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Nürnberger Kochsalzversuch über Homöopathie

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Begonnen von Peiresc, 28. März 2026, 21:05:50

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Peiresc

In unserem Wiki ist seit kurzem ein Text von Edzard Ernst über den Nürnberger Kochsalzversuch
https://www.psiram.com/de/index.php/N%C3%BCrnberger_Kochsalzversuch
zu finden.

Darin:
ZitatJohann Jacob Reuter, ein bekannter Homöopath aus Nürnberg, forderte den damaligen Homöopathiekritiker Friedrich Wilhelm von Hoven zu einem Test heraus, der als Nürnberger Kochsalzversuch berühmt wurde. Reuter behauptete, dass selbst ein gesunder Mensch ,,außergewöhnliche Empfindungen" erleben würde, wenn er eine Verdünnung von gewöhnlichem Kochsalz (Natriumchlorid oder Natrum Muriaticum, wie Homöopathen es nennen) einnähme.

Edzard Ernst war hier ein wenig zu gnädig mit den Homöopathen. Die ,,Herausforderung zu einem Test" von Reuter war nicht als solche, sondern mehr als Drohung gemeint. Im Originalbericht wird die Angelegenheit wie folgt geschildert:
Zitat[...] fordert nun Dr. Reuter den Dr. Wahrhold besonders dringend zu Versuchen auf; und - um den Ebengenannten wegen seines, man möchte sagen, verstockten Unglaubens an Hahnemanns gotterleuchtete Lehre nebenbei eine recht empfindliche Züchtigung zu bereiten, - empfiehlt er ihm, Morgens nüchtern, die nach der Meinung der Homöopathen heroisch wirkende Gabe von 100 Tropfen (Hahnemann versichert, manche Personen könnten kaum einige Tropfen vertragen!) einer Decillionstel-Verdünnung eines Korns Küchensalz zu nehmen, - und erbietet sich dabei zu einer Wette von Zehn zu Eins, er - der Dr. Wahrhold - werde etwas Ungewöhnliches (wir wissen aus andern Angaben der Homöopathen, dass er ihm eine Art Cholera anhängen wollte) darauf empfinden. Diese, gleichsam im Ton einer Herausforderung mit jener Bestimmtheit, welche Enthusiasten eigen zu seyn pflegt, wenn sie scheinbar mit Glück längere Zeit einem Phantome gehuldigt haben, hingeworfene Zumuthung konnte von den Verehrern des Dr. Wahrhold und seiner Parthei nicht gleichgültig hingenommen werden.

Doktor Wahrhold und seine Freunde unternahmen allsogleich einen Pilotversuch:
ZitatAlsbald versammelten sich deßhalb die hiesigen Apotheker Göschel, Hertel, Dr. Klincksieck, Merkel und Trautwein, infolge ihres Berufes bekanntlich mit der Mehrzahl ihrer Kollegen die getreuesten Anhänger der Allopathie, in Gegenwart eines praktischen Arztes, des Dr. Steinmetz, zu Versuchen am eigenen Körper. Mit skrupulöser Genauigkeit wurden unter 29 mal 10 und 6 mal 10 Armschlägen die Potenzirungen gefertigt, diese sofort von den sechs Anwesenden gleich Morgens nüchtern eingenommen, und unter noch 4 — 5 Stunden lang fortgesetztem Fasten, zunächst die Erstwirkung, im Verlaufe der Tage aber die Nachwirkung ins Auge gefasst. Der Erfolg entsprach ganz der Erwartung. Drei der Versuchsmänner empfanden durchaus gar nichts; der Vierte hatte nach zehn Minuten eine Wärme im Kopfe gefühlt; der Fünfte hatte ohne einen weitern Erfolg blos das destillirte Wasser unschmackhaft gefunden, und der Sechste, ein Hypochonder, verscheuchte, eine Rückwirkung des vermeintlich heroischen Mittels durch den festen Gedanken an dessen absolut unmögliche Wirksamkeit.

Und dann folgte der Doppelblindversuch. Er war in der Tat revolutionär (leider hatten Wahrhold [Pseudonym von Löhner Friedrich Wilhelm von Hoven] et al. und alle Zeitgenossen noch nicht auf dem Schirm, dass man auf diese Weise alle Medikamente prüfen müsste – diese Einsicht wurde erst viele Jahrzehnte später allgemein).

Der in den Quellen aufgeführte Michael Stolberg (Prof. Dr. med. Dr. phil.; Würzburg, Forschungsschwerpunkte: Frühmoderne ärztliche Medizin usw.) meint zum Scheitern des Wirkungsnachweises:
ZitatMost participants seem to have opposed homeopathy, and if they wanted to discredit it, they could do so simply by reporting that they had not experienced anything unusual. No matter whether they actually had received the dilution or not, this would invalidate Reuter's claims. Only if the participants were, in principle, convinced that the substance might have an effect would this problem have been overcome and double blinding could have served ist intended purpose.

Das kann man durchaus für plausibel halten. Positive Ergebnisse sind nur zu erzielen (nur eben nicht im Doppelblindversuch), wenn man von vornherein an die Homöopathie glaubt. Wo allerdings Stolberg diese Erkenntnis her hat, wird nicht ganz deutlich: über die Einstellung der Probanden verlautet nichts in dem Wahrhold-Bericht. Die Homöopathen selber hatten es in der Hand, an dem Versuch teilzunehmen, aber sie haben abgelehnt. Wieder O-Ton Wahrhold/Löhner:
ZitatZugleich wurde Dr. Reuter mehrmals öffentlich aufgefordert, die Fertigung der Kochsalzpotenzirung selbst vorzunehmen. Derselbe fand jedoch für gut, dieser Aufforderung nicht zu genügen.
- lieber haben sie sich hinterher das Maul zerfetzt (vgl. unseren Blog mit einem kennzeichnenden Zitat, hier).

Ergänzend zu den Quellen sollte man vielleicht noch den Originalbericht verlinken, der zur Gänze lesenswert ist. Er ist bei Archive.org zu finden, hier:
https://archive.org/details/bub_gb_Fds8AAAAcAAJ
oder besser noch hier:
https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10287515?page=5

War mir ein Vergnügen  :grins2:

Purple Tentacle

ZitatDerselbe fand jedoch für gut, dieser Aufforderung nicht zu genügen.
Welch entzückende Formulierung! :grins
Ach, was weiß denn ich ...