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Autor Thema: Die Freiheit des Internets  (Gelesen 2640 mal)

Scipio

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Die Freiheit des Internets
« am: 19. Dezember 2015, 12:04:10 »
Von Ralf:

Zitat
…lustig ist auch, daß viele Schwachfug-Verkünder, die Freiheit des Internets würdigen und es deshalb über die “Lügenpresse” stellen.
Lächerlich, das Internet ist das beste überwachte Medium überhaupt (anders ist es noch im Deep-Web, aber man arbeitet daran ;-))
Das Fernsehen bietet nur die Quoten-Box, die nur ein Bruchteil der wirklichen Zahl von Zuschauern erfasste (was aber statistisch eine genaue Quote “erzeugte”).
Die Printmedien kennen nur ihre Abonnenten genau, das Internet weiß alles über seine Nutzer und somit ist es einfach absolut lächerlich, wenn die “Truther” meinen, dies sei ein freies Medium, das nicht überwacht und kontrolliert wird.

Zitat
Doch, das ist es…Google, Facebook und Konsorten beobachten alles, jede E-mail wird von einem Geheimdienst gescreent, nur eine Verschlüsselung kann die “Diebe” etwas behindern und dann handeln sie, wie wahre Diebe, sie suchen sich das Nächste einfachere Opfer.
Das “Visible Web” ist der wahre “Big Brother”, es speichert und überwacht alles, was es nur kann und das sind unverschlüsselte Inhalte immer, auch dieser Kommentar wird höchst wahrscheinlich irgendwo (auf irgendeinem Server, auch außerhalb der EU) gespeichert.
Wenn es eine “Elite” gäbe – nennen wir sie zb Illuminaten – dann hätten sie ein volle Kontrolle über die Gedanken und Wünsche von Milliarden von Menschen, durch das Internet…ja, es ist mein voller Ernst.

Quelle: http://blog.gwup.net/2015/12/17/virus-impfgegnertum-dumme-gedanken-verbreiten-sich-von-mensch-zu-mensch/#comments

ajki

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #1 am: 19. Dezember 2015, 13:09:27 »
Von Ralf:

hm, kapier' ich nicht ganz...

Findest Du, dass das ein "guter" Kommentar ist, ein "bizarrer", ein bemerkenswert abwegiger oder ein "amüsanter"..?

Und wenn ja, warum?

(Beispiele für meine Verwunderung: "das Internet weiß alles über seine Nutzer" -> Herr Internet may have it all, but he only puts it -> wenn überhaupt sind es die "Illuminaten", die durch genialische haxor-Techniken alles aus Herrn Internet herausbaldowern, was es über Lieschen Müller im Internet gibt (die eigentlich Egon Müller heißt, kein Penthouse in Berlin hat und einen Audi TT nur als Matchbox-Auto) .... aber da die "Illuminaten" ja ohnehin als verschwörungstheoretische Comic-Superhelden seit baffzig Jahrzehnten über alle möglichen magischen Fähigkeiten verfügten (mind control, Telekinese, altes geheimes Wissen über die Templer-Schiene bis zurück zur allwissenden, allesvermögenden Bundeslade...), ist dieses "Internet" wohl eher kleinbürgerlicher Scheisendreck...)

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Groucho

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #2 am: 19. Dezember 2015, 14:35:00 »

hm, kapier' ich nicht ganz...

Dito. Eine ziemlich hysterische Sichtweise, vor allem, wenn man (wie zu vermuten ist) auf die Bequemlichkeit einer Suchmaschine natürlich nicht verzichten will. Der direkt konstruierte Weg von Daten sammeln zum ferngesteuerten Zombie ist dann doch bisschen albern.
"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)

Scipio

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #3 am: 19. Dezember 2015, 18:57:00 »
Von Ralf:

hm, kapier' ich nicht ganz...

Findest Du, dass das ein "guter" Kommentar ist, ein "bizarrer", ein bemerkenswert abwegiger oder ein "amüsanter"..?

Und wenn ja, warum?

(Beispiele für meine Verwunderung: "das Internet weiß alles über seine Nutzer" -> Herr Internet may have it all, but he only puts it -> wenn überhaupt sind es die "Illuminaten", die durch genialische haxor-Techniken alles aus Herrn Internet herausbaldowern, was es über Lieschen Müller im Internet gibt (die eigentlich Egon Müller heißt, kein Penthouse in Berlin hat und einen Audi TT nur als Matchbox-Auto) .... aber da die "Illuminaten" ja ohnehin als verschwörungstheoretische Comic-Superhelden seit baffzig Jahrzehnten über alle möglichen magischen Fähigkeiten verfügten (mind control, Telekinese, altes geheimes Wissen über die Templer-Schiene bis zurück zur allwissenden, allesvermögenden Bundeslade...), ist dieses "Internet" wohl eher kleinbürgerlicher Scheisendreck...)



Ich fand ihn gut, weil er etwas anspricht das ich für bedeutsam halte: nämlich, dass die Leute recht bedenkenlos ihre Daten ins Internet werfen. Doch wenn ich mir das jetzt noch einmal durchlese halte ich es doch für sehr überzogen. Auch wenn es unabhängig davon diskussionswürdig ist, ob diese ganze Datensammelwut von Geheimdiensten, Unternehmen und co. wirklich in Ordnung ist.

Groucho

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #4 am: 19. Dezember 2015, 19:19:08 »
Ich fand ihn gut, weil er etwas anspricht das ich für bedeutsam halte: nämlich, dass die Leute recht bedenkenlos ihre Daten ins Internet werfen. Doch wenn ich mir das jetzt noch einmal durchlese halte ich es doch für sehr überzogen.

Das Netz ist von der Dimension her ähnlich wie die Nutzbarmachung des Feuers. Da haben sich vermutlich auch viele die Finger verbrannt und ihre Höhleneinrichtung abgefackelt. Ist ein Gewöhnungsprozess.

Zitat
Auch wenn es unabhängig davon diskussionswürdig ist, ob diese ganze Datensammelwut von Geheimdiensten, Unternehmen und co. wirklich in Ordnung ist.

Für die Geheimdienste ist das letztlich genauso neu. Ich habe mal einem alten pensionierten "Geheimen" Google Earth gezeigt. Der ist fast in Tränen ausgebrochen. Die Information fließt in beide Richtungen.
"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)

RächerDerVerderbten

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #5 am: 19. Dezember 2015, 19:54:44 »
Für die Geheimdienste ist das letztlich genauso neu. Ich habe mal einem alten pensionierten "Geheimen" Google Earth gezeigt. Der ist fast in Tränen ausgebrochen. Die Information fließt in beide Richtungen.

Er hat vermutlich zu seiner Zeit noch auf Luftbildern russische Panzer und Raketenstellungen mit der Lupe gesucht ;D
If the only thing keeping a person decent is the expectation of divine reward, brother, that person is a piece of shit. Rusty Cohle

Groucho

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #6 am: 19. Dezember 2015, 20:08:36 »
Für die Geheimdienste ist das letztlich genauso neu. Ich habe mal einem alten pensionierten "Geheimen" Google Earth gezeigt. Der ist fast in Tränen ausgebrochen. Die Information fließt in beide Richtungen.

Er hat vermutlich zu seiner Zeit noch auf Luftbildern russische Panzer und Raketenstellungen mit der Lupe gesucht ;D

Exakt  ;D
"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)

Scipio

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #7 am: 20. Dezember 2015, 11:49:11 »
Für die Geheimdienste ist das letztlich genauso neu. Ich habe mal einem alten pensionierten "Geheimen" Google Earth gezeigt. Der ist fast in Tränen ausgebrochen. Die Information fließt in beide Richtungen.

Er hat vermutlich zu seiner Zeit noch auf Luftbildern russische Panzer und Raketenstellungen mit der Lupe gesucht ;D

Exakt  ;D

Sorry raff ich gerade nicht. Die Informationen fließen in beide Richtungen?

ajki

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #8 am: 20. Dezember 2015, 13:39:58 »
Es gibt in dem angeführten Zitat vieles, das man sehr kritisch würdigen bzw. rundheraus bestreiten/widerlegen könnte (im Einzelfall und in der Tendenz). Wie Du selbst bei Nachbetrachtung feststelltest, ist die Grundhaltung der Position, die in dem Zitat bezogen wird, eine unrealistisch übertriebene. Ich möchte mich des Anlasses wegen aber nur mit einem einzigen Punkt beschäftigen, den Du ebenfalls in einer mehr realitätsbezogenen Art als das überhypete Zitat benennst:

...das ich für bedeutsam halte: nämlich, dass die Leute recht bedenkenlos ihre Daten ins Internet werfen

Diesen Punkt greife ich deshalb auf, weil auch Plattformen wie Psiram direkt/indirekt davon betroffen sind.

Völlig unbestreitbar weil schon alleine augenfällig ist es eine Tatsache, dass enorme Mengen von Leuten enorme Mengen an Individualdaten im Netz speichern (lassen). Ein Teil dieser Daten ist offen einsehbar (die Angaben zur Person, Fertigkeiten, Absichten und Meinungen etwa auf einer Webseite einer Heilpraktikerin), ein anderer Teil ergibt sich indirekt für diejenigen Firmen/Gesellschaften/Institutionen mit entsprechendem Zugang als "Profildaten" (also etwa die Kombination aus Zeit-/Orts-Daten der "Facebook"-Aktivitäten ebendieser Heilpraktikerin, die für "Facebook" und Dritte abfrag- und auswertbar sind - oder dito für deren Telefonie-Aktivitäten, Netznutzung usw.), ein weiterer Teil an Individualdaten soll aufgrund von Dienstleister-/Kundenbeziehungen nur diesen Beteiligten zugänglich sein, oft kurzfrist-bezogen (etwa die Ankäufe der Heilpraktikerin bei Amazon oder ihre Kontoführung über ihr "Smart"phone).

Diese Dateneinspeisungen ins Netz haben eine Gemeinsamkeit: Sie entstehen in jedem Fall durch willentliche Akte der Nutzung durch den Einspeisenden. Die Heilpraktikerin will die Webseite, die sie für ihre Praxis betreibt; sie will die Inhalte dieser Webseite so aussehen lassen, wie sie sich einem Aufrufenden präsentieren; sie benutzt "Facebook" oder ähnliche Dienstleistungen mit Absicht und Kalkül; sie telefoniert und "surft" mit ihrem "Smart"phone aus ihren eigenen Gründen und Vorstellungen heraus; sie führt ihr Konto über Netzverbindung aus abwägenden eigenen Motiven heraus. Sie muß das alles nicht tun - sie will es aus vielfältigen Gründen heraus so haben.

Einige vertreten die Ansicht, die durch Netznutzung entstehenden Datenspuren einer Person seien durch die einspeisende Person nicht "beabsichtigt". Das scheint mir persönlich in der Konsequenz völlig abwegig und eine absurde Haltung zu sein - wenn etwa die Heilpraktikerin radelnd mit ihrem Fahrrad ein anderes Fahrzeug streift und einen Lackschaden verursacht, dann hat sie selbstverständlich den entstandenen Schaden nicht "beabsichtigt". Aber sie hat sowohl die Möglichkeit des Entstehens eines solchen Schadens vor Antritt der Fahrt gekannt und als vernachlässigbar gering eingeschätzt als auch gewußt, dass die Entstehung des Schadens ihr als verantwortlich handelnder Person zuzurechnen ist (gesetzt den Fall, die Schadensentstehung ist nicht strittig). Würde man im Netzverkehr die Datenspuren der Einspeisenden so behandeln, als wäre sie nicht verantwortlich zu machen für ebendiese, dann käme das im Effekt einer Entmündigung der einspeisenden Person gleich. Oder etwa dem Urteil, die netznutzende Person sei zu doof und inkompetent, als dass man sie für ihre Teilnahme am Netzverkehr haftbar machen könne. In dieser Beschreibung fällt unmittelbar auf, dass man der Heilpraktikerin völlig selbstverständlich zumutet, schwierigste und komplexeste Aktivitäten verantwortlich zu gestalten (wählen gehen/sich wählen lassen, heiraten, Kinder aufziehen, Auto fahren, Heilbehandlungen verrichten.......), hinsichtlich von Netzaktivitäten derselben Person jedoch gelten soll, dass nichts in diesem Aktivitätsrahmen ihr als Person zugerechnet werden können soll. Das ist absurd.

Einige spezifizieren die Argumentation der Nichtverantwortlichkeit dahingehend, dass damit nur die indirekt gewinnbaren Datenspuren gemeint sein sollen. Also etwa das herstellbare Daten-"Profil" eines "Facebook"- oder "Google"- oder "Telefon"-Nutzers durch im Prinzip unbeteiligte Dritte (etwa das Unternehmen "Facebook" oder seine Kunden, die Zugang zu den [angeblich und wahrscheinlich: depersonalisierten] Massendaten haben u. vglb.). Das Argument geht dahin, dass die Akkumulation dieser indirekten Daten bei unbeteiligten Dritten von der einspeisenden Person nicht intendiert war, nicht kontrollierbar ist und nicht beeinflusst werden kann und insofern ihre Rechte an "ihren" (eigenen) Daten unzulässig verletzt werden. Bei dieser Argumentation gibt es auf jeden Fall zwei grundsätzliche Schwachstellen: erstens gibt es selbstverständlich alle möglichen/unmöglichen "Nutzungsbestimmungen", denen die einspeisende Person zustimmt - entweder *durch* Nutzung oder explizit vor der Möglichkeit zur Nutzung. Entweder sie nutzt "Facebook" zu deren Bedingungen, die sie akzeptieren muß bevor sie dort irgendwas tun kann - oder die Person läßt es eben sein. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass "Facebook" und vglb. in ihre "Nutzungsbestimmungen" alles hineinschreiben könnten (und dementsprechend auch tun könnten), was auch immer sie wollen - die Grenzen sind durch die entsprechenden umgebenden Rechtssysteme gefasst, auch wenn durch die diversen Unterschiede der Systeme hier im Detail einige "Unschärfen" angelegt sind. Was grundsätzlich nicht geht ist, dass man dahin argumentiert, der Person sei nicht zuzumuten, sich der Bedingungen der "Nutzungsbedingungen" bewußt zu sein - siehe die obige Problematik der Entmündigung. Zweitens enthält das Argument genau diese "Entmündigung" als Voraussetzung - es wird für die Wirksamkeit dieses Arguments stillschweigend vorausgesetzt, die einspeisende Person könne sich über die irgendwie weitreichenden, irgendwie unfaßbaren Folgen gar nicht im Vorhinein oder während der Datenproduktion im Klaren sein. Die Heilpraktikerin sei also per se zu doof, um die Auswirkungen des Betriebs ihrer Webseite/Facebook-Aktivitäten zu überschauen - allerdings nicht zu doof, um die Werbe-/Geschäftszwecke durch die Nutzung dieser Netzmittel zu erkennen. Wie oben ist diese Grundvoraussetzung sowohl absurd als auch ziemlich abschätzig gegenüber einer handelnden Person. Es ist bestimmt richtig, dass "viele" Netznutzende sich gar keine/wenig "Gedanken" machen über die (potentiellen) Folgen ihrer Netzaktivitäten - das heißt aber eben nicht, dass sie sich den Folgen nicht auch verantwortlich stellen müßten. Darüberhinaus ist es (meiner Meinung nach) einfach falsch zu unterstellen, die "Leute" wüßten gar nicht, was "Facebook" und andere Datenkraken so treiben - im Gegenteil bin ich davon überzeugt, dass praktisch gesehen *alle* Nutzer solcher Dienste das Entscheidende ganz genau wissen: (ungefähr:) "das ist eine für meine Zwecke brauchbare Dienstleistung, die ich nutzen möchte - da sie nichts an direktem Geld kostet, macht sich der Anbieter irgendwie anders satt (Werbung oder so) - das stört mich nicht, also kann ich auch nutzen".

Was mich schlussendlich zur Verbindung zu Psiram oder ähnlich bringt. Es gibt den Vorwurf an solche Plattformen, sie seien im negativen Sinn ein "Pranger" zur ungerechtfertigten Bloßstellung einer Person in der Öffentlichkeit. Die Heilpraktikerin etwa echauffiert sich endlos darüber, dass ihr Name und ihr Gewerbe im Netz auf diesem Internetpranger genannt und öffentlich zugänglich kritisiert wird. Das möchte sie nicht und hält das auch für eine schwere (kriminelle) Verletzung unter anderem ihrer Persönlichkeitsrechte. Sie beschwert sich z.B. darüber, dass ohne ihre Einwilligung aus ihrer öffentlichen Webseite "geklaut" wird (tatsächlich: zitiert wird), ihre Foto widerrechtlich genutzt wird (möglicherweise ist das der Fall - erfordert aber eine höchst präzise Einzelfalluntersuchung) und/oder ihre Aktivitäten bewußt und gewollt verfälschend dargestellt und in einen falschen Zusammenhang gestellt werden. Die Webseite der Heilpraktikerin, ihre "Facebook"-Äußerungen oder sonstige im Netz befindliche Daten würden also von dieser "Prangerseite" unbefugt und verfälschend in rechteverletzender Absicht benutzt.

Richtig ist zunächst mal, dass durch Plattformen wie Psiram tatsächlich Netzdatenspuren massiv und im Grunde hauptsächlich benutzt werden. Richtig ist auch, dass die Nutzung dieser Datenspuren *nicht* im Sinne der Dateneinspeisenden erfolgt. Falsch ist alles darüber hinaus.

Der wichtigste Punkt ist der, dass das Netz und seine Datenspuren im Zusammenhang der Aktivitäten solcher Plattformen vom Grundsatz her irrelevant ist. Man könnte (und hat in anderem Zusammenhang) dieselbe Agenda auch in gänzlich anderem Medium verfolgen - es könnte einen Verein geben mit Satzung und Versammlung und allem Pipapo, der Papierzeitungsanzeigen und Realörtlichkeiten beobachtet und in einem Druckwerk dieselben kritischen Betrachtungen lokal/regional/überregional veröffentlicht (und natürlich gibt es so etwas in verschiedenen Formen auch). Es ist eben genau *kein* Unterschied, ob die Webseite der Heipraktikerin zitiert wird oder ihre Werbeveranstaltung an einer VHS. Es ist *kein* Unterschied, ob das Foto ihrer eigenen Webseite fremdverlinkt wird oder bei der VHS-Veranstaltung durch einen Hörer ein Foto der Werbenden aufgenommen und späterhin genutzt wird. Es hat nichts mit dem Netz und seinen Datenspuren zu tun, wenn die Webseite der Heilpraktikerin mit der Aussage zitiert wird, sie betreibe "Chakren-Arbeit" und diese Tätigkeit in der Folge aufgrund vielfältiger anderer Quellen als Humbug, Betrug und Unsinn beschrieben wird - dieselbe Auskunft über ihr Tun kann ebensogut bei der angenommenen VHS-Werbeveranstaltung, aus einer Zeitungs-Annonce der Heilpraktikerin oder aus einem Praxisbesuch stammen. Das Medium selbst ist hier indifferent.

Was die Heilpraktikerin des Beispiels möchte ist die Unterlassung der kritischen Würdigung. Sie weiß, dass sie (zwangsläufig im Rahmen der Kundenakquise) öffentlich agiert/agieren muß und dass sie dementsprechend in der Öffentlichkeit auch mit Widerspruch zu rechnen und zu leben hat. Sie möchte den potentiellen Schaden für sich selbst jedoch möglichst begrenzen - daher der Hilfsvorwurf gegen solche Plattfomen mit ihrer leichten und "globalen" Zugänglichkeit im Netz. Sie geht mit Recht davon aus, dass lokal "viele" das aufwändige körperliche Suchen nach Informationen zu ihren Aktivitäten schon aus Bequemlichkeit unterlassen und von daher sich die Kundenschar nur in geringem Umfang lichtet. In solchen leicht zugänglichen Netzplattfomen sieht sie zu Recht eine echte Gefährdung ihres Geschäftes (auch wenn der Erfolg im Grunde eher nichtig ist - die Geschäfte der Heilpraktikerin laufen gut; aber sie wären bestimmt noch besser/goldgrubiger, wenn es diese kriminellen Netzpranger nicht gäbe).

Aber sie sollte mit ihren Vorwürfen vielleicht vorsichtiger umgehen - diejenigen, die oft an echten Prangern standen (die durchaus grausame Folterinstrumente waren und keineswegs pittoreske mittelalterliche Volksbelustigungen), waren Betrüger, Scharlatane und Marktfälscher. Also diejenigen, zu denen sich die Heilpraktikerin mit falschem Stolz und die Zugehörigkeit negierend selber zählen darf.
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Groucho

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #9 am: 20. Dezember 2015, 14:29:07 »
Sorry raff ich gerade nicht. Die Informationen fließen in beide Richtungen?

Wenn ich z.B. Google erlaube, meine Suchbegriffe zu speichern, dann gebe ich bewusst Daten preis - und bekomme dafür (meist) bequemer und schneller an die Informationen, die ich haben will und suche. Dies gilt vor allem für mehrdeutige Begriffe (meine ich z.B. mit "Krebs" die Krankheit, das Tier oder das Sternbild?). Erlaube ich es Google (stellvertretend für Ähnliches) meinen Standort zu lokalisieren, und sage "Tankstelle" ins Gerät, bekomme ich die Info über Preise und Ort der nächstliegenden. Es fließen also Informationen in beide Richtungen. Im Großen und Ganzen ist es ein Tauschgeschäft. Ob und wie das Ganze nun gerecht verteilt ist etc., ist dann eine ganz andere Frage, zu der es sehr verschiedene Sichten gibt.

Das ganze Spiel lässt sich durchgängig beobachten. Wenn ich bei Amazon Kunde bin, werde ich profiliert - und erhalte z.B. Musikvorschläge, die zu 80% passend sind. Habe ich ein Gmail-Konto, wird mir möglichst passend Werbung eingeblendet - mit sowas kann ich selber hervorragend leben, manchmal ist da sogar wirklich was Brauchbares dabei. Finde ich ehrlich gesagt besser, als wöchentlich den Briefkasten zugemüllt zu bekommen mit Werbung, die mich garantiert niemals interessiert.

Bei der Ganzen Datendiskussion stört mich dieses einseitige Wehklagen.

Edit: Vielleicht sollte man den Faden abtrennen.
"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)

duester

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #10 am: 20. Dezember 2015, 16:22:26 »
Ich fand ihn gut, weil er etwas anspricht das ich für bedeutsam halte: nämlich, dass die Leute recht bedenkenlos ihre Daten ins Internet werfen.

Da bin ich ganz bei dir. Ich muss da an eine akademisch gebildete Ex-Kollegin denken, die vehement gegen die Volkszählung 2011 protestieren wollte - und sich zu diesem Behufe mit ihren RL-Namen einer Facebook-Gruppe anschloß. Mein energischer facepalm war ihr dann auch so gar nicht einsichtig.  ::)

Aber das heißt nicht, dass ich mich in der Frage "größeren Mächten" ausgeliefert fühle, denn die Kosten-Nutzen-Bilanz scheint mir doch noch positiv. "Google Maps" hat mein Leben sicher besser gemacht, aber die Funktion, mit der das Telefon meinen Standort ermittelt, habe ich deaktiviert. Und wenn ich wirklich nicht gefunden werden will, dann lasse ich das Smartphone einfach zu Hause.

Groucho

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #11 am: 20. Dezember 2015, 17:06:59 »
Da bin ich ganz bei dir. Ich muss da an eine akademisch gebildete Ex-Kollegin denken, die vehement gegen die Volkszählung 2011 protestieren wollte - und sich zu diesem Behufe mit ihren RL-Namen einer Facebook-Gruppe anschloß. Mein energischer facepalm war ihr dann auch so gar nicht einsichtig.  ::)

Alles Artefakte im Übergang in ein neues Zeitalter (Man darf es, glaub ich, so martialisch formulieren). Die Technik eröffnet neue Möglichkeiten, der Umgang damit ist erstmal undefiniert, und dann muss sich das zurechtrücken. Es ist ja für jemand älteren, der noch ne Schreibmaschine kennt, eine durchaus beachtliche intellektuelle Leistung, tatsächlich zu realisieren, dass das, was er bequem vom Sofa aus tippt, heute gleich weltweit zu sehen sein wird. Kinder und Jugendliche, die damit aufwachsen, haben bereits kein Problem mehr damit, da genau zu trennen, was sie wo und wie veröffentlichen (Wenigstens die Klügeren unter ihnen.)


Zitat
Aber das heißt nicht, dass ich mich in der Frage "größeren Mächten" ausgeliefert fühle, denn die Kosten-Nutzen-Bilanz scheint mir doch noch positiv. "Google Maps" hat mein Leben sicher besser gemacht, aber die Funktion, mit der das Telefon meinen Standort ermittelt, habe ich deaktiviert. Und wenn ich wirklich nicht gefunden werden will, dann lasse ich das Smartphone einfach zu Hause.

Akku und Phone getrennt mitnehmen  :grins2:

Klar kann man sich dem Ganzen nicht völlig entziehen, wer noch im Arbeitsleben steht oder Kinder hat, braucht einen Netzzugang und ein Mailkonto. Ansonsten ist man ähnlich angeschissen wie jemand, der kein Bankkonto hat, eine existentiell-funktionale Null. Aber sowas lässt sich selbst bei massiver Paranoia halbwegs sauber regeln.
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duester

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #12 am: 20. Dezember 2015, 17:43:50 »
Alles Artefakte im Übergang in ein neues Zeitalter (Man darf es, glaub ich, so martialisch formulieren). Die Technik eröffnet neue Möglichkeiten, der Umgang damit ist erstmal undefiniert, und dann muss sich das zurechtrücken. Es ist ja für jemand älteren, der noch ne Schreibmaschine kennt, eine durchaus beachtliche intellektuelle Leistung, tatsächlich zu realisieren, dass das, was er bequem vom Sofa aus tippt, heute gleich weltweit zu sehen sein wird. Kinder und Jugendliche, die damit aufwachsen, haben bereits kein Problem mehr damit, da genau zu trennen, was sie wo und wie veröffentlichen (Wenigstens die Klügeren unter ihnen.)

;D Die Ex-Kollegin ist zwei Jahre jünger als ich und ich gehöre zur letzten Generation vor den digital natives. Die Kollegin hatte auch insgesamt einen ausgeprägten Hang zur Irrationalität. Z.B. indem sie einen 300% Preisaufschlag für eine Zahnpasta ohne Pfefferminze bezahlt hat, weil ihre Heilpraktikerin ihr gesagt hat, dass sich Pfefferminze mit den Globuli nicht verträgt.

Diese Widersprüchlichkeit, sich auf der einen Seite ausgeliefert zu fühlen und unbedingt die eigenen Daten kontrollieren zu wollen und dann aber auf der anderen Seite selbst die Daten für nicht notwendige Verwendungszwecke raus zugeben, habe ich öfter gesehen. Das ist wahrscheinlich einfach nur eine neue Form von Widersprüchlichkeit und Irrationalität. Schön auch immer die Überzeugung, dass die eigene Google-Suche nach "Alu-Folie Rinderbraten trocken" interessant genug für irgendeinen obskuren und sehr böswilligen Geheimdienst der Amis ist. Gerne gekoppelt mit dem festen Glauben daran, dass der dm einem mit der Payback-Karte was Gutes tun will. Ich hab schon an Kassen gestanden, an denen die Käufer einen Riesen-TamTam gemacht haben, wenn sie nach ihrer Postleitzahl gefragt wurden, um dann anstandslos mit Kreditkarte zu zahlen und 0,3% Rabatt für ihre Kundenkarte in Anspruch zu nehmen.

Groucho

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Re: Die Freiheit des Internets
« Antwort #13 am: 21. Dezember 2015, 06:53:00 »
Das ist wahrscheinlich einfach nur eine neue Form von Widersprüchlichkeit und Irrationalität.

Es ist ein Leitmotiv der Postmoderne, dieses nicht etwa als Defizit, sondern als "interessant" oder "bereichernd" zu verstehen  :grins2:
"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)