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Autor Thema: Psychoanalyse  (Gelesen 1610 mal)

Peiresc

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Re: Psychoanalyse
« Antwort #30 am: 25. Oktober 2021, 23:58:02 »
Das hört sich nach Rudolf Steiner an, was die Erkenntnismethode und seine Gefolgschaft angeht.

Steiner war ein Studienabbrecher. Freud war geschickter, hatte mehr Ressourcen. Er beherrschte das Vokabular. Er hatte als Absolvent eigentlich eine relativ aussichtsreiche Zukunft an einer der damals führenden Unis der Welt (Wien), hatte dort einflussreiche Freunde, die exzellente Wissenschaftler waren - sein einziges Problem war, dass er ein armer Jude war, das nagte an ihm. Es hätte was aus ihm werden können.

Bei Steiner reicht es eigentlich, eine beliebige Seite eines beliebigen Buches gelesen zu haben, und man ist durch mit dem. Das ist bei Freud nicht so. Ansonsten aber ist das im Grundsatz korrekt. Harriet Hall schließt ihre Besprechung mit diesem Satz:
Zitat
Readers familiar with the development of alternative medicine treatments will find many parallels.

eLender

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Re: Psychoanalyse
« Antwort #31 am: 26. Oktober 2021, 00:29:07 »
Danke! In diesem Licht hatte ich mich selbst noch nie betrachtet!  :teufel
Jetzt weißt du auch, warum du immer muhen musst, wenn es irgendwo im Universum eine Supernova gibt.

Das ist bei Freud nicht so.

Ich meinte in der Tat die Art und Weise, wie man zu seinen Erkenntnissen gelangt. Bei Steiner war es die "hellsichtigen Schau in Höhere Welten", die Empirie war dann nur noch notwendig, um das Erkannte zu belegen. Das scheint mir bei Freud ähnlich zu sein.
Wollte ich nur mal gesagt haben!

Typee

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Re: Psychoanalyse
« Antwort #32 am: 26. Oktober 2021, 10:16:48 »
Das hier liest man aktuell beim Ausbildungsinstitut der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung in NRW:
Zitat
Die Psychoanalyse verfügt über eine besondere eigene Untersuchungsmethode, eine differenzierte Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologie (Metapsychologie), eine daraus abgeleitete umfassende Krankheitslehre und schließlich eine Behandlungsmethode, die in den verschiedenen Formen psychoanalytischer Psychotherapie ihre Anwendung findet.
https://psychoanalyse.koeln/was-ist-psychoanalyse/

Sag ich doch: das hat den gleichen Geruch wie die Homöopathie.
Wer den Zufall nicht ehrt, ist der Kausalität nicht wert.

eLender

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Re: Psychoanalyse
« Antwort #33 am: 26. Oktober 2021, 23:04:36 »
Zitat
Tatsächlich gibt es für die meisten Versprecher Erklärungen, die ohne tiefenpsychologische Mechanismen auskommen. Unser Sprachplanungssystem macht überraschend selten Fehler. Nur alle 1000 Wörter verhaspeln wir uns – und das bei einer durchschnittlichen Rede­geschwindigkeit von drei Wörtern pro Sekunde. Daher fallen Versprecher, wenn sie vorkommen, dem Hörer meistens sofort auf.
...
Derartige Fallstricke bei bestimmten Schritten der Sprachproduktion reichen in aller Regel schon aus, um selbst peinliche Versprecher zu erklären. Mehr hineinzuinterpretieren ist schlicht unnötig. Küchenpsychologische Deutungen verraten so gesehen meist mehr über den Hörer als über den (Ver-)Sprecher.
https://www.spektrum.de/frage/was-versprecher-verraten/1930486

Die allermeisten Versprecher sollen also gar keine tiefere Bedeutung haben. Nur die echten freudschen Verbrecher Versprechertm sind dann wohl Botschaften aus den Tiefen des menschlichen (Unter-)Bewusstseins. Das hat sich unser Freund doch wieder aus der Westentasche geschüttelt. Egal, man muss nur irgendwelche Experimente finden, die das irgendwie bestätigen. Vll. taugt dazu ein EEG.
Wollte ich nur mal gesagt haben!

Peiresc

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Re: Psychoanalyse
« Antwort #34 am: 25. November 2021, 02:24:25 »
Freud und Fleischl

Inzwischen habe ich mich noch ein bisschen in das Thema verbissen. Natürlich habe ich keinen Überblick, aber ein blasser Schimmer dämmert mir. Ich will ihn kurz schildern. Insbesondere hat mich interessiert, was denn wohl die Psychoanalytiker gegen die Kritik vorzubringen haben.

Dabei ist mir ein Buch von Thomas Köhler (WP): Freud-Bashing. Vom Wert und Unwert der Anti-Freud-Literatur, Psychosozial-Verlag 2017, in die Hände gefallen. Der Titel klang vielversprechend, aber der erste Eindruck ist in gewisser Weise ernüchternd. Namen wie Frank Cioffi, Malcolm MacMillan, Mikkel Borg-Jacobsen, Frederick Crews, Paul Roazen oder Peter Swales, die das Gesicht der heutigen Freud-Kritik prägen, kommen nicht vor, dafür seitenlange Besprechungen steinalter Bücher, die niemand mehr kennt (weil „exemplarisch“).

Ein paar halbwegs zeitgenössische Kritiker kommen aber vor. Ich greife ein Beispiel heraus: Herbert Selg, Sigmund Freud - Genie oder Scharlatan? eine kritische Einführung in Leben und Werk (2002) ein kurzes Bändchen, auf Allgemeinverständlichkeit getrimmt. Köhler bescheinigt Selg
Zitat
eine Wortwahl, wie sie eigentlich in der Wissenschaft ungebräuchlich sein sollte … höchst spekulative Annahmen eingestreut sind, welche den Begründer der Psychoanalyse in schlechtem Licht erscheinen lassen, danach einige Versuche der Schnellwiderlegung Freudscher Thesen, welche nach falscher Darstellung der Theorie scheinbar überzeugend wirken. … unbelegte herabsetzende Äußerungen … bemerkenswerte Konglomerat aus wissenschaftlicher Unsauberkeit, abgeschmackter Polemik, psychoanalytischem Halbwissen und tendenziösen Unwahrheiten
Tatsächlich findet er in diesem Buch ein, zwei wirkliche Fehler zulasten Freuds. Der Rest aber sind aufgebauschte oder wissentlich fehlinterpretierte Kinkerlitzchen. Was Selg eigentlich vorzubringen hat, lässt sich kaum erschließen. Köhler hat einfach die kritisierten Bücher nach Stellen gescannt, an denen er einzuhaken können glaubte, wie wir das von unseren Cranks kennen.

Da macht er sich nix draus. Selg hatte sich beschwert, Köhler versuche auf Nebenkriegsschauplätzen kleine Scharmützel zu gewinnen, aber kümmere sich nicht darum, „die Kritik an den Ungereimtheiten der Traumdeutung und der Interpretationen von Fehlleistungen zu widerlegen“. Köhler antwortet:
Zitat von: Köhler
All das täte ich gerne - wesentlich lieber als mühsame Textvergleiche durchzuführen -; ich habe aber weder Lust noch Zeit noch Raum, zunächst einmal die Fehldarstellungen der Kritiker zu korrigieren. Ziel dieses Buches […] ist es, überhaupt die wissenschaftliche Dignität der Autoren zu beleuchten, wobei ich leider fast durchwegs zu einem sehr negativen Urteil gekommen bin. Um es im Jargon der schlagenden Verbindungen auszudrücken: Kollege Selg ist - wie viele andere auf dem Gebiet der Anti-Freud-Literatur - einfach »nicht satisfaktionsfähig«.
Er täte es gerne, aber er hat keine Lust - und das im gleichen Satz. Statt zur Sache Stellung zu nehmen, wird er einfach nur beleidigend, und darauf ist er stolz. Selten wird man in der wissenschaftlichen Literatur finden, dass es sich ein Autor explizit zum Ziel macht, allein an der Reputation des Kontrahenten zu kratzen (implizit sieht man das natürlich öfter).

Dies war die Vorrede, ich komme zur Sache und zitiere aus Köhler, S. 87:
Zitat von: Köhler
Selgs nächstes Kapitel widmet sich der unvermeidlichen »Kokain-Episode« - der Autor spricht von »Kokain-Affäre«. Hier erfährt die Leserschaft wieder bemerkenswerte Enthüllungen zum Unheil bringenden Freud: »Freud behauptete wider besseres Wissen, einen morphiumsüchtigen Freund [...], der an bestimmten starken Schmerzen litt, mit Kokain erfolgreich behandelt zu haben; der Freund - morphium- und kokainsüchtig geworden - starb schon wenige Jahre später, »anscheinend beschleunigt durch die Kokainsucht20« (Selg, 2002, S. 11). Die Fußnote 20 bezieht sich Selg zufolge auf Sulloway (1982, S. 57), aber er hätte gar nicht soweit suchen müssen. Das Ganze steht nämlich (sogar ohne das abschwächende »anscheinend«) in der Traumdeutung. »Die Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon verstorbener Freund, hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen Untergang beschleunigt« (Freud, 1900a, GW II/III, S. 116; Sulloway bezieht sich auch ausschließlich auf diese Passage).
Das "unvermeidlich" zeigt an, dass die Angelegenheit peinlich ist und deshalb schleunigst vergessen werden sollte. Die Erwähnung in der Traumdeutung ist eine Verschleierung und ein victim blaming: Freud selber war es, der Kokain nicht nur allgemein empfohlen, sondern begeistert und unkritisch seinem Freund persönlich injiziert und weiter verabreicht hat. Davon steht natürlich kein Sterbenswort in dem Freudschen Werk, so dass der explizite Verweis auf Sulloway unverzichtbar ist. Verwerflicher noch ist, dass Freud Kokain weiter öffentlich propagiert und gegen Erlenmeyer, einen führenden Suchtspezialisten seiner Zeit, verteidigt hat ("Cocainfurcht"), obwohl er den schlimmen Verlauf bei Fleischl direkt vor Augen hatte. Dabei hatte er die Chuzpe zu behaupten, dass eine Sucht nur bei Injektion auftrete, wo er doch die orale Gabe vertreten habe (ich stütze mich auf Crews, der einen Freud-Text zitiert und "Sigmund Freud, Schriften über Kokain. Ed. Albrecht Hirschmüller. Frankfurt: Fischer Taschenbuch, 1996, pp. 124–125." als Quelle angibt).

In Sulloways Biologist of the Mind S. 26 ist zu lesen:
Zitat
On the other hand, Freud’s good friend Fleischl, to whom Freud had prescribed cocaine, soon became severely addicted to the drug—an addiction that apparently hastened his death in 1891 (Interpretation of Dreams, 1900a, S.E., 4:111).
Sulloway bezieht sich natürlich nicht "ausschließlich" auf diese Passage (auch das Todesjahr Fleischls ist dort nicht erwähnt), sondern er führt die Quelle explizit an, um zu belegen, dass die verderbliche Wirkung des Kokains von Freud persönlich eingeräumt worden ist. Wenn Selg hier nicht korrekt zitiert hätte, was hätte Köhler dazu gesagt? Diese Frage ist einfach zu beantworten: er hätte "den Entzug des Doktortitels" gefordert (S. 88). Auch ist es völlig adäquat, ein einschränkendes "anscheinend" einzufügen, denn die Traumdeutung ist bei egal welcher Behauptung alles andere als ein exaktes medizinisches Journal, dessen Worte als verbürgt hinzunehmen sind.

Die Studienausgabe der Traumdeutung (Fischer 1982), die die editorial notes der S.E. [Standard Edition] einarbeitet, erläutert in der Fußnote zu dem "1885" in dem von Köhler angeführten Satz:
Zitat
"Dies ist ein Druckfehler in allen früheren deutschen Ausgaben. Es muß heißen: 1884, denn das ist das Erscheinungsjahr von Freuds erster Kokainarbeit."
Das ist formal korrekt, aber es rückt die persönliche, direkte Verantwortung Freuds vollends außerhalb jedes Gesichtskreises. Mit Fleischls Behandlung hatte er Anfang Mai 1884 begonnen, noch vor seiner ersten Veröffentlichung "Über Coca", geschrieben im Juni und erschienen im Juli 1884. Dort schreibt er*:
Zitat von: Freud
Ich hatte Gelegenheit, eine plötzliche Morphinentziehung unter Cocagebrauch bei einem Manne zu beobachten, der bei einer früheren Entziehungscur unter den schwersten Abstinenzerscheinungen gelitten hatte. Das Befinden war diesmal ein erträgliches, insbesondere fehlten Depression und Nausea, so lange die Cocawirkung anhielt; Frieren und Diarrhöe waren die einzigen permanenten Symptome, welche an die Abstinenz erinnerten. Der Kranke blieb ausser Bette und leistungsfähig, und verbrauchte in den ersten Tagen je 3 Decigramm Cocainum muriaticum; nach 10 Tagen konnte er das Mittel bei Seite lassen.
Es handelt sich bei der Morphinentziehung durch Coca also nicht um einen Tausch, bei welchem aus dem Morphinisten ein Coquero wird, sondern nur um einen temporären Cocagebrauch.

Ernest Jones, Mitglied des Geheimkomitees, schreibt in seiner Freud-Biografie, dem psychoanalytischen Standardwerk dazu, Bd. I S. 115:
Zitat von: Jones
Wie wir schon erwähnt haben, gab ihm Freud anfangs Mai 1884 zum erstenmal Kokain, denn er hoffte, Fleischl damit das Morphium abzugewöhnen,
Fleischl ging es dreckig. Seine Behandlung mit Kokain war illusorisch und darauf zurückzuführen, dass Freud Kokain für eine Panazee hielt, mit der er groß rauszukommen und Kasse zu machen hoffte, aber sie ist zumindest noch menschlich verständlich.

Weiter mit Jones:
Zitat von: Jones
und für kurze Zeit hatte er großen Erfolg. Er besuchte ihn jetzt regelmäßig, half ihm seine Bibliothek ordnen und ging ihm auch sonst an die Hand. Aber schon nach acht Tagen verschlimmerte sich Fleischls Zustand bedenklich. Als auf sein Klopfen niemand antwortete, rief Freud zwei Freunde, Obersteiner und Exner, zu Hilfe und verschaffte sich mit ihnen zusammen gewaltsam Eingang ins Zimmer, wo Fleischl, fast bewußtlos vor Schmerzen, auf seinem Bett lag.
Und selbst das ist noch eine Beschönigung. Crews zitiert aus einem Brautbrief vom 12. Mai 1884:
Zitat von: Freud, zit. n. Crews
Fleischl is in such a sad state that I cannot enjoy the cocaine success at all. He continues to take it, and it continues to protect him against the miserable state of morphine use. But he has had such frightful pains in the nights from Friday to Saturday and from Saturday to Sunday that he lay there as if unconscious until 11 a.m. Then in the afternoon, under the influence of cocaine, he was quite well. Early Monday I wanted to visit him, but he didn’t answer my knocking. Two hours later, the same result. Finally Obersteiner, Exner, and I pulled ourselves together, got the key from the servant, and went in. There he lay, quite apathetic and not answering our questions. Only after some coca did he come to himself and tell us that he had had terrible pains. These attacks afflict the soul; in that state he can only become maniacal or kill himself. I don’t know whether he took morphine during these attacks. He denies it, but one shouldn’t believe a morphinist, even if it’s an Ernst Fleischl.17

Er wollte doch nur helfen. Die Veröffentlichung aber ist nicht mehr mit Naivität entschuldbar, sondern war unverantwortlich, eines Arztes und Wissenschaftlers unwürdig.

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* Ich zitiere aus einem Separatdruck dieser Arbeit 1885, "neu durchgesehen und vermehrt", S. 22: Den Text der Originalversion habe ich nicht gesehen, aber Crews führt das Zitat auch an, so dass ich mir denke, es entspricht dem ursprünglichen Textstand. Wenn es nicht so wäre, dann umso schlimmer.