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Kliniken Heiligenfeld

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Begonnen von unhold, 01. Juni 2014, 22:08:28

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unhold

...war kurz am Rande der Skepkom Thema. Mal nachgeblättert, eine kassenfinanzierte Klinik mit Esoterik-Shop:
http://www.shop-heiligenfeld.de/
...von Klangschalen bis Positiv-Denken, Rüdiger Dahlke, Aromatherapie, Eckhard Tolle, bis hin zu irgendwelchen "lichtarbeitenden" Channel-Tussen:
http://www.shop-heiligenfeld.de/Die-Heilung-des-Inneren-Kindes,i67.htm

Offensichtlich geht da auch das Who-is-who der deutschen Esoterik ein und aus, von Rüdiger Dahlke bis Anselm Grün:
https://www.facebook.com/akademie.heiligenfeld

... ich bin mir nicht sicher ob da irgendwas durcheinander, das da irgendwelche Patienten den Laden übernommen haben? ...und keiner hat´s gemerkt? Sehr skuril...


ajki

"Heiligenfeld" und seine "Klienten" sind wohl ein *sehr* spezieller Fall für sich. Für die "Akten" zitiere ich aus einem journalistischen Übersichtsbericht zu einer spezifischen psychischen Erkrankung und therapeutischen Angeboten in diesem Umfeld.

taz vom 15.4.2000, E.C. Gründler (freie Journalistin), "Grenzen der Sinnsuche", tazmag, S. V

Zitat[... Falldarstellung "Ecclesiogene Neurose" ...]

Fälle wie die von Doris F. sind keine Seltenheit in psychiatrischen und pyschosomatischen Kliniken. Zuverlässige Zahlen gibt es nicht,auch keine Schätzungen. Als der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Joachim Galuska 1990 die Fachklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen gründete und eine Behandlung für ,,Menschen in spirituellen Krisen" in einer ,,Transpersonalen Gruppe" anbot – die erste und bisher einzige im deutschsprachigen Raum –, war die Nachfrage so groß, dass Wartezeiten bis zu fünfzehn Monaten entstanden.

Doch nicht nur Sektenzugehörigkeit treibt Menschen in einen psychischen Zusammenbruch. Auf dem Esoterikmarkt bieten selbsternannte Gurus fragwürdige Meditationspraktiken und Therapien an. Die Nachfrage boomt, wie der Sektenzulauf zeigt. Was das naturwissenschaftliche Weltbild der Moderne ausklammert, bricht sich als einträgliches Geschäft oder auch als Krankheit, wie Neurose oder Psychose, Bahn. Aus guten Gründen verlangen alle westlichen und östlichen Schulen spiritueller Praxis von jedem Initianden eine strenge Disziplin. Ein Lehrer begleitet den Schüler auf dem ritualisierten Weg der Selbsterforschung und des Eintretens in veränderte Bewusstseinszustände.

Fehlt diese Begleitung, können auch scheinbar harmlose Entspannungs- und Meditationspraktiken zu derart veränderten Körpersensationen und Wahrnehmungen führen, dass die alltäglichen Begriffe dafür versagen und die Erfahrung nicht mehr in das Alltagsbewusstsein integriert werden kann.

"Durchbruch archetypischer Energien", nennt Joachim Galuska Phänomene wie Zuckungen, Vibrationen, Wärmegefühl, Hitze und Kälteschauer oder Lichtblitze. Wird dem Schüler nicht bestätigt, dass dies normale Begleiterscheinungen seiner Übungspraxis sind, kann die Psyche aus dem Gleichgewicht geraten. Bei labilen Ich-Strukturen kann ein Abgleiten in die Psychose die Folge sein.

"Die Gottberauschten" nennt man in Indien Menschen, die sich infolge von Meditations- oder Yogapraxis abweichend verhalten. Das gilt in gewissen Lebenssituationen als ,,normal". Die indische Kultur kennt traditionell keine Notwendigkeit, solche Menschen auszugrenzen oder ärztlich zu behandeln. Der amerikanische Psychotherapeut und Psychiater Stanislav Grof, der durch seine klinischen Experimente mit bewusstseinserweiternden Drogen bekannt wurde, kritisierte als einer der ersten, dass ,,der Prozess des spirituellen Erwachens im allgemeinen ... samt seinen dramatischeren Manifestationen nun als Krankheit betrachtet wird, und die Menschen, die Anzeichen dessen zeigen, was früher als innere Transformation und Wachstum angesehen wurde, heute in den meisten Fällen als krank gelten". Grof vertritt die These, dass eine Psychiatrisierung dieser Menschen und ihre Behandlung mit Psychopharmaka ungerechtfertigt ist und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten nimmt. Stattdessen fordert er eine fachlich kompetente Begleitung beim Durchleben der Krise.

Anzeichen eines vorsichtigen Umdenkens sind heute in der Medizin erkennbar: Das international gültige "Diagnostical Statistical Manual of Deseases" [DSM] verwendet seit 1996 erstmalig die Diagnosekategorie "religiöses oder spirituelles Problem". Die WHO kennt inzwischen auch "Trance und Besessenheitszustände" in denen sich ein Mensch so verhält, als würde er "von einer anderen Persönlichkeit, einem Geist, einer Gottheit oder einer ,Kraft' beherrscht", und grenzt diese Zustände ausdrücklich von solchen ab, die bei akuten Psychosen, Schizophrenien oder Hirnverletzungen auftreten können.

Professor Wilfried Belschner von der Universität Oldenburg plant zusammen mit der Fachklinik Heiligenfeld eine erste empirische Untersuchung über die Häufigkeit des Vorkommens spiritueller Krisen. Das "SEN – Spiritual Emergence Network" in Freiburg, das über eine Liste von sechzig Therapeuten verfügt, die diese Problematik ambulant behandeln, registriert seit drei Jahren etwa zwanzig Anfragen im Monat.

[... Falldarstellung "Nahtod-Erlebnis" ...]

"Wir integrieren Meditation in das Therapieangebot, um die Patienten in ihrer spirituellen Suche ernst zu nehmen und ihnen dafür Raum zu bieten. Doch manchmal müssen wir die Meditation auch untersagen, wenn der Realitätsbezug noch zu wenig stabil ist" erläutert Joachim Galuska das Therapiekonzept der Klinik. Nach dem Frühstück geht Herbert V. täglich zwei Stunden zur Gruppentherapie in die ,,transpersonale Gruppe". Unter der Leitung einer Ärztin und eines Psychotherapeuten werden mit klassischen psychotherapeutischen Methoden die grundlegenden frühkindlichen Beziehungsmuster bearbeitet; gleichzeitig können dort auch die Erfahrungen thematisiert werden, die durch Beschäftigung mit spirituellen Themen gemacht worden sind und deren Integration in das Alltagsbewusstsein bisher nicht gelungen ist. In Heiligenfeld wird aufgrund eines integrativen Therapieansatzes mit tiefenpsychologischen, gestalttherapeutischen, systemischen oder auch verhaltenstherapeutischen Methoden gearbeitet. Weitere Therapiestunden am Morgen und am Nachmittag sind der Körper- und Kreativtherapie gewidmet.

,,Je strukturloser, labiler, haltloser und geöffneter die Persönlichkeit ist, um so ausgelieferter ist sie; umso geringer ist ihre Integrationskraft, umso eher ist sie gefährdet, sich in den archetypischen Energien zu verlieren, konturlos und diffus zu werden, psychotisch zu dekompensieren", sagt Joachim Galuska. Nach den Beobachtungen der Ärzte und Therapeuten in Heiligenfeld stellt sich das Leiden der meisten Patienten als komplexes Gefüge dar: Auslöser ist meist eine persönliche Lebenskrise, in die der Mensch, zum Beispiel durch Scheidung oder Tod eines nahen Angehörigen gerät. Infolge frühkindlicher Störungen kann er diese Krise nicht adäquat verarbeiten und reagiert neurotisch oder psychotisch; daneben gibt es Menschen, wie Herbert V., die in eine echte spirituelle Krise geraten. Die Würdigung des spirituellen Anliegens wird in der Fachklinik Heiligenfeld als wichtige Aufgabe angesehen.

Auch Sektenaussteigern wird in Heiligenfeld fachliche Hilfe geboten. ,,Diese Patienten", so Dr. Klaus Buch, ,,haben ähnlich wie Alkoholiker ein defizitäres, unreifes Ich, das mit Anpassung an die rigiden Strukturen einer Organisation und die kritiklose Unterwerfung unter eine Autorität, seine Lebensprobleme zu bewältigen versucht. Erfahrungsgemäß können wir in der Klinik Menschen helfen, deren Loslösungsprozess von der Sekte bereits begonnen hat. In der psychotherapeutischen Behandlung erhalten sie Unterstützung beim Aufbau gesunder Ich-Strukturen."

[... Schluss, Herbert F. gehts wieder einigermaßen etc.]
every time you make a typo, the errorists win

Superkalifragilistisch

Da wollte mich mal eine Hausärztin (Kassenzulassung aber Esoscheisse von A bis Z) hinschicken. Habe damals (2012) überlegt ob ich einen thread zu dem Laden aufmachen soll.
"Umgekehrt mußte die Psychoanalyse manchen enttäuschten Adepten eines vulgarisierten, auf eine ökonomisch-soziale Theorie reduzierten Marxismus als Bereicherung erscheinen."

Jetzt im Trend: »irgendwas mit Gesellschaftskritik«

Hildegard

Spirituelle Krisen sollen da also behandelt werden, und als Beispiel wird die Ablösung von einer Sekte genannt. Aber der Wunsch nach Ablösung von einer Sekte ist doch keine spirituelle Krise, sondern eher das Gegenteil.

Ablösung von Sekten mit Hilfe esoterischer Methoden klingt für mich nach Regen und Traufe. Da kann man sich ja gleich an Scientology wenden.

[url="http://vierfrauenundeinscharlatan.wordpress.com"]http://vierfrauenundeinscharlatan.wordpress.com[/url]

gesine2

ZitatRegen und Traufe
Ist ja nicht so, als wäre das ein neues Geschäftsmodell.
_____________________
ne schöne jrooß, gesine2

ajki

Der Aufhänger war das Sortiment des Shops (voll mit Eso-Kram aller Spielarten). Ich habe mich deshalb erinnert, was seinerzeit als "Heiligenfeld"-Charakterisierung in der Presse stand. Für mich passt das insofern zusammen, als die "Klienten" dort schon als willige und willfährige Käufer des Schundes dort eintrudeln. Ich wette, dass so ein Klientel den gewohnten Kram *nachfragt* bzw. ansonsten den bisherigen Kaufgewohnheiten gemäß auswärts oder auf dem Versandweg kauft.

Man darf ja nie vergessen, dass PatientenKlientenKundenBetreutewasauchimmer neben ihrem Krankenstatus all' ihr restliches Sozialgepräge ebenfalls weiter ausleben. In meinem Fall zum Beispiel würde ich den jeweiligen Krankenhausshop von allen SF-Schmökern leerkaufen (bzw. früher leergekauft haben, weil ich heut die 2000+-Sammlung auf so 'nem Gedönsding mit dabei habe). Die Leutchen dort kaufen halt ihren gewohnten Seich weiter (und wahrscheinlich in der Cafeteria solche Tee-Sachen anstatt ordentlich Kännchen Kaffee + anständiges Stück Kuchen mit fett&satt Sahne drauf).

Zur Bewertung der Leistung dieser Fachklinik reichte mir schon die Aufzählug der Therapie- und Interventionsangebote - ich lese die Aufzählung so, dass wenn un-be-dingt nachgefragt und nix anderes bezahlt wird und gar nichts anderes übrig bleibt, dann verbuchen die die Sache notfalls auch mal als (irgendeine Spielart von) Verhaltenstherapie. Ansonsten wird natürlich bevorzugt gesprochen, in sich hinein gefühlt und Arbeit an sich selbst geleistet. Für mich reicht das alleine schon als K.O.-Kriterium.
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