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Das Licht des Marxismus (war: Re: Krise in der Ukraine)

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Begonnen von Peiresc, 12. Oktober 2022, 05:55:46

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sailor


Peiresc

Zitat von: sailor am 08. Januar 2023, 17:01:55Also Ex-Marxist? :D

Naa. Wie es der Brauch ist mit vielen anderen Ideologien, insbesondere mit dem christlichen Glauben: man lässt sich auf keinen spezifischen Inhalt mehr festnageln, aber man benutzt das Etikett weiter. Der Kern dieser, äh, Weltanschauungen ist opak aber unverzichtbar.

sailor

Ah, verstehe: "Die Theorie ist unfehlbar, die Umsetzungsversuche in der Praxis waren falsch!" :D


Max P

Sollte sich jemand beiläufig für Fromm interessieren, ohne sich gleich mit Schriften von ihm belasten zu wollen, hier gibt es ein paar Streiflichter seines Denkens:


Über Marxismus geht es ab Min. 9:27.

Peiresc

Zitat von: Max P am 08. Januar 2023, 22:07:09es ein paar Streiflichter seines Denkens

Brr, da schüttelt's einen. Such' Dir eine Kernaussage raus, und ich bin bereit, sie zu diskutieren.

Peiresc

Zitat von: Peiresc am 08. Januar 2023, 22:56:08
Zitat von: Max P am 08. Januar 2023, 22:07:09es ein paar Streiflichter seines Denkens

Brr, da schüttelt's einen. Such' Dir eine Kernaussage raus, und ich bin bereit, sie zu diskutieren.

Na gut, wenn Du Dir keine aussuchst, dann such ich mir eine. Fromms Vorstellung von Religion ist nicht von irgendeinem tieferen Verständnis getrübt. ,,Marx ist nicht anders als Maimonides", sagt er, und wenn er Recht hat, dann sollte einen das nicht beruhigen:
ZitatMaimonides bezeichnete die Bestrafung des verabscheuungswürdigen Nazarener Ketzers als eine der größten Leistungen seiner jüdischen Vorfahren, er forderte, den Namen Jesu nur noch in Begleitung eines Fluchs auszusprechen, und verkündete, Jesus werde bestraft, indem er auf alle Ewigkeit in Exkrementen schmore. Was für einen guten Katholiken hätte Maimonides doch abgegeben!

Hitchens, Der Herr ist kein Hirte

Ausführlicher mit der Religionsphilosophie Fromms hat sich Walter Kaufmann befasst. In seiner Critique of Religion and Philosophy widmet er Fromm einen ganzen Abschnitt. Das Buch gibt's auch auf deutsch, aber das habe ich grad nicht parat. Ich lasse es bei einer griffigen Formulierung:
ZitatAt first, many a reader may merely feel that Fromm has cleverly spirited Jesus and the prophets across the border into his own camp — a brilliant feat which assures his victory over Luther, Calvin, and Catholicism, who suddenly find themselves alone with Hitler and Stalin, deserted by their own leaders.

Die Idee, die Fromm von Jesus und vom Urchristentum hat, ist, wie er beide gerne hätte – kindlich naiv –, aber sie würde keine Überprüfung vertragen. Nochmal Kaufmann:
ZitatThe Jesus of all four Gospels stresses obedience and not the development of reason, and he relies on dire threats rather than arguments.
Und vgl. #40.

Die Idee, die er von Marx hat, beschränkt sich auf ein paar Phrasen, die sich nicht auf realistische Handlungsempfehlungen herunterbrechen lassen würden. Bezeichnend auch seine Antwort auf die Frage, ob Wissenschaft für irgendwas gut ist. Er stutzt erst, und dann fällt ihm ein, dass sie gut ist als Warner vor dem Untergang, aber sie werde ohnehin nicht gehört.

Typee

Zitat von: sailor am 08. Januar 2023, 18:30:10Ah, verstehe: "Die Theorie ist unfehlbar, die Umsetzungsversuche in der Praxis waren falsch!" :D

Gegenüber Hegel ist das schon ein Fortschritt: für stimmte, wenn Theorie und Realität nicht zusammenpassten, an der Realität etwas nicht.
The universe is under NO obligation to make sense to us
(Neil deGrasse Tyson)

Peiresc

Ich habe noch eine abschließende Bemerkung zu Fromm. Sie stammt vom Ende des 17. Jhd.:

ZitatDas sind fraglos gut christliche Gedanken, aber in dem Zustand der Verderbtheit, in dem wir leben, sind es lediglich platonische Ideen.

Pierre Bayle, DHC, Art. Bunel, Anm. [C].

Max P

Ein treffender Abschluss, denn er illustriert exakt den nur vermeintlich realistischen Pessimismus und das wohlfeile Prinzip Hoffnungslosigkeit, denen Fromm stets widersprochen hat.

Peiresc

Zitat von: Max P am 10. Januar 2023, 13:46:15Ein treffender Abschluss, denn er illustriert exakt den nur vermeintlich realistischen Pessimismus und das wohlfeile Prinzip Hoffnungslosigkeit, denen Fromm stets widersprochen hat.

Es ist eine Hoffnungsfroheit a posteriori. Sie stützt sich einfach darauf, ,,dass es so nicht weitergehen kann", und ihr positiver Gehalt ist definitiv und eingestandenermaßen mythisch - das Gegenteil von Realismus. In logisch gleicher Weise denken die Russen, dass sie den Krieg gewinnen werden, weil Russland nicht untergehen kann. Tertium non datur, ein Drittes gibt es nicht, eine der Grundformeln von Ideologien.

Latour war auch so einer, der sich standhaft geweigert hat, jemals den Nebel um seine Begriffe zu lüften, und da war er stolz drauf. Letzteres ist es, was mir immer unbegreiflich bleiben wird.

Aber um nicht immer nur negativ zu sein, vgl. noch #4000.

Max P

Zitat von: Peiresc am 10. Januar 2023, 20:28:35
Zitat von: Max P am 10. Januar 2023, 13:46:15Ein treffender Abschluss, denn er illustriert exakt den nur vermeintlich realistischen Pessimismus und das wohlfeile Prinzip Hoffnungslosigkeit, denen Fromm stets widersprochen hat.

In logisch gleicher Weise denken die Russen, dass sie den Krieg gewinnen werden,

Sorry, aber  :stirn

Peiresc

Zitat von: Max P am 10. Januar 2023, 21:11:59Sorry, aber  :stirn

Wieso :stirn ? Es geht um die Logik, nicht um den Inhalt. Sie denken vom (hypostasierten) Ende her, a posteriori. Oder, schlichter: es kann nicht sein, was nicht sein darf.