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Autor Thema: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)  (Gelesen 4991 mal)

Rubinstein

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #15 am: 25. August 2020, 18:34:36 »
Da mein Einstieg wie beschrieben fehlerhaft war versuche ich einen neue Ansatz und beschreibe die Problematik der Freikirchen mal aus meiner Sicht. Dabei erhebe ich keinen gehobenen Anspruch sondern schreibe einfach mal "freiweg von der Leber".

Hier ergibt sich zunächst einmal die Frage nach Religion an sich - bezieht sich die Kritik in Wirklichkeit auf Religion, verkommen die Freikirchen zu einem kleinen Unterthema. Das Hauptargument von Religion ist die Frage der Schöpfung.

Hier ergibt sich eine Pattsituation: Der religiöse Mensch verlässt die Naturwissenschaft (quasi per Definition) in dem Augenblick wo er eine übernatürliche Erklärung bemüht. Übernatürliche Phänomene sind schlicht nicht Teil der von Naturwissenschaft. Das wäre so als versuchte man mit einem Schraubenzieher einen Nagel aus der Wand zu ziehen. Gleichzeitig würde ein Atheist die Naturwissenschaft in mehrerer Hinsicht verlassen wenn er behaupten würde Evolution würde einen Gott wiederlegen - eine Schraube hohlt man halt auch nicht mit einem Hammer aus der Wand. Jede Partei kann natürlich behaupten die eigenen Argumente seien besser, gewinnen kann keiner.

Ich behaupte allerdings, dass uns dieser Streit eigentlich nicht wirklich interessiert. In Wirklichkeit geht es auf beiden Seiten um die Frage der Macht. Niemand würde die Kirche groß kritisieren wenn sie eine kleine Gruppe geblieben wäre die Nächstenliebe predigt. Der Kampf richtet sich gegen den Machtmissbrauch. Das gilt aber auch in die andere Richtung, Atheismus mit Macht ist ebenso gefährlich wie wir in der Geschichte gesehen haben. Eine Binsenweisheit mit austauschbaren Inhalten. Der Nutzen von Religion und Atheismus liegt für mich auch in einem pragmatischen Aspekt, einer Aufteilung der weltanschaulichen Macht. Solange das Gleichgewicht erhalten bleibt leben wir doch eigentlich ganz gut. Das ist mein zweites Argument warum wir weder auf Religion noch auf Atheismus verzichten können. Würde einer sterben wäre auch der andere erledigt - Herr bewahre uns davor, dass die Evolution je widerlegt wird oder an Macht verliert! ;-)

Gehen wir also einmal davon aus die Freikirche scheitere nicht am Argument der Religion. Dann können wir einen näheren Blick wagen. Zunächst sind Freikirchen eigentlich das was man sich irgendwie wünschen würde: kleine, engagierte, sehr gegensätzliche Gruppen, mit internem Diskurs, ohne Gott gleichem Papst.

Werfen wir einen Blick auf die Schattenseiten: Missbrauch von Menschen. Zunächst ist dieses Problem nicht auf Freikirchen beschränkt. Missbrauch findet auch bei der freiwilligen Feuerwehr statt - Stichwort "Mobbing". Für die Freikirchen ergeben sich jedoch systemische Vor- und Nachteile. Kurz ausgedrückt sind Freikirchen ein Ort herausragenden sozialen Engagements genau so wie ein Ort persönlich, ausgelebter Allmachtsphantasien. Genau hier muss eine brauchbare allgemeine Kritik ansetzen.

Eine weiteres Problem der Freikirchen ist die Ablösung vom Rest der Gesellschaft. Das ist zum einen systemisch bedingt (die Welt ist böse) zum anderen liegt das an der steigenden Polarisierung. Würde ein neues Kirchenmitglied hier im Forum fragen ob das Argument des Bibelkreises glaubhaft ist und würde man Ihm mit "doof bleibt doof" antworten, ist das Ergebnis vorhersehbar - das "böse Welt" Paradigma ist bestätigt. Im übrigen ist das auch umkehrbar, auch der "Atheist" hat seine Informationsblase.

Ich sehe noch ein weiteres systemisches Problem von Religion und Freikirche insbesondere: Die mangelnde Gotteserfahrung - die postulierte Wirkung Gottes findet nicht statt. Es lassen sich hieraus zwei Schlüsse ziehen, entweder gibt es keinen Gott oder die Erwartung entspricht nicht dem eigentlichen Angebot (falsche Theologie). Freikirchen ziehen aber regelmäßig eine Art dritten Schluss: Wir müssen etwas nachhelfen. So werden Zufälle zu Wundern und Fehlschläge zu Mangel an Glauben. Genau hier grätschen die meisten Betrüger und Scharlatane in die freikirchliche Szene und kassieren ab. Mit angeblichen Wundern, emotionalem Schnickschnack und frommem Tand verspricht man die Lücke zu füllen. Nicht das eine gute Bühnenshow schon ein K.O. Kriterium wäre - aber hier muss sauber und verantwortlich gearbeitet werden. Im übrigen zähle ich auch stark konservative-Kreise zu dieser Kategorie - die einzig wahre Theologie und die höchste Moral zu haben kann sehr adrenalintreibend sein! In vielen Freikirchen die ich kenne ist man sich im übrigen dieser Problematik durchaus bewusst.

Der Absolutheitsanspruch führt zu einem weiteren Problem. Eigentlich ist es ein generelles Problem - wir vereinfachen komplexe Fragen zu einem simplen "richtig oder falsch". Ein normaler Vorgang damit wir die Menge an Information verarbeiten können. Kommt dazu noch ein (per Definition) absoluter Gott, wird dies zu einem systemischen Problem: Abtreibung ist falsch und muss verboten werden - und sei es mit Hilfe von Herrn Trump. In Wirklichkeit ist das Thema in alle Richtungen komplex, mit vielen Grautönen. Der Christ der seine Bibel einmal liest statt sie zu studieren wird erstaunt feststellen, dass Grautöne nicht unterschlagen werden ("Das Gesetz wurde für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für das Gesetz").

Schwuppdiwupp

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #16 am: 25. August 2020, 21:10:52 »
Das ist viel zu viel Text  ::) , in dem auch noch Kraut und Rüben nach Belieben zusammengewürfelt werden, um ihn ernsthaft zu diskutieren. Insbesondere ist eine wie auch immer geartete Gottesvorstellung ein Thema für Theologen oder Bibelkreise - nicht aber für PSIRAM.


"Allen gemeinsam" lässt hier ein verzerrtes Bild entstehen.
Das Lemma hat aber den Titel „Evangelikalismus“ und nicht „Freikirchen“. Ich finde schon, dass es einigermaßen treffend behandelt ist. Eine alle befriedigende Darstellung scheint mir a priori ein frommer [ups] Wunsch und unmöglich zu sein.

Ich finde auch, dass der Artikel "Evangelikalismus" nicht überarbeitungswürdig ist.  :kaffee
Ach, was weiß denn ich ...

Peiresc

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #17 am: 25. August 2020, 23:18:28 »
Sollte der "Energieerhaltungssatz" je wiederlegt werden dann wohl in einem wiederholbaren Experiment. Also ich fände das Geil - ich würde hier eher den Anfang der Naturwissenschaft sehen als dessen Ende. Schade, dass die Chancen so schlecht stehen ;-)

Wir haben auch schon mal versucht uns auszumalen, wie die Welt wäre, die sich unsere Freunde wünschen.

Zitat
Esotopia – Ein Gedankenexperiment


 8)


Es wird Dich wahrscheinlich nicht überraschen, wenn ich sage, dass ich bei dem kompletten nächsten Post Mühe hätte, auch nur einen Satz zu unterschreiben. Ich greife nur mal heraus:

Hier ergibt sich eine Pattsituation: Der religiöse Mensch verlässt die Naturwissenschaft (quasi per Definition) in dem Augenblick wo er eine übernatürliche Erklärung bemüht. Übernatürliche Phänomene sind schlicht nicht Teil der von Naturwissenschaft. Das wäre so als versuchte man mit einem Schraubenzieher einen Nagel aus der Wand zu ziehen. Gleichzeitig würde ein Atheist die Naturwissenschaft in mehrerer Hinsicht verlassen wenn er behaupten würde Evolution würde einen Gott wiederlegen - eine Schraube hohlt man halt auch nicht mit einem Hammer aus der Wand.

Das beginnt schon mit der Begrifflichkeit. „Übernatürliche Phänomene“ sind ein Widerspruch in sich, denn um etwas mit einer Eigenschaft ausgestattet zu sehen, muss es ja erst mal da sein, und seit Hume weiß man, dass aus logischen Gründen Wunder nicht hinreichend sicher bezeugbar sind. Sie finden rein im Geiste des Menschen statt. Die meisten Atheisten behaupten gar nicht, die Evolution würde Gott widerlegen – sie meinen nur, sie macht ihn unnötig. Es ist falsch, dass sich die Wissenschaft aus dem „Geistigen“ rauszuhalten habe, und es ist genauso blauäugig anzunehmen, die Religion hielte sich aus weltlichen Belangen heraus. Die NOMA (non overlapping magisteria)-These von Gould ist im Ansatz verfehlt.

Na, usw.

Rubinstein

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #18 am: 26. August 2020, 00:00:43 »
Was ich schreibe bezieht sich nur noch auf den Thread und nicht auf das Wiki.

Gerne fasse ich die Hauptgedanken zusammen:
- Wenn wir Religiosität an sich kritisieren sind Freikirchen nur ein Randthema.
- Wenn wir Freikirchen glaubwürdig kritisieren wollen müssen wir systemische Probleme aufzeigen - Die Ursache muss in der Freikirche begründet sein und nicht in allgemeinen gesellschaftlichen Problemen.
- Es folgen einige systemische Probleme die ich beobachtet habe.

Zitat
Das beginnt schon mit der Begrifflichkeit. „Übernatürliche Phänomene“ sind ein Widerspruch in sich, denn um etwas mit einer Eigenschaft ausgestattet zu sehen, muss es ja erst mal da sein, und seit Hume weiß man, dass aus logischen Gründen Wunder nicht hinreichend sicher bezeugbar sind. Sie finden rein im Geiste des Menschen statt. Die meisten Atheisten behaupten gar nicht, die Evolution würde Gott widerlegen – sie meinen nur, sie macht ihn unnötig. Es ist falsch, dass sich die Wissenschaft aus dem „Geistigen“ rauszuhalten habe, und es ist genauso blauäugig anzunehmen, die Religion hielte sich aus weltlichen Belangen heraus. Die NOMA (non overlapping magisteria)-These von Gould ist im Ansatz verfehlt.

Mit übernatürliche Erklärung meine ich explizit einen Schöpfungsakt. Das spielt eigentlich aber keine wirkliche Rolle - das was du schreibst würde ich (bis auf kleine, für die Diskussion unbedeutende Details) unterschreiben.

Ich weise noch mal auf die gesellschaftliche Dimension hin. Ich halte diese für die eigentliche Auseinandersetzung. Würde ich behaupten wir leben alle in der Matrix, hätten wir alle einen lustigen, philosophischen Abend und nach genügend Bier würde man mir evtl. sogar recht geben. In Wirklichkeit wollen wir aber keine "Kirche mit Macht". Das interessante ist, dass auch die Freikirche das nicht will, sie weiß es nur nicht. Was zur Zeit in den USA passiert ist das Ende der evangelikalen Bewegung - der Protestantismus und insbesondere die Freikirche war mal ein Protestbewegung gegen eine allmächtige Kirche. Ich formuliere das mal noch schärfer: Sollte es der Freikirche je gelingen "Kreationismus" an der Schule zu etablieren würde sie sich selber auslöschen.

Daggi

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #19 am: 26. August 2020, 15:52:34 »
Zum letzten Bild passt auch dieses hier:



aus dem Anastasia-Artikel im Wiki.

https://www.psiram.com/de/index.php/Anastasia
Der ideale Untertan der totalitären Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder der engagierte Kommunist, sondern  Menschen, für die die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, wahr und falsch, nicht mehr existiert.
Hannah Arendt

Rubinstein

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #20 am: 26. August 2020, 18:32:47 »
Darf ich offen fragen, gibt es hier Interesse an einer anderen Insider Ansicht zum Thema oder ist der Thread eigentlich schon abgeschlossen?

Peiresc

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #21 am: 26. August 2020, 18:57:26 »
Eine zitierfähige Quelle zu "hervorragender Arbeit" (z.B.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heilsarmee)

Naja. Inzwischen habe ich auch eine zitierfähige Quelle aufgetrieben (Gnewekow/Hermsen: Die Geschichte der Heilsarmee: Das Abenteuer der Seelenrettung. Eine sozialgeschichtliche Darstellung, VS Verlag für Sozialwissenschaften,1993). Das ist eine Arbeit, die sich v. a. mit der Geschichte der Heilsarmee im 19. Jhd. beschäftigt, mit einem kurzen Ausblick auf die Gegenwart.
Zitat
Ebenso wurden die ,Sündergruppen' der Prostituierten, Verbrecher und Trinker aufgesucht, um diesen die Vorzüge eines ,sittsamen' Lebens nahezulegen und vorzuexerzieren. Kennzeichnend für die Fürsorgetätigkeit der Heilssoldaten ist, daß sie nach dem Muster einer ,Lockmittel-' und ,Verweigerungsmethodik‘ quasi nach dem Prinzip der Belohnung und Versagung, funktionierte. Evident ist, daß die helfende Tätigkeit der Salutisten stets mit der bekehrenden Tätigkeit korrelierte und daß der überwiegende Teil der salutistischen Wohltaten von der Bereitschaft der Klientel zur geistlichen Umkehr abhing respektive die Bekehrungswilligkeit den Grad der Hilfsmaßnahmen bestimmte.
Um den aggressiv-aufsuchenden, teilweise eindringenden, und den ,ködernd-lockenden' Charakter der Fürsorglichkeit der Heilssoldaten zu illustrieren, […] [S. 134]

Im 20. Jhd. ist die Heilsarmee durch den Ausbau der Sozialsysteme in eine Sinn- und Existenzkrise geraten:
Zitat
Vielmehr steckt die Heilsarmee dergestalt in einer methodischen Sackgasse, daß sie nicht in der Lage ist, diese Aufgaben durch heilsarmeeeigene Kräfte zu bewältigen, sondern fast auschließlich auf extern geschulte Angestellte (Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Psychologen, Alten- und Krankenpfleger) zurückgreifen muß.
Resümierend kann festgestellt werden, daß es der Heilsarmee bisher nicht gelungen ist, eine ,moderne' Methode der Sozialarbeit zu extrapolieren, die über die Verabfolgung von Wohltaten hinausgeht. Infolgedessen erscheint es konsequent, daß die ,Salvation Army' sich vermehrt das Betätigungsfeld der Entwicklungshilfe erschließt, da sich in den Ländern der Dritten Welt und der ehemaligen Ostblockstaaten reichhaltig Gelegenheit bietet, existentielle Not zu lindern. [S. 141]
Sie teilt damit das Schicksal christlicher Krankenhäuser, die sich in keinem wesentlichen Punkt, bis hin zur Finanzierung, von nichtkonfessionellen Häusern unterscheiden (außer im archaischen Arbeitsrecht).

Darf ich offen fragen, gibt es hier Interesse an einer anderen Insider Ansicht zum Thema oder ist der Thread eigentlich schon abgeschlossen?
Wir sind hier im Forum. Jeder darf vorstellen, was ihm am Herzen liegt, aber eine Garantie auf Beachtung hat man damit noch nicht.

Peiresc

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #22 am: 26. August 2020, 19:18:48 »
Und, nebenbei, es ist auch ein wenig schwierig, vom Nebeneinanderherplätschern in eine wirkliche Diskussion überzugehen. Ich baue mal zusammen:

Der religiöse Mensch verlässt die Naturwissenschaft (quasi per Definition) in dem Augenblick wo er eine übernatürliche Erklärung bemüht. Übernatürliche Phänomene sind schlicht nicht Teil der von Naturwissenschaft.
„Übernatürliche Phänomene“ sind ein Widerspruch in sich
Mit übernatürliche Erklärung meine ich explizit einen Schöpfungsakt.

Welcher „Schöpfungsakt“ kann schlicht nicht naturwissenschaftlich untersucht werden?

celsus

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #23 am: 26. August 2020, 20:22:58 »
Übernatürliche Phänomene sind schlicht nicht Teil der von Naturwissenschaft.

Kannst du bitte noch etwas ausführen, was dieser Satz bedeuten soll?

Naturwissenschaften beschäftigen sich mit beobachtbaren Phänomenen. Ist ein Phänomen nicht beobachtbar, ist es durch niemanden beobachtbar, fällt also niemandem auf. Damit kann man auch keine Aussagen über ein solches Phänomen treffen, weil es sich schlicht durch nichts bemerkbar macht.

Macht es sich bemerkbar, fällt es in den Interessenbereich der Naturwissenschaften und damit nicht übernatürlich.
The best thing about science is that it works - even if you don't believe in it.

Rubinstein

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #24 am: 26. August 2020, 23:08:34 »
Zitat
Übernatürliche Phänomene sind schlicht nicht Teil der von Naturwissenschaft.

Eine Schöpfung ist ein übernatürliches Ereignis - Naturwissenschaften beschäftigen sich aber nur mit der Beschreibung der Natur.

Ich argumentiere das mal gegen die kreationistische Position. Wenn jemand behauptet, "Gott hätte die Welt geschaffen" dann steht er auf der gleichen Ebene wie jemand der sagt "Wir leben alle in der Matrix" oder jeden beliebigen anderen übernatürlichen Kram. Selbst wenn er dies theologisch oder philosophisch argumentieren kann muss er sich den Vorwurf der "Beliebigkeit" gefallen lassen - dieses Problem haben nur wenige "Kreationisten" begriffen. Das bedeutet aber in der Umkehr nicht, dass diese Person "doof wie Bohnenstroh" ist - seine Aussagen können theoretisch wahr, zumindest philosophisch brilliant aber auch einfach nur Schrott sein. Das gleiche gilt aber auch für die Aussage "es gibt keinen Gott" - das Problem haben viele Atheisten nicht begriffen. Kurz, über die Naturwissenschaft hinaus haben wir alle "keinen blassen Schimmer". Die meisten von uns (wenn nicht alle) füllen dieses "Nichtwissen", nicht ganz zu Unrecht, mit einer wie auch immer gearteten Weltanschauung.

Das ist aber nicht unser eigentliches Problem, brisant wird es da wo Weltanschauung missbraucht wird. Sei es um Geld zu machen, Macht zu gewinnen oder andere Vorteile zu erringen. Da sitzen die Despoten die rufen "schlagt die Heiden tot" oder "ermordet die Gläubigen" - wer immer gerade die Vorherrschaft hat.

........................

Ja, sorry, meine Beiträge sind etwas wirr und springen thematisch - ist wohl eher ein Brainstorming ;-)


Peiresc

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #25 am: 26. August 2020, 23:15:40 »
Eine Schöpfung ist ein übernatürliches Ereignis
Bevor wir ins Detail gehen: "eine" Schöpfung sollte bedeuten, dass es mehrere gibt. Oder meinst Du statt "eine" die Schöpfung?

sailor

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #26 am: 26. August 2020, 23:59:23 »
Zitat
Übernatürliche Phänomene sind schlicht nicht Teil der von Naturwissenschaft.

Eine Schöpfung ist ein übernatürliches Ereignis....

Beweise? Bisher gibt es eine naturwissenschaftliche Hypothese zur "Schöpfung". Welcher "Beweis" der Übernatürlichkeit kommt jetzt? Die Gruselgeschichten antiker Wüstenhirten, ausgeschmückt von Verwirrten und "Machthungrigen"?

celsus

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #27 am: 27. August 2020, 01:16:27 »
Das gleiche gilt aber auch für die Aussage "es gibt keinen Gott" - das Problem haben viele Atheisten nicht begriffen.

Wozu ist eine solche oder auch die gegenteilige Aussage überhaupt notwendig?
Für mich ist sowas gleichwertig mit der bekannten Garagendrachen- oder Einhorngeschichte.
Es gibt schlicht keine Möglichkeit, so eine Aussage zu begründen oder zu belegen. Weil darüber nichts in Erfahrung gebracht werden kann, weil es keinen Hinweis in die eine oder in die andere Richtung gibt, weil es keinen Anlass gibt, darüber Vermutungen aufzustellen und weil es keine Definition von "Gott" gibt, auf die sich alle einigen können.

Das sind also sinnlos verbrauchte Buchstaben.
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Peiresc

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #28 am: 27. August 2020, 14:41:55 »
weil es keine Definition von "Gott" gibt, auf die sich alle einigen können.

Das sind also sinnlos verbrauchte Buchstaben.

Das ist mir auch aufgefallen. Die heutigen Theologen rümpfen verächtlich die Nase über diejenigen, die sich Gott als rüstigen Greis vorstellen. Dabei bleibt es dann aber auch – sie wissen nur (genauer, behaupten zu wissen), was er nicht ist. Er ist eine einfache, nonmaterielle Entität, nichts Konkretes; kein Wunder also, dass der Energieerhaltungssatz von den Religiösen nicht gemocht wird (wie sollte diese Entität auf die Welt einwirken ohne dessen Verletzung). 

Nehmen wir nur mal ein Beispiel (ich habe noch ein paar andere auf Halde).  Der Apologet Richard Swinburne hat ein Buch geschrieben, über das es in WP heißt:
Zitat
Das bei weitem bedeutendste seiner Werke ist The Existence of God. Swinburne wendet hier die Methode des induktiven Schließens auf die Frage der Existenz Gottes an. Dazu wird nicht mehr versucht zu beweisen, dass Gott existiert, sondern nur, dass seine Existenz wahrscheinlich sei.

Es wird von einer frei im Internet flottierenden Bemerkung abgekocht:
Zitat
[…] Nowhere in this book has the author defined "God". Nowhere does he say that "By 'God' I meant that it is (a), (b), and (c), and I shall now proceed to prove (a), (b), and (c). Without defining "God", the author's entire inductive argument, for example, can just as well prove the existence of "Ogd". […]

Der Wille Gottes ist das Asyl der Unwissenheit (Spinoza).

Rubinstein

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Re: Warum Freikirchen gefährlich sind (Insider Ansicht)
« Antwort #29 am: 27. August 2020, 17:13:29 »
Wir meinen gerade alle das gleiche mit anderen Worten. Zurück zum Thema - sind Freikirchen gefährlich?

Hier ein Erfahrungsbericht:

Als ich mit einer freikirchlichen Jugendgruppe in Kontakt kam war ich selber Atheist. Die Lebensweise in dieser Jugendgruppe war anders, etwas schräg, aber durchaus attraktiv - in den 70gern und 80gern war schräg auch eher ein Prädikat. Die zugehörige Freikirche (der gemäßigt konservativen Bauart) war zwar selbst aus einer Rebellion entstanden aber für unseren Geschmack überfällig reformationsbedürftig. Wir waren alternativ, intern kontrovers, brillant, stock konservativ, sozial hoch engagiert und naiv in einem und wollten die ganze Welt (wie damals allgemein üblich) überzeugen. Schon damals vielen mir die Spannungsfelder auf die in einer solchen Atmosphäre enstehen - fand ich nicht ungewöhnlich, ich kannte Spannungsfelder auch aus allen anderen Lebensbereichen.

Später haben wir angefangen regelmäßig Strafgefangene im Gefängnis zu besuchen - zusammen mit allem was wir in den Freikirchen und Kirchen zusammentreiben konnten - eine 80 Jährige Oma mit Kuchen, der Unternehmer, ein paar Handwerker, Hausfrauen, ein Polizist, das "Rockzopfmädchen" mit Gitarre, und nicht zu vergessen, die zwei russischen Opas die Fernsehen für Teufelszeug hielten und ansonsten nicht viel zu sagen hatten. Das war alles total unprofessionell - aber da saßen manchmal bis zu 100 Strafgefangene und das waren die einzigen Menschen, außer den Angehörigen, die sie besuchen wollten.

Und mal ganz ehrlich, unterhalte dich mal mit der Frau im Knast in Köln Ossendorf über das alle Männer, einschließlich des Vaters, "drübergerutscht" sind. Da ist ein gelebtes "Kein Sex vor der Ehe" immerhin ein glaubwürdiger Lebensentwurf. Was sagt man, wenn man in der Forensik vor dem Kindermörder sitzt? Halt die Ohren steif? Jesus liebt dich? Da bekommt das Wort "Gnade" eine Bedeutung und alle Weltbilder fliegen gepflegt durch den Arsch hinaus.

Auch wir waren in der ganzen Welt unterwegs als Missionare. Haben wir die Kultur zerstört - vielleicht. Diese Frage stellt man sich aber irgendwie nicht mehr wenn mal gesehen hat wie sich Menschen in einer Stammesfede, einschließlich der Christen, gegenseitig zerhacken oder der Wärter in der Mongolei den Schlüssel für die bewohnte Zelle nicht mehr findet.

Viele Strafgefangene sind in dieser Zeit in unsere Familien gezogen - da verschwimmen die Grenzen zwischen richtig und falsch. Einen Heroinabhängigen kannst du während dem Entzug entweder bewachen und entmündigen oder er geht drauf. Ich habe lange mit einem Jungen auf einem Zimmer gelebt. Missbraucht von seinem Vater, einem Prediger einer Freikirche - herumgereicht in einem kölner Ring  zur sexuellen Bereicherung von Politikern und Richtern. Aus meiner heutigen Sicht war das total bescheuert, wir hätten diesem Jungen nie helfen können. "Freikirche" war hier die Ursache und nicht die Lösung. Das war bei weitem nicht der einzige Fehler - bei uns gab es alles: Arroganz, Helfersyndrom, Selbstüberschätzung, religiöser Wahn, Fehlentscheidungen ... einiges haben wir erkannt und gegengesteuert, anderes nicht. Aber wir waren auch  Freund, Arbeitgeber, Lebensberater, Ehepartner für Menschen die keine Chance mehr hatten.

Auch nach außen wird man nicht mehr verstanden. Wir waren Sekte und Vorzeigeprojekt, wir wurden beschimpft, weil wir die Kriminellen ins Dorf gebracht haben und bekamen Bundesverdienstkreuze an die Stirn getackert. Für andere Freikirchen waren wir das Böse in Person oder eine Inspiration.

Es gab noch eine andere Entwicklung: Einer der beiden Leiter arbeitete demagogisch ohne dass es jemand bemerkte. Geschickt hat er kleine theologische Verschiebungen und Schwächen einzelner Mitarbeiter genutzt. Die Vorgänge sind bemerkenswert und einem Außenstehenden nur schwer zu erklären. Mir fiel das auf als Mitarbeiter plötzlich ihren Job hinschmissen und wegzogen. Da vielen dann Worte wie "Verräter". Ich frage mich bis heute warum es bei mir nicht "Klick" gemacht hat - ein Telefonanruf hätte genügt um die Gegenseite zu hören. Das redet man sich irgendwie schön. Selbst als ich selber in den Fokus geraten bin habe ich das Ausmaß nicht begriffen - hier wurde in merkwürdigen Gruppensitzungen Gehirnwäsche betrieben (die haben mich richtig durchgewichst). Hoch interessant war, dass die meisten Teilnehmer nicht einmal merkten was sie taten. Ein Jahr hat es gebraucht bis ich die Reißleine gezogen habe - da hängt viel dran (Beruf, Lebenswerk, Freunde, Weltbild ...). Fünf weitere Jahre hat es gebraucht bis alle anderen gemerkt haben was hier passiert.

Auch das muss man erwähnen: Es wurde dann sehr schnell reagiert - Gehirnwäsche ist nicht teil der christlichen Theologie.

Ich bin ein Opfer. Aber mir ist auch nicht entgangen, dass ich auch Täter bin. Auch ich war Freikirche und habe andere überfordert - wenn auch nicht in böser Absicht.

Ist Freikirche gefährlich? Haben wir das Richtige oder das Falsche getan? Ich kann es nicht sagen - wenn ich heute mit Freunden zusammensitze, sehe ich die Kinder von Menschen die ohne uns gescheitert wären und verbrannte Mitarbeiter - deren Mut und Einsatz keiner kennt. Sollten wir es je in einen Wikipedia-Artikel schaffen, was wird man über uns schreiben?