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Von der Adlerfeder zur Beschneidung

Begonnen von bayle, 03. Juli 2013, 16:42:50

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bayle

Zitat von: ama
Der Besitz von Adlern und ihren Bestandteilen ist verboten, weil die Tierarten aussterben.

Eine Ausnahme hat man nur gemacht für die "Kultur" der früheren Landbewohner. Wieder ein Beispiel dafür, wie eine Idiotie seelenruhig weitergeführt werden darf, weil sie eine erhaltenswerte "Kultur" ist. Man sollte das unbedingt für die Kultur der Vivisektion ausweiten und den Senat dem entsprechenden Kulturkreis vollinhaltlich und ausnahmslos zur Verfügung stellen. Für Vampire ist der Senat leider zu blutleer, vor allem im Gehirn.

Zitat von: flugunfähig
@ama,
es ist ja mitunter bewundernswert, mit welcher Verve Unfug als der Weisheit mindestens vorletzter Schluss präsentiert werden kann.

Es handelt sich nicht um die Kultur, sondern um Kulturen im Plural, und diese herabsetzend in Anführungszeichen zu setzen, ist – sagen wir: deutlich. Ebenso wenig handelt es sich um "frühere" Landesbewohner: die leben tatsächlich heute noch. Außerdem geht es um Religionsausübung – und diese war zum Teil bis in die 1980er Jahre gesetzlich verboten; so lange existiert die Freiheit der Religionsausübung für indigene US-Bürger also noch gar nicht. Außer der "Freiheit", eine christliche Religion zu praktizieren, versteht sich.

Im übrigen empfehle ich eine andere ,,Fach"lektüre als Karl May und Konsorten: um eine Adlerfeder zu erhalten, braucht man keinen einzigen Adler jagen und töten. Aufsammeln reicht. Vererben geht z.B. auch. Traditionell wurde auch kein Adler für eine Feder getötet, sondern ein Adler lebend gefangen und ein paar Federn aus dem Bürzel gezupft, danach durfte der Adler wieder den Abflug machen.

Da allein der Besitz der Federn aber aufgrund der CITES-Abkommen illegal ist, gibt es für indigene Amerikaner diese Ausnahme. Dafür muß man allerdings eingetragenes Mitglied einer bundesstaatlich anerkannten indigenen Ethnie sein – es reicht nicht hin zu behaupten: ich bin Indianer, also darf ich die Federn haben.

Und ja: die indigenen Kulturen sind für die Betroffenen durchaus erhaltenswert, und den gegenteiligen Standpunkt der Europäer erleben sie bereits seit 500 Jahren. Das Gleichsetzen mit Vivisektion ist so fehl am Platze wie obendrein geschmacklos und hirnrissig.

Zum ersten Belesen empfehle ich: http://en.wikipedia.org/wiki/White_privilege

Zitat von: gnaddrig
@ ama: Weder noch. Es geht darum, daß Kultur an sich etwas Erhaltenswertes ist. Eben das ist nicht der Fall.

Sie gehen da bemerkenswert leichtfertig und verächtlich mit dem Leben anderer Menschen um. Wie können Sie sich anmaßen, einfach so zu befinden, jemandes Kultur sei nicht erhaltenswert? Was geht es sie an, wie andere Leute wer leben, welche Kultur andere Leute haben? Sie machen es sich arg leicht mit Ihrem Federstrich. Ihre eigene Kultur ist ja nicht betroffen, nicht wahr? Da lässt sich bequem urteilen.

Natürlich muss man nicht jedes Element jeder Kultur unbedingt für immer erhalten wollen. Aber eine Kultur (oder hier einen ganzen Kulturkreis) einfach so pauschal in den Papierkorb werfen zu wollen, bloß weil man selbst ein bestimmtes (ohne Sachkenntnis unterstelltes) Detail nicht gut findet, ist völlig inakzeptabel.

Und wenn man einer bestimmten Kultur als nichts Schlimmeres anlasten kann, als dass sie möglicherweise den Bestand einer Sorte Adler gefährdet (was sie anscheinend gar nicht tut, s. Kommentar von Flugfähig), kann es so schlimm ja nicht sein. Da gäbe es gewichtigere Argumente, andere, verbreitetere Kulturen abschaffen zu wollen. Die westliche und diverse asiatische Kulturen bringen auch jede Menge Tierarten an den Rand des Aussterbens (Leerfischen der Ozeane, Medikamente aus Tiger- oder Elefantenhoden usw.). Da sollten Sie konsequent sein.

Zitat von: nihil jie
ok... man kann wirklich niemanden vorschreiben wie er lebt. man sollte sich auch nicht anmaßen anderer Menschen Kultur als nicht erhaltenswert zu wissen. dennoch habe ich persönlich da doch einige Kritikpunkte was Kultur angeht. denn in vielen fällen dient Kultur, mit all ihren Ausprägungen wie Rituelle, Sitten, Bräuche usw. der Abgrenzung zu anderen Kulturen. und manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass um so abgedrehter und schräger die Bestandteile einer Kultur sind, um so wirksamer wird die Abgrenzung. es gibt da zahlreiche Beispiele dafür... z.B. die Himba Frauen besitzen eine künstlich geschaffene Zahllücke. In Bayern gibt es einen Tanz in dem Männer um Kreis stehen, sich auf die Oberschenkel schlagen und gegenseitig in den Arsch treten. Religiöse Beschneidungen von Genitalien usw usw usw. All diese Dinge schaffen ziemlich deutliche und einmalige Erkennungszeichen oder Erkennungs-Tätigkeiten die Menschen zu bestimmten Kulturkreisen zuordnet und anderen gegenüber abgrenzt. das kann schon von Dorf zu Dorf unterschiedlich sein, welche sich sogar in unmittelbarer Nachbarschaft befinden.

ob das ganze nun positiv ist oder negativ zu betrachten ist, will ich an der Stelle jetzt gar nicht ausdiskutieren. das würde einfach zu lange dauern. außer dem habe ich nicht mal den Bedarf es ausdiskutieren zu müssen... dennoch finde ist die meisten kulturellen Bestandteile zum schreien komisch und irrwitzig. das mag für die Kulturtreibenden vielleicht beleidigend sein aber ich muss auch nicht alles akzeptieren nur, weil es jemanden Kultur ist...

Zitat von: abe81
Es ist schon ein wenig erstaunlich, daß auf einer Seite, die zumindest im ideellen Durchschnitt ihrer Benutzer die Aufklärung als 'historischen Fortschritt' vor sich herträgt und sich der Kritik der Esoterik verschrieben hat, eine so richtige wie harmlose Aussage über die Kultur reflexartig als menschenverachtend stigmatisiert wird.

Das Gegenteil ist m.E. der Fall, wenn Individuen, also individuelle Subjekte wie sie gehen und stehen, in das enge Korsett ihrer 'Kultur' gepresst werden (also unter ein Kollektivsubjekt subsumiert), ist das genauso verachtenswert wie Resultat des oben verlinkten "white privilege".

Die indigene Bevölkerungen darben dann halt in Reservaten vor sich hin, weil das nunmal ihre kulturelle (='natürliche') Form der Existenz sei. Aufgrund dieser Auffassung werden die Menschen doch gerade erst ethnifiziert bzw. müssen sich selbst ethnifizieren, denn dieses Brimborium sichert ihre ökonomische Existenz (Sonderrechtsgesetzgebungen in den Reservaten = legales Glücksspiel etc., Touristeneinnahmen durch 'freiwillige' moderne Menschenzoos...). Was natürlich nicht heißt, daß die indigene Bevölkerung der USA für ihre benachteiligte Existenz, die Resultat der Geschichte der Staatsgründung der USA ist, nicht rechtlich kompensiert werden sollte. Das amerik. 'Jugendamt' zahlt – in Wyoming zumindest – Eltern mehr Unterstützung, wenn sie ein indigenes Waisenkind adoptieren – was ich für eine sinnvolle Maßnahme halte, weil es dadurch gerade dem Sog seiner 'Kultur' entkommt.

D.h. die Kritik an der durchgeknallten Indianerin mit ihrer Monstertrommel sollte an den Vorstellungen von 'authenthischer Kultur' ansetzen, aus der sie nämlich ihre Verkaufskraft bezieht. Die Vorstellung, eine irgendwie ursprünglichere Kultur, die noch nicht durch den dünne Firnis der Zivilisation verschüttet sei, enthalte mehr 'Spiritualität' etc., weil man noch nicht so entfremdet sei von Natur und Herkunft, das sind alles Merkmale, mit denen man auch indigene Bevölkerung rassifiziert. Was gerade nicht Gegenstand der Kritik sein sollte, ist das Argument, sie sei ja gar keine 'echte Indianerin' – das ist schon dem Kitsch der Kulturen auf den Leim gegangen.
Nun sind ja genügend Themen angerissen, so dass es noch eine Weile weiter gehen kann :teufel