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Universitäre Theologie=Störung des religiösen Friedens

Begonnen von Sandrine, 23. Mai 2009, 23:14:43

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Sandrine

http://www.iib.unibe.ch/personal/beda_stadler/kolumnen/2009/Uni_theologie.pdf
Zitat
Weltwoche
01.04.2009, Ausgabe 14/09
Debatte

Universitäre Theologie, wozu?

Nähme man die Trennung von Kirche und Staat ernst, müsste man Theologie aus dem
universitären Bildungsangebot streichen. Dem Fach fehlt es an Breite, Wissenschaft wird
kaum betrieben. Ein Beitrag zur Störung des religiösen Friedens.
Von Beda M. Stadler

In der Schweiz gibt es fünf theologische Fakultäten und eine theologische Hochschule. Wozu
eigentlich, und weshalb braucht es eine Theologie an der Universität? Auf www.religion.ch,
einer Internetseite von Studenten der Religionswissenschaft, wird argumentiert: «Die
theologischen Fakultäten sind in der Schweiz traditionell ein fester Bestandteil des
universitären Bildungsangebots. Hier drückt sich unter anderem die besondere Anerkennung
der christlichen Kirchen durch den schweizerischen Staat aus.» Die Trennung von Kirche und
Staat scheint nicht ganz so ernst zu sein, wie sie in der Verfassung steht.
Obwohl es mehr als 2800 Götter gibt (www.godchecker.com), wird an den schweizerischen
Fakultäten nur ein Gott aus dieser Liste berücksichtigt. Das ist so, wie wenn die Biologie nur
den Aspekt der Stammzellen aus der Embryologie behandeln würde. Dem Fach und der
studentischen Ausbildung fehlt somit die Breite. Würde man allen Religionen gerecht werden,
erhielte der Gott der Juden, Christen und Muslime einen Lehrstuhl, was zu bewältigen wäre,
gemessen an der vorhandenen Literatur. Koran, Talmud und Bibel sind schliesslich rasch
gelesen. 2800 theologische Ordinariate würden unsere finanziellen Möglichkeiten
überschreiten.
Für das Eintreiben der Kirchensteuer sollte auch Transparenz und Rechtsgleichheit geschaffen
werden. Es kann ja nicht sein, dass eine arabische oder palästinensische Firma im Kanton
Zürich die Israelitische Cultusgemeinde und die Jüdische Liberale Gemeinde mit ihrer
unfreiwilligen Kirchensteuer unterstützen muss. Auch die Ungläubigen zahlen indirekt
weiterhin Kirchensteuern. Etwa im Kanton Wallis, wo niemand um die Kirchensteuer
herumkommt, weil die Gemeinde berappt, was die Pfarreien nicht selber finanzieren können.
Trotzdem, die Finanzierung ist kein zwingendes Argument gegen die Theologie. Wir sollten
die Theologie an den Grundsätzen der Wissenschaft und Philosophie messen.
Platz bei den Historikern
An den theologischen Fakultäten wird wenig Wissenschaft betrieben. Falls Forschung
vorkommt, hätte sie als Spezialität bei den Historikern Platz. Bei keinem anderen Fach muss
man die Grundlagen glauben, um sie dann beackern zu dürfen. Die fehlende
Forschungsfreiheit ist somit der grösste Makel der Theologie. Bei uns Naturwissenschaftlern
wird mit Recht die Glaubwürdigkeit beanstandet, weil die Geldgeber manchmal aus der
Industrie stammen.
Ein katholischer Theologe hat als obersten Chef nicht bloss sein Gewissen und den Rektor,
sondern den Papst. Als Wissenschaftler hat man keinen Industriekapitän, der mit der
Exkommunikation drohen kann. Es herrscht also ein Konflikt zwischen Kirchen- und
Staatsrecht. An verschiedenen schweizerischen theologischen Fakultäten haben sich die
Gender-Fragen ausgebreitet. Deutlicher könnte der Konflikt gar nicht sein, wenn sich eine
katholische Theologin für Frauenrechte einsetzt, wie etwa an der Universität Bern. Das ist
begrüssenswert, aber sie wird sich mit ihrem Chef in Rom in dieser Frage in den nächsten
Jahren nicht einigen. Da die meisten Theologen nicht in die Hölle wollen, müssen sie sich für
das Kirchenrecht entscheiden, was gegen die Säkularisierung verstösst.
Neben der Wissenschaft ist die Philosophie eine eindeutige universitäre Aufgabe. Theologen
darf man als Möchtegernphilosophen hinstellen, weil bei ihnen als Antwort immer «Gott»
rauskommt. Am schwerwiegendsten ist aber der Vorwurf, dass sich die theologischen
Fakultäten als Hüter der Moral ausgeben. Zur Moral gibt es inzwischen wissenschaftliche
Untersuchungen, etwa von Gregory S. Paul, einem amerikanischen Paläontologen, der anhand
einer Metastudie im Journal of Religion & Society aufzeigte, dass abnormes soziales
Verhalten wie Mord, Raub, Totschlag oder Vergewaltigung in religiösen Gesellschaften
häufiger vorkommt als in säkularisierten.
Geht es um Moral, haben die Evolutionsbiologen bessere Argumente, und sie brauchen dazu
kein altes Buch, in dem die Wahrheit stehen soll. Weil die Wissenschaft ständig Fehler macht,
aber bereit ist, aus diesen Fehlern zu lernen, ist sie in einer besseren Position zur Beurteilung
von moralischen Fragen. Überhaupt, Fragen der Ethik wären besser bei unvoreingenommenen
Denkern wie den Philosophen aufgehoben.
Glaube ist Privatsache
Wer fordert, die theologischen Fakultäten abzuschaffen, stört womöglich den religiösen
Frieden. Dieser Prozess liegt alleine bei den Theologen. Es muss in ihrem Interesse liegen, die
historisch gewachsene Absurdität rückgängig zu machen. Die Theologie wäre nicht die erste
Fachrichtung, die an den Universitäten ersetzt würde. Die Alchemie wurde schliesslich durch
die Chemie, die Astrologie durch die Astronomie ersetzt.
Der Vorschlag, die staatlichen Universitäten zu verlassen, müsste also von den Theologen
selber kommen. Viele Länder sind längst dazu übergegangen, private religiöse Universitäten
zu gründen. Die edle Gesinnung eines Christen müsste es verunmöglichen, derart einseitig
von einem System zu profitieren. Da Glaube letztlich Privatsache ist, sollte es auch eine
private Aufgabe werden.

Beda M. Stadler der bekennende Atheist ist Direktor des Instituts für Immunologie und
Professor an der Universität Bern.