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Autor Thema: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat  (Gelesen 5848 mal)

Groucho

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http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/adhs-hamburger-kinder-bekommen-am-meisten-methylphenidat-a-914125.html

Zitat
"Rund 5000 gesetzlich versicherte Hamburger Kinder und Jugendliche schlucken das verschreibungspflichtige Betäubungsmittel Methylphenidat täglich", heißt es.

Seit wann ist ein Amphetaminderivat ein Betäubungsmittel?

Wie immer bei SpOn mit äußerst fachgerechten Kommentaren.

Edit: Immerhin ein guter Kommentar:

Zitat

Das übliche ADHS-Bashing

    Und - zack - da tobt der Stammtisch, da ist es wieder, die Märchen von der geldgeilen Pharmaindustrie, das Gerede von "ADHS gab's früher nicht", die Mär von der heute mangelnden Kindererziehung und das dumme Geschwätz vom süchtigmachenden Ritalin ...

    Wenn man sich die Zahlen anschaut löst sich dieser Skandal in Luft auf. 1,8% der Kinder die in Hamburg gesetzlich Krankenversichert sind bekommen Methylphenidat. Die Prävalenz von ADHS ist weltweit ungefähr 5%. Also bekommen weniger als die Hälfte der statistisch zu erwartenden ADHS-Kinder eine medikamentöse Behandlung. Wenn man nun annimmt dass in Hamburg die Versorgung gut ist, also die meisten der Kinder mit ADHS tatsächlich behandelt werden, dürfte es so sein dass die meisten eine Therapie bekommen und ungefähr die hälfte Medikamente braucht. Das deutet nicht auf einen Skandal und ist nicht traurig sondern sieht eher nach guter Versorgung und offenbar sorgfältige Behandlung aus.

    Aber klar, der Spiegel montiert wie immer tendenziöse Zahlen und Halbwahrheiten aus alten Meldungen so in dieser Sommerloch-Geschichte dass es wie ein Skandal aussieht.

    Und Recherche ist bei SPON ist schon lange ein Fremdwort.

"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)

Bartimaeus

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #1 am: 01. August 2013, 18:16:23 »
Kommt halt drauf an wie man Betäubungsmittel definiert. Wenn man es als Medikament definiert, dass unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, dann kann man es auch so nennen. Die meisten Leser werden aber denken: "Das ist ein Medikament, das betäubt". Das ist im Fall des Wirkstoffes (nicht Präparats[sic]) Methylphenidat aber falsch und die Leser werden deswegen in die Irre geführt.

Von dem M_3000 hab ich schon öfter gute Kommentare gelesen. Kann sein, dass ich ihn auch persönlich kenne.

In den Kommentaren werden mal wieder alle erdenklich Falschaussagen gemacht:
Zitat
Der Speed oder Amphetamin fällt immerhin unter das BtmG und macht schnell süchtig und auch in engen Grenzen körperlich abhängig
richtig ist:
Zitat
ADHD-children, early and long-term treated with methylphenidate, significantly less consumed legal and illegal drugs and significantly less developed substance use disorders. Therefore, appropriate treatment with methylphenidate has to be considered as protective factor for substance use disorders in ADHD-children.
http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000002733?lang=en

Zitat
Entzugserscheinungen
Ach ja? Davon habe ich damals aber überhaupt nichts gemerkt. Entzugserscheinungen gibt es bei einem therapeutischen Gebrauch von MPH nicht, nur einen Rebound-Effekt gibt es.

Zitat
einfach Zucker und Zusatzstoffe in der Ernährung streichen...
Dass akute Zuckeraufnahme ADHS auslöst ist schon lange widerlegt:
Zitat
Most studies have failed to find any effects associated with sugar ingestion, and the few studies that have found effects have been as likely to find that sugar improves behavior as to find that it makes it worse.
http://psycnet.apa.org/psycinfo/1987-13423-001
Bei Zusatzstoffen gibt es in der Literatur gemischte Ergebnisse. Wenn sie die ADHS-Symptome beeinflussen, dann nur zu einem kleinen Teil.

Groucho

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #2 am: 01. August 2013, 18:56:37 »
Kommt halt drauf an wie man Betäubungsmittel definiert. Wenn man es als Medikament definiert, dass unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, dann kann man es auch so nennen. Die meisten Leser werden aber denken: "Das ist ein Medikament, das betäubt". Das ist im Fall des Wirkstoffes (nicht Präparats[sic]) Methylphenidat aber falsch und die Leser werden deswegen in die Irre geführt.

Das Schlimme ist, dass man das auch dem Schreiberling unterstellen kann, da völlig unwissend zu sein. Ich verstehe es wirklich nicht, da reicht doch schon 1 min Recherche.

Mit dem Rest Deiner Einwände stimme ich natürlich völlig überein.

Noch was zur Sucht: Manchmal ist Erkenntnis ganz einfach, wenn man den Alltag kennt. Viele ADHSler, die MPH nehmen vergessen gerne mal, das einzunehmen - welcher Süchtige bitte würde je "seinen Stoff" vergessen? Es ist so irre, was da an 10tel-Wissen und Stammtischparolen rumschwirrt.
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MrSpock

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #3 am: 01. August 2013, 19:12:46 »
Ich sehe hier jede Menge Leute über viele Kuckucksnester fliegen!
Von allen Seelen, die mir begegnet sind auf meinen Reisen, war seine die menschlichste. (In Memoriam Groucho)

Zitat aus Star Trek II.

Bartimaeus

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #4 am: 01. August 2013, 20:07:25 »
Da stimme ich dir zu, Groucho.
Viele der Kommentatoren sagen auch, dass durch ADHS eine "Abweichung von der Norm pathologisiert wird". Dass ADHSler nachweislich häufiger die Schule abbrechen, mehr Unfälle haben, häufiger den Beruf wechseln, häufiger Beziehungsprobleme haben, häufiger Suchterkrankungen entwickeln usw. wird dann schön ignoriert. Es sei ja nur eine "Abweichung von der Norm".
Ich glaube viele stellen sich unter ADHS hyperaktives, aggressives und oppositionelles Verhalten vor. Die Hyperaktivität führt aber meistens nicht zu einer Beeinträchtigung, die Unaufmerksamkeit und Impulsivität schon eher. Aggressives und oppositionelles Verhalten zählen nicht zu den ADHS-Symptomen, kommen aber bei etwa 50% der ADHS-Kinder vor. Es ist mittlerweile bekannt, dass die beiden Verhaltensweisen von der Erziehung verstärkt werden können. Im Gegensatz dazu wird ADHS nicht von der Erziehung ausgelöst(ausgenommen schwere Vernachlässigung).

Homeboy

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #5 am: 01. August 2013, 20:25:34 »
Die Abweichung von der Norm ist die Norm.
Denn die ultimative Norm ist normalerweise ein Ideal.

:aetsch:

Ratiomania

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #6 am: 01. August 2013, 21:58:09 »
Wäre dort und woanders ein "Rechercheauwand/Wortanzahl" - Bezahlsystem eingeführt worden wären schon viele der Journalie verhungert.

Aber ein Medium soll ja nicht nur informieren. Sondern auch Unterhaltung bieten.

Und was unterhält den Leser mehr als das Bestätigen seiner Vorurteile, hübsch und neu verpackt in Journalistengeschmiere?

Von daher kann man dem Schreiberling gar nicht mal fehlende Berufskompetenz vorwerfen!

 :o

Forbidden

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #7 am: 01. August 2013, 23:17:21 »
Es geht denen doch nur um die Auflagezahlen ihres Schmierblattes. Das Betroffene mit so einem Geschriebsel ganz real geschädigt werden interessiert da doch kein Schwein. Man schreibt was die Leute lesen wollen. Die Wahrheit wäre viel zu anstrengend (für den Journalist und den Leser). Also Ritalin=böse und ADHS=unfähige Eltern

MrSpock

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #8 am: 13. August 2013, 13:48:37 »
Und hier eine fachliche Meinung einer Erziehungs-Koryphäe:

http://www.welt.de/vermischtes/article118945867/Kinder-werden-nur-mit-ihren-Defiziten-gesehen.html

Zitat
Die Welt: Haben Sie mit den sogenannten ADHS-Kindern auch zu tun?

Saalfrank: Ja. Dass Kinder solche Symptome zeigen, bestreite ich gar nicht, es ist nur die Frage, wie wir damit umgehen. Oft sagen mir Eltern, Frau Saalfrank, ich bin jetzt so weit, dass ich gerne Medikamente geben würde, weil ich mich so unter Druck gesetzt fühle von der Schule. Dabei fallen diese Mittel unter's Betäubungsmittelgesetz! Es ist unfassbar, dass wir das Kindern geben und sie so durch eine Pille passfähig für unsere Gesellschaft machen. Ein Drama für alle Beteiligten. Ich glaube, in 20 Jahren schämen wir uns dafür.

...usw. So wird öffentlichkeitswirksam Meinung gemacht.
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Zitat aus Star Trek II.

Groucho

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #9 am: 13. August 2013, 15:04:09 »
Und hier eine fachliche Meinung einer Erziehungs-Koryphäe:

http://www.welt.de/vermischtes/article118945867/Kinder-werden-nur-mit-ihren-Defiziten-gesehen.html

Zitat
Die Welt: Haben Sie mit den sogenannten ADHS-Kindern auch zu tun?

Saalfrank: Ja. Dass Kinder solche Symptome zeigen, bestreite ich gar nicht, es ist nur die Frage, wie wir damit umgehen. Oft sagen mir Eltern, Frau Saalfrank, ich bin jetzt so weit, dass ich gerne Medikamente geben würde, weil ich mich so unter Druck gesetzt fühle von der Schule. Dabei fallen diese Mittel unter's Betäubungsmittelgesetz! Es ist unfassbar, dass wir das Kindern geben und sie so durch eine Pille passfähig für unsere Gesellschaft machen. Ein Drama für alle Beteiligten. Ich glaube, in 20 Jahren schämen wir uns dafür.

...usw. So wird öffentlichkeitswirksam Meinung gemacht.

Tja, so ist das, wenn sich Sozialpädagogen zu neuronalen Eigenheiten äußern. Die Frau scheint wirklich keine Ahnung zu haben:

Zitat
Frau Saalfrank, ich bin jetzt so weit, dass ich gerne Medikamente geben würde, weil ich mich so unter Druck gesetzt fühle von der Schule. Dabei fallen diese Mittel unter's Betäubungsmittelgesetz!

Was ev. überforderte Eltern so alles in Betracht ziehen, heißt noch lange nicht, dass ein beliebiger Arzt sagt "Also wenn das so ist, hier haben sie ein Rezept!".

"Ich bin gerne langsamer, dann erwische ich den Hasen, bevor er weg rennt. " (D.I.W.)

Conina

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #10 am: 13. August 2013, 15:19:51 »
Seit wann ist ein Amphetaminderivat ein Betäubungsmittel?

Betäubungsmittel ist eine arzneimittelrechtliche Kategorie.
http://de.wikipedia.org/wiki/Bet%C3%A4ubungsmittel-Verschreibungsverordnung

Conina

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #11 am: 13. August 2013, 15:23:20 »
Zitat
"Kritiker betrachten die Entwicklung mit Unbehagen"...ist das euer Ernst leibe SPIEGEL-Redaktion?
Weitere Vorschläge: "Befürworter befürworten die Entwicklung"; "Verunsicherte Eltern sind unentschlossen" oder "Affen betrachten die Entwicklung mit Banane in der Hand, SPON auch."

http://forum.spiegel.de/f22/adhs-hamburger-kinder-bekommen-am-meisten-methylphenidat-96926-3.html#post13368559

 ;D ;D ;D

Bartimaeus

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #12 am: 13. August 2013, 16:09:08 »
 :grins2:

Groucho

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sweeper

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Re: ADHS: Hamburger Kinder bekommen am meisten Methylphenidat
« Antwort #14 am: 13. August 2013, 16:41:44 »
Bei Joseph Kuhn drüben war das neulich auch Thema:
http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2013/08/02/adhs-eine-neue-runde/

Zitat
Vor kurzem erst hatten wir hier auf Gesundheits-Check über ADHS und die Berichterstattung dazu in den Medien diskutiert. Gerade geht wieder eine Meldung durch die Welt: „Hamburg ist Spitzenreiter bei Ritalin-Verordnungen“, schreibt das Deutsche Ärzteblatt. Ähnlich auch viele andere Medien: SPIEGEL, STERN, Focus, Bunte, BILD, NDR usw. – alle stimmen ein in den Chor. Ausgangspunkt war eine Meldung des Verbands der Ersatzkassen vdek auf der Grundlage einer Auswertung von Arzneimittelabrechnungsdaten.

Komisch, dass sich keiner daran zu erinnern scheint, dass beim letzten ADHS-Medienhype vor ein paar Monaten Bayern die meisten Ritalinverordnungen hatte...

Man hat den Eindruck, immer zur Zeugniszeit (Februar und Sommer) treibt irgendjemand diese Mediensau wieder durchs Dorf.
Aber momentan ist die Antipsychiatrie-Szene ja mit der Causa Mollath gut beschäftigt - von daher geht die öffentliche Wahrnehmung in Sachen ADHS wohl etwas unter. Zumindest bei Joseph Kuhn hält sich die Diskussionsbereitschaft arg in Grenzen.

Interessante Frage: wer solchen Müll immer wieder ins Ärzteblatt lanciert?
Das war die ursprüngliche Pressemitteilung:
http://www.vdek.com/LVen/HAM/Presse/Pressemitteilungen/2013/pressemitteilung0.html

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