecht, ganz im Gegenteil: Sie ist für alle Betroffenen ein Schlag ins Gesicht.

Des Weiteren:

Zitat:
"Auch Professor Peter Schönhöfer vom arznei-telegramm erhebt schwere Vorwürfe: „Diese
Substanzen wirken, wie wir früher sagten, wie Amphetamine oder, nach neuerem
Sprachgebrauch, wie Speed. Das sind Substanzen, die gefährlich sind, weil sie einen
übererregten Zustand auslösen - und dazu gehört auch die Selbstaggression, also der Suizid“,
so Schönhöfer gegenüber dem ZDF."

Professor Schönhöfer macht hier einen wenig professionellen Eindruck. Er verwechselt, wenn ich das so sagen darf, Birnen mit Äpfeln.

Strattera ist kein Amphetaminderivat, wie Methylphenidat (Handelsname Ritalin), sondern wie man überall nachlesen kann ein Antidepressivum (SNRI), also ein selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer.

Trotz allem wird hier (mal wieder) das Klischee: "Deutschland setzt seine Kinder unter Drogen" bedient.
Methylphenidat, hier salopp als "Speed" - mit den entsprechenden Asooziationen - bezeichnet, besetzt die Dopaminrezeptoren und sorgt so für einen normalen Dopaminspiegel, der es dem Betroffenen in Folge ermöglicht seine Aufmerksamkeit zu steuern und auf äußere Reize adäquat zu reagieren. Eine Studie von Dr. Michael Huss belegte, dass der therapeutische Einsatz von Methylphenidat das Suchtrisiko auf ein normales Niveau senkt.

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000002733

Was Strattera (Wirkstoff: Atomoxetin) selbst betrifft, ist eine mögliche Verstärkung der  Suizidgefährdung nicht neu. Dies war 2005 schon bekannt als das Medikament auf den Markt kam. Da heißt es im Arzneimittel-Telegram schon

Zitat:

"Patienten, die Atomoxetin einnehmen, sollen vom verschreibenden
Arzt, aber auch von den Eltern und anderen Betreuern
sorgfältig auf Entwicklung suizidaler Gedanken oder
Verhaltensweisen und auf andere ungewöhnliche Veränderungen
des Verhaltens wie Agitation oder Reizbarkeit hin beobachtet
werden.1-3 Dies gilt besonders in den ersten Behandlungsmonaten
sowie bei Steigerung oder Reduktion der Dosis"

Was die anderen Todesfälle betrifft muss natürlich dringenst geklärt werden, ob ein kausaler Zusammenhang besteht.

Die Eltern der betroffenen Kinder haben mein aufrichtiges Beileid, auch in Anbetracht ihrer Berichterstattung, die die Betroffenen noch zu vermeintlichen Mitschuldigen (was ich aus meinem ersten Zitat ihrer Pressemitteilung herleite) abstempelt.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Leidensdruck groß ist, bevor man selbst Medikamente nimmt oder diese seinem Kind gibt.

Bei dem auf Ihrer Homepage geschilderten Fall bezweifle ich, dass es sich um ein Kind mit ADHS handelt:

Zitat:" Doch in der 5. Klasse beginnt es, Tom verändert sich. Er ist unruhig im Unterricht, lässt sich schnell ablenken, schwatzt ständig mit anderen Schülern, hat Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. "

Wie sie dem ICD 10 entnehmen können entsteht die Symptomatik eines ADHS nicht aus heiterem Himmel im 5. Schuljahr, sie besteht oft schon vor der Einschulung und wird spätestens in der Grundschule zum Problem.

Ich hoffe im Interesse aller Betroffenen, dass die Sendung weniger auf reißerischen Klischees basiert als auf evidenzbasiertem Wissen.

Mit freundlichen Grüßen

Conni

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #1 am: 11. Dezember 2008, 21:42:32 »
und hier der Link zur Diskussion im ZDF-Forum. Vorsicht aber, hier gibt es die geballte Ladung an Verdummungsopfern!

http://frontal21.zdf.de/ZDFforum/ZDFde/inhalt/17/0,1872,5249297,00/F2068/msg1916956.php

Kinderarzt

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #2 am: 14. Dezember 2008, 04:56:43 »

cohen

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #3 am: 17. Dezember 2008, 20:11:03 »
Der Hammer!
Zitat
Re: Pharmakartell: Danke für die gute Recherche und für Ihren Mut zur Wahrheit

    * von: julie45
    * Erstellt am: 17.12.08, 11:51
    * 19 mal gelesen

Gute Recherche? Mut zur Wahrheit?
Also wenn der Rest des Beitrages genauso zustande gekommen ist wie der Teil um die Selbsthilfegruppen, habe ich so meine Zweifel.
Ich bin diejenige Frau von der "Beratungsstelle", die man als Verharmloser der Nebenwirkungen von Strattera vorgeführt hat. Nicht nur wurde ich ahnungslos von einem angeblichen Vater einer 17 jährigen Tochter (nicht "Sohn") mit versteckter Kamera gefilmt, auch meine Aussagen wurden vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen und ins Gegenteil von dem verkehrt, was ich eigentlich gesagt hatte. Nämlich dass keins der Kinder aus unserem Umfeld wegen der Nebenwirkungen mehr Strattera bekommt; dass es meines Wissens zu zwei Suizidfällen kam (die wurden vom Gesprächspartner bagatellisiert, nicht von mir) und dass wir ganz bestimmt kein Geld von irgendwelchen Konzernen annehmen würden.
Aber das hat ja nicht in die Kernaussage der Sendung gepasst.
Weder Herr Esser noch die Redaktion sind willens, die Originalbänder herauszugeben.
Wirklich sehr mutig!

http://chatsundforen.zdf.de/ZDFforum/ZDFde/inhalt/10/0,1872,5241482,00/sendungen/frontal21/F2068/msg1926407.php

cohen

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #4 am: 17. Dezember 2008, 21:54:58 »
Die Selbsthilfegruppe sollte sich das nicht gefallen lassen und sich an den Senderat wenden:
http://www.unternehmen.zdf.de/index.php?id=66&artid=258&backpid=10&cHash=3f07731978

Das wird ja immer schlimmer mit diesem Machwerk.

Kinderarzt

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #5 am: 17. Dezember 2008, 23:13:41 »
Ist dieser Fernsehrat nur fürs ZDF zuständig?

Ich bräuchte mal die Adresse von dem ARD-Fernsehrat,

cohen

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #6 am: 17. Dezember 2008, 23:20:20 »
Ja.
Das steht zur ARD
bei Wikipedia:
Zitat
Die ARD ist ein freiwilliger Verbund von zehn deutschen Rundfunkanstalten. Die Arbeitsgemeinschaft gab sich 1950 eine Satzung, die durch den Rundfunkstaatsvertrag ergänzt wird. In dieser Satzung wird die Arbeit und Organisation der ARD geregelt. Danach hat die ARD als Hauptorgan eine Mitgliederversammlung (keinen Fernsehrat wie die Sendeanstalt ZDF). Die Versammlung findet in Form von Arbeitssitzungen der Intendanten der Mitglieder statt. Ferner gibt es noch Hauptversammlungen, an denen auch die Vorsitzenden der Aufsichtsgremien (Rundfunk- und Verwaltungsratsvorsitzende etc.) teilnehmen.
http://de.wikipedia.org/wiki/ARD

Skrzypczajk

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #7 am: 17. Dezember 2008, 23:47:41 »
Der Hammer!
Zitat
[...]
Gute Recherche? Mut zur Wahrheit?
Also wenn der Rest des Beitrages genauso zustande gekommen ist wie der Teil um die Selbsthilfegruppen, habe ich so meine Zweifel.
Ich bin diejenige Frau von der "Beratungsstelle", die man als Verharmloser der Nebenwirkungen von Strattera vorgeführt hat.
[...]

Ich gucke diese Scheißsendung und ähnliche ja selten (dieses Mal habe ich eine Ausnahme gemacht), weil mir das "ach was sind wir wieder knallhart und investigativ" auf die Nerven geht (oder bin nur ich das, der das da immer mitschwingen sieht?). Obwohl ich das gar nicht will, passt das Posting von julie45 meinen Vorurteilen ganz gut in den Kram.
 :-\

cohen

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #8 am: 19. Dezember 2008, 20:58:59 »
Zitat
http://www.arznei-telegramm.de/blitz-pdf/b081219.pdf

TODESFÄLLE UNTER ADHS-MITTEL ATOMOXETIN (STRATTERA) VERLEUGNET – WIE DAS BFARM MIT SEINEN DATEN UMGEHT

Am 9. Dezember 2008 strahlte das ZDF eine Sendung aus, in der es unter anderem um Störwirkungen des ADHS-Mittels Atomoxetin (STRATTERA) ging. Die Autoren zitieren darin Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), wonach seit der Einführung vier Kinder in Zusammenhang mit dem Mittel gestorben seien (1). Das BfArM bestreitet diese Zahl. Noch vor der Ausstrahlung der Sendung hat die Behörde eine Stellungnahme veröffentlicht, in der nur von zwei Todesfällen in Verbindung mit Atomoxetin die Rede ist (2,3). Einen Tag später legt der Leiter der Abteilung für Pharmakovigilanz (Arzneimittelsicherheit) in der Süddeutschen Zeitung nach: ",Wir hatten zunächst Berichte über zwei tödliche Verläufe in Deutschland… Schließlich blieb ein Fall eines 16-Jährigen übrig, der sich umgebracht hat.’ Die TV-Redaktion wisse das, warum trotzdem von vier Todesfällen die Rede ist, sei unklar (4)."

Die Verlautbarungen des BfArM sind nach unserer Kenntnis der Daten nicht nur scheinheilig, sondern irreführend: Tatsächlich dokumentiert die Behörde vier Todesfälle in Verbindung mit Atomoxetin, die vier Kinder unterschiedlichen Alters betreffen und unter vier verschiedenen BfArM-Nummern erfasst sind. Entsprechende Datenausdrucke der Behörde liegen uns vor. Zwei dieser Berichte lässt das BfArM jedoch unter den Tisch fallen, weil sie nicht aus Deutschland stammen. Zunächst waren sie aber irrtümlich als Fallberichte aus Deutschland angesehen und gelistet worden (5). Dass sie aus Deutschland stammen, wurde in der Sendung allerdings auch gar nicht behauptet. Warum die Meldungen zunächst irrtümlich fehlkodiert wurden und warum einer der beiden "übrig gebliebenen" Verdachtsberichte, der ein Mädchen aus den USA betrifft (3), weiterhin aufgeführt wird, bleibt trotz Nachfrage bei der Behörde unklar. Nicht nachvollziehbar ist zudem, dass das BfArM ihm bekannt gewordene Verdachtsfälle mit Todesfolge, die nicht aus Deutschland stammen, einfach ausblendet. Und was ist davon zu halten, wenn der Leiter der Abteilung Pharmakovigilanz im Hinblick auf 237 Verdachtsberichte zu dem Mittel behauptet, das sei "nicht viel angesichts der Häufigkeit, mit der STRATTERA verschrieben wird" und anschließend fortfährt: "Über ADS-Mittel werden zudem mehr Nebenwirkungen berichtet, weil das Leiden so im Blickpunkt steht" (4)? Pharmako-Abwiegelanz à la BfArM!

rincewind

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #9 am: 19. Dezember 2008, 22:06:30 »
Ich mag und schätze das AT, aber hier ist mir schon die Überschrift mit "Verleugnen" zu reißerisch. Der Beobachtungsraum für ein Medikament ist ja nicht unwesentlich, nur so lassen sich mögliche Häufungen im Vergleich erkennen. ich bin über diesen rethorischen Rundumschlag etwas erstaunt.

cohen

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #10 am: 20. Dezember 2008, 12:57:04 »
Die Sendung war Scheiße.
Das war der blanke Scientology-Werbefilm.
Das Schwarzbuch habe ich mir übrigens gerade gekauft.
Hier ist der Artikel aus der "UMSCHAU":
Zitat
Ein großes Problem zu Beginn der Behandlung: Depressive sind gefährdet, sich in dieser Phase das Leben zu nehmen. Denn noch bevor sich die Stimmungslage des Betroffenen bessert, steigern die Antidepressiva die Antriebskraft. Und das kann in einer Kurzschlusshandlung, einem Suizidversuch, enden.
http://www.gesundheitpro.de/Apotheken-Umschau-vom-Wege-aus-der-Depression-Depression-A081210MAIRP104315.html

Die Journalisten haben die Fakten verdreht.
Der Verlag wehrt sich:
Zitat
In eigener Sache:
Frontal21 – Schlecht recherchiert oder absichtlich manipuliert?
Wort & Bild Verlag geht juristisch gegen das ZDF vor

Der öffentliche Vorwurf, Fakten zu manipulieren, ist gegenüber Journalisten besonders schwerwiegend. Eben diese Behauptung stellt die ZDF-Sendereihe Frontal21 am 9. Dezember 2008 in ihrer Dokumentation "Das Pharma-Kartell" gegenüber der Redaktion der Apotheken Umschau auf – ohne einen redaktionellen Beweis dafür vorzulegen. Im Gegenteil: Die Analyse der Sendung legt nahe, dass offenkundige, unbestreitbare Tatsachen von den Frontal21-Autoren Christian Esser und Astrid Randerath nicht berücksichtigt worden sind.
http://www.gesundheitpro.de/In-eigener-Sache-Frontal21--Schlecht-Politik-und-Soziales-A081216MAIRP104806.html

Skrzypczajk

  • Gast
Re: Frontal 21
« Antwort #11 am: 20. Dezember 2008, 13:09:36 »
Hier ist der Artikel aus der "UMSCHAU":
Zitat
Ein großes Problem zu Beginn der Behandlung: Depressive sind gefährdet, sich in dieser Phase das Leben zu nehmen. Denn noch bevor sich die Stimmungslage des Betroffenen bessert, steigern die Antidepressiva die Antriebskraft. Und das kann in einer Kurzschlusshandlung, einem Suizidversuch, enden.
http://www.gesundheitpro.de/Apotheken-Umschau-vom-Wege-aus-der-Depression-Depression-A081210MAIRP104315.html

Diese Hohlfritten vom ZDF hätten in kürzester Zeit herausfinden können, dass entsprechende Warnungen in den Beipackzetteln von vielen Antidepressiva aufgeführt sind, egal ob es SSRI oder sonstwelche sind. Aber damit hätten sie sich ja den reißerischen Effekt kaputtgemacht.