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Deutsch => Allgemeine Diskussionen => Politik und Gesellschaft => Thema gestartet von: PeterPan am 13. März 2022, 10:55:43

Titel: Dekadenz des Westens
Beitrag von: PeterPan am 13. März 2022, 10:55:43
Konservative, Rechts- und Linksextreme, Pseudoliberale und Q-Denker sind zurzeit in Hochkonjunktur die Ursache für den Krieg in der Ukraine zu finden. Es wird eine Schwäche/Dekadenz des Westen porträtiert, die auch den eigenen "Culture War" befeuert. Putin hätte die Ukraine nicht angegriffen wenn es kein Wokeism, Gendern, Anti-Rassismus oder Erneuerbare (hier sonstiges Ärgernis einfügen) gäbe. Die Realität müsse aus Kohle und Stahl, Patriotismus, Männlichkeit, Militarismus, Sozialdarwinismus und russischen Sicherheitsinteressen gelten. Manchmal soll die NATO sich erweitern und ein andermal nicht da ist eher die politische Ausrichtung gefragt.

Das Motto hört sich eher so an: "Die Werte des Westens müssen neu verhandelt werden, um der Männlichkeit Putins Parole zu bieten."

Rein aus der Definition her ist es seltsam zu sagen das der Westen mehr oder alleine dekadent sei.

Aus Wiki
ZitatThe word decadence, which at first meant simply "decline" in an abstract sense, is now most often used to refer to a perceived decay in standards, morals, dignity, religious faith, honor, discipline, or skill at governing among the members of the elite of a very large social structure, such as an empire or nation state. By extension, it may refer to a decline in art, literature, science, technology, and work ethics, or (very loosely) to self-indulgent behavior.

Ein Artikel der sich kurz kritisch mit dem Thema befasst, aber nicht tiefgründig genug geht.

Putin is betting that the west is too decadent to defend its values. He is wrong
https://www.theguardian.com/commentisfree/2022/mar/09/vladimir-putin-west-downfall-dictator-democracies (https://www.theguardian.com/commentisfree/2022/mar/09/vladimir-putin-west-downfall-dictator-democracies)


Ich möchte das Thema lostreten um zu erfahren, ob der Westen tatsächlich dekadent ist. In meinen Augen: Nein. Die Auslegung das es eine Schwäche ist wenn mehr Menschen an und in der Gesellschaft partizipieren ermöglicht überhaupt erst den Fortschritt der Zukunft. Es wird sich verrannt, aber es geht vorwärts. Im Gegenteil stecken autoritäre Staaten eher in einer Nostalgie fest.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: RPGNo1 am 13. März 2022, 11:26:44
Wenn ich mir die Yachten und Paläste der russischen Nomenklatura anschaue, die im Land herrschende Korruption, wieviel Angst Putin vor dem Corona-Virus hat (Konferenztisch, ständige Desinfektion, Bioschutzanzug), dann herrscht die Dekadenz meines Erachtens weitaus eher in Russland als im sog. Westen und zwar besonders in der Führungsspitze.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: sailor am 13. März 2022, 15:41:51
Der Punkt ist, dass die meisten Apologeten dieser "Theorie" so männlich sind wie ein Stück Fliederseife.... zB der Trump. Habt ihr jemals gesehen, dass Trump irgendwie männlich wirkte? Sein Pussygrabben lässt er von Anwälten absichern, seine WWF-"Prügeleien" sind geskriptet und geübt. Auch bei der AfD nur verklemmte Homoerotiker. Höcke den Gymnasiallehrer würde ich gern mal n MG42 umhängen und über die HiBa schicken, nur um zu sehen, wie weit er kommt bis er kotzen muss. Die ganzen alten weißen Männer taugen höchstens als Metallreserve: Silber im Haar, Gold im Maul und Blei in den Gliedern.

Putin selbst ist auch so n Möchtegern, nie gedient, sich per KGB dem Wehrdienst entzogen und dann wirklich homoerotisch mit nackter Brust durch die Taiga latschen/reiten. Die Bilder haben für etliche enge Höschen gesorgt, nicht nur in der Szene. Der Männlichkeitskult ist ein reiner "Kult", keine Lebenseinstellung.

Der Westen muss nicht "Männlichkeit" neu denken, er muss einfach den inklusiven Weg weiterdenken: Es ist egal "was" du bist, es zählt, was du für die Gemeinschaft tust.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Juliette am 13. März 2022, 17:14:51
 ;) Schön geschrieben.  :grins2:

Stimme zu, es ist wie mit dem Sex: Die, die am meisten peinliche Witze reißen und angeben, haben den wenigsten und den schlechtesten.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Schwuppdiwupp am 13. März 2022, 17:55:11
Dekadenz bedeutet Verfall - vor allem im moralischen und religiösen Sinn. Es ist vor allem ein Kampfbegriff von Verfechtern autoritärer Strukturen sowie Faschisten und Nazis

ZitatBegriffsverwendung im Nationalsozialismus (Wikipedia) (https://de.wikipedia.org/wiki/Dekadenz#Begriffsverwendung_im_Nationalsozialismus)

In der Sprache des Nationalsozialismus bürgerte sich parallel und synonym zum Attribut ,,dekadent" der Begriff ,,entartet" zur Bezeichnung und Abwertung von der nationalsozialistischen Ideologie und Ästhetik widersprechenden gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vorstellungen sowie künstlerischen Werken ein. Als Ursache für eine ,,Dekadenz/Entartung" wurde häufig eine vorgebliche rassische Fremdheit und damit Minderwertigkeit der Vertreter bzw. Schöpfer dieser Vorstellungen und Kunstwerke vorgebracht. [...]

Beliebt war es, die westlichen Demokratien als lebensuntüchtig, schwach und dekadent darzustellen. Dieser Dekadenzvorwurf gegen Pluralismus und Demokratie wurde auch von Adolf Hitler in seiner Programmschrift Mein Kampf verwendet.

Deshalb interpretiere ich das so: Wenn ein politischer oder geistiger Führer einem System Dekadenz vorwirft, hat er sich gleichzeitig als Despot geoutet.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Juliette am 13. März 2022, 19:55:06
Putin hasst Homosexuelle und alles was er daneben noch für dekadent hält und steht damit in engem Schulterschluss zum Kirchenfritzen Kirill. Genau solche Leute haben wir hier auch mehr als genug, nur, dass sie zum Glück nicht an der Macht sind. Ich kann mich an Zeiten Ende der 70-er auf dem Land in Frankreich erinnern, da war es noch gang und gebe, dass Schwule mit Päderasten gleichgesetzt wurden und dumme Witzchen waren die Regel, wenn das Thema auftauchte. Am meisten Probleme mit homosexuellen Männern hatten meiner Erfahrung nach allerdings Männer. Homosexuelle Frauen finden viele Männer recht erotisch. Und wenn ich solche Sachen lese:

ZitatDer Abgeordnete Brian Seitz (R) hat im Repräsentantenhaus des Bundesstaates Missouri einen Gesetzentwurf eingebracht, der den Abbruch von Eileiterschwangerschaften verbieten würde.

Sollte der Gesetzentwurf verabschiedet werden, würde die Durchführung, Veranlassung oder der Versuch der Durchführung oder Veranlassung eines Schwangerschaftsabbruchs bei einer solchen Schwangerschaft als Straftat der Klasse A eingestuft werden. Insider berichteten, dass eine solche Anklage mit bis zu 30 Jahren Gefängnis geahndet werden könnte.

https://thehill.com/homenews/state-watch/597911-missouri-bill-seeks-to-ban-terminating-fatal-ectopic-pregnancies

... zweifle ich, dass der Westen das ist, was diese Leute als dekadent bezeichnen. Die Dekadenz-Schreier hängen alle noch in den fünfziger Jahren fest und bangen um ihre männliche Vormachtstellung. Von allem, was ihnen fremd ist, fühlen sie sich persönlich angegriffen. Ich bin so froh, dass sich im "Westen" endlich wenigstens ein bisschen was geändert hat. Und richtig: Wer Dekadenz schreit, hat schon verloren.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: sailor am 13. März 2022, 20:44:33
Da ist was Wahres dran, nur wird der Begriff der Dekadenz (vorwiegend in der spätrömischen ausprägung ;) ) gern dazu verwendet, Zivilisationen im Niedergang zu beschreiben... mit einem wissenschaftlichen Standpunkt des späten 19. Jahrhunderts (Ihr wisst schon, am gleichen Punkt hat man den Germanen Hörnerhelme aufgesetzt :D ). Mittlerweile sieht man den Niedergang des Weströmischen Reiches deutlich differenzierter. Die "alte Sicht" beruhte ja auch massgeblich auf Tacitus und passt damit wiederrum zu den Germanenfetischisten...

Heute weiss man, dass das Römische Reich weniger wegen irgendeiner "Dekadenz" untergegangen ist, sondern wegen vieler internen und externen Faktoren. Einer davon waren Seuchen, die sich durch die hochmobile römische Gesellschaft gefressen haben. Dazu kamen Dürren, aber auch externe Bedrohungen, wogegen man relativ wenig Manpower hatte. Deshalb hat Westrom versucht, diese externen Stämme zu integrieren... aber nur halbherzig (belassen der eigenen Strukturen).

Heute sind wir schlauer und unser System ermöglicht grade die Integration migrierender Völker. Wir können Seuchen in Schach halten. We got the technology :) Nur musste Europa mal dran erinnert werden, dass jedes Goldene Zeitalter zuende geht und man irgendwann wieder härter arbeiten und ggf. kämpfen muss. An diesem Punkt sind wir und da gehört auch eine gesellschaftliche Antwort auf die Frage "Warum kämpfen wir?" dazu... und meiner Meinung nach ist die Antwort heute einfacher und nachvollziehbarer als je zuvor: Damit wir und unsere Kinder auch Freiheit und Wohlstand genießen können.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Yadgar am 16. März 2022, 20:12:18
Hi(gh)!

Zitat von: PeterPancake am 13. März 2022, 10:55:43
Konservative, Rechts- und Linksextreme

Also, die Linksextremen, die gegen Gendern und Wokeness sind, möchte ich mal sehen... die einzige Kritik von linksaußen an dem Thema kann eigentlich nur lauten, dass dieses ganze Identity-Getue nur Kosmetik sei, die von den wahren Machtverhältnissen ablenken solle - aber die Grundidee, nämlich Geschlechtergleichheit und Antirassismus wird natürlich bejaht!

Ich könnte mir da höchstens irgendwelche aus den 1970ern übrig gebliebenen K-Sektierer maoistischer, stalinistischer, enverhodschistischer oder polpotistischer Observanz vorstellen, für die z. B. Homosexualität ein "Nebenwiderspruch" des kapitalistisch-imperialistischen Systems ist, der im Kommunismus natürlich nicht mehr existieren wird (so selbst mal vor einigen Jahren auf einer - hoffentlich mittlerweile in /dev/null verschwundenen - deutschsprachigen Maoisten-Seite gelesen)!

Bis bald im Khyberspace!

Yadgar

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Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Yadgar am 16. März 2022, 20:22:53
Hi(gh)!

Zitat von: Juliette am 13. März 2022, 19:55:06
in engem Schulterschluss zum Kirchenfritzen Kirill.

Bart ab, aber dalli! Desgleichen die orthodoxe Langhaarmatte - Reaktionäre schänden mit ihrer Denke Bärte und lange Haare, also runter damit!

Dafür sollten wir zurückschänden - wenn schon nicht real, dann wenigstens virtuell, indem wir Fotomontagen von Kirill mit dickem Dildo in seinem Patri-Arsch verbreiten! Oder mit Puderresten um die Nase...

Bis bald im Khyberspace!

Yadgar
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Yadgar am 16. März 2022, 20:28:25
Hi(gh)!

Zitat von: sailor am 13. März 2022, 20:44:33
Heute sind wir schlauer und unser System ermöglicht grade die Integration migrierender Völker. Wir können Seuchen in Schach halten. We got the technology :) Nur musste Europa mal dran erinnert werden, dass jedes Goldene Zeitalter zuende geht und man irgendwann wieder härter arbeiten und ggf. kämpfen muss. An diesem Punkt sind wir und da gehört auch eine gesellschaftliche Antwort auf die Frage "Warum kämpfen wir?" dazu... und meiner Meinung nach ist die Antwort heute einfacher und nachvollziehbarer als je zuvor: Damit wir und unsere Kinder auch Freiheit und Wohlstand genießen können.

Nun  kann man Freiheit und Wohlstand allerdings auch zu Tode verteidigen... nach dem Motto: "um gegen Russland zu bestehen, müssen wir selbst wie Russland werden"! Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Gedanke in der CDU und besonders CSU Anklang finden wird in den nächsten Monaten...

...und dann nahtlos weiter:

"Um Corona Paroli bieten zu können, müssen wir selbst so grausam wie das Virus werden!"
"Um den Sozialstaat zu erhalten, müssen wir ihn abschaffen!"
"Damit es Deutschland wieder gut geht, muss es ein Land des Mangels und des Hungers werden!"
usw. ufs.

Bis bald im Khyberspace!

Yadgar
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: PeterPan am 16. März 2022, 21:13:41
Zitat von: Yadgar am 16. März 2022, 20:12:18
Also, die Linksextremen, die gegen Gendern und Wokeness sind, möchte ich mal sehen... die einzige Kritik von linksaußen an dem Thema kann eigentlich nur lauten, dass dieses ganze Identity-Getue nur Kosmetik sei, die von den wahren Machtverhältnissen ablenken solle - aber die Grundidee, nämlich Geschlechtergleichheit und Antirassismus wird natürlich bejaht!

Ich könnte mir da höchstens irgendwelche aus den 1970ern übrig gebliebenen K-Sektierer maoistischer, stalinistischer, enverhodschistischer oder polpotistischer Observanz vorstellen, für die z. B. Homosexualität ein "Nebenwiderspruch" des kapitalistisch-imperialistischen Systems ist, der im Kommunismus natürlich nicht mehr existieren wird (so selbst mal vor einigen Jahren auf einer - hoffentlich mittlerweile in /dev/null verschwundenen - deutschsprachigen Maoisten-Seite gelesen)!

Ich habe unter den Linksextremen auch die sonstigen Linken reingepackt. Von da kam auch die ähnliche Argumentation von der Dekadenz des Westens im Bezug auf die Ausweitung der NATO. Der Westen habe Verträge gebrochen, die Sicherheitsinteressen Russlands vernachlässigt, sich als Gewinner aufgebauscht während Russland/China erstarken. Auch wird wieder diese seltsame Dichotomie von "USA schlecht - Russland/SU gut" aufgebaut, weil Russland der Nachfolgerstaat des Kommunismus ist.

Es kann doch wohl möglich sein Russland als das zu sehen was es ist (autoritär) und trotzdem links sein.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Peiresc am 16. März 2022, 22:13:07
Zitat von: PeterPancake am 16. März 2022, 21:13:41
Es kann doch wohl möglich sein Russland als das zu sehen was es ist (autoritär) und trotzdem links sein.

Mein Eindruck, der sich nicht auf einen Überblick stützt, ist: Es fehlt ihnen ein Kompass. Ideologisch bietet die Linke (wenn wir darunter links von der SPD verstehen) ein buntes, inkompatibles Gemisch aus marxistischen Fragmenten bis zu konstruktivistischen "Ansätzen" und versprengten Splittern einer emotionalen Anhänglichkeit an den einstigen Großen Bruder. Sie ist anfällig für autoritäres Denken. Vieles ist rein gefühlsgesteuert; für nüchterne Analysen fehlt ihr das Werkzeug.

Zum Thema noch: wie Nostalgie allgemein bezieht sich "Dekadenz" häufig auf eine fantasierte Vergangenheit, die es so nie gegeben hat. Es ist ein Kampfbegriff. Aber das ist jetzt ganz allgemein, und sinnvoll diskutieren kann man auf dieser abstrakten Ebene eigentlich kaum.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: sailor am 17. März 2022, 18:46:22
Wenn jemand die Werkzeuge für die Analyse hat, dann doch die Linke... aber zur Analyse gehört auch, die eigene Rolle und Vergangenheit zu betrachten und da wirds... interessant.

Dazu kommt meiner Wahrnehmung nach der Vorwurf von links bzgl. der Konsumdekadenz, wobei das in meinen Augen einfach nur der grenzenlose Neid, der Wannabe-Commies auf den Kapitalismus ist, der Bedürfnisse des Volkes deutlich besser bedienen kann als jede Planwirtschaft...
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Peiresc am 19. März 2022, 10:38:06
Ich habe überlegt, wo dieser Post hineinpasst, und ich finde, in diesem Faden ist der ideale Ort auch für Nicht-Dekadenz.
Zitat"I'd like to quote Holy Bible: there is no more love, than if someone gave their soul for their friends," Putin said yesterday at a pro-war rally in Moscow. Do you think his speechwriters were reading the Bible looking for the right quote?
https://twitter.com/zygaro/status/1505109185981255680
Zygaro vermutet, der Redenschreiber habe statt aus der Bibel vom Tschernobyl-Denkmal in Moskau abgeschrieben. In der Diskussion wird er darauf hingewiesen, dass es in der Tat einen entsprechenden Bibelvers gibt, im Evangelium des Johannes.

ZitatNiemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde. Joh. 15:13

Aber was heißt Freundschaft, wie definiert man sie?
ZitatIhr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete. Joh. 15:14

Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Peiresc am 19. März 2022, 11:10:55
Und nun ein Beispiel für tatsächliche Dekadenz:
Zitat von: sailor am 17. März 2022, 18:46:22Wenn jemand die Werkzeuge für die Analyse hat, dann doch die Linke...

Das Neue Deutschland, Erbe des Zentralorgans der SED, kann Dir sagen, was für Werkzeuge die Linke hat. In einem Text von einer Frau Tove Soiland, aktuell Uni Innsbruck, zahlreiche Gastprofessuren ect., von heute, S. 20f. heißt es:
ZitatDenn wir sehen alle Züge eines hypermodernen Hygienismus: Nicht nur ist das szientistische Wissen zu einem »unerhörten Imperativ des Guten« geworden, der uns die Gesundheit als neue soziale Pflicht auferlegt. In seinem Rigorismus kann dieser Imperativ auch jederzeit in sein Gegenteil kippen: in ein technokratisch-aseptisches Verständnis von Gesundheit, das uns krank macht. Die erbarmungslose Akribie, mit der die Gesundheit verfolgt wird, gleicht in dieser Janusköpfigkeit einem profanen Glauben an das Leben, der sich trotz seines Glaubenscharakters von jeglicher Transzendenz entbindet. Was wir hier vor uns haben, ist jene von Lacan beschriebene grausame Dimension des Über-Ichs, das in seiner puristischen Verfolgung des moralisch Richtigen an ein obszönes Genießen stößt: Die  Verzichtsleistung, die das Über-Ich fordert, wird in ihrer Absolutheit ihrerseits triebhaft.

Ich übersetze mal: sie ist genervt, dass sie eine Maske tragen muss. Deshalb ist sie für ein septisches Verständnis von Gesundheit. Verglichen mit Marx ist das wirklich und wahrhaftig eine Dekadenz.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Bachblüte am 19. März 2022, 11:47:08
Zitat von: Peiresc am 19. März 2022, 11:10:55
Ich übersetze mal

Danke!!

Zitat von: Peiresc am 19. März 2022, 11:10:55
S. 20f.

Davon gibt es noch über 20 weitere Seiten!??  :o
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Peiresc am 19. März 2022, 12:03:18
Zitat von: Bachblüte am 19. März 2022, 11:47:08
Davon gibt es noch über 20 weitere Seiten!??  :o

Soviel du willst  ;). Aber gemeint ist S. 20 und S. 21.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: sailor am 19. März 2022, 20:43:39
Nein, das "Neue Deutschland" hat so viele Seiten... und ob mans glaubt oder nicht, das war die Zeitung in meinem Elternhaus^^ Jaja, bin im Rotlicht groß geworden, hab als Teenie die Klassiker des Stalinismus gelesen (Wer kennt noch Tschapajew und Wieder Stahl gehärtet wurde?).

Aber was die Dame dort schreibt ist keine Analyse, sondern der traurige Versuch, irgendwie gebildet zu klingen um eine ungebildete Meinung von sich zu geben... Feynman würde von Cargo-Kult-Wissenschaft sprechen :D
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Peiresc am 19. März 2022, 20:52:42
Zitat von: sailor am 19. März 2022, 20:43:39
Aber was die Dame dort schreibt ist keine Analyse, sondern der traurige Versuch, irgendwie gebildet zu klingen um eine ungebildete Meinung von sich zu geben... Feynman würde von Cargo-Kult-Wissenschaft sprechen :D

Die Dame verfasste für das "Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus" den Eintrag über "Lacanismus", sagt das ND. Lacan ist ein Schwätzer, er hat einen Ehrenplatz in Sokals Elegantem Unsinn. Ich vermute einfach mal, dass eine Referenz auf Sokal in diesem Wörterbuch nicht zu finden ist; aber ich werde es bei der Vermutung lassen. Und was das Über-Ich angeht: Die geglückte Rebellion des Ich gegen das Über-Ich ist die Psychose, sagt Freud.
8)
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: PeterPan am 20. März 2022, 20:16:21
Das ist z.B. was ich auch mit dem Thema meinte. Keine Zeit, dekadent oder Schwäche in etwas zu sehen und eine "Bad Take/Faith" Argumentation aufbauen.

ZitatMs Truss, who holds the post of equalities minister alongside her role as Foreign Secretary, continued: "Now is the time to end the culture of self-doubt, the constant self-questioning and introspection – the ludicrous debates about languages, statues and pronouns."
https://inews.co.uk/news/liz-truss-russias-attack-democracy-ukraine-bring-end-debates-statues-pronouns-1527621?utm_term=Autofeed&ito=social_itw_theipaper&utm_medium=Social&utm_source=Twitter#Echobox=1647694570 (https://inews.co.uk/news/liz-truss-russias-attack-democracy-ukraine-bring-end-debates-statues-pronouns-1527621?utm_term=Autofeed&ito=social_itw_theipaper&utm_medium=Social&utm_source=Twitter#Echobox=1647694570)

Und leider oder eher zum Glück hinter der Paywall - ein Ausschnitt aus einem Artikel der bereits ausreicht um sich zu fragen was da schiefläuft.
https://twitter.com/leonardocarella/status/1505461852465205251 (https://twitter.com/leonardocarella/status/1505461852465205251)
ZitatThere is obviously a difference between identity politics and genocide. But it is, if you think about it, a difference of degree.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: sailor am 20. März 2022, 21:54:29
Naja, eine "culture of self-doubt, the constant self-questioning and introspection" ist die beste Voraussetzung für beständiges Überleben und vor allem Erfolg. Wer nicht zweifelt, ändert nix. Und über Sprache kann man sehr viel ändern, auch der Krieg in der Ukraine dreht sich um Sprache.

Der Punkt in der Nabelschau der Rechten um "kulturellen Völkermord" ist einzig und allein der: SIE (die Rechten) lehnen die Kulturveränderungen ab, weil sie nicht von ihnen kommt. Es geht den Rechten nie darum, eine statische Kultur zu haben, es geht nur um Deutungs- und Änderungshoheit. Und die haben sie seit Jahrzehnten graduell verloren.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Juliette am 21. März 2022, 08:06:13
Ist die Tatsache, dass so etwas - und viele "echte" VT - geglaubt wird, nicht ein Zeichen von Dekadenz:

https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-verschwoerung-birds-arent-real-101.html (https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-verschwoerung-birds-arent-real-101.html)

:stirn

Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Bachblüte am 21. März 2022, 12:08:51
Zitat von: Juliette am 21. März 2022, 08:06:13
https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-verschwoerung-birds-arent-real-101.html (https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-verschwoerung-birds-arent-real-101.html)

ZitatDie Vogel-Verschwörer brüllten so absurde Behauptungen, dass sich die Anti-Abtreigungsdemo lieber auflöste, als mit "Birds aren't real" in Verbindung gebracht zu werden.

  :rofl
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Scipio 2.0 am 21. März 2022, 12:27:32
Erinnert mich ein bisschen an die Bielefeld-Verschworung.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Bratmaxe am 22. März 2022, 22:00:30
Zitat von: PeterPan am 13. März 2022, 10:55:43Ich möchte das Thema lostreten um zu erfahren, ob der Westen tatsächlich dekadent ist.
Mir ist "der Westen" für so eine Frage zu weit gefasst. Leute, die gegen Chemtrails, Impfen, Maskentragen o.Ä. allen Ernstes auf die Straße gehen, sind leider auch Teil des Westens und zutiefst dekadent. Ansonsten ist der Westen (= Kapitalismus) vor allem auch eine Ansammlung tiefer Antagonismen und Interessengegensätze.

ZitatDie Auslegung das es eine Schwäche ist wenn mehr Menschen an und in der Gesellschaft partizipieren ermöglicht überhaupt erst den Fortschritt der Zukunft. Es wird sich verrannt, aber es geht vorwärts. Im Gegenteil stecken autoritäre Staaten eher in einer Nostalgie fest.
Sehe ich ähnlich. Und Letzteres würde ich überhaupt auf Konservatismus ausdehnen. 
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Peiresc am 22. März 2022, 22:18:09
Zitat von: Max P am 22. März 2022, 22:00:30
Ansonsten ist der Westen (= Kapitalismus) vor allem auch eine Ansammlung tiefer Antagonismen und Interessengegensätze.

Ja, klar. Entscheidend aber ist, wie sie ausgetragen werden.
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: Bratmaxe am 22. März 2022, 22:33:57
Zitat von: Yadgar am 16. März 2022, 20:12:18
Also, die Linksextremen, die gegen Gendern und Wokeness sind, möchte ich mal sehen...
Hier! :rock Wobei ich immer noch nicht genau erklären könnte, was Wokeness im Auge ihrer Gegner eigentlich darstellt. Und ich unterscheide zwischen radikal (an die Wurzel gehend) und extrem (durchgeknallt).

Zitatdie einzige Kritik von linksaußen an dem Thema kann eigentlich nur lauten, dass dieses ganze Identity-Getue nur Kosmetik sei, die von den wahren Machtverhältnissen ablenken solle - aber die Grundidee, nämlich Geschlechtergleichheit und Antirassismus wird natürlich bejaht!
Ganz genau.  8)
Titel: Re: Dekadenz des Westens
Beitrag von: PeterPan am 14. Juli 2022, 08:20:39
Nun äußert sich Jordan Peterson zum Krieg in der Ukraine. Alles wird zusammengemischt um es Q und Alt-Right schmackhaft zu machen. Natürlich gibt es Argumente/Punkte die passend sind, aber in dem Hodgepodge kein Wunder. Auch darf die Degenerierung des Westens nicht fehlen (wegen den Kommie-Marxisten). Mearsheimer's Argumentation kommt auch kurz zu Wort. Leider mit zu wenig Kritik.

Relevant sind eher nur die 10 Minuten oder ab Minute 38 die Konsequenzen. Zusätzlich gibt es noch ein wenig Kulturkrieg für den typischen US-Hörer.

Russia Vs. Ukraine Or Civil War In The West?
https://www.youtube.com/watch?v=JxdHm2dmvKE

Eine kurze Zusammenfassung in einem Tweet-Faden. Eher reißerisch, aber die Kritik ist berechtigt.
https://twitter.com/thebadstats/status/1546327272780472321


Jordan Peterson gleitet langsam dahin ab wo seine extremen Fans bereits sind.