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Qualität im Gesundheitswesen

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Begonnen von pelacani, 09. Oktober 2014, 07:37:05

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gesine2

ZitatGewinnmarche
Hach das weckt so schön, sweeper ;-) Auch wenn es um das Marktgeschehen geht und die Gewinne nicht marginal sind, bleibt es eine Gewinnmarge - genau genommen sogar nur eine Marge.
ZitatFormez vos bataillons,
Marchons, marchons!
Und nein, das ist in keiner Weise eine inhaltliche Kritik - da gibe es in diesem Fall zu meiner Sicht der Dinge kaum Differenzen.
_____________________
ne schöne jrooß, gesine2

sweeper

@gesine2:

:) Danke.
War wohl nicht mein stärkster Moment, als ich das schrieb, wie auch Belbo schon merkte.
Aber mir geht zZt ziemlich der Hut hoch wg dieser ganzen angeblichen Qualitätssicherung.
Man lese mal dies  - im Wissen, dass immer häufiger Arztstellen in Kliniken unbesetzt bleiben:

http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/versorgungsforschung/article/871085/klinikqualitaet-rankinglisten-wuensche-mir-nicht.html

Der Qualitätsmanagement- und Controllingbereich wird immer mehr hochgefahren.

With magic, you start with a frog and end up with a prince.
With science, you start with a frog, get a PhD and are still left with the frog you started with...


Terry Pratchett

F. A. Mesmer

leider gibt es gelegentlich ein Missverständnis, mit welcher Absicht Qualitätsmanagement, Controlling und Rankings stattfinden. Politökonomische Analphabeten spekulieren regelmäßig, es ginge um bessere Versorgung von Patienten usw., dabei sind solche Entwicklungen nur kollateral, auch wenn sie die Aufmerksamkeit des Publikums binden.
Ziel der Übung ist die Produktion vergleichbarer Zahlen um den Wettbewerb anzufeuern. Weil mehr ist immer besser als weniger.

jetzt sag blos noch, du hast etwas gegen Wettbewerb. Dabei geht doch nix über totalen Wettbewerb.

Conina

Quatsch.

Bürokratie schirmt den Markt wunderbar vor neuen Wettbewerbern ab.
Die Bürokratie nutzt hauptsächlich sich selbst.

pelacani

ZitatDie Pro- und Kontra-Verfechter zum Thema Qualitätsmanagement (QM) trafen sich in der Redaktion des Deutschen Ärzteblattes zu einem Gespräch.
http://www.aerzteblatt.de/archiv/168185/Interview-mit-PD-Dr-med-Maria-Eberlein-Gonska-und-Prof-Dr-med-Serban-Dan-Costa-Qualitaetsmanagement-integraler-Bestandteil-der-taeglichen-Arbeit
Es sind tatsächlich die Hauptakteure, die sich da gegenübersitzen.

Frau Eberlein-Gonska, die Pro-Vertreterin, ist vergleichsweise geradezu lammfromm:
ZitatIch kann den Unmut absolut verstehen. Da ist vieles schiefgelaufen und weiterentwickelt worden, ohne die Kollegen mit ins Boot geholt zu haben. ... Da muss man den Mut haben, auch einmal auszusetzen mit der Dokumentation. ... Das, was in den letzten Jahren vernachlässigt wurde, ist die ganz nüchterne Betrachtung der medizinischen Qualität der Patientenversorgung. ... Außerdem ist die Evidenz, dass Zertifizierungsverfahren tatsächlich die Qualität verbessern, nicht erbracht. ... Da ist im Übrigen auch ein Beratermarkt entstanden, der der Sache alles andere als dienlich ist.

Und sie ruft sogar zum zivilen Widerstand auf und schreibt den Kollegen ins Stammbuch:
ZitatAn der Stelle müssen wir Ärzte einfach mutiger werden: Wenn ich nicht in Aussicht gestellt bekomme, ein Ergebnis zurückzubekommen für eine Leistung, die ich erbringe, dann muss ich den Mut haben zu sagen: Das mache ich nicht.
:rofl2

Da hat der Kontra-Vertreter Costa Mühe, sich noch zu profilieren:
ZitatCosta: Ich habe den Eindruck, dass da ein bisschen die Luft raus ist. Die Geschäftsführungen hatten sich Vorteile von den Zertifizierungen erhofft, aber wenn alle zertifiziert sind, gibt es diese nicht mehr.

Eberlein-Gonska: Die Verwaltungsleiter haben geglaubt, dass sie in den Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen bessere Karten haben, wenn sie Zertifikate vorlegen. Das ist aber nicht geschehen. Deshalb haben die Geschäftsführungen die Lust verloren, zumal die Zertifizierungen ja auch ordentlich Geld kosten.

Costa: Ein Beispiel: Die Mutter aller Zentren ist das Brustzentrum. Mit der Zentrumsbildung sollte die Qualität gesteigert werden. Solange die Kriterien nicht bekannt waren, glaubten alle Beteiligten, dass die Zentrumsbildung eine Chance bietet, die Versorgung zu verbessern. Als die Kriterien bekannt wurden, haben alle versucht, genau diese zu erfüllen. Fast alle haben es geschafft. An ihrer Qualität änderte sich aber nichts.

Sein Schlusswort:
ZitatQM hat in sehr vielen Punkten im Krankenhaus durchaus einen Sinn, nämlich dort, wo organisatorische und strukturelle Aspekte einer Qualitätssicherung unterzogen werden müssen.
(Klartext: Solange das unverbindliches Gerede bleibt oder uns nicht tangiert, hat niemand was dagegen).

Patches O Houlihan

ach was, die medizinische Versorgung, wie ich sie aktuell in D erleben darf hält weiterhin das robuste Niveau aus dem ehemaligen Ostblock-Sozialismus und hat, was die modernen Geräte angeht, diesen sogar längst überholt - wenn man den in den Genuss moderner Diagnostik kommt und die Ochsentour dorthin übersteht...

gefühlt - ich kanns nicht belegen - waren die Wartezeiten (Termin und im Wartezimmer) und die Versorgung in den 80ern in Westdeutschland erheblich besser, als sie es heute sind (ebenfalls im Westen, den Osten kenne ich nicht.)

fenkt

Zitat von: Patches O Houlihan am 24. Februar 2015, 14:07:39
gefühlt - ich kanns nicht belegen - waren die Wartezeiten (Termin und im Wartezimmer) und die Versorgung in den 80ern in Westdeutschland erheblich besser, als sie es heute sind (ebenfalls im Westen, den Osten kenne ich nicht.)

Früher war mehr Personal, z.T. heute durch Technik/Prozesse (Sterilisten/Personal autoklaviert Zeug selbst im Automaten) ersetzt.

Patches O Houlihan

medizin-technik nützt nix, wenn man als patient keinen termin bekommt oder ewig auf alles warten darf...
nebenbei nützt die technix auch nix, wenn in krankenhäusern das putzpersonal qualitiätsgesichert prozessoptimiert freigesetzt wurde. das muss der fortschritt sein, von dem alle reden.

Superkalifragilistisch

Pelacani

,,Pay-for-Performance"

Das habe ich sinngemäß von meinem Hausarzt gehört. Ohne Geld dürfe ich von ihm auch keine Leistung erwarten. Er hat sich mit Arbeitern aus dem Niedriglohnsektor verglichen und selbstmitleidig-vorwurfsvoll das Wort Mindestlohn bemüht. Mein Patient, der Schmarotzer? Ein Arzt darf nicht einfach aufgrund von Wirtschaftlichkeit dort Leistung verweigern, wo sie unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit verläuft. Dazu verleiten aber auch die tollen "WANZ-Kriterien". Teilt der Arzt seinem Patienten denn wenigstens mit, welche Untersuchungen helfen könnten oder sogar notwendig wären, aber zu teuer sind? Nein, weil er fürchtet, daß jener sie unter der Kenntnis dann schließlich auch fordert.

Leider darf man a) solche Aussagen wie oben sinngemäß wiedergegeben nicht auf Tonband aufnehmen und b) tauchen solche Dinge mit Sicherheit gehäuft auf aber es gibt keine Plattform, auf der Patienten von solchen Erfahrungen berichten können - wodurch sichtbar würde: es handelt sich nicht um Einzelfälle.
"Umgekehrt mußte die Psychoanalyse manchen enttäuschten Adepten eines vulgarisierten, auf eine ökonomisch-soziale Theorie reduzierten Marxismus als Bereicherung erscheinen."

Jetzt im Trend: »irgendwas mit Gesellschaftskritik«

Patches O Houlihan

irgendwie bin ich mir ziemlich sicher, dass der Vergleich zu Niedriglöhnern und Mindestlohn hinkt, jedenfalls gemessen an der Realität von Niedriglöhnern.
der Vergleich mit der Einkommenssituation von Medizinern als einer präkarisierten Akademikerprofession hinkt übrigens auch, wenn man nicht gerade immer mit der Einkommensspitze vergleicht. Juristen sind die Felle ja auch weggeflogen, und etlichen anderen auch. Selbst Taxifahrern.

pelacani

Zitat von: Superkalifragilistisch am 22. März 2015, 10:24:10
Er hat sich mit Arbeitern aus dem Niedriglohnsektor verglichen und selbstmitleidig-vorwurfsvoll das Wort Mindestlohn bemüht.
Die dahinterstehende ,,Überlegung" ist in etwa die folgende: er zieht von seinem Kassenhonorar (wohlweislich natürlich nicht von seinen Privateinnahmen) sämtliche Kosten ab (einschließlich rein virtueller und der Lebensversicherung der Schwiegermutter), errechnet mit seiner gefühlten Wochenarbeitszeit einen Stundenlohn, vergleicht den mit dem Bruttolohn eines Wirtschaftsanwalts oder Steuerberaters oder so und sieht sich unversehens an der Bedürftigkeitsgrenze (dass ein in freier Wirtschaft tätiger Selbständiger auch die eine oder andere Stunde mit Akquise oder Angebotserstellung verbringt, übersieht er großzügig).

ZitatEin Arzt darf nicht einfach aufgrund von Wirtschaftlichkeit dort Leistung verweigern, wo sie unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit verläuft.
Habe ich nicht verstanden; gib mal ein Beispiel.

ZitatDazu verleiten aber auch die tollen "WANZ-Kriterien".
Ich finde das global nicht falsch; irgendwelche Sicherungen sollten eingezogen sein (der Teufel steckt natürlich im Detail). Die langfristige Bezahlbarkeit des Gesundheitswesens ist auch ein sozialer Wert.

ZitatTeilt der Arzt seinem Patienten denn wenigstens mit, welche Untersuchungen helfen könnten oder sogar notwendig wären, aber zu teuer sind?
,,Notwendigkeit" ist eine relative Angelegenheit. Es gibt auch eine Luxus-/Überversorgung, deren medizinischer Sinn eher zweifelhaft ist. Am besten wäre auch hier wieder ein Beispiel.

Zitates gibt keine Plattform, auf der Patienten von solchen Erfahrungen berichten können - wodurch sichtbar würde: es handelt sich nicht um Einzelfälle.
Was stellst Du Dir da konkret vor? Über ,,geringe Bezahlung" zu jammern ist nicht verboten; des Kaufmanns Lied sei die Klage.

Zitat,,Pay-for-Performance"
hat übrigens mit alldem nichts zu tun.  ;)

duester

Zitat von: Superkalifragilistisch am 22. März 2015, 10:24:10
Das habe ich sinngemäß von meinem Hausarzt gehört. Ohne Geld dürfe ich von ihm auch keine Leistung erwarten. Er hat sich mit Arbeitern aus dem Niedriglohnsektor verglichen und selbstmitleidig-vorwurfsvoll das Wort Mindestlohn bemüht.

Hui! Auf so einen Arzt warte ich immer noch. Aber immer, wenn ich sage, was ich beruflich mache (Uni und Ökonomie und auch irgendwas mit Gesundheit), sind die plötzlich mucksmäuschenstill mit solchen Aussagen (dafür kommen dann andere ...).  10.000 Gewinn vor Steuern/Monat als Niedriglohn zu bezeichnen finde ich schon ... mutig. Woher ich die Zahl habe? Von der KBV  - und die ist jetzt nicht akut verdächtig Ärztehonorare aufzublasen.

@Patches O Houlihan: Das Zauberwort ist da vermutlich "gefühlt" - so wie man auch "fühlt", dass das Globuli jetzt ganz bestimmt bei der Rückbildung des MS-Schubs geholfen hat. Es stimmt schon, dass die Ärzte ihr Leistungsvolumen in den letzten zwanzig Jahren verdoppeln mussten ("Hamsterrad-Effekt"), aber das haben die niemandem anderen als sich selbst zuzuschreiben, denn auch wenn es radikal klingt: Hin und wieder kann man einem Patienten auch einfach sagen, dass er die Erkältung mit Bettruhe auskurieren soll. Und das Preis-Leistungsverhältnis im ambulanten Sektor zu Beginn der 1990er Jahre würde heute die Ausgaben der GKV absolut unverhältnismäßig belasten - die Korrektur der Vergütung nach unten durch eine Mengenkontrolle war absolut notwendig. Und "Ostblock-Medizin" geht echt anders.

Patches O Houlihan

Zitat von: duester am 24. März 2015, 17:09:01
@Patches O Houlihan: Das Zauberwort ist da vermutlich "gefühlt"
jep
Zitat
Es stimmt schon, dass die Ärzte ihr Leistungsvolumen in den letzten zwanzig Jahren verdoppeln mussten ("Hamsterrad-Effekt"), aber das haben die niemandem anderen als sich selbst zuzuschreiben, denn auch wenn es radikal klingt: Hin und wieder kann man einem Patienten auch einfach sagen, dass er die Erkältung mit Bettruhe auskurieren soll. Und das Preis-Leistungsverhältnis im ambulanten Sektor zu Beginn der 1990er Jahre würde heute die Ausgaben der GKV absolut unverhältnismäßig belasten - die Korrektur der Vergütung nach unten durch eine Mengenkontrolle war absolut notwendig. Und "Ostblock-Medizin" geht echt anders.
:-X