Nachdem ich keinen allgemeinen Thread zur Nachwendezeit im ehemaligen Ostblock gefunden habe, verlinke ich hier eine Analyse, die ich recht bedenkenswert finde, aus einem Interview in der SZ:
ZitatMehr als 1000 Seiten, 13 Jahre lang mit der Hand geschrieben: In ,,Zeit der Mutigen" lässt Dimitré Dinev Menschen an der Geschichte verzweifeln – er selbst verzweifelt am Zerfall der Demokratie in Osteuropa. Ein Gespräch vor der Wahl in seinem Heimatland.
ZitatSZ: Herr Dinev, sprechen wir über Ihre Heimat Bulgarien. Dort wird am Sonntag zum achten Mal in fünf Jahren gewählt. Was ist da los?
Dimitré Dinev: Es gab einen entscheidenden Moment für Bulgarien: Als in den Wendejahren klar wurde, dass es keine Gerechtigkeit geben wird. Kein einziger Mensch wurde damals für die Verbrechen des Kommunismus verurteilt. Gerechtigkeit ist aber das Fundament jeder Gesellschaft. Wenn Sühne nicht erlebt werden kann, passiert etwas Fundamentales in der Psyche jedes Einzelnen: Es kommt zu einem totalen Misstrauen gegen jede Obrigkeit und jede Institution.
Die Ursachen, warum so viele Regierungen zerbrachen, es so viel Korruption und Politikmüdigkeit gibt, liegen also in den Neunzigerjahren?
Es wurde nichts aufgeklärt, nicht einmal ein, zwei Leute eingesperrt. Der Westen war mehr interessiert am Geschäft. Das kann man gut an Putins Russland nachvollziehen, was passiert, wenn man die Gier in den Vordergrund stellt. Die Leute sind bereit, auf Konsumgüter zu verzichten, sie schnallen den symbolischen Gürtel enger. Aber wenn sie das Gefühl haben, keine Gerechtigkeit zu erfahren, wenn sie merken, man geht nur in die Politik, um Straflosigkeit zu genießen, dann stellen Menschen das System an sich infrage. Die nachfolgenden Generationen wollen etwas verändern, werden aber wieder von denselben Kräften enttäuscht und verlassen das Land. Bulgarien ist eine Schule der Bitterkeit.
aus: https://www.sueddeutsche.de/kultur/dimitre-dinev-zeit-der-mutigen-roman-wahl-bulgarien-demokratie-li.3450142
Das trifft meines Erachtens nicht nur für Bulgarien und Russland zu und spielt wahrscheinlich neben anderen Dingen eine nicht unerhebliche Rolle beim verbreiteten Misstrauen in die Demokratie. Und wenn man sieht, wie im goldenen Westen Milliarden-Betrug wie Cum-Ex, Cum-Cum und andere extremst zähflüssig und halbherzig aufgeklärt und praktisch kaum bestraft werden, darf man sich auch nicht zu sehr wundern, dass ein Teil der Bevölkerung mit dem "System" unzufrieden ist.
Falls hinter Bezahlschranke, kann man ja über archive nach dem Link suchen.
Zitat von: Juliette am Heute um 12:47:06Falls hinter Bezahlschranke, kann man ja über archive nach dem Link suchen.
Ihr Wunsch ist mir Befehl, Madame! ;) Klick mich! ---> ,,Was in Bulgarien passiert, ist eine Warnung für ganz Europa" (https://archive.ph/aPe0p)
ZitatDie Leute sind bereit, auf Konsumgüter zu verzichten, sie schnallen den symbolischen Gürtel enger.1 Aber wenn sie das Gefühl haben, keine Gerechtigkeit zu erfahren, wenn sie merken, man geht nur in die Politik, um Straflosigkeit zu genießen, dann stellen Menschen das System an sich infrage. Die nachfolgenden Generationen wollen etwas verändern, werden aber wieder von denselben Kräften enttäuscht ...2
1 = Das glaube ich nicht. Zumindest in Deutschland ist keiner kaum einer bereit, "den Gürtel enger zu schnallen".
2 = Da ist was dran und gilt wohl auch für Deutschland und für andere westliche Länder.