Postings reflect the private opinion of posters and are not official positions of Psiram
Foreneinträge sind private Meinungen der Forenmitglieder und entsprechen nicht unbedingt der Auffassung von Psiram

Autor Thema: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)  (Gelesen 4218 mal)

Rubinstein

  • Forum Member
  • Beiträge: 12
Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #30 am: 31. August 2020, 03:12:47 »
Ich will versuchen einige Mechanismen zu beschreiben an denen wir gescheitert sind - auch dies ist mehr ein Brainstorming.

Zunächst mal muss erwähnt werden, dass alle erzieherisch tätigen Gruppen sich auf einem schmalen Grad bewegen - sei es Kindergarten, Schule, Erzieher, ... etc. Würde man die Frage stellen "Ist Familie gefährlich?" kann man dies wohl auch nur mit ja beantworten. Die meisten Morde, Misshandlungen und Vergewaltigungen passieren im familiären Rahmen. Würden wir deshalb die Familie abschaffen? Selbst wenn wir das täten würden wir das Problem nur in die Heime verlagern.   

Die meisten freikirchlichen Gruppen die ich kenne sind aus der Rebellion entstanden - kleine reformatorische Gruppen die mit den großen Kirchen unzufrieden waren. Wir waren eine reformatorische Gruppe die wiederum mit einer verknöcherten, unglaubwürdigen Freikirche nicht zufrieden waren. In der Rebellion liegt immer auch das Problem der Übertreibung - auch wenn unsere Kritik im Kern nicht falsch war kann Radikalität dies durchaus sein. Außerdem führt Übertreibung zu kleinen, aber fatalen theologischen Ungenauigkeiten und Überbetonungen.

Ein wichtiger Faktor ist auch Zeit und Wachstum einer Gruppe. Wir sind als kleine Gruppe gestartet, die mit viel Herz helfen wollten - teilweise waren unsere Mitarbeiter ehemalige Häftlinge und Drogenabhängige. Mit dem Wachstum kamen immer mehr Mitarbeiter die zwar die Methode kopierten aber nicht genau so viel Mitgefühl hatten wie die Gründer der Bewegung. Mit den nächsten Generationen bleibt dann nur noch die Methode ohne Menschlichkeit - die Bewegung wird gefährlich oder stirbt.

Am Rande erwähnt sei hier auch ein geografischer und geschichtlicher Aspekt - was unter Todesgefahr in der UDSSR logisch war - kann für die Gemeinde russischer Flüchtlinge in Deutschland genau das Gegenteil sein. Was vor 100 Jahren noch revolutionär war kann heute vollkommen verkehrt sein. Viele freikirchliche Gruppen verpassen schlicht den Zug.

Ein weiteres Problem an dem wir gescheitert sind waren kleine theologische Verschiebungen. Dazu ein Beispiel:

Die freikirchliche Theologie hält die Bibel nicht für eine Sammlung bildlicher Geschichten sondern, soweit nicht anders gekennzeichnet, für reale Geschichte - kurz: entweder ist das Buch halbwegs ernst zu nehmen oder die christliche Religion ist nur ein schönes Märchen. Muss man nicht toll finden, kann man belächeln, aber immerhin ein eher harmloser Standpunkt. In vielen freikirchlichen Gemeinden wird das wie folgt gelehrt "Die Bibel ist die Wahrheit und ist wörtlich zu verstehen". Was für die meisten hier wohl eher dumm klingt, klingt für den Freikirchler wie richtige Theologie, nur knackiger - doch er irrt sich, dieser Satz ist nicht nur verkehrt sondern brandgefährlich. Ich habe viel Leid und Idiotie in den Freikirchen gesehen, ausgelöst durch diesen Satz.
   
Warum? Zunächst wird hier prognostizierte Wahrheit mit der erfassten Wahrheit verwechselt. Selbst wenn die Bibel wahr wäre, muss man sie noch lange nicht verstanden haben. Ganz sicher enthält die Bibel auch nicht "die Wahrheit" - den Satz des Pythagoras wird man hier vergeblich suchen, darum ist er aber nicht falsch. Naturwissenschaft, Philosophie, Geschichte, Sozialwissenschaft (etc.) sind existenzieller Teil der Wahrheitsfindung und damit zwangsläufig des Christentums! Und dann auch noch das hier "die Bibel ist wörtlich zu nehmen" - was bitteschön soll das heißen?! Texte sind sehr flexible Gebilde, die interpretiert man, ob man will oder nicht. Ich gehe einen Schritt weiter: Nach Abwägung kann (muss - in kritischen Fällen) ein Christ auch gegen die vermuteten Wahrheiten der Bibel handeln wenn dies der bestmöglichen Erkenntnislage (aller Wissenschaften) entspricht, alles andere ist unverantwortlich und gefährlich. Dies folgt dem Grundsatz der Bibel: Der Mensch ist ein Wesen mit freiem Willen.

Als ich den Satz "Die Bibel ist die Wahrheit" das erste mal im Gottesdienst gehört habe, fand ich den etwas krass, aber eben nicht grundsätzlich theologisch falsch. Ich habe nicht darüber nachgedacht. Hat man ihn öfter gehört klingt er zunehmend harmloser. Irgendwann hat man das als "irgendwie richtig" gespeichert. Geht jemand hier demagogisch vor, kommt er sehr leicht zu einer Aussage die erschreckend ist: "Gott verlangt absoluten und blinden Gehorsam" - wenn ich nicht gegen die Bibel handeln darf ist das der Umkehrschluss. Dieser Satz ist übrigens genau so bei uns gefallen. Ich persönlich fand das verstörend, konnte aber nicht zurückverfolgen wo der Denkfehler liegt. Dazu kam die ständige Müdigkeit und Anspannung die sich aus unserm Engagement ergeben hat - da hat man wichtigeres zu tun als an theologischen Feinheiten zu basteln. Ich hätte auch aufspringen und widersprechen können - dann hätte mich der Vorwurf getroffen nicht blind Gehorsam zu sein: Quod erat demonstrandum ;-)

Ich weise darauf hin, dass dies nur ein kleines Beispiel ist was auch nicht auf alle Freikirchen zutrifft. In unserem Fall wurden außerdem weitaus mehr Tricks genutzt. Aber deutlich wird, dass der Schritt von "Jesus liebt dich" zu "Heil mein Sekten-Führer" gefährlich kurz sein kann. Nicht immer passieren diese Verschiebungen, wie bei uns, beabsichtigt. Viele Freikirchen oder einzelne Personen driften unbeabsichtigt ab. Auch muss das Ergebnis nicht immer gleich aussehen. Man kann mit ein wenig Theologie auch lallende und tanzende Massen erzeugen, die sich willig abmelken lassen. Wie immer weise ich auch darauf hin, dass nicht nur Freikirchen solche Probleme haben.

Ich bitte zu berücksichtigen, dass es extrem schwer ist, vor einem so kritischen Publikum die Mechanismen der eigenen Sekte zu beschreiben. Ich war lange genug Atheist, um zu begreifen wie lächerlich vieles klingen muss.


Peiresc

  • Forum Member
  • Beiträge: 7690
Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #31 am: 31. August 2020, 09:56:10 »
Nach meiner Erfahrung stellen sich Grundsatzfragen in existenziellen Krisen. Man fängt an, an Gott zu glauben („Not lehrt beten“), schon immer:
Zitat
Im Holländischen Krieg, 1672-1679, und bei den Bauarbeiten am Schloß von Versailles, das auf Sumpfgebiet errichtet wurde und unzählige Kranke forderte, waren die »Fieber« alltäglich. Bossuet rief von seinem Lehrstuhl herab: »Bekehrt euch, wartet nicht, bis euch die Krankheit nützliche Ratschläge gibt, daß der Gedanke darüber von Gott kommt und nicht vom Fieber.«
– oder man hört auf, an Gott zu glauben.
Zitat
A prayer under these conditions [Auschwitz] would have been not only absurd (what rights could I claim? and from whom?) but blasphemous, obscene, laden with the greatest impiety of which a nonbeliever is capable. I rejected the temptation: I knew that otherwise were I to survive, I would have to be ashamed of it.

- Primo Levi (zit. n. Christopher Hitchens)

Als ich den Satz "Die Bibel ist die Wahrheit" das erste mal im Gottesdienst gehört habe, fand ich den etwas krass, aber eben nicht grundsätzlich theologisch falsch. Ich habe nicht darüber nachgedacht. Hat man ihn öfter gehört klingt er zunehmend harmloser. Irgendwann hat man das als "irgendwie richtig" gespeichert. Geht jemand hier demagogisch vor, kommt er sehr leicht zu einer Aussage die erschreckend ist: "Gott verlangt absoluten und blinden Gehorsam" - wenn ich nicht gegen die Bibel handeln darf ist das der Umkehrschluss. Dieser Satz ist übrigens genau so bei uns gefallen. Ich persönlich fand das verstörend, konnte aber nicht zurückverfolgen wo der Denkfehler liegt. Dazu kam die ständige Müdigkeit und Anspannung die sich aus unserm Engagement ergeben hat - da hat man wichtigeres zu tun als an theologischen Feinheiten zu basteln. Ich hätte auch aufspringen und widersprechen können - dann hätte mich der Vorwurf getroffen nicht blind Gehorsam zu sein: Quod erat demonstrandum ;-)

Was Du hier beschreibst, ist letztlich der Kern jeder Ideologie. Jeder Kommunist kann das unterschreiben, er muss nur die Termini austauschen. Er kennt solche Vorwürfe aus Parteilehrjahren. Der Hardcore-Trumpanse Charlie Kirk bringt es genauso auf den Punkt (er hat gerade seine “Doktrin“ in bewundernswert schlichter Weise zusammengefasst, ich finde es leider nicht mehr: Wer nicht für Donald J Trump ist, der ist gegen Jesus Christus).

Ich habe nicht darüber nachgedacht.
Das ist das Problem.

Rubinstein

  • Forum Member
  • Beiträge: 12
Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #32 am: 31. August 2020, 13:59:05 »
@Peiresc: Guter Beitrag. Der Übertrag auf andere Gruppen finde ich bemerkenswert. Hier stoßen wir auf den Kern des Problems. Wenn man noch genauer hinschaut verlaufen die Grenzen nicht an den Rändern von Gruppen sondern durch sie hindurch.

Zitat
Ich habe nicht darüber nachgedacht.
Das ist nicht immer so einfach wie es scheint. Allein die Länge eines Vortrages kann hier zum Problem werden.

Ich habe diesbezüglich mal einen kleinen Versuch gestartet: Ich habe soeben "Wort und Wissen" angeschrieben. Das ist die Organisation die den "Kreationismus" in Deutschland maßgeblich prägt.

Hier meine mundgerecht verpackte Anfrage:
Zitat
Als Christ beobachte ich notgedrungen die schwierigen politischen Entwicklungen in den USA. In Gesprächen wird es zunehmend schwieriger christliche Inhalte zu vermitteln. Ein Gespräch über Schöpfung ist kaum noch möglich wenn Christen in den USA Herrn Trump, der Ikone des Postfaktischen, zur Macht verhelfen. Natürlich ist mir bewusst, dass die Positionen evangelikaler Christen in den USA vermutlich sehr unterschiedlich sind. Das hilft aber nicht solange dies nicht öffentlich bekannt ist. Auch in Deutschland ist eine Tendenz evangelikaler Christen zu rechtsradikalen Parteien zu beobachten. Die evangelikale Bewegung scheint sich aktuell "vom Wort" und "vom Wissen" zu verabschieden, auch wenn sie in Einzelfragen, wie der Evolution, recht haben mag.

Ich habe versucht herauszufinden ob es Korrekturversuche von Seiten deutscher, christlicher Medien gibt. Bei "Wort und Wissen" konnte ich bisher keine Hinweise finden. Bemerkenswert fand ich jedoch, dass Herr Siegfried Scherer, auf seiner Internetseite, sich von der Kreationismus-Bewegung distanziert. Liest man seine Positionen kann man erahnen, dass er das politische Problem verstanden hat. Dies ist um so bemerkenswerter weil er sich mit seiner Meinung zwischen alle Stühle setzt.

Daher meine Frage: Gibt es Ansätze oder Pläne bei "Wort und Wissen" der aktuellen Entwicklung in den Gemeinden öffentlich entgegenzuwirken?

Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Mal sehen wie sehr man in der freikirchlichen Szene noch nachdenkt. Klar, nur eine Stichprobe - aber immerhin reden wir hier vom "Thinktank" der Bewegung in Deutschland.


Peiresc

  • Forum Member
  • Beiträge: 7690
Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #33 am: 31. August 2020, 14:17:18 »
Zitat
Ich habe nicht darüber nachgedacht.
Das ist nicht immer so einfach wie es scheint.

Ich wollte das nicht als Vorwurf verstanden wissen. Wer kann schon über alles nachdenken, vor allem vorab. Es entbindet nicht von der Pflicht.
Die Bibel ist ein Rorschach-Test. Jeder wird die Verse anziehen, die seiner vorgefassten, bibel-unabhängigen Ansicht entsprechen. M. a. W. auch in dieser Hinsicht, nicht nur in naturwissenschaftlicher, enthält die Bibel nicht "die" Wahrheit. Sie braucht in jedem Fall - explizit oder implizit - ein Außenkriterium.

Peiresc

  • Forum Member
  • Beiträge: 7690
Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #34 am: 31. August 2020, 16:35:38 »
Wenn man noch genauer hinschaut verlaufen die Grenzen nicht an den Rändern von Gruppen sondern durch sie hindurch.

Damit bin ich einverstanden. Fanatiker aller Länder und Richtungen vereinigt euch:
Zitat
eli friedmann
@eligit

It is remarkable how the rhetoric of fundamentalist christianity and an atheist's sociopathic nihilism somehow don't conflict with each other at all.
https://twitter.com/eligit/status/1246581368412418049

Rubinstein

  • Forum Member
  • Beiträge: 12
Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #35 am: 31. August 2020, 23:50:51 »
Zitat
Jeder wird die Verse anziehen, die seiner vorgefassten, bibel-unabhängigen Ansicht entsprechen.
Guter Aspekt, ich setze noch einen oben drauf: Jeder wird die Verse anziehen die der bequemsten Bibel-abhängigen Ansicht entsprechen. ;-)

Zitat
M. a. W. auch in dieser Hinsicht, nicht nur in naturwissenschaftlicher, enthält die Bibel nicht "die" Wahrheit. Sie braucht in jedem Fall - explizit oder implizit - ein Außenkriterium.
Für mich in der Tat ein neue Erkenntnis und ein wirklich gutes Argument gegen die freikirchliche Praxis - Wenn es nicht zulässig ist die Bibel in Frage zu stellen und praktisch zuwieder zu handeln, dann hat der Mensch keinen freien Willen und die christliche Religion ist Makulatur. Für einen Freikirchler wäre dagegen schwer ein Argument aus der Bibel zu finden - die lässt diese These in jeder Hinsicht zu.

Peiresc

  • Forum Member
  • Beiträge: 7690
Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #36 am: 01. September 2020, 09:31:10 »
Zitat
Jeder wird die Verse anziehen, die seiner vorgefassten, bibel-unabhängigen Ansicht entsprechen.
Guter Aspekt, ich setze noch einen oben drauf: Jeder wird die Verse anziehen die der bequemsten Bibel-abhängigen Ansicht entsprechen. ;-)

Gut, dann setz‘ ich auch noch einen drauf ;): und aus der jeweils angenehmsten Bibelversion.
Zitat
This modern translation [die New International Version] softens some of the harsh verses found in the King James Version (KJV) of the Bible, which tends to be favored by fundamentalists.

- Elizabeth Anderson

Zum freien Willen nur: er führt in eine Fülle unlösbarer Paradoxien; vor allem – aber bei weitem nicht nur – in seinem Verhältnis zur Vorsehung. Ich könnte das jetzt noch ein wenig vertiefen, aber ich will keinen langweilen. Für den Atheisten ist ein relativ, nicht als absolut verstandener, freier Wille völlig zwanglos mit einem moderaten Determinismus vereinbar.