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Plattitüden

Begonnen von Adromir, 01. März 2010, 14:20:05

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Adromir

Wer kennt sie nicht? Diese schönklingenden aber nichtssagenden Sätze, wie "Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde..", "Qui nimium probat, nihil probat!" etc. pp. die einem von Esoterikern und Alternativmedizinern entgegen geschleudert werden, wenn ihnen die Argumente ausgehen.

Nun würde ich gerne mal ne kleine Sammlung entsprechender Gegensprüche aufstellen, mit denen man solchen Leersprüchen mal gepflegt entgegen treten kann. Also ich fang mal an (wenn möglich mit Quelle):

"Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht"

"Wer es glaubt, weiss es nicht besser" Achim H. Pollert

"Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend und Zauberwerken,
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab ich dich schon unbedingt"." - Mephisto in Goethes Faust

Deceptor

Von Bertrand Russell gibt es schöne Zitate:



,,Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel."

,,Manch einer verdankt seinen Erfolg den Ratschlägen, die er nicht befolgte."

,,Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es."


BodminPill

Gerade bei dem (leicht abgewandelten) Hamlet-Zitat "Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde...." bietet es sich immer an, den Gesprächspartner zu fragen, ob denn bekannt sei, daß das Zitat aus Shakespeare's Hamlet stamme und ob sie wüssten, was der dänische Prinz getan hat, nachdem er diesen Ausspruch tätigte.
Hamlet war nämlich äußerts skeptisch, was die Einflüsterungen nächtlicher Geister Verstorbener angeht, und lies daher, das, was er glaubte (die Ermordung seines Vaters durch seinen Onkel Claudius) überprüfen, um Gewissheit zu erlangen, und danach sein weiteres Vorgehen zu planen. Zu diesem Zweck lies er die Ermordung seines Vaters von einer Schar Wanderschauspieler bei Hofe aufführen, und wurde durch die Reaktion seines Onkels auf die Darbietung überzeugt.
So gesehen geht Hamlet - im Rahmen seiner Möglichkeiten - fast schon wissenschaftlich vor, indem er eine Theorie durch einen Versuch absichert, um nicht bloß auf der Grundlage von Glauben und Vermutungen agieren zu müssen.  ;)

Godesberg

"Über den Tellerand blicken"

Wenn etwas fies riecht esse ich es nicht - erst recht nicht wenn es (seit Jahrhunderten) neben dem Teller liegt.

Elke

"If You Open Your Mind Too Much Your Brain Will Fall Out"

Tim Minchin

Suzie

Man kann immer seinen Standpunkt ändern, weil dir niemand verbieten kann, klüger zu werden. (K.Adenauer)

Wer A sagt, der muß nicht B sagen. Er kann auch erkennen, daß A falsch war. (B. Brecht)

Hlodyn

"Wer heilt hat Recht.. und kann es auch beweisen!"

Adromir

Da ich gerade mit folgendem Ausspruch von Mark Twain konfrontiert wurde:

ZitatMan kann die Erkenntnisse der Medizin auf eine knappe Formel bringen: Wasser, mäßig genossen, ist unschädlich.

Zwei sehr schöne Dinge von selbigen.

1. Ein Antwortschreiben auf den Werbebrief eines Quacksalbers
ZitatNov. 20. 1905

J. H. Todd
1212 Webster St.
San Francisco, Cal.

Dear Sir,

Your letter is an insoluble puzzle to me. The handwriting is good and exhibits considerable character, and there are even traces of intelligence in what you say, yet the letter and the accompanying advertisements profess to be the work of the same hand. The person who wrote the advertisements is without doubt the most ignorant person now alive on the planet; also without doubt he is an idiot, an idiot of the 33rd degree, and scion of an ancestral procession of idiots stretching back to the Missing Link. It puzzles me to make out how the same hand could have constructed your letter and your advertisements. Puzzles fret me, puzzles annoy me, puzzles exasperate me; and always, for a moment, they arouse in me an unkind state of mind toward the person who has puzzled me. A few moments from now my resentment will have faded and passed and I shall probably even be praying for you; but while there is yet time I hasten to wish that you may take a dose of your own poison by mistake, and enter swiftly into the damnation which you and all other patent medicine assassins have so remorselessly earned and do so richly deserve.

Adieu, adieu, adieu!

Mark Twain

und zum zweiten den ersten Teil des 12. Kapitels aus dem Buch Tom Sawyer:
ZitatEiner der Gründe, die Toms Geist von seiner geheimen Erregung abgezogen hatten, war, daß er einen neuen und wichtigen Gegenstand des Interesses fand. Becky Thatcher hatte aufgehört, zur Schule zu kommen. Tom hatte mehrere Tage mit seinem Stolze gekämpft und versucht, sie ,,unter den Wind zu bekommen," aber vergeblich. Er ertappte sich dabei, wie er um ihres Vaters Haus herumstrich, nachts, und sich dabei sehr unglücklich fühlte. Sie war krank. Wie, wenn sie sterben mußte! In dem Gedanken war Verzweiflung. Er hatte kein Vergnügen mehr am Kriegspielen, nicht einmal mehr an seinem Piraten-Beruf. Der Glanz des Lebens war dahin, nichts als Finsternis war geblieben. Er ließ seinen Reifen liegen und seinen Bogen; er hatte keinen Spaß mehr daran. Seine Tante war beunruhigt. Sie fing an, allerhand Medizinen an ihm zu probieren. Sie gehörte zu den Leuten, die auf jede Medizin schwören und alle neu erfundenen Heilmethoden. Sie war unermüdlich in ihren Experimenten. Sobald sie von etwas Neuem in der Branche hörte, brannte sie darauf, es zu probieren; nicht an sich selbst, denn sie war nie leidend; aber am ersten besten, der ihr in die Hände fiel. Sie war Abonnentin sämtlicher ,,Heil"-Zeitschriften und jedes gedruckten, wissenschaftlichen Betruges; den größten Unsinn, mit dem nötigen feierlichen Ernst vorgetragen, nahm sie wie ein Evangelium auf in ihrer Unwissenheit. Alle Abhandlungen über Ventilation, das Zubettgehen und Aufstehen, Essen und Trinken, über das Maß der nötigen Bewegung, die Gemütsverfassung, die Art der Kleidung, erschienen ihr einfach einwandfrei, und sie merkte gar nicht, daß die Gesundheits-Journale des laufenden Monats gewöhnlich all das widerriefen, was sie im Monat vorher empfohlen hatten. Sie war einfachen Herzens und so ehrenhaft, wie der Tag lang ist, und so war sie ein leichtes Opfer. Sie sammelte ihre prahlerischen Zeitschriften mit den Quacksalber-Medizinen, und so gewaffnet, ritt sie, den Tod hinter sich, auf ihrem fahlen Pferd, ,,die Hölle hinter sich," um eine Metapher zu brauchen. Aber sie argwöhnte niemals, daß sie nicht ein Engel der Genesung und der Balsam des Herrn in Person für die leidende Nachbarschaft sei.

Die Wasserbehandlung war neu und Toms übles Befinden kam ihr wie gerufen. Jeden Morgen in aller Frühe wurde er herausgeholt, in einen Holzschuppen geschleppt und mit einer Sintflut kalten Wassers überschüttet. Dann rieb sie ihn trocken mit einem Handtuche, gleich einer Feile, und er wurde zurücktransportiert. Darauf wurde er in ein nasses Tuch gerollt und wieder unter seine Bettdecke gestopft, bis er schwitzte, wie eine Seele im Fegfeuer, und ,,ihre Schmutzflecken drangen durch alle Poren heraus," wie Tom sagte. Indessen, alledem zum Trotz, wurde der Junge immer melancholischer, niedergeschlagener und gleichgültiger. Sie fügte heiße Bäder, Sitzbäder, Gießbäder und Sturzbäder hinzu. Der Junge blieb leblos wie eine Leiche. Sie begann das Wasser mit Blasen ziehenden Haferschleimpflastern zu versetzen. Sie überlegte seine Aufnahmefähigkeit und füllte ihn wie einen Krug täglich mit allen möglichen quacksalberischen Mittelchen an.

magischewurzel

Wir brauchen noch die ultimative Killerantwort zu:
"Es hilft aber auch bei Saeuglingen und Tieren!"

cohen

Zitat von: magischewurzel am 03. März 2010, 13:38:42
Wir brauchen noch die ultimative Killerantwort zu:
"Es hilft aber auch bei Saeuglingen und Tieren!"

Irgendwas mit Leckerlis und Trösten müsste passen.

rincewind

Zitat von: magischewurzel am 03. März 2010, 13:38:42
Wir brauchen noch die ultimative Killerantwort zu:
"Es hilft aber auch bei Saeuglingen und Tieren!"

Aber nur bei Säuglingen und Tieren, die wir vorher als "krank" diagnostiziert haben. Placebo ist nicht nur auf die Selbstwahrnehmung beschränkt.

Würde sogar soweit gehen, dass Placebo da besonders gut wirkt. Eigene kleine Unpässlichkeiten spüren wir eher. Erkrankungen bei Anderen erst, wenn es ziemlich manifest ist. Und damit ist die Wahrscheinlichkeit der Regression zur Mitte ziemlich hoch. Dazu blendet unser Hirn noch die Fälle ohne Erfolg aus, und schon ist man überzeugter Anhänger alternativer Heilweisen: Es hat doch geholfen!


Godesberg

Zitat von: magischewurzel am 03. März 2010, 13:38:42
Wir brauchen noch die ultimative Killerantwort zu:
"Es hilft aber auch bei Saeuglingen und Tieren!"

Und bei Reagenzgläsern!


Ok, dazu braucht man soviel Hintergrundwissen, dass man vermutlich auch den Placeboeffekt richtig einsortieren kann...

Hlodyn

Grad bei Kindern bring ich halt immer andere Beispiele wie:
"Jedes Teddybärenpflaster (einmal pusten etc.) wirkt sofort schmerzstillend" oder "Das Stückchen Schokolade von der Oma hat noch bei jedem Heimweh/blauem Fleck/etc. geholfen"
Das weiss doch jeder noch aus der eigenen Kindheit, wie gut irgendwelche Zuwendungen bei kleinen Blessuren geholfen haben.
Bei Tieren ist es doch genau das Gleiche! Die Zuwendung machts.

Suzie

Zitat aus einem Forum

"Die Homöopathie erklären? Kann ich nicht.

Es ist keine exakte Wissenschaft und kann es auch nicht sein.
Es gibt so vieles was sich unserem Verständnis entzieht. Gibt es einen Gott? Gibt es ein Paralleluniversum? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was ist Unendlichkeit? Jeder fängt an einer anderen Stelle an, nach Erklärungen, nach Antworten zu suchen... und manche eben bei der Homöopathie.

Dabei ist alles erlaubt. Nur eins ist gefährlich: Ich hab es gelesen, hab es nicht verstanden und die Theorien sind falsch, denn in den Grenzwissenschaften gibt es kein Verstehen. Nur ein Staunen, ein intensives Studium und vielleicht ansatzweise Begreifen.

Vielleicht, nur vielleicht... ist man selbst jemand, der immer wieder zu der Erkenntnis kommt, dass er so viel nicht weiß, so viel nicht verstanden hat, der nicht begreifen konnte Jedenfalls jetzt noch nicht."
_________________________________________________________

Immer wieder kommt Gott ins Spiel. Das kotzt mich so an.... ! :kotz:

Glauben ist nicht wissen! *stöhn*




Elke

ZitatAlso denn, beginnen wir mit dem Grundlagenaufsatz "Erfolge der Homöopathie – Nur ein Placebo-Effekt?" von Dr. Rainer Wolf und Prof. Jürgen Windeler auf unseren GWUP-Seiten:

"Bei Kleinkindern und Tieren gebe es keinen Placebo-Effekt, also sei in diesen Fällen der Behandlungserfolg direkt abzulesen? Weit gefehlt! Selbstverständlich gibt es Placebo-Effekte in Form von Suggestion auch bei Kindern. Jeder Kinderarzt weiß, dass man die Mutter in die Behandlung einbeziehen muss: Sie ist Hauptempfänger der psychosozialen Botschaft und gibt sie als ihre Erwartungshaltung unbewusst an das Kind weiter.

Placebo-Effekte wies man in Doppelblindversuchen auch bei Haustieren nach. Diese können die Körpersprache vertrauter Bezugspersonen lesen. Erleben sie deren Vertrauensverhältnis zu dem ihnen unbekannten Therapeuten, so reagieren sie konditioniert im Sinn einer Placebowirkung. Wird das Placebo-Präparat auch noch mit liebevoller Hinwendung verabreicht, hat die Heilung gute Chancen. Zusätzlich führt die Erwartungshaltung des behandelnden Arztes bei diesem selbst zu selektiver Wahrnehmung: Er neigt dazu, Heilerfolge zu diagnostizieren, die er unbewusst zu finden erwartet."



Weiter geht's mit einem Artikel aus der Süddeutschen Zeitung von 2008:

"Warme Luft ist bei Kindern oft genauso wirksam wie eine Schmerztablette. Auch wenn die Wunde noch so brennt: Sobald die Eltern pusten, ist der Schmerz meist schon wieder vergessen. Der Lufthauch ist eines der besten Placebos der Welt – ein Medikament ohne chemischen Wirkstoff also.
Wie stark gerade Kinder auf solche Scheinmedikamente reagieren, haben französische Wissenschaftler nun erneut gezeigt. In der Fachzeitschrift Public Library of Science Medicine berichten sie, dass der Placeboeffekt bei Kindern mit Epilepsie doppelt so groß ist wie bei Erwachsenen (Bd.5, S.e166, 2008)"

Alles Einbildung? Oder noch besser: eingeredet? Nein – lesen wir zum Beispiel bei der Stiftung Warentest:

"Die Placebowirkung ist keine Einbildung. Placebos bewirken im Körper messbare Veränderungen. So aktiviert die Gabe eines Placebo-Schmerzmittels im Gehirn die gleichen Regionen wie das wirkstoffhaltige Medikament, und es werden körpereigene schmerzhemmende Substanzen ausgeschüttet. Wenn ein Parkinsonkranker ein Medikament erhält, das seine Beweglichkeit verbessern soll, steigt der Spiegel von Dopamin im Gehirn, einem Botenstoff im Nervensystem. Die Dopaminkonzentration erhöht sich aber auch, wenn er ein Placebo einnimmt.

Der Grund dafür ist die Erwartung, die der Patient mit der Einnahme des Mittels verknüpft. Und weil sich auch kranke Kinder und Tiere von einer Behandlung Linderung und Besserung erhoffen und positiv auf die intensive Zuwendung reagieren, weisen Therapien auch bei ihnen Placeboeffekte auf."

Ein erhellendes Video (Englisch) hat Florian Freistetter bei Astrodicticum simplex hochgeladen. Dort erklärt der englische Arzt und Publizist Ben Goldacre nochmal explizit, dass Placebos auch bei kleinen Kindern und Tieren wirken.

http://blog.gwup.net/2010/03/05/homoopathie-bei-kindern-und-tieren/