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Identitätspolitik - Allgemeiner Thementhread

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Begonnen von RPGNo1, 25. Januar 2023, 13:52:20

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Peiresc

Zitat von: RPGNo1 am Heute um 08:42:35Die Universität muss sich also eher fragen lassen, warum sie Cofnas überhaupt eingestellt hat

Sag' ich doch. Man kann gegen "Wokismus" und gleichzeitig gegen Rassismus sein; oder vielmehr: man kann nicht nur, sondern man sollte.

Und wenn ich Wokist wäre, dann würde ich mir mal die Promotion von Cofnas genauer ansehen. So nachlässig wie der in dem einen "wissenschaftlichen" Text war, den ich mir angesehen habe, würde ich mir gute Chancen ausrechnen, fündig zu werden.

Juliette

Also eigentlich sind ja beide, Cofnas und die "Woken" offen rassistisch. Und die akademische Freiheit bedeutet m. E. ja eigentlich nicht, dass man rassistische Sachen lehren darf.

Es ist wieder ein interessanter Artikel von Sebastian Herrmann in der Süddeutschen:

ZitatIst rassistische Hetze schuld am Tod des Cambridge-Professors Jason Arday? Die Wissenschaft hat tatsächlich ein Rassismusproblem, aber ein selbstgemachtes: Sie ist besessen von Identität.

Die Geschichte begann als Märchen, verwandelte sich in eine Farce und eskalierte zur Tragödie. Jetzt mündet das alles in die üblichen ideologischen Grabenkämpfe und routinierten Identitätsreflexe, welche Universitäten und die Wissenschaft im Allgemeinen seit Langem beschädigen.

Der Aufstieg des britischen Soziologen Jason Arday schien eine fantastische und herzerwärmende Geschichte zu sein, immer wieder erzählt und weithin gefeiert. Der jüngste schwarze Professor in der Geschichte der Universität Cambridge! Ein Wunderkind, das aus einfachen Verhältnissen stammte! Angeblich ein Autist, der lange nicht sprechen, nicht lesen und schreiben konnte, der einen Hirntumor, Krebs, Wachkoma, einen Schlaganfall, Epilepsie überstehen musste, der behauptete, ein Weltklasse-Athlet und Weltklasse-Wissenschaftler zu sein. Arday war eine gefeierte Medienfigur, ein fürstlich bezahlter Autor, ein Aushängeschild der Universität Cambridge. Und er entpuppte sich am Ende mutmaßlich als Hochstapler, dessen wilde Biografie wohl weitgehend erfunden, und dessen Publikationen offenbar in weiten Teilen plagiiert oder gar gefälscht waren. Dass seine Erzählungen erst in den vergangenen Wochen einstürzten, ist angesichts seiner fantastischen Behauptung das eigentliche Wunder. Am 14. August wurde Arday tot aufgefunden.

....
Arday wurde 2023 auf die Professur in Cambridge berufen, gerade weil er ein Schwarzer war, nicht obwohl. Wie die New York Times berichtet, waren unter den weiteren Bewerbern auf den Lehrstuhl auch zwei schwarze Frauen, die fachlich offenbar mehr vorzuweisen hatten. Allerdings übertrumpfte Arday diese mutmaßlich mit seiner Lebensgeschichte, also mit seinem angeblichen Autismus und dem behaupteten Umstand, dass er so lange nicht habe sprechen, lesen und schreiben können. Neurodivers ist der Begriff, der in diesem Zusammenhang gebraucht wird, und in Kombination mit seiner Herkunft und Hautfarbe verwandelte ihn das offenbar in einen attraktiveren Kandidaten als zwei Frauen, die wohl die erfahreneren Wissenschaftlerinnen waren.

Im Namen der Diversität sind eben jene Attribute besonders attraktiv, die einer Person einen hohen Status im Koordinatensystem der Marginalisierung zuweisen. Je mehr, desto besser: Autismus, Sprachlosigkeit plus Analphabetismus schlägt Frau. Und diese Identitätsmarker spielen nicht nur bei der Berufung eine zentrale Rolle, sondern auch in der Forschung. Im Namen der sogenannten Standpunkt-Epistemologie, die gerade in Geistes- und Sozialwissenschaften wie etwa der Soziologie wesentlich ist, verfügen marginalisierte Identitäten exklusiven Zugang zu Wissen, der anderen versperrt bleibt. Das trifft natürlich zu einem gewissen Grad zu: Wer Rassismus erlebt, kann anders darüber sprechen und berichten. Das Problem beginnt aber dort, wo diese Standpunkte absolut gesetzt werden – in dem Sinne, dass sich Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe nicht mehr äußern sollen, weil ihre Meinung als irrelevant, unangebracht oder gar toxisch gebrandmarkt wird.
....
Was solche Aufsätze an Erkenntnis bringen, sei dahingestellt. Sicher ist, dass sie eine gravierende Nebenwirkung haben: Kritik an solchen Arbeiten ist stets Kritik an den Identitäten der Autoren. Wie könnte es auch anders sein, wenn diese stets der zentrale Bezugspunkt sind? Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist dadurch unmöglich: Sie wird als grundsätzliche Kritik an der Person und ihrer Identität und nicht an den Argumenten verstanden. Wenn jemand etwas explizit als Schwarzer, als Frau, als Muslim, als Transperson sagt oder auch als Angehöriger einer anderen im Sinne der Diversitätskriterien als marginalisiert geltenden Identität, dann gilt Kritik daran rasch als rassistisch, als misogyn, als islamophob, transphob oder anderweitig unerhört und jenseits des Sagbaren.
....
Was die Plagiatsgeschichte dann ins Rollen brachte, war am Ende ein Blogbeitrag des Philosophen Nathan Cofnas, eines Mannes, der sich wegen seiner Ansichten ohnehin mit der Uni Cambridge überworfen und wegen seiner Arbeiten zu vermeintlichen Zusammenhängen von Hautfarbe und Intelligenz in weiten Teilen der Forschungsgemeinschaft unmöglich gemacht hatte. Die Universität Gent, an der Cofnas beschäftigt ist, gab am 20. August bekannt, ihn vorläufig zu suspendieren. Wenn in dieser ganzen Geschichte jemand das Attribut ,,rassistisch" verdient, dann vermutlich er.

Und hier schließt sich der Kreis zum wahren Kern des Rassismusvorwurfs. Weil Arday für vernünftige Stimmen so lange unantastbar war, weil jeder Hinweis auf Plagiate den Verdacht rassistischer Motive auf sich zog, blieb die Kritik am Ende genau jenen überlassen, die tatsächlich zweifelhafte Motive haben.

Der Artikel ist insgesamt lesenswert.

https://archive.is/RPxe3
"Die Zukunft war früher auch besser." Karl Valentin

RPGNo1

Zitat von: Juliette am Heute um 10:34:20Also eigentlich sind ja beide, Cofnas und die "Woken" offen rassistisch. Und die akademische Freiheit bedeutet m. E. ja eigentlich nicht, dass man rassistische Sachen lehren darf.

Ich habe verschiedene liberale (!) Kommentare aus den USA gelesen, die Cofnas Thesen als umstritten, aber nicht rassistisch ansehen. Und andere sagen, es herrsche an Unis Wissenschaftsfreiheit, und es gelte auch Redefreiheit, also lasst Cofnas reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Aber das ist halt das besondere US-amerikanische Verständnis, welches oft genug mit dem europäischen kollidiert. Ich halte mich da lieber raus, denn da gibt es zu viele Fallstricke.

Und ja, die "woke" Denkweise ist in diesem Zusammenhang mindestens paternalistisch und in Teilen auch rassistisch. John McWorther hat darüber ein darüber geschrieben.

Zitat von: Juliette am Heute um 10:34:20Es ist wieder ein interessanter Artikel von Sebastian Herrmann in der Süddeutschen:
Stimmt.  :2thumbs:

Ich kann auch zwei gute Artikel beitragen.

ZitatDer Fall Arday zeigt die Fallstricke der Diversitätspolitik

Neue Erkenntnisse rund um Jason Ardays Berufung zum Professor in Cambridge offenbaren, wie sehr damals seine Identität im Mittelpunkt stand. Das war ein entscheidender Fehler – und ein symptomatischer.
https://archive.is/rd8sB

ZitatVerstehen, nicht agitieren entspricht der Universität

Das Schicksal von Jason Arday erschüttert. Doch es bleibt auch ein fataler Eindruck von der University of Cambridge.
https://www.diepresse.com/41193375/verstehen-nicht-agitieren-entspricht-der-universitaet



(At Bhaal Temple)
Karlach: What a pesthole! Can't wait to clear this place out.
Minsc: There will be much trading of threats and insults, no doubt. But Minsc will be ready when it is time for boot to meet butt.
Karlach: You and me both, pal.

RPGNo1

Jetzt wird es richtig spannend. Es wurde ein offener Brief veröffentlicht, in dem zahlreiche Wissenschaftler gegen die Suspendierung von Cofnas durch die Universität Gent protestieren. Mir bekannte Unterzeichner sind u.a.: Sabine Hossenfelder, Steven Pinker, Nikil Mukerji, Ulrich Berger

ZitatDear Professor Petra De Sutter,

As academics, we are concerned that Ghent University's disciplinary proceedings against Dr Cofnas appear to constitute retaliation, at least in part, for publicizing academic misconduct that occurred in British universities.

An essential component of academic freedom is the ability to scrutinize the scholarship of other academics, regardless of their position or status. This must include the freedom to provide evidence of academic misconduct, such as plagiarism and fabrication. The pursuit of truth depends on rigorous self-policing by academics.

We are also concerned that the University appears to be treating threats to academic freedom, whether from its own staff claiming distress or from external actors announcing boycotts, as grounds for disciplining the very individual targeted by those threats.

Therefore we urge Ghent University to protect Dr Cofnas from being punished for exercising his academic freedom.
(At Bhaal Temple)
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Juliette

Zitat von: RPGNo1 am Heute um 10:53:35Also eigentlich sind ja beide, Cofnas und die "Woken" offen rassistisch. Und die akademische Freiheit bedeutet m. E. ja eigentlich nicht, dass man rassistische Sachen lehren darf.

Zitat von: RPGNo1 am Heute um 15:52:10Jetzt wird es richtig spannend. Es wurde ein offener Brief veröffentlicht, in dem zahlreiche Wissenschaftler gegen die Suspendierung von Cofnas durch die Universität Gent protestieren. Mir bekannte Unterzeichner sind u.a.: Sabine Hossenfelder, Steven Pinker, Nikil Mukerji, Ulrich Berger

Soviel ich das verstehe, wurde er wegen seiner rassistischen Lehren suspendiert und nicht wegen seiner Kritik an Jason Arday? Wenn ich ehrlich bin, würde ich nicht an einer Uni studieren wollen, an der wissenschaftlich überholte Rassetheorien gelehrt werden (egal ob man dort Schwarze für dümmer oder oder Juden für geldgeil hält), oder ein Klimawandelleugner Meteorologen unterrichtet oder ein Agrarwissenschaftler, der behauptet, man müsse allen Schlachttieren bei der Geburt die Augen ausstechen, weil sie dann friedlicher seien. Oder ein Matheprofessor, der behauptet, 2 + 3 ergäben 10. Oder ein Mediziner, der sagt, Rauchen mache schön und gesund und Globuli auch.

Jeder kann ja behaupten, was er will, aber manche Leute sollten dann vielleicht nicht unterrichten. Das betrifft auch woke Aktivisten, die sich nicht um Wissenschaft scheren.


"Die Zukunft war früher auch besser." Karl Valentin

RPGNo1

Zitat von: Juliette am Heute um 17:03:15Soviel ich das verstehe, wurde er wegen seiner rassistischen Lehren suspendiert und nicht wegen seiner Kritik an Jason Arday?

"Nichts genaues weiß man nicht", scheint das aktuelle Motto zu sein. Ich habe einen Kommentar auf Ernst' Blog hinterlassen, worauf ich folgende Antwort erhielt: "the suspension has nothing to do with academic freedom, as far as I know, the uni claims he did spend time on things that were not in his contract."
(At Bhaal Temple)
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Peiresc

Ich nehme mir mal 'ne Auszeit, um die Sache nochmal zu durchdenken (d. h., wenn ich die Lust dazu verspüre).
8)

Ich hatte ein paar Sätze von Maarten Boudry im Ohr, der einem ein Begriff sein kann, wenn man am Debunking von Pseudowissenschaften interessiert ist, will heißen, ich habe ihm vertraut. Ich stelle fest, dass er verfälschend zitiert worden ist. Hier sein O-Ton, nebst dem Wortlaut des Suspensierungsschreibens. Nebenbei kommen noch ein paar offenbar charakteristische Details des Vorgangs.

ZitatHere is the full letter from Ghent University suspending @nathancofnas. As you can see, it's one long heckler's veto [...]

Once again, none of this is to imply that I agree with Cofnas' views on race, his calls for a "hereditarian revolution," his statements about Arday, or anything else.

This is purely about academic freedom, something the rector understands absolutely nothing about. Right after taking office, she declared that academics questioning the "genocide" in Gaza or the safety of vaccines would no longer be protected by academic freedom: "This is a line that cannot be crossed." (She was specifically targeting me at the time, when I still worked for UGent.)

And that's not even mentioning the fact that the rector used AI-hallucinated quotations in her inaugural speech and then covered it up and lied about it—which has nothing to do with ideology, just sheer incompetence and dishonesty.

I'm almost inclined to call her a "worthless scholar." But as Einstein probably never said at the Sorbonne in 1929: "Two things are infinite: the universe and human stupidity; and I'm not sure about the universe."
https://x.com/mboudry/status/2090742436729417961?s=20

(meine Hervorhebung, im Faden kommt noch diese oder jene Einzelheit dazu).

Brecht hat mal eine Oper oder so was geschrieben: "Das Verhör des Lucullus". Die letzten Worte waren: "Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück." Dann bekam er Feuer, oder vornehmer, die Partei- und Staatsführung hatte Einwände. Er hat den Titel geändert in "Die Verurteilung des Lucullus" und die Schlusszeile in "Ah, ja, ins Nichts, ins Nichts mit ihm". War das Opportunismus? Möglich, aber nicht sicher. Bei anderer Gelegenheit hat er geantwortet: "Ich bin ein Klassiker. Man wird das Stück mit dem neuen Schluss spielen, und mit dem alten. Warum also ändern?"

tl;dr: für meine Begriffe gehören die Ansichten des Nathan Cofnan nicht in die Wissenschaft, nicht an eine Uni.

Purple Tentacle

Zitat von: Juliette am Heute um 17:03:15Jeder kann ja behaupten, was er will, aber manche Leute sollten dann vielleicht nicht unterrichten.
Nicht 'vielleicht', liebe Juliette, ganz bestimmt sogar. :2thumbs:

Es gibt Grenzen. Die Erde ist annähernd eine Kugel und nicht annähernd eine Scheibe. Wer meint, das anders sehen zu müssen, hat an der Uni nichts zu suchen.
Ach, was weiß denn ich ...

RPGNo1

Ein Einwand: Cofnas ist KEIN Biologe, sondern Philosoph. Ein Biologe, der Eugenik oder Rassismus lehrt, hat an einer Uni nichts verloren. Aber Philosophen labern gerne mal B*llshit, das ist quasi ihre Einstellungsprofil.  ;)

Judith Butler ist ein wunderbares Beispiel dafür. Trotzdem würde ich nicht auf die Idee kommen, diese Person  von ihrem Posten als Distinguished Professor in the Graduate School an der University of California, Berkeley, zu entfernen oder dieser Person einen Maulkorb zu verpassen. Die Unis müssen solche Leute aushalten.
(At Bhaal Temple)
Karlach: What a pesthole! Can't wait to clear this place out.
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Karlach: You and me both, pal.