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Lese- und Schreib-Lern-Programme - Quacksalber auch hier etabliert

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Begonnen von Quantenengel, 30. November 2010, 00:41:21

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Quantenengel

Erziehungswissenschaft und Lernpädagogik...

mir kommt es vor, als sei zumindest einiges davon eher ideologisch als wissenschaftlich. Wissenschaftlich wäre, man lässt Vergleichsgruppen (Schülerklassen ähnlicher Herkunft o. ä.) durch verschiedene Programme laufen und schaut nach, wenn die Programme rum sind, welche Programme funktionieren besser. Doppelblindstudien und so. Und außerdem: bei was für Schülern funktionieren welche Methoden besonders gut oder schlecht? Ich bin leider kein Erziehungswissenschaftler oder Didaktiker, komme eher aus der Sprachwissenschafts-Ecke. Kann also nicht sagen, was am besten funktioniert, sondern nur, welche Theorien pseudowissenschaftlich bzw. Murks sind.

Als kurzzeitige Zwischenstufe oder Ergänzung seh ich in vielen der Programme auch kein großes Problem.

Trotzdem gibt's da einige Trends, bei denen sich mir die Fußnägel hochrollen.

1. "Lesen durch Schreiben" (Jürgen Reichen)
2. "Rechtschreibwerkstatt" (Sommer-Stumpenhorst)

Ein relativ neuer Trend ist ja, den Kindern das Lesen und Schreiben durch Anlauttabellen beizubringen. Eine Anlauttabelle ist sowas:
http://www.werner-lindemann-schule.de/bilder/Anlauttabelle.png.
Ich hab ja nix prinzipiell gegen "Spicker", und kann mir vorstellen, für eine kurze Zeit mag das so ja auch sogar sinnvoll sein, kann ich nicht beurteilen. Die Kinder sollen damit sehr schnell sehr viele Texte schreiben können. Ist ja ganz nett.

Danach geht's aber weiter: wer manche dieser lernpsychologischen Prinzipien 1:1 umsetzt, darf die Kinder lange Zeit lang nicht korrigieren, sondern muss sie schreiben lassen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. In absoluter Reinform darf man den Kindern nicht mal auf Anfrage die richtige Schreibung sagen, sondern muss sie anlügen. Wenn denen erst mal die richtige Schreibweise über den Weg stolpert, lernen die's eh. Schrift ist ja sowieso "natürlich" (weshalb aber so viele Völker nie Schrift entwickelt hatten, z. B. auch die Kelten nicht??).

Deutsch ist ja sowieso weitgehend phonetisch, nicht wahr? Also alles heraushörbar *hüstel*.
Doitsch iß ja sowiesoh waitgehönt fonehtisch, nich wah? Alsoh alöss heraushöabah? *hüstöl*.

Noch weniger passt das zu Gegenden mit starken Dialekten, also fast überall in Deutschland. Von Österreich und der Schweiz ganz zu schweigen.

Klar, beim Schriftspracherwerb gibt es das phonetische Schreiben als Zwischenstufe, keine Frage. Darauf will ich aber jetzt nicht hinaus. Je länger man die Kinder ohne Korrektur falsch schreiben lässt, desto mehr prägen sich Fehler ein.

Erst in der 3. oder 4. Klasse wird das Rechtschreibniveau bei diesem Programm in Reinform angezogen und alles mögliche, was sich die Kinder bislang falsch einprägten, durch fleißiges immer-und-immer-wieder-Schreiben nach ihrem Gehör, plötzlich rot angestrichen und negativ benotet. Ätsch, wir haben euch die ganze Zeit verarscht! Was sich also bis dahin falsch eingeprägt hat, muss man erst mühselig wieder verlernen. Angeblich kein Problem, das Umlernen. Aber wer von euch weiß seit der neuen deutschen Rechtschreibung, wie man Känguruh oder Stengel richtig schreibt? Aha? Kaum jemand? Zu lange falsch gelesen und geschrieben? Ahja.... Wie oft in eurem Leben habt ihr Känguruh gelesen oder geschrieben? Selten? Trotzdem wisst ihrs nicht? Ups...

2. Umstrittene Rechtschreiblehrgänge
http://bildungsklick.de/a/15898/legasthenie-tausenden-von-kindern-koennte-geholfen-werden/
http://www.br-online.de/wissen/bildung/lesen-durch-schreiben-DID1203602717122/lesen-durch-schreiben-kritik-unergonomisch-ID1203692526655.xml

Also ich frage mich echt, was hinter solchen Schnapsideen steckt. Es wird viel mit Buzz-Words wie "individuell", "ganzheitlich" usw. gearbeitet. Vorteil der Methoden soll sein, dass jedes Kind nach seinem "individuellen Tempo" blabla... aber individuelles Tempo, frei, gegen Ende der Grundschulzeit müsste doch da die Schere extrem auseinanderklaffen?

Im englischsprachigen Sprachraum bin ich über die Gestaltpsychologie und ihr Ganzheitlichkeits-Gedöhnst als ideologischen Hintergrund gestoßen, bei noch schlechteren Leselern-Methoden. Gestaltpsychologie ist ein Ableger der Psychoanalyse. Die Leselern-Methode dort heißt/hieß "whole word" = sich die Wörter als Ganzes einprägen ohne Kenntnisse, was für Laute den Buchstaben entsprechen, ähnlich wie bei chinesischen Schriftzeichen, ist mittlerweile durch "whole language" ersetzt worden, was nicht viel besser ist. Die haben aus den USA jahrzehntelang ein riesiges Experimentallabor gemacht, ohne vernünftige Pilotstudien oder sonstwas. Ausgerottet ist der Mist auch immer noch nicht. Manche Kids lernen es immer noch so dort. Ja, es hat seine Gründe, weshalb Amis im Durchschnitt so eine schlechte Bildung haben. Gerade die aus bildungsfernen Elternhäusern lernen oft nie richtig lesen und schreiben. Es gibt die "Reading Wars" (könnt ihr nachgooglen). Und genauso mittlerweile auch die "Math Wars", die sind fast noch knackiger.

Ach ja, Lesefibeln nach der "whole word"-Methode sehen so aus, die sture Wiederholung liegt daran, dass man sich die Wortbilder einprägen muss (siehe hier: "Dick and Jane"):




In der Sprachwissenschaft ist schon lange bekannt: damit erzeugt man massenhaft funktionale Analphabeten. Israel hat's probiert, Cuba hat's probiert, beide sind davon abgegangen wegen den Effekten, vor Jahrzehnten. Aber egal, die machen das insgesamt in den USA immer noch so und berufen sich dabei auf ihre Ideologie. (In Deutschland hatten sie diese Lernmethode nur wenige Jahre, da gab's auch schon längst Belege aus der Sprachwissenschaft, dass das Müll ist, war aber egal. Siehe z. B. den Artikel aus den 1960er Jahren: http://www.zeit.de/1966/20/Doch-besser-lesen-lernen-nach-Ganzheits-Methode?page=1)

Ich weiß, ich bin hier noch zig Belege schuldig. Ist aber auch schon spät jetzt. Rest folgt, weitere Belege folgen. Kooperation wäre super, falls sich hier noch jemand findet. Ihr seid hier zwar eher aus der Mediziner- und Physiker-Ecke, aber genauso allergisch gegen Pseudowissenschaft, Esoterik und esoterik-artige Erklärungsmodelle wie ich. Wir haben uns gefunden.

Rattentod

Weis nicht ob "andy" noch mitliest, aber der ist auch Pädagoge soweit ich weis...
Und klingt erstmal interessant.

Quantenengel

Zitat von: Rattentod am 30. November 2010, 01:21:43
Weis nicht ob "andy" noch mitliest, aber der ist auch Pädagoge soweit ich weis...
Und klingt erstmal interessant.

Wär klasse, wenn er da beitragen könnte. Ich bin kein Pädagoge, sondern "nur" teilweise Sprachwissenschaftler, und hab nicht mal Kinder. Also ich merke professionell, wenn die pseudo-sprachwissenschaftliche Ideologie hinter einem Lese-/Schreib-Konzept total daneben ist. Ansonsten kann ich mich bei dem Thema leider nur vornehm raushalten - außer meinen bisherigen (nichtprofessionellen) Eindrücken, dass ein guter Teil des Bereichs Schulpädagogik/Erziehungswissenschaft mit viel Pseudo-Wissenschaft durchseucht zu sein scheint.

Federvieh

Die Alphabetisierung im Englishen erfolgt nach der Ganzwortmethodik. Ist aber für das Englische auch durchaus sinnvoll. Dort erlernt man bis zur 5. Klasse HFWs, nur diese werden insgesamt gesehen bewertet. Ergibt sich aber auch aus der inkonsequenten Orthographie des Englischen.

Meine Kinder sind durch die Phonetische Alphabetisierung des Deutschen gegangen. Die Fehler werden ausgewertet, aber eben nicht als falsch bewertet. Ich habe da auch meine Probleme mit. Der Deutschlehrer legte jedoch Wert auf Kreativität unbeeinflußt durch Angst vor orthographischen Fehlern. Dem kann ich insofern zustimmen, daß die Kinder zu einem späteren Zeitpunkt sich auf solche Wörter beschränkt haben, welche sie auch korrekt schreiben konnten, obwohl ihr Wortschatz wesentlich umfangreicher war, als es ein Aufsatz dann vermittelte.

Wenn Kinder also Angst vor Abwertung durch inkorrekte Orthographie haben, kommt es durchaus zu Vermeidungsstrategien, anstelle zur Förderung der Ausdrucksweise. Möglicherweise ein Problem, durch welches Sprachwandel begünstigt wird und die damit beobachtete Sprachverarmung. Im übrigen werden auch während der phonetischen Schreibung immer wieder Orthographieregeln eingeführt, an der Umsetzung der Regeln erkennt der Pädagoge die Aufnahme und Verarbeitung und den Lernfortschritt des Kindes.  Es ist nicht so schlimm in der Praxis, wie es sich auf den ersten Eindruck anhört. Für die deutsche Sprache, welche recht regulär ist, erscheint mir diese jedoch unsinnig.

andy

Melde mich gehorsam zur Stelle!
Ich bin zwar nicht direkt Pädagoge, aber so ähnlich.

Das ist ja ein Fass ohne Boden. Ich werd mir dieses "Lesen durch Schreiben"und die "Rechtschreibwerkstatt" mal genauer anschauen.
So ganz grundsätzlich widersprechen solche Ansätze meiner Vorstellung von Schule. Die gehen, so weit ich das auf die Schnelle gesehen habe davon aus, dass sich die Kinder das Schreiben selber erarbeiten. Dan frage ich mich doch, weshalb jemand Schule erfunden hat, also eine Institution, wo Erwachsene da sind, die den Kindern die Mühe ersparen, das mühsam selbst raus zu finden. Kann man ihnen ja ein Lernbuch in die Hand drücken, und sie zuhause vor sich hin machen lassen.
Das ist jetzt überzogen, aber bei ganzheitlich, etc. kann ich mir den Zynismus manchmal nicht verkneifen.

Ein paar Punkte im Einzelnen, wie gesagt, die einzelnen Ansätze muss ich mir erst mal anschauen:

Zitat von: nachteule am 30. November 2010, 12:18:06
Die Alphabetisierung im Englishen erfolgt nach der Ganzwortmethodik. Ist aber für das Englische auch durchaus sinnvoll. Dort erlernt man bis zur 5. Klasse HFWs, nur diese werden insgesamt gesehen bewertet. Ergibt sich aber auch aus der inkonsequenten Orthographie des Englischen.
Die Schreibweise von ganzen Wörtern zu lernen, statt sie aus einzelnen Buchstaben zusammenzusetzen halte ich für sehr hilfreich, wenn die Aussprache und die Schreibweise sehr verschieden sind. Englisch ist da ein schönes Beispiel.
Die "Ganzwortmethodik" zielt aber glaube ich auf was anderes ab.
Zitat

Meine Kinder sind durch die Phonetische Alphabetisierung des Deutschen gegangen. Die Fehler werden ausgewertet, aber eben nicht als falsch bewertet. Ich habe da auch meine Probleme mit. Der Deutschlehrer legte jedoch Wert auf Kreativität unbeeinflußt durch Angst vor orthographischen Fehlern. Dem kann ich insofern zustimmen, daß die Kinder zu einem späteren Zeitpunkt sich auf solche Wörter beschränkt haben, welche sie auch korrekt schreiben konnten, obwohl ihr Wortschatz wesentlich umfangreicher war, als es ein Aufsatz dann vermittelte.
Da spricht nichts dagegen, wenn der Lehrer das gut vermittelt. Ich halte es aber für mühsam und überflüssig, die Kinder erst Fehler machen zu lassen, und ihnen dann erst zu sagen, wie's richtig geht. Die Zeit könnte meines erachtens sinnvoller genutzt werden.

Zitat
Wenn Kinder also Angst vor Abwertung durch inkorrekte Orthographie haben, kommt es durchaus zu Vermeidungsstrategien, anstelle zur Förderung der Ausdrucksweise. Möglicherweise ein Problem, durch welches Sprachwandel begünstigt wird und die damit beobachtete Sprachverarmung. Im übrigen werden auch während der phonetischen Schreibung immer wieder Orthographieregeln eingeführt, an der Umsetzung der Regeln erkennt der Pädagoge die Aufnahme und Verarbeitung und den Lernfortschritt des Kindes.  Es ist nicht so schlimm in der Praxis, wie es sich auf den ersten Eindruck anhört. Für die deutsche Sprache, welche recht regulär ist, erscheint mir diese jedoch unsinnig.
Den Kindern Angst vor Fehlern zu nehmen halte ich für sehr wichtig. Rechtschreibfehler also nicht zu kritisieren ist sicher sinnvoll. Aber da gibt es andere Möglichkeiten, als ihnen die richtige Schreibweise vorzuenthalten.
Die Sprachverarmung kommt meinem Empfinden nach eher daher, dass die Kinder zu wenig Worte kennen. Kreative sprachbegabte Kinder erfinden sich häufig für das, was sie ausdrücken wollen eigene Worte mitsamt der zugehörigen Schreibweise. Das wäre dann dem Forschungsbereich Soziolekte zuzuordnen.
Ein schönes Beispiel ist Lunfardo. Der Wikipediaartikel zu Soziolekten gibt leider nicht so viel her:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lunfardo
Wenn Kinder aber eine existierende Sprache lernen wollen oder sollen, dann muss ihnen jemand die Wörter mit der zugehörigen Schreibweise sagen. Ich lerne ja auch nicht eine Fremdsprache, indem ich versuche deren Klang nachzuahmen. Das ist bestimmt ein Teil des Lernprozesses, aber der alleine führt nicht weit.

Zitat von: Quantenengel am 30. November 2010, 00:41:21
Erziehungswissenschaft und Lernpädagogik...
mir kommt es vor, als sei zumindest einiges davon eher ideologisch als wissenschaftlich. Wissenschaftlich wäre, man lässt Vergleichsgruppen (Schülerklassen ähnlicher Herkunft o. ä.) durch verschiedene Programme laufen und schaut nach, wenn die Programme rum sind, welche Programme funktionieren besser. Doppelblindstudien und so. Und außerdem: bei was für Schülern funktionieren welche Methoden besonders gut oder schlecht? Ich bin leider kein Erziehungswissenschaftler oder Didaktiker, komme eher aus der Sprachwissenschafts-Ecke. Kann also nicht sagen, was am besten funktioniert, sondern nur, welche Theorien pseudowissenschaftlich bzw. Murks sind.
Ich mach mich mal auf die Suche nach einem schönen Link zu Didaktik und Lerntheorie. Da gibt's schon einiges, was nicht so ganz abgehoben ist.

Zitat
Die Kinder sollen damit sehr schnell sehr viele Texte schreiben können. Ist ja ganz nett.
Schneller, höher, weiter, besser...
Wenn dem so ist, und wenn die Kinder das was sie schreiben auch verstehen, dann wäre das klasse. Fragt sich nur, wer "die Kinder" sind und ob dem wirklich so ist. Ich habe den Verdacht, dass solche Methoden für eng eingegrenzte Zielgruppen schon funktionieren, aber für den Rest halt nicht.

Zitat
Danach geht's aber weiter: wer manche dieser lernpsychologischen Prinzipien 1:1 umsetzt, darf die Kinder lange Zeit lang nicht korrigieren, sondern muss sie schreiben lassen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. In absoluter Reinform darf man den Kindern nicht mal auf Anfrage die richtige Schreibung sagen, sondern muss sie anlügen. Wenn denen erst mal die richtige Schreibweise über den Weg stolpert, lernen die's eh. Schrift ist ja sowieso "natürlich" (weshalb aber so viele Völker nie Schrift entwickelt hatten, z. B. auch die Kelten nicht??).
Klappt bestimmt an Waldorfschulen und ähnlich ideologisch geprägten Schulen, wenn man den Kindern zuvor über Jahre beibringt, dass sie sich nicht verarscht fühlen, wenn man sie anlügt.
Schrift ist nicht natürlich. Schrift ist eine willkürliche Vereinbarung zum sichtbar machen gesprochener Sprache. Wenn ich Natürlichkeit der Schrift zugrunde lege, dann lege ich eine Rassentheorie erster Güteklasse zugrunde: Wer in Deutschland geboren ist hat die natürliche Begabung, Deutsch zu schreiben, wer in Russland geboren ist hat die natürliche Begabung, etc...
Und überhaupt. Welche Natürlichkeit liegt denn dann Wingdings zugrunde?
http://de.wikipedia.org/wiki/Wingdings

Zitat
Deutsch ist ja sowieso weitgehend phonetisch, nicht wahr? Also alles heraushörbar *hüstel*.
Doitsch iß ja sowiesoh waitgehönt fonehtisch, nich wah? Alsoh alöss heraushöabah? *hüstöl*.
Daidsch is jo suwisa wädgeand fonehdisch, nichd woua? Uisa ulas häroushöabua. *hüsdl*

Das war...........Ein deutschsprachiger Dialekt.

Zitat
Ach ja, Lesefibeln nach der "whole word"-Methode sehen so aus, die sture Wiederholung liegt daran, dass man sich die Wortbilder einprägen muss (siehe hier: "Dick and Jane"):

Super Idee. Muß man nur noch den Kindern vorher beibringen, was die Bilder bedeuten sollen. Wenn sie dann die passenen Wörter gelernt haben, dann können sie auch lernen, wie man sie schreibt. Umständlicher geht's kaum. Hier sieht man sehr schön den Irrglauben, dass eine einzige Darstellung für alle ein und dasselbe bedeutet.
Und mal abgesehen davon gibt es auch noch andere, als visuelle Lerntypen. Was ist mit den auditiven, den sensorischen, etc.
Die haben's dann leider schwer, wenn sie sich Bildchen merken müssen.

Zitat
Ich weiß, ich bin hier noch zig Belege schuldig. Ist aber auch schon spät jetzt. Rest folgt, weitere Belege folgen. Kooperation wäre super, falls sich hier noch jemand findet. Ihr seid hier zwar eher aus der Mediziner- und Physiker-Ecke, aber genauso allergisch gegen Pseudowissenschaft, Esoterik und esoterik-artige Erklärungsmodelle wie ich. Wir haben uns gefunden.
Ich bin auch schon auf der Suche nach Belegen. Gemeinsam finden wir bestimmt so einiges.

Ridcully

Zitat von: Quantenengel am 30. November 2010, 00:41:21Wissenschaftlich wäre, man lässt Vergleichsgruppen (Schülerklassen ähnlicher Herkunft o. ä.) durch verschiedene Programme laufen und schaut nach, wenn die Programme rum sind, welche Programme funktionieren besser. Doppelblindstudien und so.

Doppelverblindung stelle ich mir bei pädagogischen Methoden etwas schwierig vor, wie soll das praktisch gehen? Und auch ohne sind die methodischen Probleme (vergleichbare Gruppen, Vorkenntnisse, Fähigkeit des Lehrpersonals, Kontrolle der Versuchsbedingungen etc. pp.) erheblich und der Aufwand für eine aussagekräftige Datenmenge enorm. Ich würde (völlig unbeleckt von Wissen) vermuten, dass da notgedrungen eher zu qualitativen Methoden gegriffen wird?

andy

Zitat von: Ridcully am 30. November 2010, 17:00:14
Doppelverblindung stelle ich mir bei pädagogischen Methoden etwas schwierig vor, wie soll das praktisch gehen? Und auch ohne sind die methodischen Probleme (vergleichbare Gruppen, Vorkenntnisse, Fähigkeit des Lehrpersonals, Kontrolle der Versuchsbedingungen etc. pp.) erheblich und der Aufwand für eine aussagekräftige Datenmenge enorm. Ich würde (völlig unbeleckt von Wissen) vermuten, dass da notgedrungen eher zu qualitativen Methoden gegriffen wird?

Das halte ich sogar für sehr wahrscheinlich, dass qualitative Methoden sinnvoller sind. Aber qualtiative Methoden sind schließlich auch wissenschaftlich.
Andererseits, wenn man wüsste, wo die Erfinder seltsamer Lernmethoden ihre Erkenntnisse gemacht zu haben glauben, dann ist das vielleicht sowieso in deutlich nicht repräsentativen Gruppen. Dann wäre eine quantitative Studie schon machbar. Ich hoffe, ich finde irgendwo eine. Zahlen beeindrucken den typisch "Ganzheitlichen" meistens mehr.

heterodyne

Eine Anekdote kann ich liefern. Jemand der Deutsch nach der Ganzwortmethode lesen gelernt hat und deshalb ziemliche Schwierigkeiten beim Lesen unbekannter Worte hat. ZB Namen. Bei einem Studienassistenten nur bedingt lustig.
Inwieweit das für alle Schüler gilt, die mit dieser Methode unterrichtet worden sind, kann ich nicht sagen.

Quantenengel

Zitat von: nachteule am 30. November 2010, 12:18:06
Die Alphabetisierung im Englishen erfolgt nach der Ganzwortmethodik. Ist aber für das Englische auch durchaus sinnvoll. Dort erlernt man bis zur 5. Klasse HFWs, nur diese werden insgesamt gesehen bewertet. Ergibt sich aber auch aus der inkonsequenten Orthographie des Englischen.

Leider ist das trotzdem nicht sinnvoll. Wenn ein Kind nicht herausfindet, dass die Wörter aus Buchstaben bestehen, die wenigstens einen losen Zusammenhang zum gesprochenen Wort ergeben, bzw. man dieses Wissen von ihm fernhält (so wird das bei der Ganzwortmethode gemacht, wenn man sie konsequent umsetzt), ist das Erlernen von Schrift viel schwieriger, als wenn man ihm erklärt, dass das ein "Code" ist und wie er funktioniert. (Es ist ja nicht so, dass die Buchstaben überhaupt keine Anhaltspunkte liefern, wie das Wort ausgesprochen wird.) Manche Kinder kommen trotzdem dahinter, wie Schrift funktioniert, aber leider nicht alle. Die Pechvögel unter den Kindern lernen im Endeffekt dann ca. 200 Wörter pro Schuljahr und können dann nach 10 Schuljahren 2000 Wörter. Nennt sich auch "funktionaler Analphabetismus".

Das Schlimmste daran ist, so ein Mensch ist dann für's richtige Lesenlernen umso mehr "versaut", je mehr er bislang "gelesen", desto übler. Weil das Bildererkennen völlig anders funktioniert und auch andere Hirnareale aktiviert als das Lesen - und wenn man sich schon total daran gewöhnt hat, wird's wahnsinnig schwer, sich umzugewöhnen. Die gelernten "Wortbilder" "liest" man dann außerdem weiterhin, wie man es gelernt hat, Ergebnis: das Hirn schaltet ständig hin und her und Lesen ist dadurch sauanstrengend. Den gleichen Effekt hat man übrigens mit vielen der Kinder, wenn man ihnen das Lesen mit einem Methoden-Mix aus Ganzwort und phonetisch beibringt. Weniger schlimm wäre, wenn der Mensch noch nie irgendwie lesen gelernt hätte.

Probiers einfach mal aus und merk dir hier diese 5 Wörter, die ich aus willkürlichen Symbolen zusammengestellt habe:

Stuhl =  :'( 8) :P ::)

Tisch =  :police: :angel: :o

Hut =  ;) ::) ??? ;) :D

Katze =  :angel: >:( ;D ;D

Bank =  :D ;D :police: ???

Im Vergleich dazu merk dir diese Wörter mit einer fürchterlich komplizierten Schreibweise, ans Französische und Englische angelehnt:

Stuhl = Chtoùle
Tisch = Tiches
Hut = H'oughtent
Katze = Câte-zeux
Bank = Bun'que

Und jetzt lern das mehrtausendfache dieser Wörter, um wenigstens die BILD-Zeitung verstehen zu können. Du wirst merken, selbst mit einer noch so bekloppten Rechtschreibung kommt man trotzdem viel weiter als indem man Wortbilder lernt.

Ansonsten, klar, dass man nicht bei den ersten zaghaften Versuchen gleich mit der Fehlerkeule auf die Kinder eindonnert, das ist verständlich. Allerdings, bis zur 3. Klasse warten bis zur Korrektur ist eben für viele Kinder zu lang. Ich kann dir leider nicht genau sagen, wo man am Besten die Grenze setzt.

Zitat von: andy am 30. November 2010, 16:41:23
Melde mich gehorsam zur Stelle!
Ich bin zwar nicht direkt Pädagoge, aber so ähnlich.

Freut mich, dass du dir den Schlamassel hier mal anguckst. Das Thema ist echt eine Fundgrube für Esowatch, Rubrik "Pseudowissenschaft".

Zitat von: andy am 30. November 2010, 16:41:23
Das ist ja ein Fass ohne Boden. Ich werd mir dieses "Lesen durch Schreiben"und die "Rechtschreibwerkstatt" mal genauer anschauen.
So ganz grundsätzlich widersprechen solche Ansätze meiner Vorstellung von Schule. Die gehen, so weit ich das auf die Schnelle gesehen habe davon aus, dass sich die Kinder das Schreiben selber erarbeiten. Dan frage ich mich doch, weshalb jemand Schule erfunden hat, also eine Institution, wo Erwachsene da sind, die den Kindern die Mühe ersparen, das mühsam selbst raus zu finden. Kann man ihnen ja ein Lernbuch in die Hand drücken, und sie zuhause vor sich hin machen lassen.
Das ist jetzt überzogen, aber bei ganzheitlich, etc. kann ich mir den Zynismus manchmal nicht verkneifen.

Ja, ich frag mich auch, warum Fachkräfte bezahlt werden, wenn sie dann daran gehindert werden, ihr Wissen weiterzugeben, oder dies nur sehr zaghaft tun sollen. Aber direkte Wissensvermittlung gilt anscheinend als ganz fies autoritär und daher pfui bäh. Wobei "Lesen durch Schreiben", "Rechtschreibwerkstatt" und wie sie alle heißen von vielen Lehrern zum Glück nicht in Reinform unterrichtet werden, sondern mit anderen Methoden abgemischt, was den Schaden (hoffentlich) abpuffert, je nach Fall.

Teilweise haben die Lehrer aber auch nicht viel Auswahl an Methoden, gerade in Nordrhein-Westfalen ist es jetzt total "hip" geworden, jahrgangsübergreifende Schulklassen zu bilden, weil das angeblich irgendwie besser sein soll. Kein Kommentar...

Kannst ja mal hier gucken, diese Pädagogik-Theorien hängen irgendwie mit dem Krams hier zusammen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Konstruktivismus_%28Lernpsychologie%29
Und mit Gestalttheorie sowie Gestaltpsychologie (die sich aus der Psychoanalyse abgespalten hat und wo "Ganzheitlichkeit" irgendwie total hip ist).

Zitat von: Ridcully am 30. November 2010, 17:00:14
Doppelverblindung stelle ich mir bei pädagogischen Methoden etwas schwierig vor, wie soll das praktisch gehen? Und auch ohne sind die methodischen Probleme (vergleichbare Gruppen, Vorkenntnisse, Fähigkeit des Lehrpersonals, Kontrolle der Versuchsbedingungen etc. pp.) erheblich und der Aufwand für eine aussagekräftige Datenmenge enorm. Ich würde (völlig unbeleckt von Wissen) vermuten, dass da notgedrungen eher zu qualitativen Methoden gegriffen wird?

Okay, Doppelblindstudie war der falsche Ausdruck  ;D. Ich meinte eher, man vergleicht z. B. den Effekt bei "experimentelle Methode A" mit "klassische Fibel B" und "sonstige Methode C". Das geht tatsächlich bis zu einem gewissen Grad. Der Ganzwortmethoden-Hype in den 60ern führte zu hohen Analphabeten- und Legasthenikerquoten, das lässt sich messen - man schnappe sich Viertklässler und mache Tests mit denen. Selbst wenn es auch andere Einflüsse gibt, kommt alleine mit der Methode schnell mal ein Knick in die Statistik rein usw. Teilweise kann man auch auf Studien in anderen Ländern zurückgreifen (wobei nicht jede Sprache rechtschreibmäßig gleich schwer ist und man daher vorsichtig sein sollte, klar). Leider geizt Deutschland extrem mit solchen Studien und macht lieber gleich aus ganzen Bundesländern Experimentallabore. Hilfsweise kann man wenigstens abprüfen, ob die dem Lese-/Schreibprogramm zugrundeliegende Theorie irgendwie zu dem passt, was Sprachwissenschaften u. ä. Disziplinen bislang herausgefunden haben.

Zitat von: heterodyne am 30. November 2010, 18:09:04
Eine Anekdote kann ich liefern. Jemand der Deutsch nach der Ganzwortmethode lesen gelernt hat und deshalb ziemliche Schwierigkeiten beim Lesen unbekannter Worte hat. ZB Namen. Bei einem Studienassistenten nur bedingt lustig.
Inwieweit das für alle Schüler gilt, die mit dieser Methode unterrichtet worden sind, kann ich nicht sagen.

Manche Schüler schaffen es, den Code von selbst zu knacken, oder bekommen ihn von jemandem erklärt. Diese Schüler haben Glück. Die anderen nicht.

Enkidu

so ein kreatives Kind hab ich. Obwohl ihm von der Schule ein überdurchschnittlicher grosser Wortschatz bescheinigt wird, erfindet er ständig Wörter und grammatikalische Formen.

So zB ein "Quetschephon" für Arkordeon und das Verb "kutschen" für Kutsche fahren.
(Wer kutschen will muss erst mit dem Kutscher reden)  :D

Ich finde das zwar niedlich, aber ist das noch normal für 10-Jährige?

Graf Zahl

Zitat von: Enkidu am 01. Dezember 2010, 09:43:56
so ein kreatives Kind hab ich. Obwohl ihm von der Schule ein überdurchschnittlicher grosser Wortschatz bescheinigt wird, erfindet er ständig Wörter und grammatikalische Formen.

So zB ein "Quetschephon" für Arkordeon und das Verb "kutschen" für Kutsche fahren.
(Wer kutschen will muss erst mit dem Kutscher reden)  :D

Ich finde das zwar niedlich, aber ist das noch normal für 10-Jährige?

Ich finde, JA. Das zeigt, dass die Regelerkennung und die "Extrapolation" bestens arbeiten.
Ich kenne einige Beispiele von anderen Kindern. Einige der Wörter wären es sogar wert in die Sprache aufgenommen zu werden, weil sie passend und Klasse sind.

Übrigens sagt man doch auch "herumkutschen", oder?

Enkidu

Zitat von: Graf Zahl am 01. Dezember 2010, 11:15:51


Übrigens sagt man doch auch "herumkutschen", oder?

ist mir nicht geläufig, will ich aber nicht ausschliessen  :laugh:

Federvieh

Zitat von: Enkidu am 01. Dezember 2010, 11:22:58
Zitat von: Graf Zahl am 01. Dezember 2010, 11:15:51


Übrigens sagt man doch auch "herumkutschen", oder?

ist mir nicht geläufig, will ich aber nicht ausschliessen  :laugh:

kutschen ist normal, auch da andere verhalten des kindes. keine sorge.

Quantenengel

"kutschen" und "Quetschephon" ist normal.

Aber ich weiß ja nicht, wie häufig dein Kind sowas erfindet und was es noch alles mit der Sprache anstellt.

cohen

"Von A nach B kutschen" kenne ich aus der normalen Umgangssprache.