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Psychoanalyse

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Begonnen von psyanthro, 12. Oktober 2021, 14:35:57

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eLender

Zitat von: Peiresc am 27. Januar 2023, 20:18:47Und es ist eine Reform der Psychotherapeutenausbildung angedacht. Einzelheiten weiß ich dazu nicht.
Habe mal kurz räschärschiert: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/psychotherapeutenausbildung.html

Bissl unkonkret, ist das eher medizinisch oder sozialwissenschaftlich ausgerichtet? Oder will man beide Welten verbinden? Und woher weiß man in so jungen Jahren, dass man das später als Beruf machen kann ;) 
Wollte ich nur mal gesagt haben!

Purple Tentacle

Zitat von: Max P am 27. Januar 2023, 22:12:42Ob du deswegen gleich in eine psychiatrische Notaufnahme gehen solltest, wie oben empfohlen, weiß ich nun nicht. Vielleicht wäre es eine gute Idee, erstmal nach einer Selbsthilfegruppe zu suchen, wo du Leute triffst, die ähnliche Probleme haben.

Diese Empfehlung habe ich nicht leichtfertig gegeben. Scipio schlägt sich mit dieser Stimmungslage nun schon so lange herum, dass da endlich Profis herangezogen werden müssen.

Es ist aber leider so, dass die psychiatrischen Arztpraxen völlig überlaufen sind. Aktuell kann man von über zwanzig Wochen ausgehen, die vergehen, bis man einen Termin nur für ein Erstgespräch bekommt.

Daher ist es durchaus angebracht, in der Ambulanz einer Klinik vorstellig zu werden.
Ach, was weiß denn ich ...

Regen12

@ Scipio 2.0: Therapeutenwechsel sind leider normal, es gibt einfach viele unfähige DünnbrettbohrerInnen. Und am Ende musst du auch noch mit der Person des Therapeuten können.
Für mich stellt deine Reaktion auf die Aussage deines Profs das wirkliche Problem dar. Es hilft doch nichts, ihn als A oder rachsüchtigen Miesmacher darzustellen. Du wusstest ja, wie deine Arbeit war, er hat dir nichts Neues erzählt. Das Motiv sei mal dahingestellt. Ein Gesünderer hätte sich gefreut, dass es trotzdem geklappt hat und einfach weitergemacht. Oder er hätte sich umorientiert, so einfach.
Auch wenn er nichts gesagt hätte, hättest du wahrscheinlich an dieser Arbeit gelitten. Man könnte natürlich über den Wert vieler Arbeiten diskutieren. Dabei ist es völlig irrelevant, wie die bewertet wurden, sie bringen der Forschung und der Gesellschaft einfach nichts. Aber ich glaube, das alles hilft dir am Ende auch nicht weiter.

Ich würde die Hoffnung nicht aufgeben und weiter nach einem Therapeuten Ausschau halten, auch bei den Verfahren, die hier nach einhelliger Meinung unwirksam sind. Vielleicht können dich auch Medikamente temporär unterstützen. Sowohl für Psychotherapie und psychiatrischmedikamentöse Behandlung gilt, dass du dich gut über Nutzen und Risiko informieren und abwägen musst.

eLender

Ist zwar langsam OT, aber da mir das ins Auge geflattert ist und es hier auch um AD und deren Nutzen ging / geht:

ZitatEs war eine Nacht vor elf Jahren, ich lag in einem Krankenhausbett, die Decke über den Kopf gezogen, und konnte nicht einschlafen. In meinen Waden spürte ich ein pulsierendes Kribbeln. Am liebsten wäre ich sofort joggen gegangen, dabei war ich abends sterbensmüde ins Bett gefallen. Auf der psychiatrischen Station des Städtischen Klinikums Karlsruhe hatten mir die Ärzt:innen gerade ein neues Medikament gegen Depressionen verschrieben: Cipralex. Das Kribbeln, auch als Restless-Legs-Syndrom bekannt, war eine Nebenwirkung des Antidepressivums.

Heute, drei depressive Episoden später, schlafe ich meistens durch, nehme aber immer noch Antidepressiva. Über die Jahre habe ich, wegen starker Nebenwirkungen, den Wirkstoff mehrfach gewechselt. Heute bin ich bei einer Mischung aus drei Medikamenten angekommen, die bei mir keine spürbaren Nebenwirkungen haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass mir die Pillen helfen, meine Krankheit zu überstehen. Was ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ist, wie sie eigentlich wirken.
https://krautreporter.de/4740-antidepressiva-helfen-weniger-als-du-denkst

Keine einfachen Antworten. Ich kann dazu nichts sagen, da ich sowas nie genommen habe, aber in meinem nahen Umfeld gibt es auch Berichte, die nicht eindeutig sind. Anekdoten halt ;)
Wollte ich nur mal gesagt haben!

eLender

Ein (weiteres) Gespräch von Nikil Mukerji mit Christoph Bördlein ("Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine") (beide GWUP), das hier ganz gut reinpasst. Wir haben ja zumindest kurz den Behaviorismus und Erich Fromm erwähnt. Zu letzterem eine wirklich schöne Anekdote, ab min 47.20  ;D


Das ist eigentlich nicht so meine Domäne, aber es war trotz der Dauer erstaunlich lehrreich und kurzweilig. Dass das Lernen ein evolutionärer Vorgang ist, habe ich aber schon immer gewusst (nuja, ich habe das lern-evolutionär erkannt). Das ist auch quasi der Ansatz des radikalen Behaviorismus. Und ich war überrascht: er ist was ganz anderes, als sich viele vorstellen (mich bis jetzt eingeschlossen). Es heißt gelegentlich (wohl aus konstruktivistischer Perspektive), er sei tot. Stimmt ja gar nicht.

Er ist auch praxistauglich. Vor allem was das Lernen und vor allen das Lehren angeht.
Wollte ich nur mal gesagt haben!

Purple Tentacle

 :merci: Ist auf meiner Später-ansehen-Liste gelandet.
Ach, was weiß denn ich ...

Purple Tentacle

Zitat von: eLender am 04. Februar 2023, 22:20:15Ein (weiteres) Gespräch von Nikil Mukerji mit Christoph Bördlein ...

UiUiUiUi, Tiffy, ganz schön schwäaare Kost!

Das Gespräch zwischen den beiden hat mich in so vielen Punkten im positiven Sinn getriggert, dass ich es mir häppchenweise noch mal zu Gemüte führen muss.

Nochmals :merci: für den Hinweis auf das Video.
Ach, was weiß denn ich ...

eLender

Zitat von: Schwuppdiwupp am 11. Februar 2023, 18:52:45Das Gespräch zwischen den beiden hat mich in so vielen Punkten im positiven Sinn getriggert, dass ich es mir häppchenweise noch mal zu Gemüte führen muss.
Ja, das sollte ich mir auch nochmal ansehen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass das plötzlich so einen Wirbel macht. Kostet alles Zeit und macht müde, aber wenn man mitreden will... :kaffee
Wollte ich nur mal gesagt haben!

Peiresc

Jeffrey Masson (geb. 1941) war von 1971 bis 1981 Psychoanalytiker. Vorher war er Sanskrit-Professor. In seinem Buch Final Analysis: The Making and Unmaking of a Psychoanalyst, 2. Aufl. 2003 beschreibt er seinen Werdegang.

ZitatIn 1971, more than anything else I wanted to become a psychoanalyst. For the next seven years, in analysis and analytic training, I talked, read, and breathed psychoanalysis.

Aus dieser Zeit berichtet er einige bezeichnende Anekdoten über die Korruptheit des Fachs (Zügellosigkeiten, Willkür, sexuelle Verfehlungen u.ä.), aber nichts völlig Unerwartetes, und es war auch noch kein Grund, vom Glauben abzufallen. Irgendwo musste es sie ja geben, die ideale Analyse. Aber so richtig war die Psychotherapie nicht seine Berufung (auch war er kein Mediziner). Er stürzte sich mehr in die, ähm, Forschung und las alles, was man in Amerika über die Psychoanalyse lesen konnte.

Dann begegnete er Kurt Eissler, dem Gralshüter der Psychoanalyse.
Zitat... he was always engaged in serious, controversial, and significant research. When it came to Freud the man, however, there was nothing too trivial for his close scrutiny. I remember once, when we saw a silent film of Freud speaking in the last year of his life to a childhood friend, Eissler wondered if it would not be possible to analyze the movements of the mouth to discover what words Freud was uttering at the time. No word from Freud, written, remembered, or recorded was ever trivial to Eissler.

Sie fanden sogleich eine gemeinsame Sprache, und weil er öfter mit Eissler gesehen wurde, stieg Masson in den innersten Kreis der Psychoanalyse auf. Er wurde mit Anna Freud bekannt. Von Eissler zum Kronprinzen ernannt, erwirkte er von Anna Freud die Genehmigung, in den nachgelassenen Papieren des Obergurus zu stöbern. Dort machte er eine ihn verstörende Entdeckung in der Freud-Fließ-Korrespondenz. (nicht weiter wichtig: es ging um die ,,Seduktionstheorie", einen Gründungsmythos – über eine Frage, in der die Psychoanalyse mangels empirischer Methodik keine Entscheidungskompetenz hat).

Darüber gab es eine kleine Artikelserie in der New York Times. Die Analytiker fühlten sich verraten, und Eissler selbst, menschlich auf das Schwerste enttäuscht, sprach das Anathema über den Direktor des Sigmund-Freud-Archivs. Die Schlussszene des Buches ist es wert, zitiert zu werden (ich kürze aber stark). Hier ist sie.

ZitatThe thirteen members of the board of directors of the Sigmund Freud Archives met in Eissler's apartment in New York on November 14, 1981, just about a year to the day after I had been appointed projects director. I was present to defend myself. It was a strange meeting on many counts. It was immediately apparent to me that nobody except Eissler and I had any interest in the issues we were supposedly there to discuss. Nor did those present express any understanding of the historical dimensions of these issues. Many of them seemed rather vague as to what, precisely, the seduction theory was, and what, precisely, my apostasy was.

Das konnte man, bei Lichte besehen, auch niemandem übelnehmen, aber darum ging es natürlich nicht,
ZitatBut they were extremely well informed about the gossip value of all the fuss. They knew that Eissler was receiving many phone calls asking for my dismissal. They knew that Eissler and I had been close friends, and that the meeting would be traumatic for one or both of us. It promised to provide entertainment. They were not disappointed.

The articles in the New York Times made psychoanalysis look bad. The directors were not asking why, or whether there was any truth in my claims, but were simply concerned with appearances. I felt very much like an executive of Coca-Cola whose sin was to have made statements that indicated that I did not believe it was the healthiest drink in the world. I didn't. [...]

Er hört tausend Vorwürfe, einer abwegiger als der andere,
ZitatOne of the older analysts present said that the article had been a personal embarrassment to him as a psychoanalyst. What did I have to say to that? I had nothing to say to that. I did not want to be discourteous and tell him that I really didn't give a damn what personal discomforts he had suffered on behalf of my views about the seduction theory. It just seemed too petty to take seriously. "Moreover"—he was not finished—"you have abandoned all the major tenets of psychoanalysis." This was probably true, but I was not sure how he knew. "Let me read what you wrote," and he proceeded to read from the newspaper account, which everybody had already read. But then he did a most astonishing thing—he added the following sentence: "And now I no longer believe in repression or the unconscious." This was as if in a meeting of senior Vatican officials, one of the cardinals were to announce that he no longer believed in the Holy Trinity, or even the existence of God.

In der Tat liegen solche Vergleiche nahe. Über den Konflikt der ,,Modernisten" mit der katholischen Kirche zu Anfang des 20. Jhd. kann man finden: ,,What troubled Modernists was, How can the Church survive?, while for Pius X the question was, How can these men be priests?"
ZitatWhen there was a murmur of disapproval I had to object. "But I never wrote those lines. They are not in the article at all. You have simply invented them."
"Yes," he said, "they are here in black and white."
I leaned over to see what he was quoting, and noted that he had penciled in the lines he was citing. I said so. " You have added those lines. They are not part of the article." Several people then said something about disagreements—this was hardly a disagreement, he had simply lied—and shouldn't we stop arguing and get on with the matter at hand? I was burning with indignation, but I could see that I would get nowhere by dwelling on this man's outrageous conduct.

Auch das ist ein durchaus gewöhnliches Verfahren, in der Kirche und anderswo. Und es geht noch eine ganze Weile so weiter. Schließlich:
ZitatEissler was calmer now, and he said that all that was true, and he would now tell me why I had to be fired. I was being fired for three reasons. "The first is the article that appeared in the New York Times. The second reason is the Zeplichal incident. Do you remember, Professor Masson? In one of the Silberstein letters, Freud told his friend that he was sending him a book by Zeplichal. I asked you to find out who this person was. You looked it up and said apparently he had written a book on geometry. But you were wrong, Professor Masson. The Zeplichal Freud had in mind had written a book on shorthand, not geometry." Here he paused to look up at me. Eissler was serious and apparently considered this almost a sin. "The third and last reason you are being fired is that you told Anna Freud that a letter published in German from Freud to Karl Kraus contained nine transcription errors. But in fact you were wrong. There were only six errors, not nine." Again, he looked absolutely indignant. Eissler was a quirky man, a strange and finally a lovable man. I did not want to push him. I did not want to hurt him. Something terrible was going on inside him; he was not capable of talking about it, but it was real, and I was the source of his pain. I did feel bad for him. But I could not let the others off I so lightly. So I turned to them, and I said, "Well, Dr. Eissler has told you the reasons why I am being fired. I want to ask you, do you all feel so strongly about Zeplichal?" For a moment, they looked confused ("Who??"), then there was murmured assent, "Yes, indeed, you got Zeplichal wrong, terrible, a terrible incident." I turned to one of the men, whom I had liked, and I said directly to him, "Do you honestly believe this is so terrible? Do you really believe that?" He did not hesitate. "Oh yes, it's terrible, absolutely terrible." I realized they would repeat anything Eissler told them, even if they could barely pronounce the words.

Monty Python lässt grüßen.

Aber so völlig clever waren sie nicht, oder Massons Erzählung ist nicht komplett. Er hätte sie noch eine Weile vor Gerichten durch den Kakao ziehen können, oder er hätte sich sein Schweigen über den ganzen Vorgang vergolden lassen können.