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Autor Thema: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies  (Gelesen 3928 mal)

cero

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Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« am: 02. November 2016, 01:15:18 »
Thread zur Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies

Johann Ohneland

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #1 am: 02. November 2016, 02:52:14 »
Vielen Dank für die Eröffnung. Ich vermute einfach mal, dass es jetzt einfach hier weitergehen wird. Ich (Dirk) möchte daher hier die Möglichkeit nutzen auf ein paar der Beiträge einzugehen:

Ich kopiere daher mal die Teile auf die ich mich beziehe hier herein.

Zitat
Dass der Untersuchungsgegenstand der Sozialwissenschaften kulturell geformt ist, liegt in der Natur der Sache (das ist ja quasi die Definition), da stimme ich natürlich zu. Die Frage ist ja eigentlich, ob die Ergebnisse der Wissenschaft kulturellen Schwankungen unterliegen. Das sollte wiederum nicht der Fall sein (Dass eine Aussage, die über eine bestimmte Kultur getroffen wurde nicht zwangsläufig auf eine andere Kultur übertragbar ist, steht dazu nicht im Widerspruch).

Es mag verwunderlich klingen, aber ja, die Ergebnisse der Wissenschaft unterliegen kulturellen Schwankungen. Dies liegt zum einen daran, dass die Ergebnisse wie gesagt nicht aus sich heraus sprechen, sondern interpretiert werden müssen. Diese Interpretation hängt von der Person der untersuchenden Forscher ab, die eben auch kulturell geprägt ist. Zum anderen spielt auch die Komplexität menschlicher Gesellschaften eine Rolle, was die Kontrolle von Umweltbedingungen und damit die Übertragbarkeit von Forschungsergebnissen extrem erschwert. Natürlich gibt es gewisse Grundlinien, die sich auch überkulturell nachvollziehen lassen, aber letztendlich muss man für die Sozialwissenschaften konstatieren, dass ihre Theorie und Empirie sich größtenteils auf westeuropäisch-/amerikanische Denktraditionen stützt. Hier entstehen bei der Awendung auf asiatische Gesellschaften beispielsweise schon heillose Probleme, weil die Verständnisse bestimmter Begriffe und Konzepte völlig anders gelagert sind (wer mal versucht hat, länderübergreifende Studien durchzuführen, wird dies sicherlich kennen). Es wird letztendlich nicht auflösbar sein, dass normative Setzungen in der Sozialwissenschaft immer eine Rolle spielen. Es hat sich hier meiner Meinung nach als effektiver und ehrlicher erwiesen, dies zu akzeptieren und auch offen zu kommunizieren, als verzweifelt nach einer endgültigen Obkjektivität zu suchen und dabei seine eigene Eingebundenheit in Zeitgeist und gesellschaftliche Diskurse zu ignorieren. Forschung ist ja immer ein Kommunikationsprozess und unterliegt damit auch den üblichen Erschwerlichkeiten von Kommunikation.

Zitat
So richtig überzeugt bin ich immer noch nicht, dass die qualitative Forschung wie von dir beschrieben zu mehr dient als zur Hypothesenbildung. Vielen Dank hier für den Link zur PH Freiburg, das werde ich mir gleich noch mal in Ruhe durchlesen.

Bei den quantitativen Methoden muss ich dir aber widersprechen. Der große Vorteil ist hier nicht etwa, dass man bestimmte Resultate bestätigt, sondern viel mehr, dass man bestimmte Resultate ausschließen kann (im Gegensatz zur qualitativen Forschung).

Der letzte Punkt ist natürlich vollkommen richtig. Was ich mit bestätigen meinte, war das Prinzipiell eine Wiederholung möglich ist. Wobei sich hier ja schon auch in der Psychologie derzeit die Erkenntnis breit macht, dass das nicht so einfach ist, wie man sich das vorgestellt hat, weil zahlreiche Grundlagenstudien nicht repliziert werden konnten. Ich würde aber weiterhin behaupten, dass qualitative Forschung mehr kann, als nur Hypothesen zu bilden. Ich möchte als Beispiel hier ein Forschungsprojekt anführen in dem ich gearbeitet habe sowie ein weiteres in dem ich promoviere. Ausgangspunkt des ersten Forschungsprojektes war die in der Kriminologie vertretene These, dass es in den vergangenen Jahren zu einer punitiven Wende in der Strafrechtspolitik gekommen ist (heißt: Auf eine Epoche der Liberalisierung sei es nun so, dass wir wieder Verschärfungen des Strafrechts beobachten könnten). Als Ausgangspunkt wurde hierbei die mass incarceration in den USA und zu Teilen in Großbritannien angeführt, wo seit den 80ern die Inhaftierungsraten durch die Decke gegangen sind. Verbunden wurd dies mit einem zunehmend populistischen Politikstil in den genannten Ländern.1 Von prominenten Wissenschaftlern wurde in diesem Kontext behauptet, dass diese Entwicklung auch die deutsche Politik erfasst habe. Denn in der Tat sind seit 1990 eigentlich nur noch Gesetzesverschärfungen durchgeführt worden. Gleichzeitig sind aber die Inhaftierungsraten in Deutschland relativ stabil geblieben. Man hatte also ein gemischtes Assesment der Situation sozusagen. Dabei wurde in der bestehenden Literatur zumeist einfach angenommen, dass sich die Strafrechtspolitik in Deutschland verändert habe. Man verwies dann auf die Wahllämpfe von Schill 2001 und Koch 2008 sowie ein paar Aussagen von Gerhard Schröder und schon war man durch. Letztendlich also kaum grundiert.

Was wir in dem Kontext dann gemacht haben, ist sich dem Feld der Politik grundlegend zu nähern. Wir haben in Bundestag und Bundesrat sowie in vier Landesparlamenten (Hamburg, Bayern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein; ausgewählt nach historischen, regionalen und kriminalpolitischen Faktoren) uns alle parlamentarischen Debatten über Jugendkriminalität in den Jahren von 1970 bis 2012 angeschaut. Zum einen um in diachroner Perspektive (potentielle) Entwicklungen untersuchen zu können, zum Anderen um die Komplexität bundesrepublikanischer Strafrechtsrealität (nach Bundesland, nach Partei/Fraktion, sogar nach einzelnen Strafrechtspolitikern) abbilden zu können. Fokussiert haben wir dabei im speziellen darauf, wie deviante Jugendliche beschrieben werden (Menschenbild), wie ihr Verhalten beschrieben wird (Devianzbild), welche Lösungsstrategien werden empfohlen (Interventionsmodus) und welche politische Selbstverortung die Parlamentarier vorgenommen haben (Politisches Selbstverständnis). Um die Ergebnisse zu verkürzen kam dabei heraus, dass es in der Tat eine "Punitivierung" des politischen Diskurses gegeben hat, der sich aber auf eine zwar medial sehr präsente, statistisch aber verschwindend geringe Gruppe Jugendlicher bezog (die sogenannten Intensivtäter). So konnte in diesem Zusammenhang die quantitative Strafrechtsstatistik mit der qualitativen Gesetzesanalyse zusammengebracht werden. Die Ergebnisse sind jetzt natürlich etwas runtergebrochen, bei Interesse stelle ich gerne Artikel zur Verfügung, aber ich würde schon sagen, dass in diesem Projekt Erkenntnisse gewonnen wurden, die über die bloße Generierung von Hypothesen hinaus gehen und eine "plausible" Beschreibung der Wirklichkeit darstellen können, die so mittels quantitativer Verfahren nicht hätte gewonnen werden können.

Das andere Beispiel ist mein jetziges Projekt, in dem zu den Risikokonstruktionen von professionellen Akteuren der Kriminalprävention geforscht wird. Hier geht es darum zu betrachten, mit welchen Weltbildern und Überzeugungen eigentlich Menschen in der Praxis arbeiten. Wie verstehen sie Kriminalität? Wie sehen sie ihre Klientel? Glauben sie an die Wirksamkeit ihrer Arbeit usw? Denn klar ist ja, dass diese Überzeugungen auch den Umgang mit den "Präventionsobjekten" beeinflussen. Hier ist das Ziel diese dann in den akdamemischen Diskurs über Prävention und Sicherheit einzuordnen, der er eine erstaunliche Polarisierung zwischen Befürwortern präventiver Sicherheitstechniken und deren Gegner aufweist bei einem fast kompletten Mangel an Praxisperspektiven. Auch hier würde ich behaupten, dass die Ergebnisse über die bloße Generierung von Hypothesen hinausgehen, wobei ich mich sicherlich nicht verweigern würde, darauf aufbauen quantitative Untersuchungen anzustreben. Dies kann ja auch für die "Validierung" sehr nützlich sein. Es hat sich in der Vergangenheit ja auch durchaus gezeigt, dass quantitative Verfahren, aufgrund ihrer zwangsläufigen Selektivität nicht in der Lage waren, die Meinungen und Vorstellungen der Befragten komplett einzufangen. Es macht ja einen Unterschied, ob ich eine Person frage "Wie schätzen Sie die allgemeine Entwicklung der Kriminalität in Deutschland auf einer Skale von x bis y ein?" oder ob ich sie Frage "Erzählen Sie mir doch bitte einmal, wie sich in den letzten Jahren ihre Arbeit verändert hat?" bzw. "Was wäre für sie ein typischer, Fall mit denen Sie in ihrem Alltag zu tuen bekommen?" Ich erhalte in beiden Fällen subjektive Aussagen über die Wirklichkeit jedoch mit höchst unterschiedlichen Komplexitätsgehalt, die jeweils von wissenschaftlichen Interesse sein sollten.

Zitat
Du hast vollkommen Recht was z.B. die Interpretation von Korrelationen ohne Berücksichtigung von potentiellen Drittfaktoren angeht. Wenn man nur das tut betreibt man aber auch wieder qualitative Analyse (Hypothesenbildung), nicht quantitative Analyse. Der große Vorteil ist jetzt, dass man diese Hypothesen quantitativ überprüfen kann, etwa indem man Drittfaktoren – in deinem Beispiel Armut – kontrolliert.

Sollte der Effekt unabhängig von der Armut sein, dann zeigt sich das in der Statistik. Hier gibt es nur wenig Interpretationsspielraum.

Ich würde behaupten, dass eine Kontrolle aller potentiellen Drittfaktoren kaum möglich ist, weil nur Faktoren berücksichtigt werden können, die quantifizierbar sind. Das wird bei Themen wie Identität zum Beispiel aber hochkompliziert bis fast unmöglich. Das ist ja auch ein leidiges Thema der Wissenschaftsevaluation, die sich aus Ermangelung der Messbarkeit wissenschaftliche auf Ausweichfaktoren eingelassen hat, die in den meisten Fällen die Anzahl der Publikationen in renommierten Zeitschriften beinhaltet. Letztendlich kann es aber natürlich auch sein, dass in einem Buch hervorragende Arbeiten abgeliefert wurden - das betrifft sozialwissenschaftliche Studien natürlich eher, weil hier Buchpublikationen üblicher sind. Ein Großteil des wissenschaftlichen Fortschritts ist ohne peer-review und Veröffentlichungsdruck erreicht worden. Sicherlich sind Kriterien zur Qualitätssicherung nicht falsch, aber auch sie müssten eigentlich erstmal nachweisen, dass sie wirklich die Güte der Ergebnisse erhöhen können oder nicht einfach nur den Output erhöhen. Ähnlich verhällt es sich auch bei der Messung von Kriminalitätsursachen, die zumeist einfach darauf fokussieren, was an quantitativen Daten handhabbar ist. B) Selbst wenn Armut (die letztendlich normativ definiert werden muss) integriert ist, bleibt man als Wissenschaftler nicht davon verschont, interpretieren zu müssen. So wird in amerikanischen Publikationen gern die These aufgestellt, dass Armut und Kriminalität nur deshalb korellieren, weil sie beide ihre Ursache in einer "culture of poverty" haben, also in einer Antriebslosigkeit von armen Menschen, die somit letztendlich für ihre Armut und die darausfolgende Kriminalität selbst verantwortlich sind. Dagegen kann man hervorragend argumentieren, aber was wird auch bei quantitativen Daten immer einen Moment geben, wo ein Forscher versuchen muss, seine Daten theoretisch einzuordnen und für sich verstehbar zu machen und bei diesem Moment kommen spätestens die Faktoren ins Spiel, die auch bei qualitativen Forschungsprojekten die Interpretation beeinflussen. Im Idealfall stelle ich als qualitativer Forscher daher ja auch mein Datenmaterial zur Verfügung. Um im obigen Forschungsprojekt zu bleiben, heißt das natürlich das die untersuchten Debatten so wie ggf. die Suchstrategie nach ihnen dokumentiert werden müssen, so dass andere Beobachter sich das Material anschauen können, wenn sie an bestimmten Schlussfolgerungen zweifeln.

Mist. Zeit verraft. Muss ins Bett. Morgen bei Zeiten mehr.

1 Die Erklärungen sind natürlich weitaus komplexer gewesen, aber ich habe es jetzt mal heruntergebrochen. Bei Interesse kann ich "The culture of control" von David Garland empfehlen.

Hans Wurst

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #2 am: 02. November 2016, 12:12:49 »
Wenn man über "Wissenschaft" redet, sollte man zuvor erklären, und zwar jedes Mal, welche Wissenschaft man denn meint.Oder worüber man redet. Ich meine, daß die Naturwissenschaft die einzige echte Wissenschaft ist - und ich glaube nicht, daß der Embden-Meyerhof-Weg kulrurellen Schwankungen unterliegt. Ich meine nicht, daß man über die "Geisteswissenschaften" so reden kann wie über die Naturwissenschaft. Und vieles in den Geisteswissenschaften ist eher geistlos. Oder geisterhaft.

Hans Wurst

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #3 am: 02. November 2016, 13:57:26 »
Zum Beitrag von Dirk:

Also: punitive Turn. Warum geht in den USA und GB die Zahl der Geföngnisinsassen steil nach oben? Mehr Straftaten? Schärfere Gesetze? Haben Politik und Medien (populistisch) eine Verschärfung der Gesetze gefordert?

BRD:Zeitgeist, Medien und Politiker fördern ständig höhere Strafen? Ist da so? Aber: Delta Gefangenenzahlen = +- Null. Erklärung: Bei uns geht es um Intensivtäter. Diese Gruppe ist so klein, daß sie statistisch keine Rolle spielt. Daher +-0.

Habe ich das so richtig verstanden?

pela

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #4 am: 02. November 2016, 14:53:06 »
Zitat von: cero
Mit der Mathematik hast du natürlich Recht, die hat aber den Vorteil als einzige Wissenschaft tatsächlich unbestreitbare Wahrheiten entdecken zu können und ist deshalb etwas außen vor.
#164
Selbst da kriegst Du Widerspruch; vgl. etwa ab hier:
https://forum.psiram.com/index.php?topic=11631.msg156581#msg156581

Johann Ohneland

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #5 am: 02. November 2016, 15:18:49 »
Ich glaube wiederrum, dass die Naturwissenschaft genauso wenig bzw. genauso viel eine echte Wissenschaft, wie die Sozialwissenschaften ist. Das ist am Ende aber auch eine sehr sinnlose Diskussion. Beide Spielarten von Wissenschaft unterstellen der jeweils anderen Ignoranz und Unwissenschaftlichkeit. Natürlich unterliegt der Abbau von Kohlenhydraten wahrscheinlich keiner kulturellen Schwankung, seine Erforschung, Beschreibung und Untersuchung sowie die darauf basierenden Schlussfolgerungen aber durchaus. Forschung wird von Menschen betrieben und Menschen sind keine objektiven Wesen, egal wie sehr es versucht wird. Sobald Empirie ins Spiel kommt, spielt die Person des Beobachters eine Rolle. Der Unterschied liegt in der Folge einfach in der Natur des Untersuchungsgegenstandes. Die Erforschung eines Atoms spielt für das Atom kaum eine Rolle, auch verfügt nicht jedes Atom über je individuelle Eigenschaften, Vorlieben und Identitätsvorstellungen. Dementsprechend sind methodische Engführungen, die in den Naturwissenschaften möglich sind, in der Erforschung des Menschen als soziales Wesen nicht möglich. Worüber man diskutieren könnte, ist ob Mathematik DIE Wissenschaft ist, weil sie im Rahmen selbstgesetzter Axiome agiert und in dem Sinne eine rein logische Disziplin ist. Kann man aber auch wenden und fragen, ob es eine Wissenschaft ist, wenn sie sich empirisch nicht beweisen lässt. Ich find die Definition recht sympathisch, dass Mathematik einfach eine extrem praktische "Sprache" ist, die es uns erlaubt, ein "Fenster" ins Universum zu öffnen, das uns sonst verschlossen geblieben wäre und uns damit technisch extrem weitergebracht hat. Ist dann aber wie bei der gesamten Wissenschaftsdiskussion eine normative Frage, die letztendlich nicht beantwortbar ist.

Anschließend möchte ich gerne aufgreifen, wo ich gestern geendet habe:

Worauf ich bei der Darstellung der intervenierenden Faktoren in der Forschung hinaus wollte war, dass es auch bei quantitativen Verfahren immer Momente gibt, in der nicht allein Daten sprechen. Dies beginnt bei der Auswahl der Fragestellung, wirkt weiter bei der Operationalisierung der zu untersuchenden Konstrukte und wirkt sich auch bei der Interpretation aus. So ist zum Beispiel eine Zyklenhaftigkeit in der Thematisierung bestimmter Fragestellungen zu beobachten, die weniger mit empirischen Erkenntnissen, als mit allgemein gesellschaftlichen Debatten und Diskursen zu tun hat. Es wird wahrscheinlich auch kein Zufall gewesen, dass die Biologie und Soziologie gerade zu Seiten der Kolonialisierung und während der europäischen Beherrschung der Welt, Theorien und empirische Forschungsergebnisse produzierte, nach der Menschen in Rassen zu unterscheiden seien und es eine natürliche Ordnung unter diesen gäbe (was in der USA bis heute fortwirkt). Ebenso mag es nicht verwundern, dass während der Herausbildung der Nationalstaaten auf einmal kollektive Vergemeinschaftsungsformen von wissenschaftlichen Interesse waren, während unter Bedingungen einer gesellschaftlichen Individualisierung und Fragmentierung wieder der einzelne Menschen bzw. das Individuum als Forschungsgegenstand an Popularität gewinnt. In diese Reihe könnte man natürlich auch die Gender Studies einordnen. Auch ihre Entstehung dürfte eine Folge der zugenommenen gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen seien. Ähnlich sieht es auch bei der Erforschung von Rassismus und Vorurteilen aus. Eine homogenere Gesellschaft kommt meist gar nicht auf die Idee, ihre eigenen Überzeugungen zu untersuchen, weil sie in der Praxis kaum herausgefordert werden. Im Rahmen dieser Themenzyklen haben die unterschiedlichsten Disziplinen von der Medizin über die Physik bis hin zu den Sozial- und Geisteswissenschaften in ihrer Geschichte die absonderlichsten Stilblüten hervorgebracht. Das heißt natürlich nicht, dass alles Unsinn war, was da geschehen ist, aber wir haben die Tendenz über die Vergangenheit in der Form zu sprechen, dass die unsinnigen Ergebnisse damals einfach nur ein Ausdruck dessen waren, dass man nicht ernsthaft genug wissenschaftlich gearbeitet hat. Ich halte das für eine gefährliche Selbsttäuschung von Wissenschaft, die auf der Annahme beruht, dass man schon irgendwie schlauer sein wird, als seine Vorfahren und das sich Erkenntnis rational verbreitet. Das hat dann immer recht viel von Poppers Wissenschaftstheorie, übersieht aber zum Einen halt immer, dass Wissenschaft auch eingebunden ist, in politische und wirtschaftliche Strukturen, von denen sie abhängig ist. Zum Anderen hat ja bereits Thomas Kuhn als Physiker mit der "Structure of Scientific Revolutions" darauf verwiesen, dass wissenschaftlicher "Fortschritt" eben nicht rationalen Kriterien von These, Antithese, Synthese bzw. Falsifizierung und Fortentwicklung folgt.

Nun zu anderen Beiträgen aus dem Kommentarfeld:

Zitat von: pelecani
Nein, ich finde das nicht absurd. Der Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist herauszufinden, „wie es gewesen ist“ (v. Ranke). Was der Vorhersagekraft entspricht, wäre hier die größtmögliche Annäherung an die einstmaligen Verhältnisse. Es hat sie gegeben, und sie sind nicht mehr veränderlich.

Das Problem ist, dass die Vergangenheit praktisch doch veränderlich ist bzw. veränderlich wird. Sicherlich kann man sagen, es ist geschehen, was geschehen ist, aber wir können auch auf die Vergangenheit immer nur mit den Fragen der Gegenwart blicken, was zur Folge hat, dass sich in der gesellschafltichen Praxis eine fluide Vergangenheit ergibt, die ständig Neuinterpretationen unterworfen ist. Der Historiker kann unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der Quellenforschung eigentlich nur analysieren, wie das, was geschehen ist, beschrieben worden ist, um daraus Rückschlüsse über das Vergangene zu ziehen. Erfordert also nochmal einen Zwischenschritt zwischen: Was war und was wissen wir darüber?

Zitat von: mitm
Es hilft hier nach meiner Erfahrung sehr, drei Ebenen zu unterscheiden: (a) das Fachwissen einer Domäne, also als korrekt geltende Aussagen / Theoreme o.ä im Themengebiet einer Wissensdomäne, (b) die Wissenschaftstheorie der Domäne, also die anerkannten Methoden zum „Beweis“, daß Aussagen korrekt sind, und (c) die Meta-Wissenschaftstheorie, also anerkannte Methoden zur Bildung von domänenspezifischen Wissenschaftstheorien. Das ganze ist angelehnt an die linguistischen Konzepte Objektsprache, Meta-Sprache und Meta-Meta-Sprache.

Fangen wir oben an: eine Grundforderung an eine wissenschaftliche Disziplin besteht darin, daß sie ihren Wissensdomäne und die verwendete(n) konkrete(n) Wissenschaftstheorie(n) benennt. Jede Disziplin, die von sich behauptet, sie sei eine Wissenschaft, und die staatlich finanzierte Stellen fordert, hat hier eine Bringschuld. Hier fängt das Versteckspiel der GS an: In den offiziellen Selbstdarstellungen ist regelmäßig die Rede davon, man sein „keine normale Wissenschaft“, eine „angewandte“ Disziplin, „interdisziplinär“ (was nicht stimmt) usw. An der Stelle kann man eigentlich aufhören. Jede detaillierte Kritik an den GS erfordert willkürliche Festlegungen des Kritikers, welche Themen die „echten“ GS behandeln und welche Methoden sie verwenden.


Ich würde ja behaupten, dass die Grundlage der GS mit dem Thomas-Theorem und der Theorie der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit erstmal hinreichend besteht. Ich würde mich aber auch einer Darstellung verweigern, dass die GS "keine normale Wissenschaft" sind, wobei mir auch nicht ganz klar ist, was in dem Kontext normal und nicht-normal sein soll. Am Begriff interdisziplinär störe ich mich allerdings weniger. De facto sind die GS interdisziplinär, weil in ihre kulturwissenschaft, philosophische, ethnologische, sozialwissenschaftliche, historische oder pädagogische Fragestellungen zusammenlaufen. Man mag sich daran stören, dass die Naturwissenschaften hier kaum vorkommen, aber interdisziplinär ist es schon. Ob die GS eine eigene Wissenschaft ist, kann man auch diskutieren. Ich würde es ähnlich halten, wie bei der Kriminologie. Auch sie ist für mich keine eigene Wissenschaft, weil sie eben auch über keine eigene Methodik oder einheitliche Wissenschaftstheorie verfügt, sondern über ihren Gegenstand definiert ist, bei dessen Erforschung sie von der Neurobiologie bis zur Philosophie alle möglichen Methoden anwendet. Am Ende ist es aber eine thematische Spezialisierung und keine methodisch-theoretische.

Zitat von: mitm
Pro forma konzedieren ja einige GS-Forscherinnen, man würde auch biologische Einflüsse auf das Sozialverhalten berücksichtigen. Wenn das ernst gemeint ist, müßte man sich viel Gedanken machen über die Integration der jetzt involvierten Wissenschaftstheorien, die ist nach meinem Eindruck (ich bin MINTler) schwierig bis unmöglich.

Das müsste man in dem Fall, wenn man Modelle entwickeln will und sagt, mein Ziel ist es eine Gesamtformel für das menschliche Verhalten zu entwickeln. Ich kann mich aber mit dem Thema beschäftigen, ohne Vorhersagbarkeit von Verhalten als Abschlussziel zu haben. Ich bin was die Vorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens angeht, auch immer recht zurückhaltend. In der neurobiologischen Forschung Schwanken meines Wissens nach die Ergebnisse, inwiefern antisoziales Verhalten, das als Prädiktor für spätere Kriminalität angesehen wird (heikle Übertragung), genetisch oder biologisch beeinflusst wird, zwischen 20% bis 60% - je nach Art der Methodik. Die Frage ist halt, was das mir sagt letztendlich? Man kann die Biologie ja kaum ändern, aber ebenso wie bei der Frage der Begabung, kann man das, was damit passiert beeinflussen. Die Biologie ist ja letztendlich nicht determinierend, sondern legt wahrscheinlich eher die Basis für eine immer noch beeindruckende Vielzahl an Entwicklungsmöglichkeiten. Man kann dann auch ab hier ansetzen und schauen, was eigentlich das "Ausleben" dieser Möglichkeiten beeinflusst. Hier kann man schauen, ob es gesellschaftliche Faktoren gibt, die z.B. sozialen Aufstieg beeinflussen oder ob dies allein auf Basis von Qualitätskriterien geschieht. Hier hat man in der Vergangenheit festgestellt, dass es eine 'glass ceiling' für Frauen gegeben hat und die Ergebnisse verweisen darauf, dass es die in der Gegenwart auch immer noch gibt. Alles andere würde auch auf der Annahme hinauslaufen, dass es keine Rolle für die Entwicklung von Menschen spielt, mit welchen Bildern, Vorstellungen und auch Vorbildern sie konfrontiert werden. Ich würde in dem Kontext auch gar nicht anzweifeln, dass es beispielsweise hormonelle Gründe für bestimmte Verhaltensweisen geben mag, aber auch die Hormonverteilung ist ja nicht gleich bei jedem Menschen. Dementsprechend ist die Frage, was mit Menschen passiert, die eben nicht den ihnen zugedachten Rollenmuster entsprechen (wollen). Man muss ja immer bedenken, dass bis vor 25 Jahren noch die Ansicht herrschte, dass Frauen kein Fußballspielen oder Kampfsport betreiben sollten. Meine Mutter wurde von meinem Opa in der Mitte der 70er verweigert, zu studieren (was er später sehr bereute). Diese Strukturen verschwinden nicht über Nacht und sind auch immer noch wirkmächtig.

An der Stelle wäre man auch bei dem Bild der alten weißen Männer, was ich selber für etwas überstrapaziert halte. Dennoch ist es eine Denkfigur, die man in gewisser Weise ernst nehmen muss, wenn man die Grundlagen von Biologie und Sozialen für das menschliche Verhalten genau nimmt. Zum Einen geht es hier um Personen, die in ihre Positionen in einer Zeit gekommen sind, als die Aufstiegschancen für Frauen wesentlich schlechter waren, die also auch unter einem bestimmten Denkmuster großgeworden sind. Zum einen wirken bei ihnen die biologischen Faktoren Mann und Alter, was sehr wahrscheinlich auch ihre Weltsicht und ihr Verhalten prägt. Das heißt natürlich nicht, dass ihre Anmerkungen Unsinn sind (Ich verabscheue zum Beispiel die These, dass man als "Nichtbetroffener" zu bestimmten Fragestellungen schweigen sollte), aber gesellschaftlich agieren sie natürlich auch unter dem Eindruck knapper Ressourcen und in einer Auseinandersetzung um Aufmerksamkeit und im Zweifel Gelder.

So gibt es analog zur Rassismusforschung durchaus genug Bereiche, denen sich eine Wissenschaft nähern kann, ohne eine integrierte Theorie für die Erklärung von Verhalten liefern zu müssen, auch wenn diese zweifelsohne wünschenswert wäre. Die Angst vor dem Fremde ist wohl auch eine biologische Grundkonstante, deren Einfluss auf Fremdenfeindlichkeit in einem gesellschaftlichen Kontext, aber kaum zu definieren sein wird, weil wir eine extreme Spanne zwischen den Menschen in dieser Hinsicht haben. Ohne diese Frage abschließend zu klären, kann ich aber untersuchen, wie Institutionen zum Beispiel mit farbigen Menschen umgehen, welche Hindernisse sich ihnen in den Weg stellen, welche Strategien und Lebensweisen sie entwickelt haben und so weiter und so fort. Ganz ohne biologische Faktoren kann ich zum Beispiel untersuchen, welche Vorstellungen von Mensch und Kultur politische und öffentliche Debatten durchziehen oder auf welcher Basis Gerichtsurteile gefällt werden.

Zitat von: mitm
     At present, there are no agreed-upon, validated tools for assessing gender.

Nein, haben sie nicht. Das ist doch der GAU für die 40 Jahre Genderforschung. Praktische Verwendbarkeit: Null.
Doch es gibt einen Ansatz:

    A 2-step approach to questioning has been proposed, whereby participants are asked both their sex assigned at birth and their current gender identity. 6

„Frau X, wurden Sie, als Sie geboren worden sind, als Junge oder als Mädchen bezeichnet? Und als was fühlen Sie sich heute? Als Frau oder als Mann?“ – Lachen Sie nicht, auch wenn es witzig ist, die Erkenntnisse aus der angegebenen Literatur 6 (eine Transgender-Studie) auf eine normale Population übertragen zu wollen. Das ist ernst gemeint.

Meine Prognose: alles in allem wird das auf einen sinnlosen bürokratischen Mehraufwand in jeglicher klinischer Forschung hinauslaufen. Nicht mehr aufzuhalten.

Dass es noch keine wirklich vernünftig operationalisierter Messung von Gender gibt, ist natürlich irgendwie erstaublich. Andererseits hat man es hier natürlich auch mit einem Clash of Cultures zu tun. Bürokratien und quantitative Analysen bedürfen einer möglichst genauen Festlegung von Eigenschaften, um ihre Objekte handhab- und bearbeitbar zu halten, während viele Vertreter der GS von einer Kontingenz der Möglichkeiten ausgehen. Das kriegt man kaum zusammen, außer man entwickelt halt so einen Katalog von vorstellbaren Gender-Konstruktionen, die aber dann auch immer irgendwie albern werden und praktisch ebenso kaum handhabbar sind. Ein ähnliches Problem besteht Bevölkerungsumfragen zum Thema Ethnizität/Rasse/Idendität. Traditionell hat man einfach die Ethnie/Rasse des Vaters auf die Kinder übertragen und dann beschlossen, dass das schon seine Richtigkeit haben werde (Ausnahme waren Schwarze in den USA, da hat man oftmals die Mutter genommen, um "Mischlingen" nicht das Bürgerrecht geben zu müssen). Sowas ist unter den Bedingungen eine heterogenen Einwandderungsgesellschaft natürlich ungleich schwieriger. So haben in den USA manche Großeltern aus Deutschland und Mexiko sowie eine Mutter, die in Israeal aufgewachsen ist oder was auch immer. Hier ist die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe kaum bestimmbar, was die Demographie vor immer größere Herausforderungen stellt. Denn, wenn davon die Rede ist, dass "die Latinos" in den USA eher zu Clinton tendieren, ist damit ja gemeint, dass es um Personen geht, die sich als Latinos identifizieren. Das ist aber objektiv kaum bestimmbar, was zur Folge hat, dass man mittlerweile oftmals fragt, zu welcher Gruppe man sich zugehörig fühlt oder mehrere "Zugehörigkeiten" abfragt. Glücklich ist damit aber auch niemand so wirklich.

Da steht halt das alte Problem des "Quantifiying the unquantifiable" hinter. Ich würde mich aber dennoch wünschen, dass die GS sich für solche Fragen öffnet. Ich denke in dieser Hinsicht nämlich schon, dass man vielen Vertretern eine disziplinäre Borniertheit vorwerfen kann, nach der der eigene Ansatz der einzig richtige sein muss. Das ist jetzt nicht ungewöhnlich für die Wissenschaft und das hab ich bei Vertretern so zielmlich aller Disziplinen schon erlebt, aber naja. Nur weil das überall auftritt, heißt das ja nicht, dass es nicht kritikwürdig ist,

Johann Ohneland

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #6 am: 02. November 2016, 15:46:32 »
Zum Beitrag von Dirk:

Also: punitive Turn. Warum geht in den USA und GB die Zahl der Geföngnisinsassen steil nach oben? Mehr Straftaten? Schärfere Gesetze? Haben Politik und Medien (populistisch) eine Verschärfung der Gesetze gefordert?

BRD:Zeitgeist, Medien und Politiker fördern ständig höhere Strafen? Ist da so? Aber: Delta Gefangenenzahlen = +- Null. Erklärung: Bei uns geht es um Intensivtäter. Diese Gruppe ist so klein, daß sie statistisch keine Rolle spielt. Daher +-0.

Habe ich das so richtig verstanden?

USA: Wenn man es ganz grob sehen will ja. Statistische gesehen sind Inhaftierungsraten und die Anzahl der Straftaten weitestgehend unabhängig voneinander, jedenfalls so unabhängig voneinander, dass sie den Anstieg der Inhaftierungsraten in den USA nicht erklären können. Schärfere Gesetze hat es zweifelsohne gegeben und auch eine deutliche Verschärfung des politischen und medialen Diskurses, der stark auf der Verbreitung von individualätiologischen Ansätzen beruhte. Hier gibt es dann verschiedene Erklärungsansätze, die das mit dem Funktionieren der amerikanischen Zwei-Parteien-Demokratie, der sozioökonomischen Entwicklung oder was auch immer in Einklang bringen. Jedenfalls wird die Annahme, dass der politische Diskurs sich im angelsächsischen Raum massiv verschärft hätte, eigentlich von niemanden bestritten. Da sind die Indikatoren einfach zu deutlich, wobei man natürlich sehen muss, dass es eine gehörige Binnendifferenz zwischen den einzelnen Bundesstaaten gibt.

Bezogen auf Deutschland war die Ausgangslage der Debatte, dass eine Verschärfung des politischen Diskurses unterstellt wurde, aber bisher nicht hinreichend belegt wurde, weil lediglich auf die Outputfaktoren geschaut wurde. Und je nachdem auf welchen man schaute, kam man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Dabei wurde größtenteils auch ignoriert, dass die deutsche Justiz komplett anders funktioniert, als die amerikanische. Richter müssen sich nicht wählen lassen, was dazu führt, dass sie eher geneigt sind "akademischen" und professionellen Anregungen zu folgen, als auf Stimmungen im Volk zu reagieren. Vieles spricht dafür, dass die von der Legeslative vorgesehenen Verschärfungen auf dem Weg der Praxis einfach wieder eingefangen werden, die ein gewisses bürokratisches Eigenleben entwickelt hat.

Das spannende im Kontext des Projektes ist, dass die Zahlen bzgl. Jugendkriminalität seit Jahren stagnieren oder zurückgehen (http://www.uni-konstanz.de/rtf/gs/Spiess_2013_Jugendkriminalitaet_in_Deutschland_Zentrale_empirische_Befunde.pdf ; https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/PolizeilicheKriminalstatistik/2015/Zeitreihen/Belastungszahlen/tb40_BelastungszahlenDeutscheTatverdaechtigeInsgesamtAb1987_csv.csv?__blob=publicationFile&v=5 ), aber trotzdem Verschärfungsdiskussionen geführt werden. Dabei ist faszinierend, dass sich die Beschreibung jugendlichen Problemverhaltens sich im Untersuchungszeitraum zwar teilweise glichen, aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten ganz andere Schlussfolgerungen gezogen wurden. So hat es beispielsweise zu Beginn der 1970er eine massive politische Panik in Hinsicht auf die Entwicklung der Jugend gegeben. Die damals steigenden Kriminalitätszahlen wurden als Anzeichen eines bevorstehenden gesellschaftlichen Kollapses gewertet. Trotzdem wollte man nicht mir Härte reagieren. Heute hat man sinkende Kriminalitätskennziffern, aber dennoch wird wieder eine moralisch extrem aufgeladene Debatte über den Zustand der Jugend geführt, bei der man diesmal eben doch meint, Härte zeigen zu müssen. Dabei wird dann diskursiv getrennt, zwischen "normaler" Jugendkriminalität, die irgendwie schon wieder von alleine aufhören wird und Gewaltkriminalität, die zu einer persistenten kriminellen Karriere führen würde, wenn man nicht hart dazwischen geht. Unbeachtet dessen, dass kriminologische Langzeitstudien darauf verweisen, dass Prognosen in dem Bereich kaum möglich sind, man aber eigentlich davon ausgehen kann, dass auch rund 90% der sogenannten Intensivtäter später ein Leben ohne Straffälligkeit führen. In dieser Hinsicht war es natürlich sinnvoll, erst einmal zu schauen, wenn über politische Veränderungen gesprochen wird, zuschauen, was in der Politik eigentlich passiert, da sonst die Debatte ja in einem ziemlich luftleeren Raum stattfindet.

pela

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #7 am: 02. November 2016, 15:52:12 »
Zitat von: pelecani
Nein, ich finde das nicht absurd. Der Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist herauszufinden, „wie es gewesen ist“ (v. Ranke). Was der Vorhersagekraft entspricht, wäre hier die größtmögliche Annäherung an die einstmaligen Verhältnisse. Es hat sie gegeben, und sie sind nicht mehr veränderlich.
Das Problem ist, dass die Vergangenheit praktisch doch veränderlich ist bzw. veränderlich wird. Sicherlich kann man sagen, es ist geschehen, was geschehen ist, aber wir können auch auf die Vergangenheit immer nur mit den Fragen der Gegenwart blicken, was zur Folge hat, dass sich in der gesellschafltichen Praxis eine fluide Vergangenheit ergibt, die ständig Neuinterpretationen unterworfen ist.
Was veränderlich ist, das ist nicht die Vergangenheit, sondern unsere Interpretation. Wie in anderen Wissenschaften auch ist Befund von Deutung zu trennen. Eine Deutung, die die Befunde ignoriert oder die sich nicht bemüht, sie in ihrem tatsächlichen Zusammenhang zu erfassen, ist als Erkenntnis wertlos (natürlich wird sie dennoch häufig als tagespolitisch wertvoll empfunden, da fallen einem mit einer Baudrate von 100/s Beispiele ein). Das ist nicht Wissenschaft.

Zitat
Clash of Cultures […] Bürokratien
Nichts könnte abwegiger sein als diese Apologie. Es geht um die Begründung für praktische (hier: medizinische) Interventionen, die einer Nutzen-Risiko-Abwägung unterliegen. Dafür braucht man nicht Geschwafel, sondern Zahlen. Das Risiko von medizinischen Maßnahmen kann sehr konkret sein.

Zitat
Kontingenz der Möglichkeiten
In noch nicht so elaborierten Zeiten nannte man das Ablasshandel.

Johann Ohneland

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #8 am: 02. November 2016, 18:05:58 »
Natürlich ist die Vergangenheit faktisch nicht zu ändern, sie steht uns aber nur durch Quellen offen, da wir selber nicht dabei gewesen sind. Das bedeutet, dass es immer einen Prozess der Interpretation gibt und dieser ist durch die Gegenwart beeinflusst. So ist es in der Geschichtswissenschaft ja nicht unüblich, dass Quellen immer wieder neubewertet und interpretiert werden (müssen) und so neue Einblicke in ein Welt gewonnen werden. Das macht aber vorherige Analysen grundsätzlich nicht unwahrer. Befund und Deutung sind praktisch nicht trennbar. Ich kann nur den Prozess der Deutung nachvollziehbar machen und hierüber eine wissenschaftliche Herangehensweise sicherstellen. Anschließend kann man die Deutungen in Bezug zueinander setzen und entscheiden, welche Deutung einem nachvollziehbarer erscheint, aber letztendlich belegen, dass die eine These wahrer ist, wird je nach Thema schwerlich möglich sein.

Zitat
Nichts könnte abwegiger sein als diese Apologie. Es geht um die Begründung für praktische (hier: medizinische) Interventionen, die einer Nutzen-Risiko-Abwägung unterliegen. Dafür braucht man nicht Geschwafel, sondern Zahlen. Das Risiko von medizinischen Maßnahmen kann sehr konkret sein.

Bestreitet ja auch niemand. Das war eher eine allgemeine Anmerkungen darauf, warum die Forschung in diesem Themenfeld kaum entwickelt ist, da man es hier mit Problemen zu tun hat, die nicht wirklich genderspezifisch sind. So wie ich das Feld von den zitierten Quellen überblicke, scheint man ja aber auch gerade erst am Anfang der Frage zu stehen, wie die Rolle von Sex und Gender im medizinischen Kontext zu bewerten ist - kann man in der Folge wahrscheinlich auch streiten, welche Disziplin sich da welcher verweigert hat, aber letztendlich malen Mühlen der Wissenschaft halt nicht immer im gewünschten Tempo. Etwas weiter dürfte man in der Psychologie und Psychiatrie sein, da diese ja im Falle von Geschlechtsumwandlungen zwangsläufig beteiligt sind und den Krankenkassen zwecks Kosten reporten müssen. Könnte mir vorstellen, dass man hier bzgl. der Operationalisierung schon weiter ist. Ist aber auch wahrlich nicht mein Fachgebiet. Ich mag nicht ausschließen, dass du mit deiner Kritik in dem Feld recht hast.

Ablasshandel ist eine Praxis. Aber natürlich ist der Ablasshandel Teil der Kontingenz der Möglichkeiten. Menschen haben durchaus das Potential anzunehmen, sie unterlägen aufgrund göttlicher Fügung einer Erbschuld, weil die Frau vom verbotenen Apfel gegessen hat. Da kann man analysieren, wie eine solche Wahrnehmung und Grundhaltung entstanden ist, was das über das Herrschaftssystem und die dahinterstehende Philosophie sowie die damit verbundenen Geschlechterverhältnisse aussagt.  ;)

Aber Kontingenz der Möglichkeiten in dem Kontext meint einfach, dass der Mensch sehr kreativ dabei ist, Identitäten herauszubilden und es in den meisten Fällen recht schwer ist, diese wertend zu ordnen. So handelt es sich bei dem Konzept der "Nation" um eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Vorher bezog sich die Identität der Menschen eher auf die Religion und auf den jeweiligen Landesherr (man war Untertan von X), mit der Entstehung der Idee der Nation hat sich dies aber so sehr geändert, dass wir Nationalität mittlerweile fast wie so etwas wie eine naturwissenschaftliche Konstante betrachten. Am Ende ist aber der Unterschied zwischen einem Norddeutschen und einem Ostholländer sehr gering, dennoch bauen wir in unserem Kopf ständig irgendwelche Barrieren auf, um dieses Konstrukt aufrechterhalten zu können. Hobsbawm hat das mal "imagined communities" genannt, die halt imaginiert, aber wirkmächtig sind. Grundsätzlich gäbe es aber keine naturgesetzlich faktische Notwendigkeit sich auf Basis der Nation zu definieren, trotzdem wird es von mir im Kontakt mit so ziemlich allen Behörden und Institutionen dauerhaft verlangt "mich zu bekennen" - wie eben auch beim Geschlecht. Hier verläuft dann auch der Widerspruch zwischen dem Versuch zu klassifizieren oder die (potentielle) individuelle Fallkonstellation zu bevorzugen. Letzteres hilft einem sicherlich nur bedingt, wenn man schauen muss, ob eine bestimmte Therapie anschlagen kann, hat aber wahrscheinlich trotzdem sehr großen Einfluss auf die psychische Gesundheit, da die permanent nachgefragte Einordnung in ein System, mit dem man nichts anfangen kann, wohl kaum ohne gesundheitlichen Einfluss bleibt.

Das Beispiel mit der Nation ist in der Folge auch so ein Fall, wo man auch bei quantitativen Verfahren nicht aus der politisch-moralischen Eingebundenheit seiner Forschung herauskommt. Nehme ich dies als Untersuchungsmerkmal unkritisch mithinein, akzeptiere und bestärke ich, dass es soetwas wie eine Nation wirklich gibt. Praktisch kann das natürlich sinnvoll sein, aber wenn man davon ausgeht, Wahrheit finden zu wollen, übersieht man solche Fallstricke doch sehr leicht.

Hans Wurst

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #9 am: 03. November 2016, 11:35:04 »
Zitat Dirk
"Es mag verwunderlich klingen, aber ja, die Ergebnisse der Wissenschaft unterliegen kulturellen Schwankungen. Dies liegt zum einen daran, dass die Ergebnisse wie gesagt nicht aus sich heraus sprechen, sondern interpretiert werden müssen."

Welche Wissenschaft meinst du hier? Bei Forschungsergebnissen der Biochemie hast du keine Freiheit der Interpretation. Und: Im Rückblick kommt es gar nicht mehr darauf an, wie man zum Embden-M.-Weg kam, soll heißen: darüber findest du in keinem Lehrbuch etwas. Theoretisch hätte das Ergebnis, also der E.-M.-Weg auch ausgewürfelt sein können! Es kommt jetzt nur darauf an, daß die Ergebnisse weiteren Untersuchungen standhalten.
Ich meine, der derzeitige Kanon der Nat.Wiss. enthält einen Kern, der nicht mehr verhandelbar ist.

MrSpock

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Zitat aus Star Trek II.

eLender

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #11 am: 22. September 2017, 00:34:28 »
Mach's mal hier hin, passt ja zum Thema. Ist schon etwas älter, aber sehr sehenswert. Zeigt ganz gut, worum es bei dem Streit eigentlich geht, die Positionen sind klar besetzt. Leider nur über FB:

Zitat
In seiner Reihe "Gehirnwäsche" geht der beliebte norwegische Komiker und Soziologe der Gender-Forschung auf den Grund. Diese behauptet, es gebe außer den Geschlechtsteilen keine Unterschiede zwischen Mann und Frau. Die verschiedenen sozialen Rollen seien durch die Kulturen willkürlich festgelegt und bedeuteten eine Einengung, die überwunden werden müsste. Harald Eia geht dieser Theorie nach. Nach Ausstrahlung des Films im norwegischen Fernsehen 2010 brach eine breite Debatte über Sinn und Unsinn der Gender-Theorie aus. Schließlich beendete das Parlament die Finanzierung von Gender-Instituten mit Steuermillionen.

https://www.facebook.com/philosophisches.abenteuer/videos/815203788653200/
Wollte ich nur mal gesagt haben!

eLender

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #12 am: 22. September 2017, 00:40:13 »
Mach's mal hier hin, passt ja zum Thema. Ist schon etwas älter, aber sehr sehenswert. Zeigt ganz gut, worum es bei dem Streit eigentlich geht, die Positionen sind klar besetzt. Leider nur über FB:

Zitat
In seiner Reihe "Gehirnwäsche" geht der beliebte norwegische Komiker und Soziologe der Gender-Forschung auf den Grund. Diese behauptet, es gebe außer den Geschlechtsteilen keine Unterschiede zwischen Mann und Frau. Die verschiedenen sozialen Rollen seien durch die Kulturen willkürlich festgelegt und bedeuteten eine Einengung, die überwunden werden müsste. Harald Eia geht dieser Theorie nach. Nach Ausstrahlung des Films im norwegischen Fernsehen 2010 brach eine breite Debatte über Sinn und Unsinn der Gender-Theorie aus. Schließlich beendete das Parlament die Finanzierung von Gender-Instituten mit Steuermillionen.

https://www.facebook.com/philosophisches.abenteuer/videos/815203788653200/

bzw, die YT-Akademie: https://www.youtube.com/watch?v=3OfoZR8aZt4
Wollte ich nur mal gesagt haben!

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Wollte ich nur mal gesagt haben!

Scipio

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Re: Fortführung der Blog-Diskussion über Gender Studies
« Antwort #14 am: 22. September 2017, 01:59:25 »
Da würde ich gerne noch den Beitrag vom Ketzerpodcast beistellen: https://www.youtube.com/watch?v=zYa6oQOK1wE

Es geht da im wesentlichen um die Äußerungen von Prof. Kutschera aber auch um Genderforschung im allgemeinen. Leider ist das alles über das ganze Video verteilt.