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Darmsanierung

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Begonnen von jumpfunky, 15. Januar 2012, 18:19:38

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Peiresc

Zitat von: Florella am 15. Juli 2019, 11:16:28Das sind alle Studien, die ich in den letzten Monaten durchgearbeitet habe.

Eine imponierende Raupensammlung. Wenn Du schon die Vorarbeit geleistet hast, diese Arbeiten zu sichten, dann sollte es doch nicht schwierig sein, die Auswahl auf kontrollierte Studien mit klinischen Endpunkten zu begrenzen? Ich meine jetzt wirklich: Studien, das heißt empirische Arbeiten, und nicht Reviews, Editorials, Leserbriefe o. ä.

simpel

ich hab mir mal ein paar der Studien angeschaut. Um alle gut zu beurteilen müsste man sehr viel Zeit aufwenden. Nicht nur die Zusammenfassungen lesen, sondern auch das Studiendesign anschauen, die Zeitschrift beurteilen und die Statistik ab und an begutachten usw. Hab ich leider nicht die Zeit.

Ganz allgemein ist mir aufgefallen, dass viele der Artikel vom Microbiom, Verbindung zum Immunsystem und Probiotika handeln. Dass das Mikrobiom eine große Rolle spielt und wahrscheinlich bei vielen Erkrankungen zumindest mitbeteiligt ist wird nicht bestritten.
Aber es ging ja um "Darmsanierung" bzw "Symbioselenkung" der dann oft noch eine "Darmreinigung" mit oft kruden Mitteln vorausgeht. Z.B. Olivenöl in größeren Mengen trinken und natürlich auch noch die unterschiedlichsten Nahrungsergänzungsmittel. Daher ist der Begriff Darmsanierung schwierig, weil er  eben - so wie du auch selbst geschrieben hast, nicht gut definiert ist.

ZitatDieses Thema wird meiner Meinung nach sehr engstirnig betrachtet.
Von wem wird das Thema sehr engstirnig betrachtet?

ZitatIch höre immer nur "Schlacken" und bemerke wie sich die Menschen auf diese Wörter konzentrieren und nicht den Zusammenhang verstehen. ...
Na ja, wir kommunizieren nun mal mit Wörtern. Und der Begriff "Schlacken" in Verbindung mit dem Darm kommt eben von der sog. "Alternativen Medizin"Quacksalberei. Und wie er da benutzt wird, ist "Darmsanierung" Blödsinn.

Inzwischen  bestreitet niemand mehr, dass Ernährung einen Einfluss auf unser Mikrobiom hat, ebenso wie Medikamente das haben (können) und unsere genetische Ausstattung ebenso. Es wird an allem möglichen Auswirkungen von unterschiedlichen Mikrobiomen durch unterschiedlichen Lebensstil und kulturelle Gewohnheiten geforscht, angefangen bei Autoimmunerkrankungen, übers metabolische Syndrom bis zu Krebserkrankungen.

In der Regel kann man sagen, dass ein "Wiederaufbau der Darmflora" nicht nötig ist, da sich die Darmbesiedlung nach Antibiotika selbsttätig erholt. Was nicht heißt, dass es keine Probleme geben kann. Da muss dann aber genauer bestimmt werden welche Bakterien fehlen und was man dann gezielt machen kann. Da hilft dann kein Joghurt.

Ach ja, noch ein Nachtrag. Vielleicht ist auch der Wiki-Artikel zu Probiotika interessant

eLender

Das mit den Arschmikroben scheint ein ähnlicher Schmuh zu sein, wie das Gespinst mit dem Waldgehirn. Es werden (auch in "seriösen" Medien) unhinterfragt ständig unbelegte Dinge rausgehauen, für die es überhaupt keine valide Basis gibt. Ein Übersichtsartikel in Nature listet die gröbsten Mythen auf:

ZitatOver the past two decades, interest in human microbiome research has increased exponentially. Regrettably, this increased activity has brought with it a degree of hype and misinformation, which can undermine progress and public confidence in the research. Here we highlight selected human microbiome myths and misconceptions that lack a solid evidence base. By presenting these examples, we hope to draw increased attention to the implications of inaccurate dogma becoming embedded in the literature, and the importance of acknowledging nuance when describing the complex human microbiome.
https://www.nature.com/articles/s41564-023-01426-7

Via Martin Smollich

Zitat@ErnMedBlog
- Fakt: #Dysbiose ist ein unsinniger Begriff, da es keine Definition eines "gesunden" "Normal-Mikrobioms" gibt. (Deshalb gehört Mikrobiom-Diagnostik allenfalls in die Forschung & nicht in die Praxis, denn klinisch lässt sich daraus fast (noch) nichts ableiten.)
- Fakt: Das Mikrobiom wird nicht von der Mutter vererbt.
- Fakt: Das Verhältnis von Darmbakterien zu menschlichen Zellen ist ungefähr 1:1 (nicht 10:1).
- Fakt: Das Gesamtgewicht der Mikrobiota beträgt max. 0,5 kg (nicht 1-2 kg).
Spannend: Viele Mythen rund um das Mikrobiom stammen (falls sich die Quelle überhaupt ermitteln lässt) aus 'back of the envelope'-Rechnungen aus den 1970er Jahren, die immer wieder voneinander zitiert, aber nie überprüft wurden.
https://twitter.com/ErnMedBlog/status/1692093917393490400
Wollte ich nur mal gesagt haben!

eLender

Ein Verwandter von Polterpolllmer sagt das, was man im Blätterwald (und darüber hinaus) beinahe nie erwähnt. Mai Thi sollte ein Buch dazu schreiben, die macht das ja auch gerne.

ZitatViele Studien zeigen zwar Unterschiede zwischen dem Mikrobiom gesunder und kranker Menschen. Doch daraus lässt sich noch nicht ableiten, was Ursache und was Wirkung ist. Diese klassische Henne-Ei-Frage begleitet die Mikrobiomforschung bis heute: Verursacht eine veränderte Darmflora Krankheiten – oder verändert eine Krankheit das Mikrobiom? Solange hier vor allem statistische Zusammenhänge (Korrelationen) beobachtet werden, aber nur wenige klare Ursache-Wirkungs-Mechanismen (Kausalitäten) nachgewiesen sind, bleibt vieles im Bereich plausibler, aber noch nicht gesicherter Hypothesen.
Teure Stuhltests: ,,Teure und sinnlose Geschäftemacherei"

Trotz dieser wissenschaftlichen Unsicherheiten boomt der Markt für kommerzielle Mikrobiom-Analysen. Für dreistellige Beträge können Verbraucher ihre Stuhlprobe einschicken und erhalten anschließend farbenfrohe Diagramme sowie ,,personalisierte Ernährungsempfehlungen".

Doch genau hier warnen viele Fachgesellschaften zur Vorsicht. Auch die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) rät von solchen Tests für gesunde Menschen ab. ,,Teuer und sinnlos" sei die Untersuchung von Stuhlproben zur Analyse der Darmflora zwecks der Ableitung von Ernährungs- und Handlungsempfehlungen Der Grund ist simpel: Wenn es kein klar definiertes ,,Norm-Mikrobiom" gibt, lassen sich aus den Messwerten auch keine belastbaren Ernährungsempfehlungen ableiten. Hinzu kommt: Wer viel Geld für solche Tests ausgibt, erfährt im besten Fall, welche Bakterien zum Zeitpunkt der Probe gerade im Darm ,,zu Gast" waren – eine flüchtige Momentaufnahme ohne jede diagnostische Relevanz für die Zukunft.
https://www.focus.de/gesundheit/darmflora-hype-entlarvt-das-geschaeft-mit-dem-perfekten-mikrobiom_ec2598bc-0871-4f34-bf69-d80e9c7b3c70.html

Ich hatte mich eine Zeitlang mit mikrobiellen Gemeinschaften (aka Mikrobiome) in Umweltsystemen beschäftigt, aber nur am Rande. Dazu gibt es eigene Forschungsinstitute. Eine absolute Größe auf dem Gebiet sagte mal: Er möchte sich von dem Thema verabschieden, nach jahrzehntelanger Forschung habe man eigentlich nicht viel mehr herausgefunden, dass es halt unterschiedliche mikrobielle Gemeinschaften gibt. Was das aber bedeuten soll, das wisse er bis heute nicht, und man wird es aufgrund der ungeheuerlichen Komplexität dieser Systeme nie wissen...

Achso: Das Thema erinnert nicht zufällig an so esoterisches Zeug wie "Effektive Mikroorganismen". Da wird auch mehr fantasiert als in Mittelerde.
Wollte ich nur mal gesagt haben!

Gefährliche Bohnen

Da passt das aktuelle Video von Janos Hegedüs auch sehr gut:


:2thumbs:
"Ich muss an dieser Stelle gestehen: Ich mag Karpfen gar nicht." - Groucho
RIP

eLender

Schaue ich mir später auch mal an, das scheint genau hierher zu passen...
Wollte ich nur mal gesagt haben!

HAL9000

Zitat von: Gefährliche Bohnen am 16. April 2026, 21:08:15Da passt das aktuelle Video von Janos Hegedüs auch sehr gut
Das passt hervorragend.
Und die darin geschilderten Mechanismen der Gesundheits-Influenza (sic!) kann man fast 1:1
auch auf andere Bereich anwenden. Durch verzweifelte und eingeredete "Sinnsuchen" kippt man
in sich selbst ver/be-stärkende Blasen und nach und nach aus der Realität.
"It has yet to be proven that intelligence has any survival value."
― Arthur C. Clarke

eLender

Zitat von: HAL9000 am 16. April 2026, 22:07:15Durch verzweifelte und eingeredete "Sinnsuchen"
Ja, den Hinweis von Hegedüs finde ich auch sehr wichtig, er sagt das ziemlich klar. Es geht hier auch um Identität, ein Aspekt, den man niemals unterschätzen sollte. Er spricht auch ein Video zu "Gluten" an, das ich bisher nicht kenne. Aber mir kam neulich ein Artikel unter die Linse, der das auch aufgreift.

ZitatDo you know the difference between inflammatory bowel disease (IBD) and irritable bowel syndrome (IBS)? They have similar acronyms, and they both appear to be about the gut, but that's about where the similarities end.

IBD is an umbrella term for autoimmune inflammatory conditions like Crohn's disease and ulcerative colitis, whereas IBS is a 'Disorder of Gut-Brain Interaction', or DGBI. DGBIs don't appear to come with any functional or structural gut problems, but instead arise from people with irritable minds disturbing their guts: they get stressed, they eat poorly, they get annoyed by minor issues that more resilient people might be able to brush off, and they imagine symptoms that probably aren't there. It's usually the case that IBS looks more like a mental disorder than a bona fide bowel condition. It is meaningfully psychosomatic.

IBS and NCGS are overlapping conditions, whereas IBS and celiac disease have much less overlap. NCGS sufferers are also about 70-80% female, whereas celiac disease is much more evenly split by sex (~55-60% female). Celiac disease is largely gastric and presents with a variety of physical symptoms, whereas NCGS commonly presents with symptoms like headache, brain fog, anxiety, confusion, depression, fatigue, and diffuse pain—all of which are marked symptoms of other largely-psychosomatic illnesses like long COVID and fibromyalgia. Moreover, celiac diagnosis tends to be symptom-driven following a clinical work-up due to specific symptoms or an incidental finding during other evaluations, while NCGS diagnosis is usually a self-diagnosis or something suggested by an alternative medicine doctor or dietitian rather than a real doctor. And, while untreated celiac disease is associated with a wide array of nutritional deficiencies, the association between NCGS and nutritional deficiencies is both different and less extreme.
https://www.cremieux.xyz/p/i-dont-believe-in-gluten-intolerance

Hm, man kann sich natürlich auch mit ME diagnostizieren, wenn man das lieber mag (die Symptomatik würde genauso gut passen). Hat Scheibi schon ne Pille gegen die Malaise in Angriff? Wäre der nächste Nobelpreis.
Wollte ich nur mal gesagt haben!

HAL9000

Zitat von: eLender am 17. April 2026, 22:01:57mit ME diagnostizieren, wenn man das lieber mag
Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) ist allerdings eindeutig per Bluttest diagnostizierbar.
Von jemandem, der behauptet, an Zöliakie zu leiden, der diesen Bluttest ablehnt/nicht gemacht hat,
kann man ziemlich zweifelsfrei annehmen, dass das nicht stimmt. Ich hatte im Bekanntenkreis so
einen Fall, die hat sich das als "Modediagnose" selbst attestiert und reagierte pikiert auf meine
Rückfrage nach dem Bluttest.
"It has yet to be proven that intelligence has any survival value."
― Arthur C. Clarke

Purple Tentacle

@Hegedüs: Well done! :2thumbs:
Ach, was weiß denn ich ...

eLender

Zitat von: HAL9000 am 17. April 2026, 23:11:00Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) ist allerdings eindeutig per Bluttest diagnostizierbar.
Es scheint keine so einfache Diagnose zu sein, deshalb wird das meist erst spät erkannt. Hegedüs kennt sich da aus, und er macht eine sehr sinnvolle Bemerkung: Wer tatsächliche eine Zöliakie hat, sollte eben nicht auf Gluten verzichten, bis er die (gesicherte) Diagnose hat. Aber sehet selbst:

Wollte ich nur mal gesagt haben!

HAL9000

Zitat von: eLender am Gestern um 21:50:44Wer tatsächliche eine Zöliakie hat, sollte eben nicht auf Gluten verzichten, bis er die (gesicherte) Diagnose hat.
Ich weiß, sonst ist der Test nicht zuverlässig. Aber bei den passenden Voraussetzungen ist er es.
"It has yet to be proven that intelligence has any survival value."
― Arthur C. Clarke