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"Täuschungen beim Selbst"

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Begonnen von Wolleren, 30. Mai 2013, 14:41:15

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Wolleren

Manuela Lenzen in der FAZ vom 29.5.2013, Seite N3.

Täuschungen beim Selbst
Mit bunten Gummihänden gegen den Rassismus

Das Gehirn ist eine große Fabuliermaschine. Was immer die Sinne ihm vermelden, es findet eine passende Geschichte, die erklärt, was vor sich geht, wie absonderlich sie auch sein mag. Wer die richtigen Tricks kennt, kann sich dies zunutze machen, um die wundersamsten Illusionen hervorzurufen – und vielleicht sogar impliziten Rassismus bekämpfen.

In den neunziger Jahren begannen amerikanische Psychologen, ihre Versuchspersonen mit einer Gummihand zu narren: Die Probanden legten ihre eine Hand vor sich auf den Tisch, die zweite Hand daneben, aber verdeckt von einem Tuch oder einem Sichtschutz. Neben die verdeckte Hand der Versuchsperson legten die Forscher eine Hand aus Gummi. Wenn sie nun die verdeckte Hand der Versuchsperson und die Gummihand gleichzeitig mit einem Pinsel berührten, begann die Versuchsperson, die Gummihand als zu ihrem Körper gehörig zu empfinden.

Zu Beginn machten sich die Forscher noch die Mühe, die Schulter des Probanden und den Ansatz der  Gummihand mit einem Tuch abzudecken. Doch erwies sich das bald als überflüssig. Die Illusion funktioniert ebenso mit einem schlappen Handschuh und sogar mit einer kleinen Schachtel. Schließlich verzichteten Forscher um Henrik Ehrsson vom Karolinska Institutet in Stockholm ganz auf ein Objekt und pinselten über die verdeckten Finger der Versuchsperson und zugleich vor ihr durch die leere Luft, sorgfältig, als würden sie die Konturen eines Fingers nachfahren. Dies erzeugte bei den Versuchspersonen den Eindruck, eine unsichtbare Hand zu besitzen (Árvid Guterstam, Giovanni Gentile, H.Henrik Ehrsson: ,,The Invisible Hand Illusion: Multisensory Integration Leads tot he Embodiment of a Discrete Volume of Empty Space", in: Jounral of Cognitive Neuroscience, Jg. 25, Heft 7, 2013).

Dies funktioniert nicht nur mit Händen: Ehrssons Gruppe hat noch viel mehr Tricks auf Lager: So postierten sie eine Schaufensterpuppe einige Schritte vor der Versuchsperson und spielten Letzterer die Perspektive der Schaufensterpuppe mit Hilfe einer Kamera als die eigene vor. Wurden nun der Rücken der Puppe und der der Person simultan berührt, empfand sich die Versuchsperson durch den Raum in die Schaufensterpuppe gebeamt. Und es geht noch verrückter: Schütteln sich zwei Personen die Hand und jede sieht sich mittels einer Kamera aus der Perspektive des anderen, fühlen sie sich wie im Körper des Gegenübers. Die Forscher können Versuchspersonen in ihrer Vorstellung wachsen und schrumpfen lassen oder ihnen zusätzliche Glieder anhexen. Wird eine Kamera auf eine hölzerne Gliederpuppe montiert und ihr Bild der Versuchsperson präsentiert, so dass diese am Bau der Puppe wie an ihrem eigenen herabblickt, spürt sie, wenn jemand den Bauch der Holzpuppe berührt. Setzt man nun noch eine künstliche Spinne auf den Arm der Gliederpuppe, haben die Probanden den ausgesprochen unangenehmen Eindruck, dass eine Spinne auf ihrem eigenen Arm krabbelt (Jakob Hohwy: The Predictive Mind. Oxford University Press 2013).

Der Hintergrund dieses spaßigen Forschungsfeldes ist die Entstehung des Selbstgefühls. Einsatzmöglichkeiten erhofften sich die Forscher bislang vor allen in der Therapie von Dissoziationen im Empfinden des Selbst oder der Therapie von Phantomschmerzen. Nun könnte es in einem ganz anderen Bereich Anwendung finden: im Kampf gegen den Rassismus. Lara Maister und Kollegen maßen zuerst die Vorurteile ihrer hellhäutigen Probanden gegenüber Menschen mit dunkler Haut und ließen sie dann das Experiment mit Gummihand machen, allerdings mit einer dunkelhäutigen Gummihand (Lara Maister, Natalie Sebanz, Günther Knoblich, Maos Tsakiris: ,,Experiencing ownership over a dark-skinned body reduces implicit racial bias", in: Cognition 128, 2013). Die Illusion gelang, die Versuchspersonen empfanden die dunkle Hand als zu ihrem Körper gehörend. Und als die Psychologen den Test auf implizite rassistische Vorurteile danach wiederholten, hatten diese signifikant abgenommen, umso stärker, je deutlicher die Versuchspersonen die dunkelhäutige Hand als die eigene empfunden hatten.

Solche geteilten Körperrepräsentationen könnten auch der Empathie zugrunde liegen, vermuten die Autoren, denn sie machen es möglich, die Erfahrungen des anderen aus der Perspektive der ersten Person zu teilen. Eine Verschmelzung der Körperrepräsentation mit Hilfe der Gummihand hervorzurufen ist ein effektiver Weg, negative Einstellungen gegenüber Fremden zu bekämpfen, so die Psychologen. Wie lange der Effekt anhält, ist allerdings noch nicht bekannt. Doch vielleicht sollte man schon einmal beginnen, bunte Gummihände an den Schulen zu verteilen.



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Geistheiler, Anthroposophen, Pseudo-Coaches und insbesondere Heilpraktiker machen sich diesen Effekt (der über die Erwartung eine Verbindung zum Placebo-Effekt besitzt) schon lange zu nutze. Schön, dass geforscht wird, um das vorgeblich Spukhafte zu entlarven.

Groucho

Dazu gibt es schon einiges, ein guter Einstieg von Vilaynur Ramachandran:

http://www.amazon.de/Die-blinde-Frau-sehen-kann/dp/3499613816/ref=pd_bxgy_b_img_y

M.W. hat der auch die Spiegeltherapie bei Phantomschmerz entwickelt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Phantomschmerz

Superkalifragilistisch

Der Arbeiter im KZ ging nach dem Dienst nach hause zu seiner Familie und war ein vorbildlicher Familienvater. Der Befrager in Guantanamo geht nach dem Dienst ganz gesellig eine Runde mit Freunden im Irish Pub ein Football Spiel gucken oder am Mittwoch in die Karaoke bar.

Empathie haben auch »Rassisten«, aber eben nicht mit dem »Feind«. Hätten wir bloss 1935 bunte Gummihandschuhe gehabt !
"Umgekehrt mußte die Psychoanalyse manchen enttäuschten Adepten eines vulgarisierten, auf eine ökonomisch-soziale Theorie reduzierten Marxismus als Bereicherung erscheinen."

Jetzt im Trend: »irgendwas mit Gesellschaftskritik«

Landratte

Zitat von: Superkalifragilistisch am 09. Juni 2013, 13:08:22
Hätten wir bloss 1935 bunte Gummihandschuhe gehabt !
Judenfarbige Gummihandschuhe, oder wie hast Du das jetzt gedacht?